Bernadett Lupcsa wurde in Neustadt/Baia Mare geboren und lebt in Sathmar/Satu Mare. Sie besucht die 12. Klasse des Deutschen Theoretischen Lyzeums „Johann Ettinger“ mit dem Schwerpunkt Philologie. Seit der ersten Klasse engagiert sie sich im Demokratischen Forum der Deutschen in Sathmar, zunächst als Mitglied der Tanzgruppe „Gemeinsam“ und später auch als Moderatorin und Rezitatorin bei zahlreichen Kulturveranstaltungen. Seit Juni 2026 ist sie Stipendiatin des Kulturverbands Sathmarense. Ihr kulturelles und ehrenamtliches Engagement umfasst unter anderem die Teilnahme an Erasmus-Projekten, den Einsatz als Dolmetscherin bei einem Schüleraustausch in Österreich, die Organisation schulischer Projekte sowie die Konzeption und Leitung von Unterrichtseinheiten und Workshops im Bereich Medienbildung. Darüber hinaus ist sie Mitglied der Radiosendung „Jugendwelle“ in Temeswar, wo sie als Moderatorin tätig ist. Über ihre neue Rolle als Stipendiatin sprach sie mit ifa-Kulturmanagerin Elisa Vaughan.
Wie bist du auf das ifa-Stipendium aufmerksam geworden und was hat dich motiviert, dich beim Kulturverband Sathmarense zu bewerben?
Auf das ifa-Stipendium bin ich in den sozialen Medien aufmerksam geworden und es hat mich sofort fasziniert. Ich bin ein Mensch, der unglaublich neugierig auf das Leben ist; ich liebe es, mich neuen Herausforderungen zu stellen und über mich selbst hinauszuwachsen. Für mich bedeutet Weiterentwicklung, einfach mal etwas ganz Neues auszuprobieren, und dieses Stipendium kam für mich im perfekten Moment, es war wie von Gott geschickt und die ideale Gelegenheit, mich selbst auf die Probe zu stellen. Es gibt mir eine Chance, mich intensiv mit meinen Wurzeln zu beschäftigen. Darüber hinaus habe ich die Arbeit des ifa auch vorher immer mit großer Bewunderung verfolgt, denn es ist wunderschön zu sehen, wie das ifa Menschen und Minderheiten weltweit vernetzt und genau dieser grenzüberschreitende Gedanke hat mich besonders angesprochen und mich darin bestärkt, dieses Stipendium anzunehmen. Ich wollte Teil eines Netzwerks sein, das zeigt, dass Kultur keine Grenzen kennt, sondern Brücken baut und alle Menschen näher zusammenbringt. Deshalb war es eine Herzensentscheidung, mich beim Kulturverband Sathmarense zu bewerben.
Welchen Bezug hast du zur deutschen Minderheit bzw. zu den Sathmarer Schwaben? Hat dich das schon früher begleitet?
Ich habe tiefe schwäbische Wurzeln, die mich sowohl mütterlicherseits als auch väter-licherseits prägen. Das Schwäbischsein ist in unserer Familie kein theoretischer Begriff, sondern gelebter Alltag, denn schon von meinen Urgroßeltern habe ich die schwäbischen Traditionen erlernt. Ein schönes Beispiel dafür ist, dass es bei uns zu Hause bis heute jeden Freitag frisch gebackenen Strudli gibt, eine ganz traditionelle, leckere, schwäbische Spezialität aus unserer Region, ein vertrauter Duft und ein Brauch, den wir ganz fest in Ehren halten. Ich wurde von klein auf so erzogen, dass ich unsere einzigartige Herkunft und Geschichte kenne und schätze. Meine Eltern und Großeltern haben mir immer viel von früher erzählt. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich schon als Kind mit großen, neugierigen Augen dasaß und fasziniert zugehört habe, was meine Vorfahren alles erlebt haben: von den Anfängen, als sie vor Jahrhunderten hier in der Region ankamen bis hin zu den schwersten Zeiten ihres Lebens, wie der leidvollen Verschleppung in die Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg. Diese historische Identität versuche ich täglich im Herzen zu tragen, und bin unendlich stolz auf meine Vorfahren, die trotz all des Leides und der schweren Zeit der Deportation ihre Kultur nie aufgegeben haben. Ihre Kraft gibt mir Mut für meine eigene Arbeit. Ich habe also einen ganz tiefen Bezug zur deutschen Minderheit, weil ich selbst eine Sathmarer Schwäbin bin und unsere Geschichte aktiv weiterschreiben möchte.
Wie hast du die ersten Tage oder Wochen im Kulturverband erlebt und welche Aufgaben gehören derzeit zu deinem Arbeitsalltag?
Meine ersten Wochen im Kulturverband waren einfach toll. Ich wurde von allen unglaublich herzlich aufgenommen. Am Anfang war ich natürlich manchmal noch etwas unsicher, aber das Team war unglaublich nett und hat mir jederzeit geholfen. Ich freue mich riesig, dass ich hier von Anfang an so aktiv mitgestalten darf. Derzeit arbeite ich an einem ganz besonderen Projekt: Gemeinsam mit der ifa-Kulturmanagerin Elisa Vaughan und der Künstlerin Szilvia Knecht erstellen wir ein Mitmachbuch über die Sathmarer Schwaben für Grundschulkinder, wobei die Geschichte unserer Vorfahren spielerisch und künstlerisch erzählt wird. Mein Arbeitsalltag besteht im Moment aus viel Recherche, ich habe dafür schon mehr als zehn Bücher über die Geschichte der Sathmarer Schwaben sowie über die schwäbischen Dörfer hier in der Region gelesen, um die Geschichte ganz tief zu verstehen. Ich bringe täglich meine eigenen Ideen ein, wie das Buch am Ende aussehen soll und überlege mir ganz genau, wie die Geschichte und die Aufgaben aufgebaut sein sollten, damit alles interaktiv bei den Kindern ankommt und sie Spaß am Lernen haben. Es ist eine wunderschöne Aufgabe, weil ich so mein neues Wissen direkt nutzen kann, um die jüngere Generation für unsere Kultur zu begeistern.
