Unser Gespräch mit Dr. Annemarie Podlipny Hehn und Ilse Hehn sollte mit ihren Kindheitserinnerungen, Erinnerungen an die Familie oder an dem gemeinsamen Geburtsort Lowrin starten.
Dr. Annemarie Podlipny-Hehn:Kindheitserinnerungen aus Lowrin habe ich nur wenige und meine Schwestern waren noch jünger, als wir auf der Flucht nach Österreich gewesen sind. Erst nach dem Krieg sind wir nach Hause gekommen. Wir sind von einem Dorf ins Andere gezogen. Von Lowrin sind wir nach Triebswetter, wo wir bis in die 1950er Jahre gewohnt haben, von Triebswetter nach Semiklosch. Wir sind ständig gewandert. Meine Mutter hat immer erzählt, in ihrem Leben sei sie sechzehn Mal umgezogen.
Ilse Hehn: Ich habe Erinnerungen, zwar nicht an die frühen Jahre, denn ich war ein Jahr alt als wir auf der Flucht waren. Aber als wir zurückkamen, konnten wir nicht ins Haus. Wir sind dann nach Triebswetter und später nach Senmiklosch. Aber Lowrin ging uns nicht verloren; da waren die Großeltern geblieben. Und da wurde ich als Jüngste immer abgeschoben von der Familie. (Lacht – Anm. d. Red.) Ich war die quirligste! Ich kam nach Lowrin zu den Großeltern, wo ich jede Sommerferien verbracht habe.
Dr. Annemarie Podlipny-Hehn: Später, als wir das Haus zurückbekommen haben, ist meine Schwester Gerlinde nach Lowrin gekommen. Sie war verheiratet und war dann jahrelang in Lowrin Fotografin und hat in unserem Elternhaus gewohnt. Da sind wir dann mehrmals nach Lowrin gefahren.
Wir wollten wissen, ob Dr. Annemarie Podlipny-Hehn als älteste der drei Schwestern ein Vorbild und ein Bindeglied geworden ist. Die jüngste Schwester, Ilse Hehn, gab die Antwort:
Ilse Hehn: Annemarie ist Bindeglied geworden in dem Sinne, dass sie als Einzige hier geblieben ist, in Rumänien. Und wir zwei anderen waren in Deutschland. Sie war das Bindeglied dann zwischen Ferne und Heimat. Wir sind ja immer zu ihr gekommen. Also in dem Sinne ist sie Bindeglied zur Heimat. Sogar im konkreten Sinne und auch symbolisch.
Alle drei Schwestern sind im Kulturbereich tätig. Auch wenn ihre Tätigkeit den Lesern der Banater Zeitung wohl bekannt ist, soll noch einmal kurz daran erinnert werden, dass Dr. Annemarie Podlipny-Hehn als Kunsthistorikerin und Schriftstellerin tätig ist, Gerlinde Roos ist Fotografin und Restauratorin, Ilse Hehn ist Autorin und bildende Künstlerin. Ob sie Treffpunkte in ihrer Arbeit sehen, wollten wir danach wissen.
Dr. Annemarie Podlipny-Hehn: Mein Vater wollte, dass ich als die Älteste seinen Beruf übernehme. Das ist dann nicht passiert. Ich bin durch mein Studium in den Lehrberuf eingestiegen. Dann hat er meine mittlere Schwester (Gerlinde Roos, geborene Hehn – Anm. d. Red.) zur Fotografin erzogen. Sie hat dann diesen Beruf weitergeführt. Und ihre beiden Töchter sind auch auf die die Kunstschule gegangen; sie haben Werbekunst studiert.
Die Schwestern erinnern sich aber auch liebevoll an die Mutter und die Rolle, welche diese in ihrer Bildung gespielt hat:
Ilse Hehn: Die Mutti war künstlerisch sehr begabt. Sie hat uns allen drei Schwestern diesen Sinn für Ästhetik und für das Schöne, auch für Literatur vererbt. Gerlinde und ich, wir beide haben Kunst studiert, Annemarie hat Literatur studiert und sie beschäftigt sich auch mit Kunst, mit Kunstmonografien. Kunst und Literatur verbinden uns.
