Krisenfestigkeit über Generationen hinweg: Dr. Stephan Werhahn stellt sein neues Buch im Kronstädter Forum vor

Stephan Werhahn erwähnte bei seinem Vortrag europäische Probleme mit Lösungsvorschlägen. Foto: Bernice Krech-Lițoiu

Wie übersetzt man das politische Erbe eines der prägendsten Staatsmänner der europäischen Nachkriegsgeschichte in eine Gegenwart, die von Dauerkrisen geschüttelt wird? Diese Kernfrage brachte am Montagabend, dem 18. Mai, eine ganz besondere Dynamik in den Festsaal des Demokratischen Forums der Deutschen in Kronstadt (DFDK). Im Rahmen der „Deutschen Vortragsreihe“ und in enger Kooperation mit der Konrad-Adenauer-Stiftung präsentierte Dr. Stephan Werhahn – Wirtschaftsexperte, Jurist, Philosoph und Enkel des ersten deutschen Bundeskanzlers Konrad Adenauer – sein neues Buch „Europas Resilienz für Frieden, Freiheit und Wohlstand: Strategien und Lösungen über Generationen hinweg“.

In seiner Begrüßungsrede rief Paul Binder, der Vorsitzende des Kronstädter Ortsforums,  eine historische Perspektive in Erinnerung, die er vor rund 15 Jahren aus den Arbeiten des Historikers Thomas Nägler mitgenommen hatte: Siebenbürgen als ein „kleines Europa“, das in seiner jahrhundertealten Geschichte im Kleinen das vorweggenommen hat, was die Europäische Union heute im Großen darstellt – ein friedliches, produktives und multikulturelles Zusammenleben verschiedener Ethnien und Konfessionen.

Dr. Ioana Andrea Diaconu, Leiterin des Deutschen Kulturzentrums Kronstadt und mitverantwortlich für das Zustandekommen der Veranstaltung, drückte ihren Dank an Stephan Werhahn und das gesamte Organisationsteam aus. Die Möglichkeit, im Rahmen dieser Vortragsreihe „neu einzusteigen“ und den Mitgliedern sowie Freunden des Forums frische Perspektiven und neue Themenkomplexe zu eröffnen, sei von unschätzbarem Wert für die zukünftige Ausrichtung der Institution.

Die Veranstaltung, von Dr. Stefan Hofmann, Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Bukarest, als „intellektuelles Geburtstagsfest“ anlässlich des 150. Geburtstags von Konrad Adenauer bezeichnet, bot den Gästen weit mehr als eine klassische Autorenlesung. Es wurde ein Abend der schonungslosen Analysen, gefolgt von einer Diskussion mit dem Publikum.

Das Erbe des Großvaters: Flexibilität aus Prinzip
Einführend spannte Stefan Hofmann den Bogen zur historischen Figur Adenauers, dessen politischer Kompass von unumstößlichen Werten, aber auch von genialem Pragmatismus geprägt war. In Zeiten extremen Mangels nach dem Zweiten Weltkrieg bewies der einstige Kölner Oberbürgermeister nicht nur erfinderischen Überlebenswillen – etwa mit der Entwicklung von Sojabrot oder einem beleuchteten Stopfei –, sondern vor allem strategischen Weitblick. Seine Meilensteine wie die unumkehrbare Westbindung, die europäische Integration und die Soziale Marktwirtschaft bilden bis heute das Fundament.

Dr. Stephan Werhahn knüpfte in seinem Vortrag direkt an diese Mentalität seines Großvaters an. Eines der wichtigsten Führungsprinzipien Adenauers sei es gewesen, stets eine unerschütterliche Vision zu verfolgen, sich bei Blockaden jedoch völlig flexibel anderer Wege zu bedienen. Als 1954 die Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG) im französischen Parlament scheiterte, steuerte Adenauer kurzerhand um und sicherte den NATO-Beitritt Deutschlands. Genau diese visionäre, aber anpassungsfähige Entschlossenheit forderte Werhahn auch für das heutige Europa, das sich innerhalb der nächsten zwei Jahrzehnte radikal krisenfest umgestalten müsse.

