Peter (65), der sich heute nur noch „The Nonconformist“ nennt, hat viele Leben gelebt, von Stuttgart über Zürich und London bis nach Temeswar/Timișoara: Er war Teil der Punkbewegung der 1980er Jahre, organisierte Konzerte für alternative Bands, arbeitete in der Londoner Modeszene, fotografierte Musiker und Aktivisten, gestaltete Gärten und stand nach einem Herzstillstand plötzlich vor der Frage, wie er wirklich leben möchte. Nun lebt er seit zwei Jahren in Temeswar, wo er ein neues Zuhause gefunden hat und wo er sich weiter künstlerisch ausdrücken, aber auch seine Erfahrungen weitergeben und weitere junge Menschen für Fotografie begeistern will, um dabei die Welt bewusster wahrzunehmen.
Peter wurde in Stuttgart geboren und wuchs in einem politisch geprägten Elternhaus auf. Früh entwickelte er eine rebellische Haltung gegenüber gesellschaftlichen Normen. „Meine Mutter war sehr politisch. Deshalb bin ich auch ein politischer Künstler geworden. Ich fühlte mich immer wie ein Außenseiter. Aber ich hatte nie ein Problem damit“, erzählt er.
Seinen Künstlernamen „The Nonconformist“ wählte er bewusst. Inspiriert wurde er unter anderem vom geheimnisvollen Street-Art-Künstler Banksy. „Niemand wusste lange, wer Banksy wirklich ist. Dieses Mysteriöse hat mich fasziniert“, sagt er. „Natürlich steckt in dem Namen auch viel von dem, was ich selbst bin“, setzt er fort.
Schon als Jugendlicher zog es ihn in alternative Szenen. Ende der 1970er- und Anfang der 1980er-Jahre pendelte er zwischen Stuttgart und Zürich, arbeitete als Fotograf und tauchte tief in die Subkultur der damaligen Zeit ein. Im legendären alternativen Kulturzentrum „Rote Fabrik“ in Zürich organisierte er Konzerte, arbeitete mit Künstlerkollektiven und bewegte sich in einer kreativen Szene zwischen Punk, Musik und politischem Aktivismus.
1986 zog Peter nach London – eine Stadt, die damals als Zentrum der alternativen Kultur Europas galt. „London war damals genau der Ort, an dem ich sein musste. Es gab Musik, Filme, Kunst, Mode – die Stadt war voller Energie“, erzählt er. Dort gründete er eine Musikagentur, organisierte Konzerte und arbeitete mit Bands zusammen, die später weltberühmt werden sollten. Darunter auch die Shoegaze-Legende „My Bloody Valentine“. Beson-ders stolz ist er darauf, eines der ersten Londoner Konzerte von Björk organisiert zu haben – damals noch mit ihrer Band „The Sugarcubes“. Gleichzeitig engagierte er sich politisch gegen das Apartheid-Regime in Südafrika. Er organisierte Benefizkonzerte zur Unterstützung der Anti-Apartheid-Bewegung und setzte sich für die Freilassung von Nelson Mandela ein. „Für mich hatte Politik immer eine menschliche Dimension, es ging darum, Menschen zu unterstützen“, sagt er.
Neben der Musik arbeitete er viele Jahre als Fotograf für die London School of Fashion und dokumentierte Kollektionen und Arbeiten junger Designer. Doch mit der Digitalisierung veränderte sich die Branche grundlegend. „Mit Smartphones begannen die Studenten plötzlich selbst zu fotografieren. Ein ganzer Bereich der professionellen Fotografie verschwand“, erinnert er sich.
Vom Fotografen zum Gartendesigner
Peter erfand sich aber neu. Aus seiner Liebe zur Natur heraus begann er eine Ausbildung in Floristik und Gartenbau und arbeitete viele Jahre als ökologischer Gartendesigner. Geprägt wurde er von seinem Großvater, mit dem er als Kind viel Zeit draußen in der Natur verbrachte und der leidenschaftlich über Pflanzen, Tiere und Gärten sprach.
Doch auch London begann sich für ihn zu verändern. „Die Stadt verlor ihre Seele“, sagt er: „Früher gab es kleine Galerien, kreative Räume und Kultur. Dann kamen Luxuswohnungen und Investoren.“ Der Brexit wurde schließlich zum Wendepunkt. „Ich fühlte mich immer als Europäer. Nach dem Brexit konnte ich mir nicht mehr vorstellen, dort zu bleiben“, erzählt der Künstler.
Überraschende Liebe zu Rumänien
2017 reiste Peter zum ersten Mal nach Rumänien – ursprünglich nur für wenige Tage nach Großwardein/Oradea. Er erinnert sich, dass er sofort eine Verbindung zu diesem Land empfand. Die Menschen waren offen, herzlich und direkt, sagt er – der Auslöser für eine wichtige Entscheidung, nach Rumänien zu ziehen. Hier engagierte er sich in Kulturprojekten und verwandelte mit einer NGO sogar einen Parkplatz in einen Gemeinschaftsgarten. Während der Pandemie begann er, sein Leben neu zu überdenken. Auch gesundheitlich. Nach einem schweren Herzinfarkt und einem klinischen Tod von 15 Minuten änderte sich seine Perspektive grundlegend. „Es wurde mir klar, dass ich wieder Kunst machen muss. Ich bin Fotograf. Ich bin Künstler. Das ist mein Leben“, sagt er entschlossen.
