„Gemeinschaft ist für mich ein Gefühl“

Interview mit Paul Binder, Vorsitzender des Kronstädter Ortsforums

Das Forum ist ein wichtiger Bestandteil des Lebens von Paul Binder | Foto: privat

Seit über einem Jahr leitet Paul Binder das Kronstädter Ortsforum und engagiert sich ehrenamtlich für den Erhalt der deutschen Gemeinschaft. Dem Forum ist der ehemalige Honterusschüler aber bereits seit vielen Jahren verbunden – als Leiter des Jugendforums und Mitglied im Vorstand des Ortsforums.
Im Gespräch mit KR-Redakteurin Laura Căpățână Juller redet Binder über Herausforderungen, Zusammenhalt und die Zukunft der deutschen Gemeinschaft in Kronstadt sowie auch darüber, warum für ihn Begegnungen die Grundlage jeder Gemeinschaft sind.


Herr Binder, Sie verwalten zwei Tochtergesellschaften eines deutschen Unternehmens in Kronstadt, haben drei kleine Kinder und engagieren sich ehrenamtlich im Forum. Was motiviert sie dazu?

Ich bin seit mehr als 20 Jahren im Forum, bin schon als Schüler in der 9. Klasse dem Jugendforum beigetreten. Damals gab es einen ifa-Kulturmanager und viele Veranstaltungen – Theater, Zeitung, Musik.

Ich bin sozusagen in das Forum hineingewachsen. Ich könnte fast sagen, es ist ein Teil von mir geworden. Damals habe ich gewissermaßen in die Wiege gelegt bekommen, wie wichtig Gemeinschaft ist und wie wichtig es ist, das Gemeinschaftsgefühl zwischen den Menschen zu stärken, die sich für die deutsche Kultur interessieren.

Es waren auch damals nicht viele Menschen im Forum, aber es waren wichtige Menschen. Menschen, die mit Jugendlichen geredet und sich um sie gekümmert haben. Inge Acker steht für mich da ganz oben auf der Liste.

Sie leiten das Ortsforum seit einem Jahr. Wenn Sie zurückblicken – was hat dieses Jahr geprägt?

Es ist überraschend viel Arbeit im Forum, aber ich wusste, worauf ich mich eingelassen habe.

Mir war wichtig, dass dieses Gefühl von Gemeinschaft und Zusammenhalt weitergegeben wird. Dass es Programme, nicht nur Gelegenheiten und Projekte, also einen langfristigen Ansatz gibt, damit diese Sache weitergeführt wird. Ich mache es für die Menschen welche teilhaben wollen: von meinen Kinder, bis zu den älteren Mitgliedern des Forums.

Im vergangenen Jahr ging es für mich vor allem um diese Ausrichtung, dass Sachen geschehen. Denn das ist keine Selbstverständlichkeit. Viele gute Ideen gibt es immer wieder und man kommt schnell zu dem Schluss: Das sollten wir machen! Aber sobald die natürliche Frage im Anschluss kommt: Wer macht es?“, dann wird es oft still.

Deshalb muss man sich bewusst sein, was man mit den vorhandenen Ressourcen machen kann – und auch, was man nicht machen kann.

Ich glaube, dass wir diese Ausrichtung etwas klarer hineinbringen konnten. Wir haben Veranstaltungen und Programme entwickelt, bei denen genau diese Dinge im Vordergrund stehen.

Ein schönes Beispiel ist die deutsche Vortragsreihe. Wir hatten mehrere Veranstaltungen, bei denen Menschen zusammengekommen sind, die daran interessiert sind, Kultur und Geschichte tiefer zu verstehen. Solche Begegnungen sind wichtig. Besonders freut mich, dass mehr Schüler und Studenten zu den Veranstaltungen kommen. Dadurch wurde auch die Zusammenarbeit mit der Transilvania-Uni und dem Deutschen Kulturzentrum angefeuert.

Sie sprechen oft von Gemeinschaft. Welche Bedeutung hat sie für Sie?

Für mich ist es ein Gefühl. Es entsteht dann, wenn man sich wünscht, wieder zusammenzukommen, sogar in der Freizeit. Wenn Menschen sagen: Das war schön, da möchte ich wieder hingehen. Genau dann merkt man, dass Gemeinschaft da ist.

Das Maisingen ist für mich ein gutes Beispiel dafür. Wir haben es heuer zum zweiten Mal veranstaltet. Dort ist genau das sichtbar geworden, was ich meine.

