Es gibt Bücher, die zum richtigen Zeitpunkt erscheinen – und dann gibt es Bücher, die dringlicher nicht sein könnten. Jana Puglierins Studie „Wer verteidigt Europa?“ gehört zweifellos zur zweiten Kategorie. Erschienen Anfang 2026, in einem Moment, in dem die transatlantische Sicherheitsarchitektur unter dem Druck der Trump-Administration zu bröckeln beginnt und Russland seine revisionistische Außenpolitik offen zur Schau stellt, trifft das Buch einen Nerv, der in der deutschen sicherheitspolitischen Debatte lange verdrängt wurde.
Puglierin, Leiterin des Berliner Büros des European Council on Foreign Relations (ECFR) und eine der profiliertesten deutschen Exper-tinnen für Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik, schreibt nicht aus akademischer Distanz. Sie schreibt mit dem Furor einer Fachfrau, der der Ernst der Lage bewusst ist – und die zugleich das Handwerk beherrscht, komplexe strategische Zusammenhänge verständlich aufzubereiten. Das Buch richtet sich an ein breites Publikum und erfüllt diesen Anspruch mit beachtlicher Souveränität.
Den Kern des Buches bilden drei Bedrohungsdimensionen, die Puglierin systematisch durchdekliniert: konventionelle, hybride und atomare Kriegsführung. Besonders eindrücklich gelingt ihr der Abschnitt über hybride Bedrohungen – Desinformation, Cyberangriffe, Sabotage kritischer Infrastruktur –, die oft unterschätzt werden, weil sie unterhalb der Schwelle offener militärischer Konfrontation operieren und dennoch demokratische Gesellschaften destabilisieren können. Puglierin macht deutlich, dass Verteidigung im 21. Jahrhundert weit mehr umfasst als Panzer und Soldaten: Sie beginnt im Informationsraum und endet an den Datenleitungen des Internets.
Das zentrale strukturelle Argument des Buches ist so klar wie unbequem: Europa ist derzeit nicht in der Lage, sich ohne die Vereinigten Staaten effektiv zu verteidigen. Diese Abhängigkeit, über Jahrzehnte als selbstverständlich akzeptiert, wird unter den veränderten geopolitischen Vorzeichen zur existenziellen Verwundbarkeit. Puglierin zeichnet dabei kein Bild der Hoffnungslosigkeit, sondern einen Fahrplan zur strategischen Autonomie – einschließlich der streitbaren, aber konsequent durchdachten Frage, ob Deutschland oder Europa einen eigenen nuklearen Schirm braucht. Dass sie diese Debatte anstößt, ohne sie demagogisch aufzuladen, ist eine der intellektuellen Leistungen des Buches.
Deutschland kommt in Puglierins Analyse eine besondere Verantwortung zu – als bevölkerungsreichstes und wirtschaftsstärkstes Land der EU, als geografisches Herzstück des Kontinents und als Gesellschaft, die mit ihrer Geschichte einen besonderen, aber keineswegs dauerhaft exkulpierenden Bezug zur Frage der militärischen Macht hat. Die Autorin fordert ein Ende des deutschen Sonderwegs im Bereich der Verteidigung. Ihre Argumentation ist dabei nicht bellizistisch, sondern nüchtern strategisch: Wer Frieden will, muss glaubwürdig zeigen, dass er sich verteidigen kann.
Besonders wertvoll ist Puglierins Blick auf die zivile Dimension der Verteidigung, die in der öffentlichen Debatte häufig zu kurz kommt. Resilienz beginnt nicht an der Außengrenze, sondern in der Gesellschaft: in der Fähigkeit, Desinformation zu erkennen, kritische Infrastruktur zu schützen und als Zivilbevölkerung auf Krisenszenarien vorbereitet zu sein. Hier berührt sich das Buch mit aktuellen Debatten über Demokratieresilienz und gesellschaftliche Widerstandsfähigkeit – ein Zusammenhang, der nicht zufällig ist: Wer Europa verteidigen will, muss auch die politischen und sozialen Grundlagen verteidigen, auf denen Europa steht.
Wer ein nüchtern-akademisches Werk erwartet, das alle Positionen gleichermaßen abwägt, wird an dieser Stelle auf den Charakter des Buches hingewiesen: Puglierin schreibt mit Haltung. Das ist eine Stärke, kann aber gelegentlich auch als Einschränkung gelten. Wer etwa die Frage nach den Grenzen westlicher Sicherheitspolitik oder die Perspektiven einer verhandelten europäischen Sicherheitsordnung stärker gewichtet sehen möchte, wird im Buch weniger Angebote finden. Doch das ist vielleicht der falsche Vorwurf an ein Buch, das bewusst als Appell konzipiert ist – und diesen Appell handwerklich und inhaltlich überzeugend einlöst.
„Wer verteidigt Europa?“ ist ein wichtiges, zeitlich notwendiges und gut geschriebenes Buch. Es verdient Leserinnen und Leser weit über den Zirkel der Sicherheitspolitik-Fachleute hinaus – in Parlamenten, in Bildungseinrichtungen, in der Zivilgesellschaft. Timothy Garton Ash hat dem Buch einen Kommentar vorangestellt, dem wenig hinzuzufügen ist: Nach der Lektüre sollten nicht nur Worte, sondern Taten folgen. Die Frage, wer Europa verteidigt, ist keine akademische. Sie ist, im wörtlichen Sinne, eine Frage des Ernstes der Zeit.





