Von Inseln und Kontinenten

Schriftsteller Cătălin Dorian Florescu in Kronstadt

„Die erste schwindelerregende Reise war die durch meine Mutter“. So fängt der Roman  „Zaira“ von Cătălin Dorian Florescu an. Nach Jahrzehnten im amerikanischen Exil kehrt die Puppenspielerin Zaira nach Bukarest zurück und lässt ihre Lebensreise Revue passieren: die Kindheitsidylle auf dem großelterlichen Landgut, die Schrecken der Kriegsjahre, die abenteuerliche Flucht in den Westen, ihre Begabung als Marionettenspielerin – und ihre große Liebe zu Traian. Ihn hatte sie einst verlassen, aber nie vergessen. Nun will sie ihn wiedersehen. Der Roman beruht auf einer wahren Geschichte, die wirkliche Zaira durfte der Schriftsteller in Temeswar kennenlernen. Über sie und über andere Menschen und Geschichten, die ihn zu seinen Büchern inspirierten, sprach Cătălin Dorian Florescu am Abend des 22. Oktober im Rektorat der Transilvania-Universität. Eine Lesereise führte den „schweizer Schriftsteller mit rumänischer Seele“, so wie er von sich selbst sagt, in diesem Herbst durch sein Heimatland Rumänien. Auch Kronstadt war eine Station, wo er auf Einladung des Deutschen Kulturzentrums aus seinen Büchern las und dem Publikum den Entstehungsprozess mehrerer Romane erklärte. 

Die Dacia mit doppeltem Boden und der Schriftsteller als Spürhund

Es war eine Dacia mit doppeltem Boden, wo ganz viele Geldscheine versteckt waren, die den 15-jährigen Cătălin Dorian Florescu im Jahr 1982 über die Grenze brachte. Damals verließ der Jugendliche zusammen mit seiner Familie die Heimatstadt Temeswar und fing ein neues Leben in der Schweiz an. Die Geldscheine, erinnert er sich heute, waren natürlich im Westen wertlos. Und auch als die Familie nach dem Fall des Kommunismus zum ersten Mal nach Rumänien zurückkehrte, konnte man hier mit dem Geld nichts mehr machen. 

Obwohl er seit mehr als vier Jahrzehnten in der Schweiz lebt und seine Romane in deutscher Sprache verfasst, sind alle von ihnen liebevolle Portraits des Landes im Karpatenbogen. „Die Neugierde gegenüber Rumänien ist lebendig geblieben. Wäre sie erloschen, dann würde ich über ganz andere Sachen schreiben.“

Ein blinder Büchernarr in einem rumänischen Kurort, der sich aus den Büchern der Weltliteratur vorlesen lässt, ein junger Mann aus dem schwäbischen Dorf Triebswetter im rumänischen Banat, eine  Puppenspielerin, die aus Amerika nach Temeswar zurückkehrt, um ihre große Liebe ein letztes Mal wiederzusehen, ein Bukarester Feuerwehrmann – alle diese Figuren haben ihre Korrespondenten in der Wirklichkeit. 

„Ich bin wie ein Spürhund, der immer auf der Lauer ist nach neuen Themen. Wenn ich fühle, dass irgendwo eine Spur existiert, bewege ich mich in die Richtung.“

Die Spur hat er auch erspäht, als ihm eine Freundin aus Zürich über einen blinden Masseur aus Moneasa erzählte, der 30.000 Bücher gesammelt hat und der seine Kunden bittet, ihm daraus vorzulesen. „Ich fuhr nach Moneasa, um den blinden Masseur kennenzulernen. Er öffnete die Tür. Im Regal leuchteten die Bücher“, erinnert sich Florescu. „Ich habe zwei große Antennen, die dauernd erspähen und suchen, ob es etwas dort draußen in der Welt gibt.  Ich breite mir ein Spinnennetz aus, und in diesem Netz fangen sich Geschichten ein”.

Der Weg zum ersten Satz 

Eine dieser Geschichten, die Florescu in seinem Spinnennetz aufgefangen hat, ist die von Zaira. 

Auch die wirkliche Zaira ist aus den USA nach Temeswar zurückgekehrt, um ihrer großen Liebe noch einmal zu begegnen. Florescu wollte die Frau unbedingt kennenlernen. Aus 10 Minuten wurden drei Tage, in denen sie fast ununterbrochen miteinander erzählten. Der Schriftsteller merkte gleich, dass es sich um eine „ganz große Geschichte” handelt und er folgte der Frau nach Washington. „Bevor der erste Satz entstand, gab es stundenlange Gespräche, Spaziergänge, Erkundungen, Fotografien.“ Denn die Arbeit eines Schriftstellers ist nicht nur am Schreibtisch, sondern oft draußen in der Welt. Die Recherche-Arbeit kann ein paar Monate dauern, oder ein paar Jahre. 

