Der 1957 geborene András Visky ist ein namhafter ungarischer Dramatiker und Regisseur, der in Klausenburg/Cluj-Napoca lebt und arbeitet. Nach Jahrzehnten, in denen er Theaterstücke, Gedichte und Essays schrieb, veröffentlichte er 2022 seinen ersten Roman: „Die Aussiedlung“ („Kitelepítés“). Im Herbst 2025 erschien das Werk in deutscher Übersetzung von Timea Tankó. Auch im deutschsprachigen Raum sorgt das Werk für Furore, wie zuvor schon in Ungarn. Binnen kürzester Zeit musste der Suhrkamp Verlag eine zweite Auflage drucken.
Dieser autobiografische Roman ist in der Tat bahnbrechend. Er macht auf beklemmende Weise betroffen und versetzt das Publikum beim Lesen immer wieder in Schockstarre. Und das trotz des atemlosen Stakkatos als Erzählstil. Visky unterteilt sein Buch in 822 durchnummerierte Minikapitel. Es sind Miniaturen des Grauens.
Dieser Roman gilt schon kurz nach Erscheinen zu Recht als epochal, gab es doch seit Eginald Schlattners „Rote Handschuhe“ und Herta Müllers Œuvre im Ringen mit der Securitate keine so substanzielle wie persönlich existenzielle literarische Auseinandersetzung mehr mit dem roten Terror des rumänischen Totalitarismus in deutscher Sprache, wenn auch hier in Übersetzung aus dem Ungarischen.
Der Erzähler András ist hier nie Akteur, sondern bleibt stets Opfer, im Bangen und Hoffen, im Erleben und Erleiden, im Wahrnehmen und Weitergeben. Der Roman atmet dadurch fast schon eine gewisse Reinheit in der Unschuld. Visky bewältigt hier keine eigene Verstrickung oder eigenes Versagen, sondern dechiffriert die Mechanismen der Diktatur durch bloßes Nacherzählen des Erlebten, das dadurch packender wird als jede sachliche Darstellung. Und das wohlgemerkt aus kindlicher Perspektive, die Jahrzehnte später aufbereitet wird.
Der Erzähler András ist das jüngste von sieben Kindern. Er liebt seine tapfere Mutter Júlia über alles und muss miterleben, dass sein Vater, ein bekannter reformierter Pastor aus Klausenburg, als Regimegegner aus dem Haus weg verhaftet und zu 22 Jahren Zwangsarbeit verurteilt wird. Die Familie wird in Sippenhaft genommen, aus der gewohnten Umgebung gerissen und in die B²r²gan-Steppe verschleppt. Sie richten sich in Erdhöhlen und in verlassenen Dörfern ein, beaufsichtigt von anonymen Behörden und drangsaliert von primitiven Peinigern.
Totale Überwachung und gleichzeitig absolutes Ausgeliefertsein sind Alltag und werden zur primären Lebenserfahrung der Kinder neben ihrer Mutter. Sexuelle Begehrlichkeiten von Mitverbannten und Aufsehern gegenüber der selbst in der Haft noch attraktiven Mutter bis hin zur Vergewaltigung, penible wie systematische Entrechtung, Entmenschlichung und Entwürdigung – all das erlebt und schildert, ja seziert der Erzähler schonungslos wie in einem Tagebuch. Er entwickelt darin eine messerscharfe Radiografie dieser hoffnungslosen Verbannung und „Aussiedlung“ aus dem bisherigen Leben. Solches wiederum traf alle, die sich dem Mainstream aus Ideologie und Idiotie des kommunistischen Systems und Regimes widersetzten – oder auch nur zu entziehen suchten.
Über dem alltäglichen Kampf von András, seiner Mutter Júlia und der Geschwister um das eigene Überleben zwischen systematischen wie spontanen, manchmal auch alkoholbefeuerten Schikanen, zwischen dem Kratzen gegen Läuse und der Sorge um das täglich Brot schweben die blanke Angst und die panische Furcht vor dem Tod des Vaters. Dies beherrscht die Gefühlswelt der Verbannten, der „Ausgesiedelten“ des Systems. Der „leere Talar“ auf der Wäscheleine (S. 379) wird zum Bild für die Hoffnung auf des Vaters Wiederkehr, die dann auch kommt.
Der Vater ist als reformierter Pastor und Intellektueller grundsätzlich ein Gegner des Systems, die Mutter genauso geistreich wie patent und pragmatisch. Visky zelebriert seine Aufarbeitung des selbst Erlebten auch mit zahlreichen biblischen Bezügen und Zitaten durch. Strukturierte Erinnerung und immer wieder aktuell aufscheinendes Entsetzen gewinnen im Rückblick gleichermaßen Macht über den Ich-Erzähler. Umso authentischer und plastischer wird und wirkt diese Darstellung, die dabei auch unverhofft und doch gezielt immer wieder Fragen von Geschichte und Identität aufrollt.
