Am Anfang des Interviews werden wir auf die Persönlichkeit Konrad Adenauers zu sprechen kommen. Welches ist Ihre erste Erinnerung an Ihren Großvater?
Er ist in das Haus meiner Eltern gekommen, als meine jüngste Schwester zur Welt gekommen ist. Er war immer gerne Gast bei uns. Wenn das seine Reiseroute erlaubte, hat er sich immer auch um die Kinder und die Enkel gekümmert; so war er auch bei meinem Geburtstag in Neuss. Das liegt nicht so weit von seinem Amtssitz Bonn entfernt, in Nordrhein-Westfalen.
Es war auch typisch für ihn, dass er seine Rolle als Großvater und Vater sehr, sehr klar wahrgenommen hat. Er war nicht der Vater oder Großvater, den man nie gesehen hat. Bei großen Politikern ist es manchmal üblich, dass sie sich überhaupt nicht mehr der Familie gegenüber zeigen, aber Adenauer hat dieses Gleichgewicht ganz natürlich gehalten.
Insbesondere wichtig war das bei den Weihnachtsfesten. Am zweiten Weihnachtstag, am 26. Dezember, da ist auch der Heilige Stephanus, habe ich immer auch noch extra ein Namenstaggeschenk von ihm bekommen. Da waren wir alle versammelt als Familie. Weil seine Frau, meine Großmutter, Gussie, nicht mehr da war (Konrad Adenauers zweite Ehefrau, Auguste „Gussie“, war 1948 verstorben Anm. d. Red.), hat mein Großvater ganz von alleine auch eine fürsorgliche Rolle eingenommen.
Sind Sie in Ihrer Familie mit den Tagesthemen, mit der Politik in Kontakt gekommen? Wurden diese im Familienkreis besprochen?
Ja, sehr viel sogar. Meine Mutter (Elisabeth „Libet“ Werhahn, geb. Adenauer – Anm. d. Red.) war die jüngste Tochter und ist am häufigsten auf Reisen mitgenommen worden. Immer wenn meine Mutter wiederkam, hat sie erzählt, was sie erlebt hat, und zwar nicht speziell im politischen Detail, sondern in der Atmosphäre. Zum Beispiel hat sich mein Großvater, obwohl der Altersunterschied sehr groß war, sehr gut mit John F. Kennedy verstanden. Er ist auch ein paar Mal in den USA gewesen; meine Mutter war meistens dabei. Weil sie gleichaltrig mit Jackie Kennedy gewesen ist, ist eine Art Beziehung entstanden. Wenn meine Mutter und Jackie dabei waren, hat sich die Atmosphäre zwischen den beiden Politikern entspannt.
Das Gleiche war auch eigentlich mit de Gaulle. De Gaulle war ja auch ein sehr eigenwilliger Mensch. Es gab da eine Begegnung, 1958, in Colombey-les-Deux-Églises, wo das Privathaus von de Gaulle ist. Adenauer ist mit einer ganzen Polizei-Eskorte hingefahren. Die französischen Polizisten haben die Führung der Eskorte übernommen; sie sind ins falsche Colombey gefahren, denn es gibt mehrere mit demselben Namen.
Das war also ein unglaubliches Drama, weil in den Dörfern die Kolonne von Adenauer beworfen wurde, weil es ganz große Revanche-Gefühle gegenüber Deutschland gab; die Beziehungen Frankreich – Deutschland waren absolut am Boden.
Das ist erst dann durch diese Begegnung Adenauer – de Gaulle langsam aufgeweicht und verbessert worden. Die Aussöhnung mit Frankreich war eine der großen politischen Leistungen von Adenauer. Diese ist da entstanden.
Da war auch Frau de Gaulle dabei. Sie hat es verstanden, diese beiden Herren auf eine emotionale Ebene zu bringen, indem de Gaulle von seiner Tochter erzählt hat, die behindert war. De Gaulle hat seine Tochter geliebt und hat sich total um sie gekümmert; ganz toll! Und Adenauer hatte seine Frau verloren. Da sind die beiden Herren auf einer ganz anderen Ebene zusammengekommen.
