Wie große Unternehmen Umweltwissenschaftler unter Druck setzen sollen

Über dieses Thema wurde vor Kurzem im französischen Institut in Bukarest diskutiert

Der Diskussionsabend im französischem Institut. Links sitzen die Redner. Von vorne nach hinten sind das Mihail Caradaica, Ariane Lambert-Mogiliansky und Raul Cazan. Foto: Valentin Brendler

Bukarest – Große Unternehmen, deren einziges Ziel Profit sei, setzen Umweltwissenschaftler gezielt unter Druck, argumentierte vor Kurzem Ariane Lambert-Mogiliansky, Professorin an der Pariser „Schule der Wirtschaft“. Sie war zu Gast im französischen Institut in Bukarest zur Diskussion „Umweltpolitik und Zweifel“. Die Hauptthese des Abends war, dass die besagten Zweifel gezielt gestreut werden sollen. Das bekräftigte auch ihr Gesprächspartner Mihail Caradaica, Professor an der nationalen Hochschule für Politik- und Verwaltungswissenschaften in Bukarest und Geschäftsführer der Stiftung „P²durea de Mâine“ (Der Wald von Morgen) und der Moderator Raul Cazan, Vorsitzender des Umweltvereins „2Celsius“.

Alle drei sagten also, dass große Unternehmen („Big Money“, das große Geld) gezielt Druck auf Umweltwissenschaftler ausüben. Doch wie funktioniert das? Die Professorin Lambert-Mogiliansky erklärte es umfangreich.

Zuerst, wenn eine neue Studie erscheint, werde Zweifel gesät. Stimmt diese überhaupt? Wurde korrekt gearbeitet? Ist der Wissenschaftler vertrauenswürdig? Außerdem werden Gegenstudien erstellt, die laut ihr fehlerhaft arbeiten, nur, um eine Gegenposition zu erstellen. Manchmal werden Wissenschaftler auch persönlich unter Druck gesetzt, oder mit lukrativen Jobangeboten bestochen. Das Ziel davon: Unsicherheit in der Gesellschaft zu streuen. Gibt es den Klimawandel, oder nicht? In welcher Form? Es solle so aussehen, als ob es keinen wissenschaftlichen Konsens gebe, der laut den Sprechern jedoch durchaus existiert.

Die großen Unternehmen – die sie jedoch nicht genauer benennen oder definieren, wodurch die meisten Aussagen eher allgemein, wage und schwammig blieben – orientieren sich dabei laut den eingeladenen Wissenschaftlern an der Tabakindustrie, welche dieselbe Taktik in der Vergangenheit benutzt hat. Dies stehe unter drei Stichworten: Denial (Leugnen), Delay (Verzögern) und Deceit (Täuschen). Lambert-Mogiliansky fasst es so zusammen: Erst werden wissenschaftliche Erkenntnisse geleugnet, dann werden staatliche Maßnahmen, zum Beispiel gegen Tabak, so gut es geht verzögert und am Ende, wenn sie doch eingeführt wurden, werden sie nicht umgesetzt, oder nur teilweise, also werde getäuscht.

Dies sollen die Unternehmen machen, um mehr Geld zu verdienen. Es sei eine einkalkulierte Ausgabe, damit der Profit stabil bleibe und weiter wachse.

Beschleunigt werde die Entwicklung vom Erstarken der sozialen Medien. Dazu erzählt Caradaica eine Anekdote: Als Social Media gerade aufkamen, war er in einer Diskussionsrunde von Studierenden. Sie sagten: „Wenn jeder selbst journalistisch berichten kann, werden bald viele Wahrheiten herauskommen“. Dies war jedoch illusorisch und es ist ganz anders gekommen.

Denn auf sozialen Medien werden laut den Wissenschaftlern viele Unwahrheiten verbreitet. Die sozialen Medien füttern die Konsumenten, wenn sie einmal auf Fake-News geklickt haben, mit immer mehr. Einfach nur, damit die Konsumenten länger auf der App bleiben, was das ultimative Ziel der sozialen Medien ist.

Lambert-Mogiliansky würde sich wünschen, dass die sozialen Medien öfters Gegenpositionen vorschlagen würden. Wenn also Konsumenten auf einen Beitrag von Klimawandelleugnern klicken, dass ein Beitrag, der über den Klimawandel berichtet, vorgeschlagen wird. Sie weiß aber auch, dass die sozialen Medien dies nie umsetzen werden.

Ein anwesender Gast kritisierte die Redenden jedoch teilweise. Er erklärte, dass Wissenschaftler nicht genau sagen können, was passieren wird. Sie schätzen es nur. In der Vergangenheit haben sich laut dem Gast viele Wissenschaftler schon spektakulär geirrt. Daraus schließt er, dass sowohl eine alarmistische, als auch eine leugnende Haltung, abzulehnen sei.

Lambert-Mogiliansky stimmte dieser Aussage auch zu. Natürlich wissen Wissenschaftler nicht genau, wie sich der Klimawandel auswirken wird. Sie schätzen aufgrund von Fakten und sind deswegen grundsätzlich nicht alarmistisch, sondern realistisch. Es gibt eben Wahrscheinlichkeiten. „Und wenn ein Flugzeug mit 60-prozentiger Wahrscheinlichkeit abstürzen würde, würden Sie es betreten?“, fragte sie rhetorisch. „Wenn es die Wahrscheinlichkeit gibt, dass die Klimakrise einen katastrophalen Ausgang hat, ist es dann nicht sinnvoll, vorsichtig und vorsorglich zu handeln? Wir sollten jetzt über die künftigen Generationen nachdenken“.

Politische Unterstützung erwarten die drei Sprechenden jedoch kaum. Gerade in den USA sehe man, dass Klimaprojekte nicht nur nicht unterstützt, sondern auch gezielt erschwert würden. „Sie leugnen nicht nur das Problem, sie machen es aktiv schlimmer“, so die Wissenschaftlerin Lambert-Mogiliansky.

Dennoch sind die drei leicht optimistisch, dass immerhin die Zivilgesellschaft zu einer positiven Veränderung beitragen kann.

Dazu soll auch die Veranstaltung beitragen. Diese wurde vom Institut Français in Rumänien organisiert, mit Unterstützung der Deutschen Botschaft in Bukarest und des österreichischen Kulturforums.