Ein Tag in Tunesiens Hauptstadt Tunis

Kulturelle Vielfalt, von bewegter Geschichte geprägt

Von den Ruinen Karthagos aus sieht man das Meer im Hintergrund.

Malerische Gassen in Sidi Bou Said

Der Basar in der Medina Fotos: Bernice Krech-Lițoiu

Um 6:30 Uhr geht es los: raus aus dem Hotel und rein in den Bus. Mit an Bord ist eine Handvoll Rumänen, die im selben Hotel untergebracht sind wie wir und sich ebenfalls für den Ausflug in die Hauptstadt entschieden. Zu dem Zeitpunkt sind meine Erwartungen dazu: die historischen Funde in Karthago sehen, ein bisschen durch die Altstadt schlendern – die mit ihren weißen Häusern mit blauen Dächern stark an Santorin erinnert – und auf der Busfahrt etwas mehr vom Land selbst sehen, denn bisher hatten wir uns größtenteils innerhalb der Hotelanlage aufgehalten.

Im Gegensatz zu unseren sonstigen Urlauben, die meist als Roadtrip stattfinden oder mit zehntausenden Schritten verbunden sind, um möglichst viele Sehenswürdigkeiten in geringer Zeit zu bestaunen, haben wir uns nach Langem noch einmal für einen entspannten Urlaub entschieden. Einen, in dem alles geplant ist und wir nur da sein müssen. Flüge, Flughafentransport zum Hotel, die Buchung des Hotels und des All-Inclusive-Pakets haben wir also Christian Tour überlassen und sind Anfang Mai, nachdem wir Freitag mittags in Bukarest am Flughafen waren, bis zum darauffolgenden Freitag tatsächlich in einem entspannten Urlaub in Sousse gewesen. In der Vorsaison lohnt es sich doppelt: noch sind kaum Familien da und die Preise sind dementsprechend niedrig, während das Wetter aber schon hochsommerlich ist, mit Temperaturen um die 25 Grad, welche sich für mich als Deutsche eher wie 30 Grad anfühlten. Jedenfalls reichen sie aus, um den ganzen Tag am Pool oder Strand zu liegen und zwingen einen auch dazu, zwischendurch für etwas Abkühlung ins Wasser zu gehen. 

An diesem Tag jedoch sollte es – als einen von zwei Ausflugstagen – nicht um Entspannung gehen, sondern wie erwähnt um die Stadt Tunis. Die Hauptstadt Tunesiens ist eine Stadt voller Kontraste, in der sich Jahrtausende alte Geschichte und modernes Großstadtleben auf faszinierende Weise begegnen. Geprägt von arabischen, osmanischen, andalusischen und französischen Einflüssen, präsentiert sich Tunis als kulturelles Herz des Landes und auch als Tor zwischen Afrika, dem Mittelmeerraum und der arabischen Welt.

Auf dem Weg von Sousse geht es etwa zwei Stunden über eine Autobahn nahe dem Meer über die Stadt Hammamet und bis nach Tunis selbst. Von einer trockenen Küstenlandschaft mit einzelnen Olivenhainen und Getreidefeldern wird das Land, je weiter man nach Norden kommt, fruchtbarer. Die Felder werden größer und grüner, selbst Obstgärten und vereinzelte Weinberge prägen die Gegend. Einige Berge, die Ausläufer des Altlasgebirges sind, sind im Landesinneren zu erkennen, darunter auch der Djebel Zaghouan, mit 1295 Metern der höchste Berg Osttunesiens. 

Karthago – mehr als nur ein paar Ruinen

Angekommen in der Region der Hauptstadt, geht es zuerst nach Karthago, einer der bedeutendsten historischen Stätten Tunesiens. Die einst mächtige Hafen- und Handelsstadt wurde im 9. Jahrhundert v. Chr. gegründet und entwickelte sich zu einer der wichtigsten Metropolen des Mittelmeerraums. Berühmt ist sie vor allem auch dank Hannibal, der als karthagischer General Krieg gegen Rom führte und dazu 218 v. Chr. mit Elefanten über die Alpen zog. Heute erinnern zahlreiche Ruinen an die bewegte Geschichte Karthagos, die von vielen Völkern und Mächten geprägt wurde. Ursprünglich geprägt von den Phöniziern und regional von den Berbern, stand die Stadt auch im kulturellen und wirtschaftlichen Austausch mit Griechen und Etruskern. Schlussend-lich  eroberten die Römer Karthago im Jahr 146 v. Chr. am Ende des Dritten Punischen Krieges. Beim Rundgang über das weitläufige Gelände kann man die Überreste antiker Bauwerke bestaunen und einen Eindruck über die Größe und Bedeutung der einstigen Weltmacht gewinnen. Auf dem Byrsa-Hügel über der historischen Stätte thront außerdem die Kathedrale des heiligen Ludwig, die an die lange christliche Tradition Nordafrikas erinnert und einen interessanten Kontrast zu den antiken Zeugnissen der punischen und römischen Vergangenheit bildet. Die Kathedrale wurde 1964 vom Vatikan an den tunesischen Staat übergeben und ist für Besucher geöffnet. 

