Von Pippi Langstrumpf und den Wikingern

Eine Skandinavienreise im Herbst

Aussicht vom Preikestolen, was übersetzt so viel wie Kanzel bedeutet

Bunte Häuser in Kopenhagen Fotos: Bernice Krech-Lițoiu

Einmal wie ein Kind durch einen schwedischen Wald laufen, auf Steinen an einem großen See sitzen und durch die Gassen eines Städtchens mit lauter roten, weißen und blauen Schwedenhäusern bummeln – das sind Träume, die Astrid Lindgren mir von klein auf in den Kopf gesetzt hat. Bis vergangenen Herbst ist es nie dazu gekommen. Doch endlich, im Oktober, war es dann so weit: mit dem Flugzeug nach Deutschland zu meinen Eltern, ein paar Klamotten gepackt und unsere Freunde auf dem Weg Richtung Dänemark in Hamburg am Flughafen abgeholt und los ging es. Fast zwei Wochen in Skandinavien – genauer gesagt in Dänemark, Schweden und Norwegen.

Kopenhagen – eine moderne Fahrradstadt

Nach einer Nacht in Böel, nahe der Ostsee und der dänischen Grenze, führte uns das Navi nach Dänemark. Die Autobahnen sind gut ausgebaut, rechts und links sind entweder Felder oder das Meer zu sehen. Besonders beeindruckend: die 18 Kilometer lange Großer-Belt-Brücke, welche mit zwei Fahrstreifen in jeder Richtung und einer Eisenbahnverbindung die Inseln Fünen und Seeland verbindet – jenen Teil Dänemarks, in dem Kopenhagen liegt. Gegen Nachmittag kamen wir schließlich in der Hauptstadt an. Von unserem Parkplatz bis ins berühmte Stadtzentrum war es etwa eine Stunde zu Fuß, in der schnell klar wurde, wie fortgeschritten und schön die Stadt ist: Es gibt weit mehr Fahrräder als Autos, was auch der guten Ausstattung mit Fahrradwegen zu verdanken ist, viele Menschen sitzen entspannt am Kanalufer oder springen nach einem Saunagang in einer der schwimmenden Saunen sogar bei nur 15 Grad ins Wasser. Im historischen Hafenviertel Nyhavn gibt es die bekannten bunten Gebäude, vor deren Hintergrund Boote auf dem Wasser schaukeln – jemand spielt Akkordeon und sämtliche Restaurants locken Touristen an. In etwa 20 Minuten Gehzeit von dort ist man beim Schloss Rosenborg. Das Gebäude aus rotem Backstein ist vom idyllischen Schlosspark Kongens Have umgeben, der zu Herbstbeginn besonders schön in den goldenen Farben der Blätter zur Geltung kommt. Nach einer Stärkung und dem Kauf von Magneten zum Andenken an Land und Stadt ging es zurück zum Auto, nun fast im Dunkeln, und zu unserer Unterkunft, etwas ländlicher. Am nächsten Morgen hatten wir für 7.30 Uhr eine Fähre für die Überfahrt nach Schweden gebucht. Zwischen Helsingřr und Helsingborg handelt es sich mit 20 Minuten um den kürzesten Weg.

Köttbullar und Kardemummabulle

Von da an sind auf den Autobahnen Elchschilder zu sehen und immer wieder ist die eine oder andere rot-weiße Farm wie bei Michel aus Lönneberga im Blickfeld. Oft fährt man durch Wald und an den Zäunen neben der Autobahn grasen friedlich Rehe. Der erste Stopp: wieder eine Hauptstadt. Stockholm liegt an der Ostküste des Landes dort, wo der Mälarsee in die Ostsee mündet. Die Stadt erstreckt sich über 14 Inseln, die durch zahlreiche Brücken miteinander verbunden sind. Die historische Altstadt „Gamla stan“, gepaart mit moderner Architektur aber auch dem Erhalt von traditioneller Bauweise, beispielsweise im ältesten Freilichtmuseum der Welt „Skansen“, haben uns sehr beeindruckt. Auch kulinarisch überzeugt die Stadt: in vielen Restaurants kann man die berühmten Köttbullar, kleine Fleischbällchen, die mit cremigem Kartoffelpüree, einer herzhaften Rahmsoße und Preiselbeeren serviert werden, essen und auch für die süßen Feinschmecker sind an jeder Ecke Kardemummabulle, ein Gebäck mit Kardamom, zu finden. Außerhalb des Stadtzentrums ist es sehr ruhig, die Nachbarschaften grenzen teilweise an Wald an und man hat gar nicht das Gefühl, in einer Hauptstadt zu sein.