Dr. Annemarie Podlipny-Hehn: Wenn unsere Mutti nach dem Temeswar oder anderswohin gefahren und wieder nach Hause gekommen ist, hat sie uns keine Puppen gebracht und kein Spielzeug. Wir haben kein Spielzeug von ihr bekommen. Jedes Mal hat sie uns Bücher gebracht.
Ilse Hehn pendelt viel zwischen Kunst und Literatur. Wir fragten, wann sie fühle, dass ein gewisses Thema besser über die bildende Kunst und wann eher über die Sprache, über die Literatur rüberkomme.
Ilse Hehn: Ich sehe mich in der Literatur zu Hause. Wenn ich etwas zu sagen habe, wenn ich etwas spüre, ausdrücken will, dann nicht gleich in der Malerei, sondern zuallererst einmal durch das Wort in der Literatur. Und nachher kommt ein Bild dazu. Auch auf der Reise: Ich mache nicht zuerst das Bild über die Landschaft, sondern ich schreibe zuerst. Dann kommt die Malerei, die Kunst, ich würde sagen, die ist dann an zweiter Stelle, aber dennoch geht sie Hand in Hand in meinen Büchern, weil ich sie sehr oft einmische, einflechte.
Ob sich die Schwestern Gedanken gemacht haben, gemeinsam auszustellen, eine Vitrine ihrer mit verschiedenen Mitteln der Kunst und Literatur gewidmeten Leben darzubieten. Wenn sie sich auch noch keine Gedanken darüber gemacht haben, liegen wir nicht unrecht mit der Frage und beide Schwestern erwähnen liebevoll auch Gerlinde, die sie Linde nennen.
Ilse Hehn: Annemarie hat auch sehr viel gemalt, in Öl, zur Zeit von Podlipny. Ich male. Man kann die Bilder auslegen. Linde hat wunderschöne Aquarelle.
Dr. Annemarie Podlipny-Hehn: Linde ist eine der besten Schülerinnen von Podlipny gewesen.
Die letzte Frage sollte ungewollt zur Gretchenfrage werden, wir wünschten zu erfahren, welches ihrer Werke ihnen am liebsten ist.
Ilse Hehn: Kann man nicht sagen. Das letzte Werk liegt mir immer näher am Herzen. Alle Bücher sind mir wert. Sollte ich den Lesern der Zeitung eines meiner Bücher empfehlen, so wäre es „Heimat zum Anfassen oder: Das Gedächtnis der Dinge. Donauschwäbisches Erbe in Wort und Bild“ (2013 im Ulmer Gerhard-Hess-Verlag erschienen – Anm. d. Red.). Da sind Gegenstände aus dem Kulturgut der Banater, die heute unsere Enkelkinder gar nicht mehr kennen, fotografiert und mit Texten ergänzt. Von dem Buch hätte ich gerne noch einmal eine Neuauflage. Es geht mir um dieses Erbe, damit es nicht vergessen wird.
Dr. Annemarie Podlipny-Hehn: Immer ist es das jüngste Werk, ja, die „Banater Malerei vom 18. bis ins 20. Jahrhundert“. Es freut mich, dass wir das Buch grafisch sehr schön herausgebracht haben! (Das Album ist 2024 im Temeswarer Cosmopolitan Art Verlag erschienen. Anm. d. Red.)
Beide Schwestern haben sich in ihren Reden in Lowrin bei der Ehrung über den Heimatort geäußert, Dr. Annemarie-Podipny Hehn erinnerte an eine Reihe von markanten Lowrinern und Ilse Hehn erklärte für die BZ, dass sie „die Auszeichnung mit Bescheidenheit entgegennehme. Und mit Dank. Es hat mich sehr gerührt, und dass Sie uns alle drei eingeladen haben.“ Sie widmete Lowrin sogar ein Gedicht, Wurzeln. Ein Vers davon liest sich: „Dann schweigt alles. Nur die Wurzeln reden weiter.“














