Zwischen Likes, Algorithmen und Risiken: Kinder und Jugendliche im digitalen Alltag

Eine Kampagne von Radio România wirbt für verantwortungsvollen Medienkonsum

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt, die Bildschirmzeit von Kindern altersgerecht zu begrenzen und darauf zu achten, dass sie weder Schlaf, Entwicklung, Bewegung noch soziale Aktivitäten beeinträchtigt. Foto: Pixabay

Die Kampagne „Stai sigur pe net“ startete im März und ist ein Langzeitprojekt. Foto: Radio România

Vor laufender Kamera die Luft anhalten oder sich den Hals so lange zudrücken, bis das Bewusstsein schwindet: Mit solchen Videos versuchten Kinder und Jugendliche vor einigen Jahren, im Internet Aufmerksamkeit zu erlangen. Die sogenannte „Blackout Challenge“ ist nur eine von zahlreichen viralen Mutproben, die zur Nachahmung anregen – oft mit schwerwiegenden Konsequenzen. Mehrere Todesfälle wurden international mit solchen Trends in Verbindung gebracht.

Auch andere Herausforderungen wie die „Superman Challenge“ sorgten für Schlagzeilen. Dabei warfen sich Jugendliche mit ausgestreckten Armen nach vor-ne, während andere sie absichtlich nicht auffingen. In Rumänien endeten solche Aktionen in Dutzenden Fällen mit Knochenbrüchen, Kopfverletzungen oder Gehirnerschütterungen. 

Der Wunsch nach schneller Anerkennung wiegt im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz, in der Kinder und Jugendliche ebenso wie Erwachsene und oft auch Senioren stundenlang täglich das Internet nutzen, für viele schwerer als das Bewusstsein für Risiken.

Der Gefahren, die im Ozean des Internets lauern, sind sich viele nicht bewusst, junge Menschen und Kinder am wenigsten. So kommt es zu Cyberbullying und Cybergrooming (sexuelle Belästigung von Kindern im Internet). Kinder können sich nicht mehr von Gadgets trennen und brauchen ständig Bestätigung durch Likes.

Aufklärung als Antwort auf digitale Risiken

Wie können sie aber im digitalen Raum besser geschützt werden? Verbote oder harte Einschränkungen der Internetnutzung oder die Verteufelung der Technologie sind dabei keine Lösung. Denn das Internet hat auch zahlreiche gute Seiten, darunter der Zugang zu Wissen, Austausch und kreativer Entfaltung. Entscheidend ist ein reflektierter Umgang.

Viele Antworten auf die oben gestellte Frage bietet der öffentlich-rechtliche Hörfunk durch seine im Frühling begonnene Kampagne „Sei sicher im Netz“ (stai sigur pe net). Ziel der landesweiten Initiative ist es, Eltern, Lehrkräften und Jugendlichen konkrete Werkzeuge für einen verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Medien zu geben.

Die Kampagne läuft in mehr als 40 Städten und bringt Kinderpsychologen und -psychiater sowie Experten aus den Bereichen Cyberkriminalität, Künstliche Intelligenz oder Content-Erstellung zusammen. Neben sachlichen Informationen setzt sie bewusst auch auf Erfahrungsberichte junger Menschen, um Risiken greifbar zu machen.

„Digitale Bildung ist heute eine unverzichtbare Form der staatsbürgerlichen Bildung“, betont Robert Schwartz, Leiter des Hörfunks Radio România. Die Initiative behandelt auch bislang tabuisierte Themen wie Online-Sucht, FOMO (die Angst, etwas zu verpassen), Cybergrooming (die gezielte Manipulation von Kindern im Internet zur sexuellen Ausbeutung), Sexting (das Versenden oder Austauschen von intimen, oft sexuellen Nachrichten, Bildern oder Videos über digitale Medien) sowie langfristige Folgen digitaler Traumata.

Zwischen Unterhaltung und Abhängigkeit

Eine Studie des Instituts für Kriminalforschung und -prävention der rumänischen Polizei zeigt, dass 93 Prozent der 10- bis 18-Jährigen täglich online sind – mit steigender Nutzung im Alter bis zu 99 Prozent bei den 16- bis 18-Jährigen.