Das hat dazu geführt, dass sie sehr gut miteinander die Dinge in Angriff genommen haben, geregelt haben, auf der politischen Seite. Erstmals muss man diese emotionale Basis haben; dann geht das andere von alleine. Das ist dann natürlich bei uns in der Familie auch sehr stark diskutiert worden.
Folgendes habe ich selber erlebt: Als Kennedy ermordet wurde, haben meine Eltern am Mittagstisch gesessen und geweint, weil Kennedy und seine Frau auch Freunde waren. Das war sehr tiefgehend! Das sind so die Verbindungen zwischen Emotion und Ratio in unserer Familie.
Heute sagt man, dass die Jugend sehr wenige Leitbilder hat. Was an Konrad Adenauers Persönlichkeit wäre heute ein Leitbild für die Jugend? Was möchten Sie von ihm weitergeben?
Im Bundestag hat Adenauer seit 1952 immer wieder ganz deutlich und energisch gesagt, dass Europa gegründet werden müsste. Das ist aber jetzt schon gut über 70 Jahre her. Europa ist immer noch nicht vollendet. Was man heute erkennen und ändern muss, ist einfach dieser Fakt, dass Europa nicht vollendet ist und dass es noch ganz vieler Punkte bedarf, damit es nicht in eine Ansammlung von kleinen Vasallenstaaten der großen Supermächte zerfällt. Das ist eigentlich die Message, die man der Jugend geben muss: dass man durch Einigkeit stark ist!
Es gibt jetzt vier Superpowers; Europa könnte die fünfte sein, aber im Moment gibt es eben nur diese vier: die USA, China, Russland und Indien. Alle anderen sind mittelgroß: Kanada, Japan, Philippinen, Indonesien. Auch in Europa: Frankreich, Deutschland usw. Und auch Rumänien. Das sind alles mittelgroße Länder. Wenn sie sich zusammenschließen und Freihandel treiben oder sich gegenseitig militärisch helfen, dann haben die Großen Respekt davor und man wird nicht angegriffen.
Der Krieg in der Ukraine wäre nicht passiert, wenn die Ukraine als mittelgroßes Land in der NATO oder in der EU gewesen wäre. Das ist genau das Beispiel, was auch 1952 passiert ist: Damals hat Stalin Briefe an die Alliierten geschrieben, an die Amerikaner, an die Engländer, an die Franzosen und hat gesagt, lass uns Deutschland wieder vereinigen, aber es soll neutral sein. Das war natürlich ein Trick: Wenn Deutschland neutral geworden wäre, dann hätte es früher oder später unter einem russischen Einfluss gestanden; dann hätte man kein Militär, gar nichts gehabt, um sich zu wehren. Dann wäre man total abhängig gewesen.
Um das zu verhindern, hat mein Großvater ganz energische Briefe geschrieben, hat alles gemacht und vor allen Dingen als Hauptmaßnahme angeregt, eine europäische Verteidigungsgemeinschaft zu gründen. Dieser Vertrag war fertig ausgehandelt und lag auf dem Tisch. Dann haben die französischen Parlamentarier den Vertrag abgelehnt; er kam nicht zustande. Da hat man bei De Gasperi (italienischer Ministerpräsident nach 1945 und einer der Gründungsväter des vereinten Europas – Anm. d. Red.) zu Hause geweint; das weiß man von der Familie. Denn sie wussten: Wenn Europa nicht militärisch zusammenwächst, wird es auch nicht politisch zusammenwachsen.
