Sogar US-Tech-Milliardär Elon Musk zeigte sich auf X kürzlich beeindruckt von Slănics Touristenmagnet: Das gigantische Salzbergwerk ist Museum, Kurort und Vergnügungspark in einem. Diese Attraktion wird für Slănic zunehmend wichtiger, da sich gleichzeitig der Zustand der oberirdischen Salzseen immer weiter verschlechtert. Ein Besuch in einer Kleinstadt, für die das Salz Fluch und Segen zugleich ist.
Immer weiter windet sich der Schacht hinunter in die Tiefe des Salzbergs. Licht ins scheinbar endlose Dunkel bringen nur die Scheinwerfer des Kleinbusses, in dem die Touristen nach unten gebracht werden. Klaustrophobiker sind hoffentlich nicht unter ihnen. Aus dem Fenster geblickt sind in den Tunnelwänden hin und wieder dunkle Löcher zu erahnen – menschenleere Schächte, die weiter ins Gestein hineinführen. Neben den Fahrspuren liegt grau-weißes Pulver auf dem Boden. Ist das schon Salz?
Angekommen, 210 Meter tief unter der Erdoberfläche. Kühl ist es hier. Man mag sich kaum ausrechnen, wie viele Tonnen Gestein über dem Kopf jedes einzelnen Besuchers hängen.
Der Weg führt in eine riesige Halle. 54 Meter hoch, 32 Meter breit und einige hundert Meter lang, wie einer Schautafel zu entnehmen ist. Wo jetzt Luft ist, war einst Salzgestein. Der Blick verliert sich in den kunstvollen Mustern an den Wänden, in denen sich Schichten von Salz und anderem Gestein wellenförmig abwechseln. Manche erinnern an entfernte Galaxien oder die Ringe von Gasplaneten. An einer Wand läuft Wasser über ein märchenhaftes Gebilde aus Salzstalaktiten, das mit buntem Licht kunstvoll beleuchtet ist.
Doch die Wände stehen nicht einfach nur stumm da, sie antworten: Auf ein Klatschen in die Hände kommt ein mehrfaches Echo zurück. Überhaupt wabert eigenartiger Hall durch die Halle: Ein dumpfer, undefinierbarer Grundklang scheint aus dem Inneren der Besuchermine nach außen zu drängen – ein wenig so, wie die Kommunikation zwischen Walen unter Wasser klingt. Der Ursprung dieses Geräuschs wird sich später herausstellen.
Salzabbau seit Jahrhunderten
Die Unirea-Mine ist die neueste in einem Komplex mehrerer Minen im Gestein unter Slănic. Nachdem sie 1943 in Betrieb ging, sollte eigentlich Salz aus 15 großen Kammern gewonnen werden. Der Abbau endete etwas vorzeitig mit 14 ausgehöhlten Kammern 1970. Die Qualität des Salzes war nicht überall wie erwartet. Trotzdem brachte die Mine es nach eigenen Angaben mit 2,9 Millionen ausgehobenen Kubikmetern zur größten Salzmine Europas.
Nach 1970 wurde die Mine für Besucher geöffnet. Seitdem wird sie regelmäßigen Sicherheitskontrollen unterzogen: An den oberen Rändern der Salzkammern, wo sich Wände und Decken treffen, sind Holzstege befestigt, auf denen sich die Fachleute bewegen und die Statik begutachten. Unter den Holzlatten zu ihren Füßen geht es 50 Meter in die Tiefe.
Dort unten, im Besucherbereich, sind Überreste der Geschichte anzuschauen. Auf kurzen Schienensträngen stehen kleine Loren aus der Zeit um 1900, mit denen das Salz transportiert wurde. Die Waggons befüllten die Arbeiter damals per Hand. Nach dem Umladen in Fahrkörbe transportierte ein Aufzug das Salz binnen 90 Sekunden an die Oberfläche. Davon zeugen Reste der Fahrstuhlanlage in der Mine wie auch der Förderturm, der über Tage langsam verfällt.
Der Beginn des Salzabbaus in Slănic wird mit dem späteren Walachei-Prinzen Mihai Cantacuzino verknüpft, der einst ein Salzvorkommen entdeckte. 1685 und 1694 erwarb er das Gut Slănic. 1691 erhielt er die Genehmigung zum Abbau vom Woiwoden, seinem Verwandten Constantin Brâncoveanu. Aus Dokumenten dieser Zeit geht allerdings hervor, dass schon vorher unweit östlich des Ortes in geringen Tiefen abgebaut wurde. Mittler-weile läuft die Salzgewinnung im südöstlichen Bereich der Slănicer Lagerstätte weiter, wenn auch in kleinerem Maßstab.
Salzkur im grünen Wasser
Über die Jahrhunderte stürzten immer wieder stillgelegte Minen ein. An der Erdoberfläche entstanden Krater, in denen sich Grund- und Regenwasser sammelte. Es wusch Salz aus dem umliegenden Gestein aus. Den salzigen Seen wird eine heilende Wirkung nachgesagt.
Das Baia Verde (Grünes Bad) besteht aus drei Seen. Ab Ende Juni können wieder Besucher über die langen Holzstege in das grünliche Wasser hineinsteigen. Doch auch vorher finden sich Wege auf das Gelände. Ein älterer Herr mit Basecap schaut schon Mitte Mai nach dem Rechten. Seit 40 Jahren komme er jedes Jahr die 40 Kilometer aus Ploiești zum Baden her, sagt der Mann mit seinem Enkel neben sich. Entsetzt blickt er auf den mittleren der kleinen Seen. Die Farbe ist grün, das kennt er so, doch die vielen Kaulquappen irritieren ihn. Dass sie hier leben können, deute auf einen gesunkenen Salzgehalt hin, vermutet der Mann enttäuscht.