Hebel für ein starkes Europa
Werhahn erläuterte die aktuellen Schwachstellen der Europäischen Union und stellte ihnen einige der im Buch ausgearbeiteten Lösungsansätze gegenüber:

Migration und die Partnerschaft mit Afrika
Bis zum Jahr 2050 wird Afrikas Bevölkerung um eine weitere Milliarde Menschen anwachsen. Werhahn warnte vor den populistischen Scheinlösungen rechter Parteien in Europa, die Angst schüren. Stattdessen forderte er eine strategische Win-Win-Situation: Massives europäisches Investment in afrikanische Start-ups und Wertschöpfungsketten vor Ort. Als Beispiel nannte er ein Projekt aus seiner eigenen Praxis, bei dem junge Afrikaner digital im IT-Bereich ausgebildet werden. Sie bleiben in ihrer Heimat, arbeiten aber via Internet für den europäischen Markt und lindern dort den Fachkräftemangel. Gleichzeitig kritisierte er die deutsche Migrationspolitik, die falsche Anreize setze, Flüchtlinge zu schnell finanziere und qualifizierte Fachkräfte abschrecke.

Sicherheit durch einen europäischen Verteidigungsbund
Angesichts geopolitischer Verschiebungen plädiert Werhahn für einen eigenständigen Europäischen Verteidigungsbund, der im Gegensatz zur EU abseits des Einstimmigkeitsprinzips mit qualifizierten Mehrheiten entscheidet und auch Nicht-EU-Staaten wie Großbritannien einbezieht. Die Integration müsse vor allem über gemeinsame Rüstungstechnologie erzwungen werden – ähnlich wie es in den 1990er-Jahren beim Aufbau der Airbus-Gruppe oder im Schienenverkehr (ICE/TGV) gelang, den Werhahn bei Siemens selbst mitgestaltete.
Konsequenter Föderalismus

Werhahn fordert eine strikte Rückbesinnung auf das Subsidiaritätsprinzip. Entscheidungen müssen radikal auf der untersten Ebene, angefangen beim Bürger, dann über die Kommune, getroffen werden. Erst wenn eine Aufgabe dort nicht gelöst werden kann, wandert die Kompetenz eine Stufe höher. Das stärke die politische Verantwortung an der Basis.

Demografie und Steuern
Das umlagefinanzierte Rentensystem, das unter Adenauer auf fünf Beitragszahler pro Rentner ausgelegt war, steuert durch den demografischen Wandel auf ein unhaltbares 1:1-Verhältnis zu. Werhahn schlägt eine grundlegende Reform vor: Das veraltete Ehegattensplitting muss durch ein echtes „Familiensplitting“ ersetzt werden, bei dem Kinder steuermindernd wirken, um echte finanzielle

Anreize für junge Familien zu schaffen.
Wirtschaftskrise und europäische Öffentlichkeit
Hohe Energiekosten, lähmende Bürokratie und eine oft ideologisch geprägte statt technologieoffen geführte Klimapolitik bremsen Europas Innovationskraft. Zudem bemängelte er das Fehlen einer echten „europäischen Öffentlichkeit“. Neben Englisch als klarer Arbeitssprache brauche es transnationale Medienformate nach dem Vorbild des Senders ARTE, um Missstände länderübergreifend aufzudecken.

Europas Resilienz beginnt genau hier
Dass Werhahns Thesen den Nerv der Kronstädter Zuhörer trafen, zeigte sich in der anschließenden Diskussion, die vom Publikum gut genutzt wurde. Nach der Diskussion bedankte sich Stefan Hofmann bei allen Beteiligten für die Vorbereitung. In einer humorvollen Metapher lobte er das Team und die Kooperationspartner vom Deutschen Kulturzen-trum, die sich mit so viel Elan „in die Menschen geworfen“ hätten, „fast wie bei einem Metallica-Konzert“.

Dieses Schlusswort entließ die Gäste in einen weiteren, lockeren Austausch bei Getränken und kleinen Speisen. Die mitgebrachten Buchexemplare konnten gegen eine Spende erworben werden. Am Ende blieb die Gewissheit: Europas Re-silienz ist kein abstraktes Konstrukt aus Brüssel oder Bukarest – sie beginnt genau hier, im lebendigen, generationenübergreifenden Dialog an der Basis unserer Gemeinschaft.