Besonders verbreitet sind TikTok (71 Prozent) und Instagram (66 Prozent). Laut World Vision Romania dient TikTok vor allem der Unterhaltung, wird aber auch häufig zur Information genutzt.

Gleichzeitig steuern Algorithmen die Inhalte gezielt. Ähnliche Videos werden automatisch vorgeschlagen, während Apps durch endloses Scrollen die Nutzungszeit verlängern.

Diese Mechanismen bleiben nicht ohne Folgen. Viele Apps aber auch Videospiele arbeiten mit Belohnungssystemen, die Dopamin freisetzen und Motivation erzeugen. Bei übermäßigem Konsum kann jedoch der natürliche Dopaminhaushalt gestört werden. So werden alltägliche Aktivitäten wie Schule, Hobbys oder soziale Kontakte uninteressant.

Eine wiederholte, lange Nutzung des Internets kann zu sozialer Isolation, Leistungsabfall, Bewegungsmangel, Schlafstörungen, Reizbarkeit und sogar de-pressiven Symptomen führen, beobachten Psychologen. Besonders gefährdet sind 10- bis 16-Jährige, die wenig soziale Unterstützung haben oder unter Angstzuständen oder Mobbing leiden. Für sie kann die digitale Welt zum Rückzugsort werden.

Jugendliche zwischen Druck und Selbstreflexion

Andrei ist 14 Jahre alt. Im Studio von Radio România erzählt er: „Ich habe gemerkt, dass ich mich nach drei, vier Stunden Kurzvideos kaum noch erinnere, was ich vor zwei Sekunden gesehen habe. Meine Konzentration ist stark gesunken und ich scrolle manchmal trotzdem weiter“. Gleichzeitig beschreibt er den sozialen Druck: „Man muss jeden Tag etwas posten, sonst wird man vergessen.“

Er plädiert dennoch für einen bewussteren Umgang: „Man sollte nichts Gefährliches nachmachen, sich immer informieren und auf jeden Fall nicht zu viele persönliche Informationen ins Netz stellen. Denn, am Ende trägt man selbst die Konsequenzen.“

Neben Suchtmechanismen weisen Fachleute auch auf den Einfluss gewalthaltiger Inhalte hin. Kinder werden online häufig mit verbaler oder körperlicher Aggression konfrontiert und können diese Verhaltensweisen nachahmen.

Die Psychiaterin Adriana Cojocaru erklärte im Rahmen des Projekts „Stai sigur pe net”, dass insbesondere Kinder mit geringer Fähigkeit zur Emotionsregulation anfällig für aggressive Reaktionen sind. Gleichzeitig könne auch die Einschränkung von Bildschirmzeit problematisch sein: „Wenn Geräte abgeschaltet werden, empfinden manche Kinder das als Strafe“, so Cojocaru. Dies könne Frustration und manchmal sogar aggressive Ausbrüche gegenüber Eltern auslösen.

Gefilterte Realität und Selbstwert

Auf radioromania.ro sprechen Spezialisten auch über den Einfluss sozialer Netzwerke auf das Selbstbild junger Menschen. Idealisiert dargestellte Inhalte von Influencern können die Wahrnehmung der Realität verzerren und das Selbstwertgefühl erheblich beeinträchtigen. „Kinder vergleichen ihr reales Leben mit gefilterten Versionen anderer – und das senkt ihr Selbstwertgefühl“, erklärt Iulia Ghimpe, Schulberaterin am Zentrum für Bildungsressourcen und -beratung der Stadt Bukarest im Radio.