Überhaupt scheint das Bad in schlechtem Zustand zu sein. Betonplatten, mit denen die Gehwege um die Seen gepflastert sind, sind weggerutscht. Der oberste der drei Seen liegt in einem Krater, dessen Hänge ebenfalls abgerutscht sind und der Szenerie eher die Atmosphäre einer Baustelle als eines Heilbades verleihen. Die geologische Situation macht dem Ort zu schaffen, weiß der ältere Herr.
Spuren des Niedergangs
Der jahrhundertelange Abbau hat das Salzgestein unter Slănic instabil gemacht. Hinzu kamen immer wieder heftige Regenfälle. Mehrfach wurden Risse in Häusern entdeckt. Im April 2024 war die Straße vor der Polizeistation großflächig eingestürzt, nachdem darunter offenbar eine Minenkammer eingebrochen war. 20 Familien aus nahe gelegenen Wohnhäusern mussten evakuiert werden, wie das Portal „fanatik.ro“ berichtete,
Die Spuren des Niedergangs sind schwer zu übersehen. Eine andere Badeanlage, Baia Baciului („Bad des Hirten“) war einst bekannt für die sogenannte „Brautgrotte“. Der Salzberg, in dem sie sich befand, stürzte schon 2009 ein. Heute ist davon neben einigen kleineren Salzformationen vor allem ein sandiger Hang übrig, der mit allerlei Büschen und Bäumchen bewachsen ist.
Wer in den See zu seinen Füßen steigen wollte, müsste durch ein Loch im Zaun klettern. Die frühere Badeanlage ist nur noch eine Tristesse aus Stapeln dreckiger Badeliegen, verrotteten Stegen und abblätternder Holzfarbe. Auf YouTube ist in einem Video zu sehen, wie noch 2022 dutzende Menschen im Sonnenschein badeten. Doch dann sei der Besitzer des Heilbades verstorben, wie der Mann aus Ploie{ti zu berichten weiß, und sein Nachfolger kümmere sich nicht um die Anlage.
Atmen gegen Asthma
Immerhin kann man eine Salzkur in Slănic auch unterirdisch bekommen: In der Mine Unirea zirkuliere die reinste Luft auf dem ganzen Planeten, wie eine Schautafel unter Berufung auf das Nationale Institut für Nuklearphysik und Ingenieurwesen berichtet. Die Strahlenbelastung sei 80 Mal geringer als an der Oberfläche. Dabei fühlt sich die ganzjährig etwa 13 Grad warme Luft zunächst etwas stechend in Nase und Rachen an.
Doch dieses Mikroklima mit einer stabilen Luftfeuchtigkeit von rund 70 Prozent und jeder Menge Salzpartikel soll heilende Wirkung bei Atemwegsproblemen wie Asthma, Bronchitis oder Allergien haben. Als Therapie wird wahlweise nur der reine Aufenthalt in der Mine oder auch wiederkehrende Bewegungsaktivität empfohlen, die die Atmung stimulieren soll. Diese „Speläotherapie“ wird in Osteuropa seit Jahrhunderten praktiziert, ihr tatsächlicher Nutzen ist aber bisher wenig belegt.
Wer es selbst ausprobieren möchte, findet in der Mine Unirea genug Möglichkeiten: In einer der Salzkammern sind Liegen zum Verweilen aufgestellt, mit Holzstreben voneinander abgetrennt. Tiefer in der Mine drinnen laden Tischtennisplatten und Billardtische zu sportlicher Betätigung ein. Beides wird rege genutzt. Auch Fußball-, Volleyball- und Basketballspiele sollen hier unten stattfinden.
Als hinter der nächsten Salzsäule quietschbunte Hüpfburgen und Tretautos zum Vorschein kommen, kippt die Atmosphäre endgültig von Heilstätte zu Kinderkirmes. Ein paar Meter weiter sitzen Jugendliche mit Virtual-Reality-Brillen auf der Nase und schauen sich Horrorfilme an. Daneben ist in einem übergroßen Aufblas-Iglu gegen Aufpreis der Sternenhimmel zu bestaunen. Hier löst sich auch das Rätsel des dumpfen Grundgeräuschs in der Mine auf: Nicht das Höhlenmonster ist für diese Kulisse verantwortlich, sondern die sphärische Musik aus dem Planetarium.
Hinter jeder Ecke eine Überraschung
Doch die Gestalter der Besuchermine haben noch mehr Freifläche ausgemacht, auf der sie weitere Skurrilitäten unterbringen konnten: In einem Ring stehen antik anmutende Skulpturen um ein Zentrum aus Salzgestein und einer Holzskulptur herum.
Außerhalb des kultischen Kreises stehen auf Sockeln die steinernen Büsten der ganz Großen: der römische Kaiser Trajan, der erste Dakerkönig Burebista sowie sein letzter Amtskollege Decebalus. Unweit davon finden sich auch Hammer und Sichel an der Decke aufgemalt.
Der erstaunte Besucher kann wahrlich nicht behaupten, für sein Geld zu wenig geboten zu bekommen. Für Kinder und Schüler kostet der Eintritt 40 Lei, Erwachsene zahlen 55. Ein guter Deal für viele, wie die Schlange aus dutzenden Besuchern am Ausgang verrät. Ganz ist der Tourismus in Slănic nicht verloren. Mehr als 300.000 Touristen kommen jährlich in die Mine, heißt es vom Betreiber.
Nach ein wenig Wartezeit findet sich ein freier Platz in einem der Minibusse für den Weg nach oben. Eine improvisierte Lösung, nachdem der Besucheraufzug vor zehn Jahren kaputt ging.