Ebenso häufig werden historisch-politische Hintergründe und religiöse Vollzüge etwa der Orthodoxie eingeflochten, manchmal auch als Gegenwelt zum Erlebten. Begegnungen mit Mitverbannten zeigen das eigene Erleben als keineswegs singuläre Erfahrung des gebrochenen oder ungebrochenen Widerstands. Die meist kryptisch kurz formulierten Zwischenüberschriften zu mehreren dieser Minikapitel bieten dabei keine konzentrierten Inhaltsangaben, sondern eher erratische Impulse, die aber doch (ein)ordnend wirken.
Auch die Sprachbarriere der ungarischen Verbannten in Aussprache und Kommunikation thematisiert Visky. Spitzel, Milizionäre und Verbündete treten auf, Tote im Schnee und im Fluss der Donau, konspirative Wohnungen und Baracken mit Stampflehmboden, Verhörräume und –situationen werden erzählerisch besichtigt, Kirchen und Securitate-Gebäude in räumliche Distanz gesetzt, zudem Altarbilder und Parteiparolen widersprüchlich wahrnehmbar, die den unüberwindlichen Hiatus zwischen Wahrheit und selbstgesetzter Pseudowirklichkeit der Diktatur und des Regimes traurig veranschaulichen. Der Leidensweg der Familie wird auch an den Stationen der Verbannung plastisch deutlich.
Visky schildert die Wahnvorstellungen des Systems, wenn etwa die Genossen gegen „mangelnde Wachsamkeit“ und „revolutionäre Schlampigkeit“ kämpfen und die fehlende Registrierung von „Namen der feindlichen Kinder“ beklagen, da auch diese „in der Bevölkerung gegen die noch fragile Volksdemokratie agiert haben“ (S. 121). Und er benennt Absurditäten des Systems wie den „Landesbund Kommunismus Unterstützender Politischer Häftlinge“.
Zur Chiffre für diese Existenz in der Bedrohung wird das Gefängnis: „bei dem Wort Vater denke ich an Gefängnis, das Gefängnis kann ich mir gut vorstellen, dabei habe ich weder meinen eigenen Vater im Gefängnis noch überhaupt jemals ein Gefängnis gesehen, trotzdem sehe ich es vor mir, vielleicht, weil wir mit diesem Wissen geboren werden und das Gefängnis schon immer in uns ist, in uns allen“ (S. 154) Unerbittlicher kann man die erschreckende, einengende und erstickende Umhausung des Ichs im Totalitarismus kaum beschreiben, jene „innere Schere“, die dem Denken das Denken vorgibt.
Aus der Verzweiflung der Verbannten wird dann traurige Todessehnsucht und Zweifel am Glauben, der sich auch in ausweglosem Fatalismus äußert: „der zwölfjährige Bruder Ferenc hatte nach eigener Aussage zwischen Freidorf und Fete{ti seinen Glauben verloren, irgendwo auf der Strecke, auf einer Zweigbahn, im Viehwaggon, vielleicht sogar auf dem Bukarester Güterbahnhof Gara de Nord, wo man uns eine ganze Nacht lang hin und her schob“ (S. 221). Dabei wirkten die Waggontür und die Schiebetür „wie eine horizontale Guillotine“ (S. 223).
Der Teufel wirkt als der „listigste Hoffnungskrämer“ und die Verbannten werden zu seinen „treuen Abonnenten“ als „gewiefte Hoffnungsjäger“, denn „das Fundament und stabilisierende Element jedes Zwangsarbeits- und Konzentrationslagers ist die Hoffnung“ (S. 228). Der Glaube an das Leben im Jenseits obsiegt dann über den Glauben an das irdische Leben. András formuliert dazu erschütternd: „an einem Leben im Jenseits zweifle ich nicht, daran nie, an das Leben im Diesseits glaube ich nicht“ (S. 394).
Die gemeinsam erlebten Jahre des Erzählers im Gulag – vier Jahre, zwei Monate und achtzehn Tage – werden in diesem Roman zu einer traurigen Bilanz eines im Kindesalter traumatisierten Lebens verdichtet. Das himmlische Jerusalem und das „Freie Europa“ werden dabei zu Metaphern für Hoffnung und Zukunft. Hier liegt zweifellos ein schriftstellerisches Meisterwerk vor, das zugleich einen Meilenstein der Erinnerungskultur im Blick auf den Kommunismus und Totalitarismus in Rumänien bis 1989 setzt.
András Visky:, „Die Aussiedlung“ (Roman). Aus dem Ungarischen von Timea Tankó; Suhrkamp Verlag, Berlin 2025 (2026), geb., 456 S., ISBN 978-3-518-43245-7