Sidi Bou Said, das Santorin Nordafrikas

Anschließend geht es etwa zehn Minuten weiter mit dem Bus nach Sidi Bou Said, einem malerischen Küstenort oberhalb des Golfes von Tunis. Der Ort ist bekannt für die weiß getünchten Häuser mit den charakteristischen blauen Türen und Fensterrahmen, die sich harmonisch vor dem Blau des Meeres im Hintergrund abheben. Beim Spaziergang durch die engen, gepflasterten Gassen bietet sich an jeder Ecke ein Postkartenmotiv, während Händler geschäftig versuchen, einem Magnete, bemalte Schalen und ähnliche Souvenirs zu verkaufen. Es riecht süß und nach einem Teig, der an Donuts erinnert – das traditionelle Gebäck mit dem Namen Bambalouni wird an mehreren Essensständen angeboten. Das Viertel ist wie ein Rundgang nach oben aufgebaut und an dessen Ende angekommen, eröffnet sich ein weiter Ausblick auf das Mittelmeer und die Küste von Tunis. Die malerische Kulisse Sidi Bou Saids begeistert jedoch nicht nur heutige Besucher. Über Jahrzehnte zog das Küstenstädtchen zahlreiche Künstler und Intellektuelle in seinen Bann. Der französische Maler Henri Matisse ließ sich von dem besonderen Licht und den leuchtenden Farben dort inspirieren, während der Philosoph Michel Foucault während seiner Zeit in Tunesien die ruhige Atmosphäre des Ortes schätzte. Einen besonders nachhaltigen Einfluss hinterließ Baron Rodolphe d’Erlanger, der sich Anfang des 20. Jahrhunderts in Sidi Bou Said niederließ und mit seinem prachtvollen Palast Ennejma Ezzahra ein kulturelles Wahrzeichen schuf. Bis heute spürt man in den verwinkelten Gassen und auf den Aussichtsterrassen jene Anziehungskraft, die einst Künstler, Denker und Reisende aus aller Welt nach Sidi Bou Said führte. Der Ort verdankt seinen Ruf nicht nur seiner außergewöhnlichen Schönheit, sondern auch den Persönlichkeiten, die von ihr inspiriert wurden und sie weit über die Grenzen Tunesiens hinaus bekannt machten.

Im Zentrum der Hauptstadt

Nach einer Stärkung bei einem Mittagessen im Strandrestaurant geht es weiter ins Zentrum von Tunis. Das Herz der Neustadt bildet die Avenue Habib Bourguiba, benannt nach dem ersten Präsidenten des unabhängigen Tunesiens. Bourguiba gilt bis heute als eine der prägendsten Persönlichkeiten des Landes. Nach der Unabhängigkeit von Frankreich im Jahr 1956 leitete er umfassende Modernisierungsreformen ein. Besonders bemerkenswert war die Einführung des „Code du Statut Personnel“, der Frauen deutlich mehr Rechte einräumte, insbeson-dere im Bereich Scheidung und Familienrecht, wie uns unsere Reiseführerin erklärte. Zudem setzte Bourguiba auf den Ausbau des Bildungswesens und eine stärkere Trennung von Religion und Staat. Heute trägt die Allee seinen Namen und spiegelt den Wandel wider, den das Land unter seiner Führung erlebte. Breite Gehwege, Palmenreihen und repräsentative Gebäude aus der französischen Kolonialzeit verleihen dem Stadtbild seinen Charakter. Straßencafés laden zum Verweilen ein, Geschäftsleute eilen an Touristen vorbei, und das geschäftige Treiben vermittelt den Eindruck einer modernen Mittelmeermetropole. Zwischen historischen Fassaden und zeitgenössischen Geschäften wird sichtbar, wie eng in Tunis europäische und nordafrikanische Einflüsse miteinander verwoben sind.

Die Medina

Nur wenige Schritte weiter beginnt jedoch eine völlig andere Welt. Durch eines der Stadttore gelangt man in die Medina, das historische arabische Viertel von Tunis. Bei einem Spaziergang durch die engen Gassen des Souks, also des Basars, taucht man in ein Labyrinth aus Düften, Geräuschen und Farben ein. Händler bieten Gewürze, Teppiche, Lederwaren, Keramik und kunstvoll gefertigten Schmuck an, während aus kleinen Werkstätten das Hämmern von Kupfer- und Silberschmieden zu hören ist. Anders als in den recht geordneten Straßen des französischen Viertels scheint hier das Stadtleben seit mehreren Jahrhunderten seinem eigenen, arabischen Rhythmus zu folgen. Zwischen den dicht aneinandergereihten Geschäften eröffnen sich immer wieder kleine Innenhöfe, Moscheen und versteckte Plätze, die einen Eindruck von der reichen Kultur der tunesischen Hauptstadt vermitteln. Verhandeln gehört hier zum Einkaufserlebnis dazu, denn sonst zahlt man mindestens doppelt so viel wie eigentlich nötig. Nachdem wir einige Seifen, Datteln und einen Suppenlöffel aus Holz erworben und traditionelle Süßigkeiten umsonst probiert hatten, ging es zurück in Richtung Bus. Auf dem Weg dahin haben wir einen lokalen Supermarkt besucht – dort lernt man erstaunlich viel über die Bewohner eines Landes, ihre Gewohnheiten und auch den Lebensstandard. Verglichen mit Rumänien waren die Preise sehr niedrig, was allerdings bei einem durchschnittlichen Monatslohn von umgerechnet etwa 280 Euro und einem Mindestlohn, der bei etwa 160 Euro liegt, notwendig ist. Angekommen beim Bus, ging es auf den Rückweg zum Hotel. Unterwegs bekamen wir noch eine Olivenöl-Verkostung bei einer lokalen Fabrik und tauchten dann, nach einem langen Tag, für die letzten Tage wieder in das Leben in der Hotelanlage ein. Dort blieb vor allem das Gefühl, an nur einem Tag sehr viele verschiedene Seiten eines Landes kennengelernt zu haben.