Unter dem Titel „Die Sozial- und Gesellschaftskritik in den Epigrammen von Ionel Alex. Teodoreanu“, alias „Păstorel“, fand am 10. November im Hotel Korotan (Wien-Josefstadt) ein dem Rechtsanwalt und Epigramm-Dichter Alexandru O. Teodoreanu (1894- 1964) gewidmeter literarisch-musikalischer Abend statt. „Păstorel“, Bruder des weitaus bekannteren Ionel Teodoreanu, den feuchten Bacchusfreuden zugetan, verkehrte in seiner Geburtsstadt Jassy/Iași und später in Bukarester Bohèmekreisen als Poet und Lebemann; er rief bei kritischen Lesern durch den beißenden Spott seiner Epigramme Begeisterung und Hochachtung hervor.
Dieser Spott zielte vor allem auf die neue kommunistisch geprägte Gesellschaftsordnung und deren Potentaten, wobei aber auch Schriftsteller, wie Mihail Sadoveanu („Mitrea Cocor“), wegen dessen Kniefall vor den nunmehrigen Machthabern nicht ausgenommen wird.
Dass vor allem regimetreue und nicht Spitzenfachleute in hohe Ämter rumänischer Ministerien, Universitäten und in jene der Akademie der Wissenschaften gehievt wurden, war kein Geheimnis, doch wer seinen diesbezüglichen Unmut öffentlich zu äußern gewagt hatte, dem wurden 20 Jahre Zuchthaus aufgebrummt:
Cine-i mare, dă din mână și-are 4 la română?
Cine-i la academie și-are 4 la chimie?
Cine-n țară este tare și-are 4 la purtare?
Toate trei de le ghicești, 20 de ani primești.
Nicht gerade lobenswert sind für Păstorel die offiziellen Einrichtungen des kommunistischen Regimes, wie z. B. der Schriftstellerverband, in dessen Restaurant die wahren und vermeintlichen Künstler sich von morgens bis abends volllaufen lassen, doch nicht alle sind dem Alkohol verfallen: Ein Teil der Zecher zählte wohl zu den Spitzeln (turnători), die ihre alkoholisierten Schriftstellerkollegen aushorchten.
Kein ungekrümmtes Haar lässt Păstorel auch an den von der östlichen Siegermacht nach dem Zweiten Weltkrieg gestellten Ansprüchen zur Wiedergutmachung. Nichtsdestoweniger Verständnis äußerte Păstorel für die amerikanische Ostpolitik. Während einer Entwöhnungskur im Bukarester Sanatorium Dealul Filaretului auf der Șoseaua Viilor (Weinstraße) gelegen, verfasste Păstorel höchstwahrscheinlich sein letztes Epigramm:
Culmea ironiilor
și râsul copiilor
Să pun punct bețiilor
Pe Șoseaua Viilor!
Die Saufereien auszumerzen:
Wohl Höhepunkt der Ironie.
Soll hier erfolgen zum Kinder-Juhee
Justament an der Weinchaussee!
Für die Übersetzungen zeichnete Hans Dama, der zusammen mit Roxana Bulz den Vortrag in deutscher und rumänischer Sprache brachte. Großes Lob für die musikalische Aufführung ernteten Ana Crăciun am Klavier und Andrea Chitan (Panflöte). Frau Sivora Sava vom rumänischen Kulturverein HORA war für die Organisation des Abends zuständig. Die Veranstaltung wurde von Wien-Kultur und Kultur-Tourismus gefördert.