Aus Forumssicht verstehe ich das so. Wir wollen nicht unsere eigenen Projekte machen und die anderen dazu einladen. Wir wollen sie mit den anderen zusammen machen. Mit dem Kulturzentrum, der Kirche, der Zeitung, der Universität, der Schule usw. Die verschiedenen Kreise, die sich in Kronstadt mit der deutschen Minderheit engagieren. Dafür schlägt mein Herz hier. 

Welche Herausforderungen sieht das Forum heute?

Das Ortsforum arbeitet heute eigenständig. Das bringt viele Möglichkeiten mit sich, aber auch viel Verantwortung.

Früher liefen viele Projekte über das Kreisforum. Heute haben wir eine eigene Verwaltung und eine eigene juristische Person. Dadurch können wir Projekte gezielter vorbereiten und stärker auf die Stadt fokussieren.

Auf der anderen Seite gibt es heute eine viel größere Bandbreite an Interessen. Dazu kommen Social Media und all die Dinge, die man machen muss, wenn man professionell auftreten will. Es entstehen viele neue Möglichkeiten, aber auch viele neue Überlegungen.

Im vergangenen Jahr musste ich außerdem viele administrative Altlasten aufarbeiten. Es gab offene Fragen in den Archiven, bei Abrechnungen und anderen Verwaltungsaufgaben.

Wenn man als Ortsforum eigenständig arbeiten möchte, dann muss man die Dinge auch korrekt machen.

Gleichzeitig habe ich immer gesagt: Gerade im Jugend- und Kulturbereich braucht es Menschen, die die Freiheit haben, sich inhaltlich mit Kulturarbeit zu beschäftigen. Wenn also die Verwaltung gut klappt, dann kann das Forum zu einer Plattform werden, auf welcher gute, inhaltsreiche Kulturarbeit entsteht. Es geht nicht darum, Veranstaltungen auf die Beine zu stellen, die schön aussehen und Eindruck machen. Es geht darum, dass Inhalte da sind und dass dieses Gefühl da ist.

Um verstärkt in diese Richtung zu ziehen, freue ich mich daher sehr, dass wir die ifa-Kulturmanagerstelle in Kronstadt wieder haben und auch mit einer wertvollen Person, Annika Rachor, besetzen konnten.

Ich erinnere mich, als vor vielen Jahren Thomas Șindilariu ein Treffen zwischen Hans Bergel und Jugendlichen im Forum vermittelt hatte. Das war für mich eine Begegnung welche einen tiefen Eindruck und das Verständnis hinterlassen hat, dass unsere Gemeinschaft wertvolle Leute unter sich hat. Das ist auch heute noch so.

Damals hat jemand zu mir gesagt: Pass auf, da kommt ein Mensch den man alles fragen kann was einem durch den Kopf geht, z. B. auch wie war es, so viele Jahre im Gefängnis zu verbringen?

Genau solche Begegnungen bleiben und geben Mut für die Arbeit im Forum.

Ich würde mir wünschen, dass die deutschen Schulen in Kronstadt noch etwas aktiver an den Veranstaltungen des Forums teilnehmen. Ich glaube, dass das den Schülern viel bringen würde.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit dem Kreisforum?

Die Zusammenarbeit mit dem Kreisforum hat immer gut funktioniert. Natürlich gab es bei der Trennung unterschiedliche Meinungen. Auch heute gibt es noch Menschen, die das kritisch sehen. Aber die Vorteile sind aus meiner Sicht faktisch vorhanden.

Wir arbeiten in vielen Bereichen zusammen – bei kulturellen Projekten, bei Gedenkveranstaltungen, bei Themen rund um die Schulen oder bei den Blaskapellen.

Auch im Verwaltungsbereich konnten wir im vergangenen Jahr einige Dinge gemeinsam voranbringen.

Einer der Vorteile des eigenständigen Ortsforums besteht darin, dass man sich stärker auf die Stadt konzentrieren kann, während das Kreisforum Aufgaben auf Kreisebene wahrnimmt. Dadurch können beide Seiten gezielter arbeiten.

Wie erreicht das Forum neue Mitglieder?

Als ich Vorsitzender des Jugendforums war, wurde mir einmal die Frage gestellt: Wer ist heute eigentlich noch ein Siebenbürger Sachse?

Ich stamme aus einer Mischehe. Mein Vater ist Sachse aus Mediasch, meine Mutter ist Rumänin aus Schäßburg. Bin ich jetzt ein Sachse oder nicht? Hundert Prozent Siebenbürger bestimmt.

