Sascha war ein Lord. Durch und durch. Jeden Abend spülte er mit den letzten Gläsern seine Nickelbrille in der Maschine, um die Marke der Flasche klaren Blickes würdigen zu können. Denn Sascha bekam keinen Lohn, nur etwas Taschengeld und täglich einen Champagner. Diesen gab es zur Feier des Abends, nach Feierabend, und alle setzten sich zu ihm, denn Sascha konnte erzählen, das war fabelhaft. Mit glänzenden Augen und Monumental Rhetoric gab Sascha jeden Abend ein anderes Kapitel seines immer großartiger erscheinenden Lebens zum Besten: Von Grafen und Millionären, von Playgirls und Firmengründungen, sein Repertoire war schier unerschöpflich. Und alle hörten staunend zu.
Sascha arbeitete tagaus tagein, gewissenhaft, professionell, aber auch charmant, wenn es darum ging, noch ein Bier an der Theke zu verkaufen. Er hatte nicht nur viel gesehen und erlebt, er kannte sich auch aus. Sascha kannte die Märkte, vor allem aber die Kunden. Sofort merkte er, dass hier seine künftigen Kunden ihm offenen Mundes folgten. Und alle glaubten ihm, denn Sascha war ein Lord, durch und durch.
Eines Tages, die IFA, die Internationale Funkausstellung, fand gerade in seiner Heimatstadt statt, unterhielten sich die Aushilfskellner Michaela und Lothar über neueste Unterhaltungselektronik. Sascha wusste auch hier Bescheid. Er erklärte, beriet, zeichnete und nannte Preise, solange, bis Michaela kaufen wollte. Eine Stereoanlage wollte sie kaufen, die genau so aussah, wie die von Sascha beschrieben, die genau das konnte, was er angepriesen hatte. Zudem sollte sie nur 500 Euro kosten, obwohl sie das Dreifache wert war. Per Handschlag wurden sie sich handelseinig, die Zahlung, cash, sollte am nächsten Tag erfolgen.
Wieder gab es Champagner, diesmal zwei. Einen spendierte Michaela zu Ehren ihres guten Kaufes, und alle lauschten Saschas Geschichten.
Ein Problem hatte Sascha: wie sollte er die komplette Anlage zu Michaela bringen. Was heißt hier Problem? Sascha kennt nur Lösungen, zumindest weiß er, wie er günstige Lösungen herbeiführen kann.
Alle, auch die Chefs, Inge und Roland, machten Vorschläge, Lothar bekam den Zuschlag. Dieser wollte ihm das Auto seines Bruders (also meines) leihen. Denn Sascha war ein Lord, trank nur Champagner, wusste und konnte alles.
Am nächsten Tag, bekam Sascha 500 Euro von Michaela, das Auto von Lothar und, damit er keinen Ärger mit der Polizei bekommt, den Fahrzeugschein noch obendrein.
Spätabends, zu Champagnerzeiten, fragten sich alle, warum er noch nicht da sei. Tatsächlich kam Sascha an diesem Abend nicht mehr zurück. Das glückliche Zusammentreffen mit 500 Euro und einem Auto mit gültigen Papieren war unwiederbringlich. Das wusste er, und ging auf die Reise, neue Champagnerpfründe aufzuspüren.
Das Leben ist ein Nullsummenspiel, nach guten kommen schlechte Tage. Ein Radler spielte Schicksal, er blieb an der Wagentüre hängen und eröffnete Sascha neue Perspektiven.
Jetzt sitzt Sascha. Er sitzt in irgendeiner JVA Justiz Vollzugsanstalt und trinkt. Er trinkt Wasser. Vorläufig. Obwohl, sicher kann man da nicht sein, denn Sascha war ein Lord, der alles wusste und konnte (auch ausbrechen).