Welche Erwartungen hast du an das Stipendium und in welchen Bereichen möchtest du dich während dieser Zeit persönlich oder beruflich weiterentwickeln?
Ich gehe mit offenem Herzen und voller Vorfreude in diese Zeit. Für mich persönlich ist dieses Stipendium eine riesige Chance, um zu wachsen. Zum einen möchte ich mein Wissen vertiefen, sowohl meine deutschen Sprachkenntnisse als auch mein historisches Wissen über unsere Geschichte. Zum anderen möchte ich ganz praktische Fähigkeiten dazulernen: Durch die Arbeit an dem Mitmachbuch und zukünftigen Projekten möchte ich meine pädagogischen Fähigkeiten ausbauen und lernen, wie man im Team Großes auf die Beine stellt. Besonders freue ich mich aber auf die Begegnungen mit Menschen. Ich bin davon überzeugt, dass jede neue Begegnung ein Geschenk ist und man von jedem Menschen eine wichtige Lebensweisheit oder neue Werte lernen kann. Das Stipendium ist für mich wie ein bunter, offener Raum voller neuer Impulse. Ich hoffe, dass ich am Ende dieser Zeit nicht nur beruflich viel gelernt habe, sondern auch als Persönlichkeit ein großes Stück gewachsen bin.
Was interessiert dich besonders an der Kultur- und Minderheitenarbeit? Gibt es Projekte oder Ideen, die du während deines Stipendiums gerne umsetzen möchtest?
An der Kultur- und Minderheitenarbeit interessiert mich besonders, dass ich dadurch immer wieder neue Kulturen tief kennenlernen darf. Es fasziniert mich zu sehen, wie die Gemeinschaften aus den verschiedenen Regionen ihre Traditionen bewahren. Diese lebendige Pflege der eigenen Identität erweitert meinen Horizont und zeigt mir, wie bunt und wertvoll unsere Kulturlandschaft ist. Genau diese Begeisterung leite ich auch in meiner täglichen Arbeit beim Deutschen Forum weiter, wo ich mich voll und ganz in die laufenden Aufgaben einbringe, wie in die Gestaltung des interaktiven Mitmachbuchs über die Sathmarer Schwaben für Grundschulkinder und gleichzeitig die Gemeinschaft unterstütze. Da mich diese vielseitige Arbeit im Moment komplett ausfüllt, gibt es in der Gegenwart keine weiteren, eigenen Projekte, die ich während des Stipendiums unbedingt noch zusätzlich umsetzen möchte. Für mich steht jetzt ganz bewusst im Vordergrund, meine Energie in das Hier und Jetzt zu stecken und das Beste aus der aktuellen Zeit herauszuholen.
Wo siehst du dich nach dem Stipendium? Kannst du dir vorstellen, weiterhin im kulturellen oder zivilgesellschaftlichen Bereich tätig zu sein?
Ich möchte mich auch nach dem Stipendium unbedingt weiter mit der Kultur und Geschichte der Sathmarer Schwaben beschäftigen und die Verbindung zu dem kulturellen Raum, in dem ich jetzt arbeiten darf, für immer aufrechterhalten. Mein großer Wunsch ist es, mich beruflich als Lehrerin für Deutsch und Englisch zu entwickeln. Für mich ist die Sprache kein reines Schulfach, sondern ein lebendiger Teil der Kultur. Sie verbindet Generationen und stärkt das Band zwischen der Vergangenheit und der Zukunft. Ich kann mir deshalb sehr gut vorstellen, auch neben meiner späteren Arbeit als Lehrerin weiterhin aktiv im kulturellen Bereich tätig zu sein. Auf diese Weise kann ich meine eigene Identität und Herkunft bewahren und gleichzeitig meinen zukünftigen Schülerinnen und Schülern zeigen, wie wertvoll und lebendig Kultur sein kann. Daher endet für mich die Beschäftigung mit meinen Wurzeln nicht mit dem letzten Tag dieses Stipendiums, denn es ist vielmehr ein Fundament, das ich für mein ganzes Leben baue. Somit möchte ich eine Brücke sein: zwischen der Generation meiner Großeltern, die mir diese wundervollen Geschichten und Traditionen geschenkt hat, und den Jugendlichen, die diese Werte in die Zukunft tragen.
Das vom Bundesministerium des Innern geförderte Stipendium unterstützt Nachwuchskräfte deutscher Minderheiten in Ost-europa und Zentralasien. Im eigenen Land sammeln die Stipendiatinnen und Stipendiaten praktische Erfahrungen in den Bereichen Kultur, Jugend und Medien und bringen neue Impulse in die Arbeit der Minderheitenorganisationen ein. Ein weiteres Programm ermöglicht Hospitationen bei Organisationen deutscher Minderheiten im Ausland. Zusätzlich fördert ein Talentstipendium besonders engagierte ehemalige Teilnehmende. In diesem Jahr gehen drei der 16 Inlandsstipendien sowie eines von sechs Auslandsstipendien nach Rumänien. „Unsere Stipendien schaffen wertvolle Möglichkeiten für zivilgesellschaftlichen Austausch“, erklärt Jennifer Mazur, Koordinatorin der Stipendienprogramme für deutsche Minderheiten im östlichen Europa und Zentralasien beim Institut für Auslandsbeziehungen (ifa).