Und Temeswar?
„Diese Stadt inspiriert mich jeden Tag“, sagt Peter. „Ich habe hier wirklich das Gefühl, angekommen zu sein“. Vor zwei Jahren zog Peter nach Temeswar – eine Stadt, die ihn sofort faszinierte. „Jedes Mal, wenn ich hierherkam, hatte ich das Gefühl: Hier sollte ich leben“, erzählt er begeistert. Besonders beeindruckt hat ihn die kulturelle Vielfalt der Stadt, die unglaubliche kulturelle Energie – von der Oper bis zur Straßenmusik – aber auch die Architektur inspiriert ihn täglich als Fotograf. „Ich liebe Gebäude, die ihre Geschichte zeigen“, sagt er und zeigt auf die Gebäude am Domplatz. Perfektion interessiere ihn weniger als Authentizität. „Wenn Mauern Spuren tragen, wenn Fassaden nicht perfekt restauriert sind, dann erzählen sie etwas. Wenn alles geschniegelt und perfekt ist, verliert eine Stadt ihre Seele“, setzt er fort.
Ein neues Kapitel mit 65
Mit 65 Jahren wirkt Peter keineswegs wie jemand, der sich zur Ruhe setzen möchte. Im Gegenteil: Er spricht voller Energie über neue Projekte, Ausstellungen und langfristige fotografische Arbeiten. Heute widmet er sich wieder vollständig der Fotografie. Täglich veröffentlicht er Bilderserien auf Instagram und dokumentiert das Leben um ihn herum – Straßenszenen, Fenster, Menschen, Lichtstimmungen. Er sei nicht nur ein Straßenfotograf, sondern ein Fotograf des Lebens, sagt er entschlossen. Seine Fotografien können auf der Webseite Thenonconformist.xyz oder auf der Instagramseite „Then Oncon-Formist“ gesehen werden.
Ein Teil seiner fotografischen Dokumentation wurde Anfang April innerhalb seiner ersten Foto- und Videoausstellung in Temeswar „The Nonconformist / On my travels…“ im DIGITAL:CANVAS-Raum zur Schau gestellt. Dabei handelte es sich um eine Ein-Abend-Veranstaltung, die sein Leben als Künstler, der sich für Punk, urbane Kunst und Reisen begeistert, beleuchtete.
Fenster und ihre verborgene Geschichten
Besonders am Herzen liegt Peter sein Projekt „Language of Windows“ (Sprache der Fenster), an dem er seit über 30 Jahren arbeitet – eine Sammlung von Fensterfotografien aus verschiedenen Ländern Europas. „Fenster erzählen Geschichten, manchmal sagen sie sogar mehr über Menschen aus als Porträts“, sagt er. Gemeinsam mit einem rumänischen Dichter möchte Peter daraus nun ein Buch entwickeln, in dem Fotografien und Gedichte miteinander verschmelzen.
Bis dahin aber möchte Peter auch andere junge Menschen für Fotografie begeistern. So organisiert er nun gemeinsam mit der Temeswarerer Künstlerin Livia Mateia{ den Workshop „On Our Travels“ (Auf unseren Reisen), der am 23. und 24. Mai in Temeswar stattfindet.
Der Workshop richtet sich an Menschen, die lernen möchten, bewusster zu fotografieren – unabhängig davon, ob sie eine professionelle Kamera oder nur ein Smartphone besitzen. „Es geht nicht darum, das perfekte Bild zu machen. Es geht darum, Emotionen bzw. das Leben zu sehen“, betont Peter.
Seine Philosophie stammt noch aus der analogen Fotografie, als ein Film früher nur 36 Bilder hatte. Deshalb musste jedes Bild zählen. „Man lernte zuerst, zu sehen – und erst dann abzudrücken“, sagt er. Die Teilnehmer sollen deshalb lernen, langsamer zu werden, genauer hinzuschauen und Bilder zunächst „im Kopf“ entstehen zu lassen. „Wenn du immer nur nach dem perfekten Foto suchst, übersiehst du vielleicht genau das Bild, das wirklich etwas erzählt“, sagt Peter.
Der zweitägige Workshop endet mit einer gemeinsamen Ausstellung im Kulturraum DIGITAL: CANVAS in Temeswar. Dort werden ausgewählte Arbeiten der Teilnehmer präsentiert.
Für Peter ist das Projekt weit mehr als nur ein Kurs. Er möchte Menschen inspirieren, die Welt bewusster wahrzunehmen. „Fotografie ist kein Wettbewerb. Sie ist eine Verbindung mit dem Leben“, schließt er.