Eine militärische Union hat meistens eine politische Union zur Voraussetzung und auch zur Folge. Weil man dann nicht mehr gegeneinander schießt, sondern dieselben Waffen hat. Dann einigt man sich auf eine Strategie und schützt alle, die an diesem europäischen Verteidigungsbund Anteil haben. Das wäre jetzt auch meine zweite wichtigste Anregung, zu sagen, es muss ein solcher europäischer Verteidigungsbund gegründet werden, jetzt wieder, neben der EU, und zwar mit England und ohne Veto-Möglichkeit von Einzelnen, also mit Mehrheitsentscheid. Dann entwickeln wir auch die Waffensysteme nicht zwanzigmal, sondern nur vielleicht dreimal und sparen enormes Geld. Man spart sehr viel Steuermittel und man wächst politisch zusammen. Einen besseren Weg für Europa gibt es gar nicht!
Es gibt viele Gefahren für Europa heute; welches ist Ihrer Meinung nach die größte?
Meines Erachtens ist es die Migration. Zu viele Menschen werden durch den Klimawechsel, Naturkatastrophen und militärische Konflikte genötigt, ihr Land zu verlassen und sich dann irgendwohin zu orientieren. Die größte Gruppe Menschen könnte aus Afrika kommen; auch wegen der dort enorm wachsenden Bevölkerungszahlen. In Zukunft sind es über 3 Milliarden Menschen. Sie wollen friedlich leben, arbeiten, wollen Wohlstand haben, wollen Sicherheit, einen Rechtsstaat. Da können, da müssen wir als Europäer uns darum kümmern. Es sind ja unsere Nachbarn. Das wäre auch ein großer Markt, wenn wir mit ihnen Handel treiben. Eigentlich kann Europa nur gewinnen, wenn Afrika eine afrikanische Union hätte, genau wie die Europäische Union, dass sie untereinander Handel treiben; das würde sehr stark helfen. Und zweitens, dass Afrika mit Europa eine Brücke bilden und Probleme zusammen lösen, z. B. Solarenergie.
Wie stehen Sie zur EU-Erweiterung heute?
Ich glaube, es muss einmal festgelegt werden, wo die Grenze ist. Im Moment sind es an die 10 Kandidaten, die in der Warteschlange sitzen, zum Beispiel Türkei oder Serbien oder Georgien; da sind die Verhandlungen unterbrochen worden, weil sich diese Länder nicht klar zu Europa bekannt haben. Man muss irgendwann den Sack zumachen und sagen: Das ist es jetzt!
Meines Erachtens muss die Ukraine noch da hinein (Das Interview fand im Mai statt, die EU hat Mitte Juni die Beitrittsverhandlungen mit der Ukraine und der Moldau gestartet. Anm.d,. Red.), aber ob die Türkei hineinmuss, weiß ich nicht, glaube ich nicht. Sie ist zwar wichtig, strategisch, geopolitisch, aber sie muss nicht in der EU sein. Wichtig wäre, europäische Grenzen zu definieren; man könnte assoziierte Mitglieder schaffen, sodass man mit ihnen Freihandel treiben kann, aber nicht die gesamte verfassungsmäßige Bindung hat. Das wäre zum Beispiel für die Türkei ein guter Schritt.
Oder die Engländer. Wenn sie wollen, können sie mindestens assoziiertes Mitglied werden. Das wird auch kommen, weil viele jetzt eigentlich für die Rückkehr in die EU sind, es wird auch zur Rückkehr auf der militärischen Seite kommen, das sowieso. Wir brauchen sie auch, weil wir keinen amerikanischen Atomschirm mehr haben. Wir haben jetzt nur noch den englischen und den französischen, und die sind so klein. Die Anzahl der Sprengköpfe kann man auch in meinem Buch finden und nachlesen. (Es handelt sich um das 2025 erschienene Buch Europas Resilienz für Frieden, Freiheit und Wohlstand – N. Red.) Wir sind sowieso viel zu klein, aber, wenn wir uns als Europa zusammentun würden, dann könnten wir auch einen gemeinsamen Schutzschirm haben.
Zur Erweiterung haben Sie auch eine der Fragen am Anfang ihres Buches formuliert: Wer ist Europa, wer gehört zu Europa? Wie würden Sie jetzt antworten auf diese Frage?