Wie bei Astrid Lindgren

Nach zwei Tagen in Stockholm ging es weiter ins Landesinnere, an den größten See Schwedens, den Vänern. Mit einer Fläche von rund 5650 Quadratkilometern ist er auch der größte See der Europäischen Union und steht man an seinem Ufer, sieht es eigentlich genau aus wie am Meer. Leichte Wellen bewegen die Wasseroberfläche, Felsen schmücken das Ufer und in der Ferne, über dem Wasser, geht die Sonne unter. Die Gegend ist bekannt für Wassersport, Angeln und Naturtourismus – bei den vielen Inseln, Wäldern und Campingmöglichkeiten ein ideales Urlaubsziel. Mich hat sie vor allem an „Ferien auf Saltkrokan“ erinnert, eine Filmserie von Astrid Lindgren, in der einige Kinder ihre Ferien auf einer idyllischen schwedischen Insel verbringen. „Und dann braucht man ja noch Zeit, einfach nur dazusitzen und vor sich hinzuschauen“ sagt Pippi Lang-strumpf, ein anderer Charakter der schwedischen Kinderautorin einmal, und das kann man an einem Ort wie diesem besonders nachempfinden.

Oslo – eine Stadt voll von Kontrasten

Von da aus fuhren wir weiter nach Norwegen und direkt in die dritte und letzte Hauptstadt auf unserer Reise: Oslo. An einem grauen, verregneten Tag kamen wir dort an und stiegen auf das ebenso graue Opernhaus am Oslofjord. Nach ein paar Stunden in der Innenstadt ging es zu unserem Hotel hoch über Oslo. Erst der Blick vom Holmenkollen zeigte uns die ganze Schönheit der Stadt, mit weitem Ausblick über die Stadt und die Fjorde der Umgebung. Außerdem beginnt hier das Skisprunggebiet, in dem selbst bei diesem Wetter einige Sportler auf langen Rollen trainierten. Die Holmenkollen-Skisprungschanze ist eines der bekanntesten Wahrzeichen des norwegischen Wintersports und hat gleich nebenan auch das Skimuseum. 

Die Fjorde

Am nächsten Morgen begann – neben Hin-und Rückfahrt von Deutschland nach Dänemark und zurück – die längste Etappe im Auto. Sieben Stunden hören sich eigentlich lang an, sind es aber bei den Aussichten, die sich in Norwegen bieten, nicht.

Ständig wechseln sich Berge, bunte Wälder, Wasserfälle und Fjordlandschaften ab und neben den bunten Holzhäusern wurden wir auch mit Schnee und vor allem vielen kilometerlangen Tunneln überrascht. Angekommen an unserem roten Norwegenhaus für die Nacht, genossen wir nur noch die Aussichten auf den Fjord und etwas Essen und fielen dann in die weichen Betten. 

Ein lohnender Umweg führt zum Aussichtspunkt „Stegastein“, der einen beeindruckenden Blick auf den Aurlandsfjord und die Bergkette im Hintergrund zulässt. Die Aussichtsplattform liegt 650 Meter über dem Fjord und ragt etwa 30 Meter von der Felswand heraus – es ist beinahe, als würde man über dem „Nichts“ schweben. Auf dem Weg dorthin kommt man auch durch den längsten Straßentunnel der Welt: der „Lćrdalstunnel“ ist über 24 Kilometer lang und um die Monotonie der rund 20-minütigen Fahrt zu brechen, gibt es alle sechs Kilometer riesige blau und gelb illuminierte Berghöhlen.

