Da geht seriös die Post ab, beim Einmarsch in die Burg. Auch wenn man den 55 Jahre alten Streifen von Filmemacher Sergiu Nicolaescu und Kinoheld Amza Pellea als Propaganda durchschaut. Eines aber ist dem nationalkommunistischen Kassenschlager bei aller Kritik an seiner Augenwischerei kaum zu nehmen: die Fanfarenstöße aus der Hand von Komponist Tiberiu Olah lassen weder Bläser noch Hörer kalt. Obschon es nie und nimmer dazu hätte kommen dürfen, dass auf Bestellung ausgerechnet ein gebürtiger Magyare Musik für den Triumphzug von Michael dem Tapferen und Söldnern am Tag des ach so siegreichen Eintreffens entwirft. Freiheitsliebenden Ungarn sicher, aber auch liberalen Staatsbürgern anderer minderheitlicher bis hin zur doch rumänischen Muttersprache überhaupt kann das Profitieren vom sozialistischen Regime im Lebenslauf Oláh Tibors natürlich nicht schmecken. Einiges vom ideologischen Verdrehen und Verzerren des Geschehenen verrät freilich auch die Karlsburg selbst.
Zumal Nicolaescu den Einzug von Mihai Viteazul hoch zu Ross in Alba Iulia just auf mittelalterlichen Gassen Schäßburgs/Sighișoara und Hermannstadts/Sibiu statt historisch akkurat exakt da drehen ließ, wo über ein Jahrhundert nach dem endlich doch vergeblichen Feldzug die bis heute stattliche Festung errichtet werden sollte. Ja, es gibt Kinobilder mit Amza Pellea vor ungefälscht alten Kulissen, zum Beispiel aus Istanbul, Histria, Călugăreni, Sinaia, Sâmbăta de Jos, Eisenmarkt/Hunedoara, Kronstadt/Brașov, Tismana, Vârtop, Râmeț, Talmesch/Tălmaciu und Schellenberg/Șelimbăr – nur auf Karlsburg wurde verzichtet. Oder halt vergessen. Nicht versäumt dafür hat das kommunistische, das protochronistische Rumänien das Ordern, Gießen, Aufstellen und Einweihen seines bronzenen Reiterstandbilds von Michael dem Tapferen in der Alba Carolina. Wie viel zornige Nachrede verdient Bukarests deutschstämmiger Bildhauer Oscar Han, bei Enthüllung 1968 schon 76 Jahre alt, und wie viel Toleranz?
Was es bedeutet, von Angreifern vernichtend überfallen worden zu sein, hatte das zwar fürstliche, jedoch minder protegierte Karlsburg zu Ende des 17. Jahrhunderts längst erfahren müssen: als Kleinstadt namens Weißenburg – das ungarische Gyulafehérvár eben –, die auf Geheiß von Türkenschreck und Habsburgs Kaiser Karl VI. zu einer Vauban-Festung umgebaut wurde. Und auch umbenannt, versteht sich. Wie es unter wienerischer Oberhoheit darum stand, bei Zank und Zoff Milde walten zu lassen oder auch nicht, sollte sich keine 50 Jahre nach Bauabnahme der Karlsburg zeigen. Ein Freund und Verfechter der entsetzlichsten Vollstreckung von Todesstrafe war Kaiser Joseph II. wohl kaum, aber lange gefackelt wurde fern der Hauptstadt des Imperiums ebenso wenig. Liest sich die Story der Anführer Horea, Cloșca und Crișan des Bauernaufstands von 1784 ähnlich wie das Unbeirrbare der Causa von Pferdehändler Michael Kohlhaas? Etwas ist auf jeden Fall dran am Vergleich. „Gabelsberg“ oder „Galgenberg“, nenne man den Ort wie auch immer: nach dem Freitod von Mithäftling Crișan wurden Horea und Cloșca vor dem prächtigsten Tor zur Karlsburg gerädert. Vier helle Statuen krönen es, zum Hinweis auf Überfluss, Weisheit, Mäßigkeit und Stärke als klassische Tugenden.
