ProEtnica wird 25 und das Singen und Tanzen kennt kein Ende

Auch die deutsche Minderheit mischte beim Festival fleißig mit

Die serbischen Tänzer des „Ansamblul Sveti Sava“ posieren zusammen nach ihrem Auftritt.

Die Serben zuvor auf der Bühne

Die deutsche Jugendtanzgruppe Schäßburg tanzt am Ende ihres Auftrittes Walzer. Dafür ging die Gruppe auf den Platz vor der Bühne und lud alle ein, mitzumachen.

Nach dem Tanz scharen sich die Medien um die Tänzer Kevin Wagner und Melisa Lazar.

Die Jugendtanzgruppe Schäßburg springt gemeinsam auf der Bühne auf dem Burgplatz. Fotos: Valentin Brendler

Die Ausstellung „Zeitenwende 1526. Zäsur und Chance“ in der evangelischen Klosterkirche

Doina Giurgiu neben der Autorin Mariana Gorczyca und Beatrice Ungar von der Hermannstädter Zeitung (von links)

Im Jahr 2001 fand die erste Ausgabe von ProEtnica in Schäßburg/Sighișoara statt. Schon damals kamen Tanz- und Kulturgruppen von den verschiedenen Minderheiten in Rumänien auf die große, bewohnte Burg, die damals noch deutlich ruhiger und weniger touristisch war. 25 Jahre später hat sich, wahrscheinlich auch durch das erfolgreiche Festival, einiges verändert: Zahlreiche Restaurants, Touristenläden und Pensionen sind mittlerweile auf der Schäßburger Burg beheimatet. Doch eines ist gleich geblieben: ProEtnica. Organisiert wird es weiterhin vom Interethnischen Jugendbildungszentrum Schäßburg, welches dieses Jahr das 25-jährige Bestehen des Festivals feierte. Wie üblich war auch die deutsche Minderheit stark vertreten. Schließlich organisiert der aus Deutschland stammende Volker Reiter vom Bildungszentrum das Festival. Doch dieses Mal gab es einige besondere Herausforderungen bei der Organisation.

Das Hauptproblem war die Finanzierung. „Diese hätte ein bisschen besser ausfallen können“, erklärt er im ADZ-Gespräch während des Festivals. „Wir werden dieses Jahr ein kleines Defizit erwirtschaften, weil uns einfach so im letzten Moment eine Finanzierung ausgefallen ist. Das war keine böse Absicht. Das sind einfach Unfälle, die passieren können.“ 

Für die Organisatoren war dies jedoch eine größere Herausforderung. Reiter wandte sich an die Teilnehmer: „Ich musste an die nationalen Minderheitenorganisationen und die Teilnehmenden herantreten, dass sie das Festival sozusagen retten. Das haben sie gemacht, indem sie mehr Kosten für Unterkunft und Verpflegung übernommen haben.“ 

Dazu hat er beim Festival auf einige Sachen verzichten müssen. So habe es zum Beispiel kein gedrucktes Programm, oder einen angestellten Fotografen gegeben. Doch Reiter sieht das Positive: „Das war auch eine Chance, wieder mal Neues auszuprobieren. Ich glaube, auf manche dieser Dinge können wir letztlich auch in Zukunft verzichten. Und das macht das Festival zukünftig dann natürlich effizienter!“

Dennoch bleibt ein Problem: das Defizit. „Das ist natürlich nicht schön“, erklärt er, da es irgendwie ausgeglichen werden muss. Womöglich wird er es aus privater Tasche zahlen, stellt er im Gespräch in den Raum. So oder so ist es „kein Grund, weswegen man das Festival hätte absagen müssen“ – zur Freude der zahlreichen Besucher und Minderheiten, welche wie jedes Jahr zahlreich nach Schäßburg strömten. Laut Reiter waren geschätzt 10.000 Besucher da, welche die „sehr gesetzte und schöne Ausgabe“ genossen, wie viele Besucher ihm gespiegelt haben. Dieses Jahr war das Kulturprogramm etwas kleiner und das Bühnenprogramm begann an den meisten Tagen erst nachmittags, was dem Organisator jedoch auch gefiel. So gab es weniger Veranstaltungen, die gleichzeitig stattfanden, und alles war ein wenig kompakter. 