„Inzwischen geht die Geschichte in mir auf wie ein Brotteig. Am Ende verwende ich vielleicht 0,1 Prozent aller Informationen, die ich gesammelt habe. Aber damit diese 0,1 Prozent existieren und damit der erste Satz auf dem leeren Blatt Papier entsteht, brauche ich all diese Informationen. Zu diesem Zeitpunkt will ich aber nicht alles über die Geschichte wissen, die gerade entsteht. Zu diesem Zeitpunkt ist die Geschichte wie ein Insel-Archipel. Um mich herum sind mehrere Inseln und wenn ich schreibe, dann gebe ich Erde hinzu und am Ende wird aus diesen Inseln ein Kontinent.“

Der Feuerturm als Zeuge eines ereignisreichen Jahrunderts 

Auch für den letzten Roman, „Der Feuerturm“, hat Florescu jahrelang gründlich recherchiert. 

„Auf meinen Spaziergängen durch Bukarest habe den Feuerturm (Foișorul de foc) entdeckt. Für viele Bukarester ist es nur ein Turm. Doch für mich war er von Anfang an faszinierend. 1892 war er das größte Gebäude in Bukarest. Und ich habe ihn wie einen stummen Zeugen eines ereignisreichen Jahrhunderts betrachtet. 

Manche Leute haben sich unter diesem Turm verliebt, andere haben sich von diesemTurm in die Tiefe geworfen. Manch Feuerwehrmann ist mit seinem Sohn hinaufgeklettert und hat ihm die Stadt von oben gezeigt. Damals, als noch keine Wohnblocks existierten, konnte man bis sehr weit entfernt sehen.“ Ein Taxifahrer, mit dem er sich später befreundete, hat ihn dann durch die Stadt gefahren, um Geschichten zu sammeln, damit er ein möglichst lebendiges Bild vom Bukarest des lezten Jahrhundert zeichnen konnte. Victor Stoica, der Ich-Erzähler dieses Romans, dessen Familie seit Generationen Feuerwehrmänner stellt und beim Turm lebt, ist der erste, der mit dieser Tradition bricht. Aber sein Leben, das von einem tückischen Verrat gebrandmarkt ist, steht doch ganz im Zeichen des Turms. Victor, Opfer der Repression, der durch die Hölle gehen musste, erlebt 1989 wider Erwarten, dass es doch möglich ist, auf Freiheit und Glück zu hoffen. 

Das Schreiben ist für Florescu ein Akt der Liebe. „Man schaut dem geliebten  Menschen in die Augen und sieht seine Seele. Genauso ist es mit dem schöpferischen Akt: man staunt dauernd über die Welt, man schaut sie an und sieht dabei über das Herkömmliche hinaus.“ 
 


Cătălin Dorian Florescu, 1967 in Temeswar geboren. Im Sommer 1982 floh er mit seinen Eltern in die Schweiz. Nach einem Studium der Psychologie und Psychopathologie arbeitete er von 1995 bis 2001 als Psychotherapeut in einem Rehazentrum für Drogenabhängige. Sein erster Roman, „Wunderzeit“, erschien 2001. Es folgten die Romane „Der kurze Weg nach Hause“ (2002), „Der blinde Masseur“ (2006) und „Zaira“ (2008). Sein Werk, das in mehrere Sprachen übersetzt ist, wurde bereits mehrfach ausgezeichnet, unter anderem 2001 mit dem Chamisso-Förderpreis und 2003 mit dem Anna Seghers-Preis. Für den Roman „Jacob beschließt zu lieben“, erhielt er 2011 den Schweizer Buchpreis. Zudem wurde er mit dem Joseph von Eichendorff-Literaturpreis 2012 für sein bisheriges literarisches Werk ausgezeichnet. 2013 wurde er als korrespondierendes Mitglied in die Baye-rische Akademie der Schönen Künste gewählt. 2018 wurde ihm der Andreas-Gryphius-Preis für sein Gesamtwerk zugesprochen, außerdem erhielt er vom rumänischen Präsidenten die Kavaliersmedaille für kulturelle Verdienste. Cătălin Dorian Florescu lebt als freier Schriftsteller in Zürich.