Ja, eigentlich die 27, die jetzt da sind, plus einige, die jetzt noch in der Verhandlung sind. Aber nicht alle, sodass es wahrscheinlich auch eben diese Gruppe der assoziierten Mitglieder geben wird.
Bei den Mitgliedern, die jetzt da sind, kann man auch noch Unterschiede machen. Man kann volles Mitglied sein, oder man hält sich zum Beispiel vor, die Währung zu behalten. Zum Beispiel in Rumänien gibt es nach wie vor die rumänische Währung, und das gibt der Regierung mehr Spielraum, mehr Freiheit, um wirtschaftlich den Außenwert der Währung dazu zu benutzen, um zu starke Importe aus anderen Ländern abzuwehren, also man kann damit makroökonomisch steuern. Ansonsten gehen die Firmen in diesen Ländern zugrunde, die diesem Wettbewerb nicht widerstehen können. Also muss man stufenweise vorgehen.
Die Frage ist eigentlich ganz klar zu beantworten: Die, die heute drin sind, sind drin. Da gibt es eben noch Abstufungen mit der Währung und auch mit der politischen und der militärischen Zusammenarbeit. Wenn das alles geklärt ist, dann ist Vollmitgliedschaft.
Aber wegen der Migration müssen wir irgendwo auch Grenzen setzen, die dann auch entsprechend geschützt und verteidigt werden. Da wollen wir keine offenen Türen haben.
Sie haben auch bei dem Vortrag auch erwähnt, dass Sie während Ihres Studiums in den USA der Student von Henry Kissinger gewesen sind. Was glauben Sie, würde Henry Kissinger zu der heutigen Sachlage weltweit sagen?
Er würde ganz trocken analysieren, dass es eben vier Großmächte gibt, USA, Russland, China, Indien. Vielleicht Europa! Der berühmte Spruch von Kissinger ist: „If I want to call Europe, which number shall I dial?“ („Wen rufe ich denn an, wenn ich nach Europa anrufen will?“ – Anm. d. Red.) Er muss mehrere Nummern wählen, das ist klar.
Das heißt, Kissinger würde darauf hinarbeiten, dass eine Balance entsteht zwischen einerseits den diktatorischen Ländern, China, Russland, und den anderen Ländern, Amerika, Indien und Europa. Nur wenn es uns gelingt, Europa, Indien und Amerika wieder als demokratische Großmacht in diesem Großmachtverhältnis in Balance zu positionieren, dann gibt es keinen Krieg. Wenn alle fünf in einer Balance wären, dann gäbe es keinen Krieg, weil dann die Interessen ausgeglichen wären.
Wenn aber drei gegen einen sind, und es ist in einem unausgewogenen Verhältnis, dann entstehen Spannungen, und die führen natürlich irgendwann mal zu einer militärischen Auseinandersetzung. Und dann gibt es einen Weltkrieg allerdings. Alle 100 Jahre in der Geschichte Europas hat es Krieg gegeben.
Also sind Sie jetzt eher pessimistisch?
Ich hoffe, dass wir das schaffen. Wir haben ja jetzt seit 1945 bis heute, das sind schon über 80 Jahre, Frieden. Einigermaßen Frieden. Der nächste große Krieg ist jetzt der Krieg in der Ukraine. Und das ist ein richtiger Krieg. Und den müssen wir eigentlich verhindern.
Diese Gedanken kommen mir, wenn ich an Kissinger denke. Und sein Buch World Order (Weltordnung – Anm. d. Red.) – das muss man natürlich gelesen haben.
Zum Schluss sollten wir wieder auf Ihren Großvater zu sprechen kommen. Ein Wort von ihm, das Sie auch weiterleiten möchten?
Ja, da gibt es so ein schönes Wort. 1954 sagte Adenauer über die Notwendigkeit, geeint als Europa aufzutreten: „Die Einheit Europas war ein Traum von wenigen. Sie wurde eine Hoffnung für viele. Sie ist heute eine Notwendigkeit für uns alle.“ Das ist eigentlich in aller Kürze das Wichtigste.