Löst man im Schalterhäuschen des Hotels „Medieval“ ein Ticket für den Besucherrundgang durch befestigte Anlagen, wartet unterwegs auch der Blick von oben herab in die Folterkammer. Weit her dürfte es darin mit der Mäßigkeit nicht gewesen sein, sobald Geständnisse erzwungen werden wollten. Einschüchternd zu punkten vermochte die Alba Carolina dafür in Sachen Stärke, der Anzahl von Kanonen nach zu schließen. Heute wiederum macht sich das Verwenden von Platzpatronen zur Wachablösung am Sonnabend um 20 Uhr, wenn ein Korps geschulter Herren und Reiter in habsburgischer Montur das Auf- und Abmarschieren wie vor hunderten Jahren nachspielt, als weise Entscheidung bezahlt. Es knallt, flammt und raucht ganz wie mit echten Kugeln. Ein einziges Mal nur je Wochenende, dann aber richtig mit Schmackes. Und der Überfluss? Beste Chancen auf ihn hat, wer sich die Ecke der Burg zur Erntezeit im Juni vorknöpft, wo ein Aprikosenbaum, ein Weichselbaum und ein Maulbeerbaum für Erfrischung sorgen.
Dass die Basteien und Verliese ihr Eigenes dazu beitragen, wirkt bei sengender Sonne draußen genauso wohltuend. Noch bis 2006 hatte hier nur die Rumänische Armee Zutritt zum Rittersaal, zum Kapitelszimmer und zu wirklich allem, wo nunmehr touristisches Programm herrscht. Die Zeiten von Ziegenstall und Gemüselager sind vorbei in der Karlsburg, endlich gegessen. Aufzupassen aber ist bei der Wahl eines Besuchstermins, weil der Eingang im kalten Halbjahr verriegelt bleibt. Das Hotel nämlich betreibt ein Skigebiet im Mühlbächer Gebirge/Munții Șureanu. Von wo übrigens Crișan stammte und sich im späten Herbst mit Horea und Clo{ca aus dem Westgebirge/Munții Apuseni zusammenschloss. Zur Hinrichtung geführt wurden letztere zwei am finalen Februartag 1785. Um eine Jahreszeit folglich, in der nach heutigen Hausregeln kein Visitieren möglich ist.
Schade auch, dass die in den Kopf des Burgtores gemauerte Zelle aktuell selbst während der touristischen Hochsaison von Mai bis Oktober vom Besuchsbetrieb ausgenommen ist. Doch der Bau hat es nötig. Darin eingekerkert hatte Horea seine letzten Wochen vor dem Foltertod ertragen. Ein Gerüst von Kopf bis Fuß schützt seit November 2025 die Konstruktion, zwecks Restaurierung all ihrer steinernen Statuen, und mehr als Kopf und Pferd von Kaiser wie Reiter Karl VI. sind unter der aufwendigen Verpackung aus Holz und weißer Plane nicht zu sehen. Vielleicht spielt das mittelfristig eingeschränkte Panorama dem 20 Meter hohen Obelisken frontal gegenüber am Vorplatz zur Hommage an die Opfer des gleichen Kräftemessens ein Publikums-Plus ein? Unbesucht mag er wegen seiner grauen Kalkblöcke aus der Ferne wie ein kommunistisches Denkmal erscheinen, stimmt. Eingeweiht dafür wurde er 1937 bei Präsenz von König Karl II. und Thronerbe Mihai – ein Hingucker eher für Art déco statt den Kurs ideologisch belegter Erinnerung, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg eingrub. Auch in die stolze Karlsburg. Die sich umso ehrgeiziger aus ihrer kommunistischen Vergangenheit zurück in den Wohlstand gearbeitet hat. Satt und ohne Druck aufs Portemonnaie.