Die Stadt der sieben Berge

Nach einigen Tagen Natur verschlug es uns für drei Tage in das „Tor zu den Fjorden“, auch bekannt als die Stadt der sieben Berge: Bergen – das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum der norwegischen Westküste. Die Innenstadt erstreckt sich von einem der Stadtberge, dem Flřyen, treppenartig nach unten ans Wasser und bietet viele verspielte Gassen, Stufen und kleine Abkürzungen, die wie Geheimgänge aussehen. Der historische Fischmarkt im Stadtzentrum befindet sich direkt neben dem Wasser und wird seit dem 13. Jahrhundert betrieben. Neben frischem Fisch und Meeresfrüchten werden auch Spezialitäten wie Wal- oder Rentiersalami angeboten. Die in der EU nicht erlaubten Lebensmittel werden hier, in Norwegen, von vielen Touristen probiert. Eine weitere wichtige Sehenswürdigkeit ist die Stabkirche Fantoft, eine aus schwarzem Holz rekonstruierte Wikingerkirche. Bergen gehört mit rund 240 Regentagen im Jahr zu den niederschlagreichsten Regionen Europas – die Norweger scheinen sich aber nicht daran zu stören, denn man sieht ständig Läufer, Fahrradfahrer, oder sogar Mütter, die sich mit Kinderwagen durch den strömenden Regen fortbewegen, als ob sie genau dafür rausgegangen wären. An solchen Regentagen bietet sich ein Ausflug ins Schifffahrtsmuseum an: Dort bekommt man anhand von Originalexponaten und Modellen einen tiefen Einblick in die regionale Geschichte von der Wikingerzeit, über die Ära der Segelschiffe bis hin zur modernen Hochseeschifffahrt. Ansonsten hat Bergen viele kleine Cafés und Boutiquen zu bieten, oder aber, man lässt sich – wie die Norweger – vom Wetter nicht stören und verbringt viel Zeit draußen, geschützt von einer guten Regenjacke und wasserfestem Schuhwerk. Ein Spaziergang auf den Flřyen, den erwähnten Stadtberg, bietet sich dazu an. Man hat eine Aussicht über die gesamte Stadt und den Fjord und manchmal, aber wohl sehr selten, kann man sogar Wale beobachten. Dazu, genau wie zum Polarlichter bestaunen, bieten sich im Norden Norwegens jedoch größere Chancen. 

Preikestolen

Eine letzte Attraktion mit atemberaubender Aussicht war der Preikestolen. Das Felsplateau mit weitem Blick über den Lysefjord wird in etwa anderthalb Stunden Wanderung erreicht. Die komplette Wanderung ist acht Kilometer lang und sollte am besten bei trockenem Wetter begangen werden, da sonst rutschige Felsen bei Nässe, fehlenden Geländern und Klippen, an denen es 600 Meter senkrecht hinabgeht, Gefahren bergen. Doch ist man einmal angekommen, kann man sich fast nicht sattsehen an der besonderen Aussicht – Fotos können das kaum einfangen. Vom Parkplatz des Preikestolen dauert die Fahrt nach Stavanger rund 40 Minuten und führt wieder durch viele Tunnel, die unter den Fjorden her gebaut sind. 

Letzter Stopp vor der Heimfahrt: Stavanger 

Die Stadt und Kommune Stavanger erstreckt sich über Festland als auch 16 bewohnte Inseln – auf einer davon hatten wir eine Unterkunft gebucht, davor stand aber noch ein besonderes Treffen an: meine beste Kindheitsfreundin studierte zu dem Zeitpunkt in Stavanger und so verbrachten wir den Nachmittag mit ihr. Erster Stopp: Essen in den verspielten Straßen der Stadt. Zweiter Stopp: der Valberg-Turm, der ein unübersehbares Wahrzeichen im Herzen von Stavanger ist. Früher war er von einem Nachtwächter bewohnt, der Alarm schlug, falls ein Feuer ausbrach. Dritter Stopp waren die Schwerter im Fels – direkt am Ufer des Hafrsfjords erinnern drei gigantische, 10 Meter hohe Wikingerschwerter aus Bronze, die scheinbar mühelos tief in den Fels gerammt sind, an die legendäre Schlacht am Hafrsfjord im Jahr 872. Dort besiegte König Harald Schönhaar seine Rivalen und einte Norwegen erst-mals zu einem einzigen Königreich – die Schwerter im Stein sollen ein Symbol für ewigen Frieden sein, da sie nie wieder zum Kampf erhoben werden können. 

Nach einer letzten Nacht in Norwegen brachte uns eine Fähre von Kristiansand bis nach Dänemark, von wo es mit dem Auto eine ganze Nacht bis in den Westerwald zurückging. So kam das Abenteuer Skandinavienreise zu einem Ende – mit dem neuen Wunsch, einmal im Winter in den Norden Norwegens zu reisen, um Polarlichter und Wale zu sehen und auch einmal mehr Zeit an einem See in Schweden zu verbringen, um wie in Astrid Lindgrens Geschichten einfach die Ruhe und Schönheit der Natur dort zu genießen.