„Zuhören ist oft der eigentliche Anfang von Kulturarbeit“

Ein Gespräch mit ifa-Kulturmanagerin Elisa Vaughan über Dialog, Identität und die deutsche Minderheit in Rumänien

Elisa Vaughan wurde 1996 in Heidelberg geboren und wuchs zwischen den Weinbergen Heppenheims und dem windgepeitschten Dublin auf – ein frühes Leben zwischen zwei Sprachen und zwei Kulturen. An sechs Universitäten in fünf Ländern erwarb sie vier Abschlüsse, darunter einen Doppelmaster in Komparatistik sowie einen weiteren in Public History and Cultural Heritage. Berufserfahrungen sammelte sie beim Internationalen Literaturfestival Berlin, beim Deutschen Filminstitut & Filmmuseum und zuletzt im Kulturbüro Dortmund. Seit dem vergangenen Herbst ist sie als ifa-Kulturmanagerin beim Demokratischen Forum der Deutschen Kreis Sathmar/Satu Mare sowie beim Kulturverband Sathmarense tätig. ADZ-Redakteur Arthur Glaser hat sie getroffen.

Sie haben vor Ihrer Ankunft in Sathmar viele verschiedene Stationen durchlaufen – Universitätsstädte, Kulturinstitutionen, internationale Festivals. Wie haben Sie die ersten Monate hier erlebt, und wie ist Ihnen das Einleben in der Stadt und in der neuen Rolle gelungen?

Vielen Dank für die Einladung zum Interview! Ich wurde hier sehr herzlich aufgenommen, was mir den Start enorm erleichtert hat. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir, wie offen mir die Menschen von Anfang an begegnet sind und wie schnell man hier ins Gespräch kommt. Einen großen Unterschied hat für mich die Familie Hölzli gemacht, die mich von Anfang an herzlich aufgenommen und überall mitgenommen hat – vom traditionellen Schweineschlachten bis zum Traubenball oder einfach zu Gesprächen bei einer Tasse Kaffee. Auch an der deutschen Schule habe ich viel Unterstützung erfahren, besonders durch die Deutschlehrerinnen, die mich direkt mit den Kindern und Jugendlichen verbunden und erste Projekte gemeinsam mit mir angestoßen haben. Sehr schnell ist daraus der Kreativwettbewerb „Heimat. Ein Ort. Ein Wort. Ein Gefühl.“ entstanden, an dem rund 30 Kinder und Jugendliche teilgenommen haben. Dieser erste gemeinsame Schritt war für mich besonders prägend, weil ich sofort erleben durfte, wie offen, kreativ und engagiert die Jugendlichen, Lehrer und Lehrerinnen hier sind.

Sie haben in Ihrem Leben viel Wert auf Dialog gelegt – zwischen Kulturen, zwischen Menschen, zwischen Ideen. Was nehmen Sie persönlich aus dieser neuen Erfahrung in Sathmar bisher mit, und was hat diese Arbeit vielleicht auch in Ihnen selbst verändert?

Ich bin selbst zwischen den Herkunftsländern meiner Familie – Irland und Deutschland – aufgewachsen und habe dadurch schon früh erlebt, wie unterschiedlich Perspektiven, Sprachen und kulturelle Prägungen sein können. Vielleicht ist genau deshalb der Dialog für mich nie etwas Abstraktes gewesen, sondern etwas sehr Alltägliches, das sich in Gesprächen entwickelt. Auch hier in Sathmar zeigt sich für mich immer wieder, dass die spannendsten Ideen nicht am Schreibtisch entstehen, sondern im direkten Austausch mit Menschen vor Ort – in Gesprächen darüber, was sie beschäftigt, was sie brauchen und was sie sich wünschen. Aus genau solchen Momenten ist auch das Projekt zur  Identität junger Sathmarer Schwaben entstanden, das sich aus vielen Gesprächen darüber entwickelt hat, wie junge Menschen hier ihren Alltag erleben und was „schwäbisch sein“ heute eigentlich bedeutet. Daraus ist der Wunsch gewachsen, diese Fragen gemeinsam weiterzudenken und sichtbar zu machen. Die Zeit hier hat mir dabei noch einmal sehr deutlich gezeigt, dass Zuhören oft der eigentliche Anfang von Kulturarbeit ist und dass die stärksten Projekte genau dort entstehen, wo man nicht mit fertigen Antworten kommt, sondern mit offenen Fragen.

Sie sind beim Demokratischen Forum der Deutschen Kreis Sathmar sowie beim Kulturverband Sathmarense tätig. Welche thematischen Schwerpunkte setzen Sie in Ihrer Arbeit dort, und was liegt Ihnen dabei besonders am Herzen?

Ein besonderer Schwerpunkt meiner Arbeit liegt auf Demokratiebildung und Jugendförderung. Mir ist wichtig, Räume zu schaffen, in denen junge Menschen nicht nur ihre Meinung äußern können, sondern auch erleben, dass sie wirklich etwas mitgestalten. Dabei steht für mich nicht im Vordergrund, fertige Projekte für junge Menschen zu entwickeln, sondern sie möglichst direkt in die Gestaltung einzubeziehen. Viele Ideen entstehen genau in diesem gemeinsamen Prozess – aus Gesprächen darüber, was sie beschäftigt, welche Fragen sie haben und wie sie ihre Zukunft sehen. Besonders wichtig ist mir außerdem die kulturelle Vernetzung, sowohl innerhalb der deutschen Minderheit als auch im Austausch mit anderen Gemeinschaften und internationalen Partnern. Ich erlebe immer wieder, dass Kulturarbeit dann besonders stark wird, wenn sie Menschen miteinander ins Gespräch bringt, Brücken baut und neue Perspektiven eröffnet – und genau darin sehe ich einen zentralen Teil meiner Arbeit.