Auch Irina Cârmaciu, Schülerin in Kronstadt/Bra{ov, bestätigte im Rahmen einer Schülerdebatte von Radio România: „Sich mit Influencern zu vergleichen, deren Bilder stark bearbeitet sind, kann zu Angst und Stress führen.“ Sie ergänzt: „Viele glauben, Influencer seien ihre Freunde, aber für sie sind die Follower nur Zahlen. Eltern und Lehrer können gezielte Ratschläge und Hilfe anbieten, wenn man Probleme hat, allgemeine Ratschläge aus dem Internet können das nicht.“

Neben dem Druck durch soziale Vergleiche stellt auch die Qualität der Inhalte ein Problem dar. Studien zeigen, dass mehr als die Hälfte der Beiträge zu psychischer Gesundheit in sozialen Netzwerken ungenau oder unbegründet ist – besonders auf TikTok und bei Themen wie ADHS oder Autismus.

Da viele Jugendliche dort nach Erklärungen für eigene Symptome suchen, kann dies zu falschen Selbstdia-gnosen, Stigmatisierung und verzögerter professioneller Hilfe führen.

Neue Risiken

Internationale Organisationen wie UNICEF warnen zudem vor Hassrede, Diskriminierung und sogar extremen Fällen, in denen digitale Plattformen zur Re-krutierung von Minderjährigen missbraucht werden. 

Der Handlungsdruck wächst auch auf politischer Ebene. Die Europäische Kommission hat einen Aktionsplan gegen Cybermobbing vorgestellt, während einige Länder strengere Regeln für die Nutzung sozialer Medien durch Minderjährige einführen.

In der Türkei soll ein Mindestalter mit verpflichtender Verifizierung gelten.

Parallel entwickeln Plattformen neue Schutzfunktionen. Instagram will Eltern benachrichtigen, wenn Minderjährige nach Inhalten zu Selbstverletzung oder Suizid suchen. Der Start ist zunächst in mehreren englischsprachigen Ländern geplant.

Eltern spielen essentielle Rolle

Fachleute erklären, dass Verbote allein nicht ausreichen. Vielmehr sollte man auf die Vermittlung früher Medienkompetenzen durch Aufklärung, Begleitung und Vorbildfunktion setzen. Zusätzlich zu den Diskussionen zu Hause ist es wichtig, dass auch Schule und staatliche Institutionen gemeinsam Verantwortung übernehmen.

In der Praxis nutzen jedoch viele Eltern digitale Geräte als „Babysitter“, um Kinder ruhig zu halten. Gleichzeitig fühlen sich viele Erwachsene von der rasanten technologischen Entwicklung überfordert. Experten betonen daher die Bedeutung von Vorbildern: wenn Eltern verantwortungsvoll mit Technologie umgehen, die Privatsphäre anderer respektieren und ihre eigene Online-Zeit begrenzen, übernehmen ihre Kinder dieselben Gewohnheiten.

Spezialisten fordern Eltern auf, alle Geräte der Kinder, von Smartphones über Tablets bis hin zu internetfähigen Spielzeugen stets auf dem neuesten Stand zu halten, da Software-Updates vor Sicherheitslücken und Datenmissbrauch schützen.

Zudem sollten die Datenschutz- und Privatsphäre-Einstellungen regelmäßig überprüft werden. Standortfreigaben, Kamera- und Mikrofonzugriffe sollten nur bei Bedarf aktiviert sein. 

Auch in Apps, sozialen Netzwerken und Spielen ist ein genauer Blick auf die Berechtigungen nötig, um zu kontrollieren, wer Kontakt aufnehmen oder Inhalte sehen darf.

Zusätzlich bieten viele Geräte und Plattformen integrierte Jugendschutzfunktionen, mit denen sich Bildschirmzeit, Inhalte und Online-Käufe steuern lassen. 

Trotz aller Risiken sollte man die diversen Möglichkeiten, die das Internet anbietet, nutzen. Die Kampagne „Sei sicher im Netz“ will durch Aufklärung, Dialog und konkrete Hilfestellungen dazu beitragen. Denn in einer digitalen Welt, die von Algorithmen und schneller Aufmerksamkeit geprägt ist, wird Medienkompetenz zu einer Schlüsselqualifikation für Kinder, Jugendliche und Erwachsene gleicher-maßen.

Am Ende dieser langfristigen Kampagne – wann, steht nicht fest – werden im Bukarester Radio-Saal Fachleute in den oben genannten Bereichen in einer Live-übertragenen Debatte zusammenkommen.