Und wer darf oder soll nun Mitglied im Forum werden? Zugehörigkeit kann man ja auch nicht messen, ich betonte in der Vergangenheit mal, dass es kein „Sachsometer“ gibt und diese scharfe Definierung auch nicht notwendig ist, denn die einzig logische Schlussfolgerung, insbesondere im heutigen Kontext, ist diejenige: Sachse ist derjenige, der sich als Sachse fühlt.

Es gibt Menschen mit sächsischen Vorfahren, denen das nichts bedeutet. Und es gibt Menschen ohne diesen Hintergrund, die sich trotzdem tiefgehend mit Geschichte und Kultur auseinandersetzen, die mitmachen, die Deutsch reden und anfangen zu verstehen und mitzufühlen.

Deshalb glaube ich nicht, dass man Zugehörigkeit erzwingen kann. Öffentlichkeitsarbeit ist auch wichtig, um über das Wirken des Forums nach Außen zu berichten. Es gibt Momente, in denen man bewusst auch auf Rumänisch kommunizieren muss. Man muss zeigen, dass man offen ist. 

Welche Rolle spielen Kultur und Geschichte für die Zukunft?

Für mich hängen Kultur, Geschichte und Gemeinschaft unmittelbar zusammen. Wenn Besucher durch Kronstadt gehen – egal ob Deutsche, Rumänen, Ungarn, Israelis oder andere –, dann sagen viele irgendwann: Diese Stadt hat etwas Besonderes. Und dieses Besondere ist auf Schritt und Tritt spürbar.

Für mich hängt das unmittelbar mit der Geschichte der Siebenbürger Sachsen zusammen. Man begegnet ihr überall.

Wir haben begrenzte Ressourcen und nicht viele Mitglieder. Aber wir haben eine besondere Geschichte, aus der man viel lernen kann – sowohl wir selbst als auch andere.

Oft wird auch gefragt, wie wir als ethnische Minderheit uns im großen Europa einbringen können. Ich denke eigentlich leben wir Siebenbürger Sachsen seit über 800 Jahren in einer Art kleinem Europa und wir bringen viel Erfahrung im Umgang in einer multiethnischen Gesellschaft mit, aus welcher man lernen kann. Deshalb ist es wichtig zu verstehen, was uns ausmacht.

Für mich sind das unsere Kultur und unsere Geschichte. Sie sind die Grundlage dafür, wie wir handeln und welche Verantwortung wir als Forum tragen.

Es gab früher einen gemeinsamen Kulturkalender der deutschsprachigen Institutionen. Wird es ihn wieder geben?

Wir arbeiten gerade darauf hin. Früher haben sich die verschiedenen Kulturschaffenden regelmäßig getroffen und ihre Programme abgestimmt. Daraus entstand ein gemeinsamer Kalender mit den wichtigsten Veranstaltungen von Forum, Kirche, Schule, Universität, Kulturzentrum und anderen Einrichtungen.

Was im Moment fehlt, ist weniger die Technik als die Absprache. Deshalb haben wir das wieder angestoßen, es sind bereits alle eingeladen und ein erster Termin findet in Kürze statt. Die Idee ist, wieder einen gemeinsamen Kalender zu machen – online, aber auch gedruckt.

Die Leute sollen sehen können, welche Veranstaltungen im nächsten Monat stattfinden. Das trägt auch zum Zusammengehörigkeitsgefühl bei.

Wie stellen Sie sich die Zukunft des Forums vor?

Ich sage gerne, dass ich mir wünsche, dass sich auch in zwanzig Jahren noch junge Menschen wünschen, Verantwortung im Forum zu übernehmen. Und das meine ich wirklich so.

Meine Frau und ich haben oft darüber gesprochen und sind immer wieder zur selben Schlussfolgerung gekommen: Gemeinschaft ist etwas Besonderes.

Vielleicht bemerkt man sie am besten, wenn sie plötzlich nicht mehr da ist. Für mich persönlich ging es spätestens in der 6. Klasse los: durch den Canzonetta Chor und die vielen Auftritte die wir hatten, den Konfirmationsunterricht, die Lehrer die sich Zeit für uns genommen haben, und die Arbeit im Jugendforum, später dann im Archiv der Honterusgemeinde, durch all das habe ich einen anderen Zugang zur Gemeinschaft entwickelt. Es waren nicht einfach die Eltern da, die mich überall mitgenommen haben. Ich habe meinen eigenen Bezug dazu finden müssen. Ich habe es erlebt, gesehen, ich habe mitgemacht und eine große Freude und mit der Zeit eine Mitverantwortung dadurch entdeckt. Und vielleicht kommt daher auch meine Überzeugung, dass Gemeinschaft etwas ist, das man nicht verordnen kann. Man muss es erleben.

Vielen Dank für das Gespräch!