Welche Projekte konnten Sie in den ersten Monaten bereits umsetzen – und wie war die Resonanz seitens der Gemeinschaft?

In den ersten Monaten konnten wir bereits mehrere Projekte mit Kindern und Jugendlichen umsetzen, was mich besonders gefreut hat. Im Mittelpunkt stand dabei immer, die Themen aufzugreifen, die junge Menschen aktuell beschäftigen und die wirklich etwas mit ihrem Alltag zu tun haben. Ein Beispiel dafür ist das Zukunftsforum, das aus Gesprächen über Zukunftsängste vieler Jugendlicher entstanden ist. Dort kommen Universitäten sowie Menschen aus unterschiedlichen Berufsbereichen mit den Jugendlichen ins Gespräch, stellen verschiedene Karrierewege vor und ermöglichen einen direkten Austausch. Ein persönliches Highlight war für mich, dass auch die deutsche Botschafterin in Rumänien teilgenommen hat und sich viel Zeit für die Fragen der Jugendlichen genommen hat. Ein weiteres Format ist der wöchentliche Konversationskurs für Kinder und Jugendliche. Dort geht es nicht nur um Sprache, sondern vor allem darum, die Jugendlichen darin zu stärken, ihre Meinung zu äußern, miteinander zu diskutieren und sich mit gesellschaftlich und politisch relevanten Themen auseinanderzusetzen. Aus dem Kreativwettbewerb ist außerdem der Wunsch nach einem Schreibworkshop mit der Autorin Iris Wolff entstanden, der im Juni stattfinden wird und den Jugendlichen kreative Impulse geben soll. Die Resonanz war bisher sehr offen und positiv – besonders dann, wenn die Jugendlichen merken, dass ihre eigenen Ideen und Perspektiven tatsächlich ernst genommen und umgesetzt werden.

Haben Sie bereits weitere Projektideen oder konkrete Vorhaben in der Pipeline, über die Sie schon sprechen können?

Ja, sehr gerne. Gerade entstehen viele neue Ideen und Kooperationen, worüber ich mich sehr freue.  In den kommenden Monaten wird beispielsweise eine Kooperation zwischen dem Demokratischen Forum und dem ESJF beginnen. Gemeinsam mit über 90 Schülern und Schülerinnen werden wir jüdische Friedhöfe im Kreis Sathmar besuchen. Ich glaube, gerade solche gemeinsamen Erfahrungen bleiben oft viel länger im Gedächtnis als rein theoretische Zugänge, weil sie einen direkten Bezug zur Geschichte und zur Realität herstellen. Pa-rallel dazu entwickelt sich ein größeres Projekt rund um Storytelling und Fotografie. Der Dokumentarfotograf Fabian Ritter kommt dafür aus Deutschland nach Sathmar und arbeitet gemeinsam mit jungen Sathmarer Schwaben daran, wie sie ihre schwäbische Identität fotografisch ausdrücken und reflektieren können. Besonders schön ist, dass daraus im Herbst – in Kooperation mit dem Haus der Donauschwaben in Sindelfingen – auch eine Ausstellung entstehen wird. Außerdem wird die Künstlerin Szilvia Knecht mit Kindern kreativ zu den Sagen der Sathmarer Schwaben arbeiten. Die Ergebnisse werden anschließend bei den Sathmarer Kulturtagen im Schwabenhaus präsentiert. Generell geht es mir in meiner Arbeit darum, Jugendliche darin zu stärken, ihre eigenen Perspektiven auszudrücken und aktiv mitzugestalten. Dialog steht dabei für mich immer am Anfang – genauso wie die Frage, wie Kulturarbeit Menschen zusammenbringen und neue Blickwinkel eröffnen kann.

Wo sehen Sie in Zukunft die größten Herausforderungen, aber auch die Chancen für die deutsche Minderheit – sowohl hier in Sathmar als auch für die Deutschen in Rumänien insgesamt?

Ich glaube, eine der wichtigsten Aufgaben für die Zukunft wird es sein, Kinder und Jugendliche stärker in die Arbeit des Forums einzubeziehen, weil sie die Gemeinschaft von morgen aktiv mitprägen werden. Deshalb ist es aus meiner Sicht wichtig, sie von Anfang an stärker in Projekte einzubeziehen und ihnen mehr Möglichkeiten zur aktiven Mitgestaltung zu geben. Oft werden junge Menschen erst in späteren Phasen von Projekten – etwa bei Workshops – einbezogen, und dabei wird häufig davon ausgegangen, was sie interessieren könnte, ohne sie direkt zu fragen. Ich glaube, dass hier noch viel Potenzial darin liegt, früher in den Dialog zu gehen und ihre Perspektiven von Beginn an mitzudenken. Eine stärkere Einbindung junger Menschen bereichert nicht nur Projekte, sondern stärkt langfristig auch die Verbindung zur eigenen Gemeinschaft.

Wenn Sie in ein paar Jahren auf diese Zeit in Sathmar zurückblicken – was soll dann von Ihrer Arbeit hiergeblieben sein?

Es würde mich freuen, wenn Kinder und Jugendliche aus dieser Zeit mitnehmen, dass ihre Stimmen gehört werden und sie Kultur aktiv mitgestalten können. Wenn einige der Projekte langfristig weitergeführt werden, neue Kooperationen entstehen und junge Menschen ihre eigenen Perspektiven selbstbewusster einbringen, dann wäre das für mich sehr wertvoll. Mir ist es besonders wichtig, Orte für Austausch, Kreativität und Begegnung zu schaffen, an denen junge Menschen spüren, dass ihre Ideen ernst genommen werden und sie die Gemeinschaft aktiv mitprägen können.