Damit man den „Ethnienbegriff“ nicht zu eng sieht

Reiter hofft, im Blick auf das 25-jährige Bestehen des Festivals, dass es noch viele Jahre so weiter gehen wird. Schließlich kommt Festival „auch vom Wort ‘Fest’. Es ist eigentlich auch eine Art Feier und ich hoffe, dass es erhalten bleibt“. Der 55-Jährige möchte auch noch selbst einige Jahre die Organisation weiterführen. 

Das wünscht sich auch Thomas [indilariu, Unterstaatssekretär im Departement für Interethnische Beziehungen an der Regierung Rumäniens (DRI), bei der eröffnenden Diskussionsrunde über das Festival: „Seit 25 Jahren verbindet uns ProEtnica. 25 Jahre sind ein längerer Zeitraum als die Zeitspanne zwischen den beiden Weltkriegen für Rumänien. Es ist eine Zeit von ProEtnica, in der wir in Frieden zusammenkommen und miteinander darüber sprechen konnten, wie wir sind, wie wir uns selbst sehen und wie wir zusammenleben wollen. Denn ohne dies werden wir einander nicht mehr verstehen. Das Departement für Interethnische Beziehungen wünscht sich, dass ProEtnica nicht nur 25, sondern mindestens 125 Jahre lang stattfindet!“, zitiert ihn ProEtnica auf dessen Internetseite.

Reiter betont im Gespräch auch, dass sein Festival wichtig ist: „ProEtnica soll Menschen zusammenbringen. Es geht darum, den Frieden in einer demokratischen Gesellschaft zu bewahren. Mir ist es dazu auch immer wichtig, dass man diesen Ethnienbegriff nicht ganz so eng sieht, also dass man unbedingt die Tradition und alles bewahren möchte. Ich denke, dass die ganze Geschichte in der Realität ganz anders aussieht, auch bei vielen Minderheiten. Die Grenzen sind viel durchlässiger und man kann auch Teil mehrerer Ethnien sein.“

Als Beispiel dafür führt er sich selbst heran: „Ich lebe jetzt selbst seit achtundzwanzig Jahren hier in Rumänien, also längere Zeit als in Deutschland und ich bezeichne mich auch als Rumänen“. Dazu hat er auch eine humorvolle Anekdote: „Mir hat auch mal ein Taxifahrer in Berlin gesagt, ich würde sehr gut Deutsch sprechen. Er meinte: ‘Sehr gut; fast perfekt’“.

Der Kern des Festivals

Reiter spricht damit den Kern von ProEtnica an. Zwar gibt es viele Folkloretänze, die mal mehr, mal weniger tatsächlich historisch sind, über allem steht aber das Zusammenkommen der verschiedenen Minderheiten und Menschen. Es waren schließlich die bulgarische, griechische, kroatische, nordmazedonische, serbische, polnische, deutsche, Roma-, ruthenische, armenische, lipowanische, türkische, tatarische, aromunische, ukrainische und ungarische Minderheit sowie einige rumänische Gruppen in Schäßburg. 

Das berührt auch Daniel Banner, der für eine Woche beim Organisieren des Festivals ausgeholfen hat, was er im vergangenen Jahr als ifa-Hospitant ebenfalls gemacht hat. „Es ist hier wie in den guten alten Zeiten. Ich höre Ungarisch, wie meine Urgroßmutter aus Budapest sprach, ich höre Serbisch, wie ich zu Hause in Drobeta-Turnu Severin unter anderem im Fernsehen gehört habe, und ich höre Ukrainisch, die Sprache meiner anderen Urgroßmutter aus Czernowitz“, erklärt er begeistert im ADZ-Gespräch. Er selbst spricht natürlich Rumänisch und unter anderem auch Deutsch. Diese Sprachenvielfalt liebt er, weshalb er freiwillig aushilft, zahlreiche Telefonate tätigt und da ist, wenn man ihn braucht. 

Ursprünglich ist er vor allem für den kulturellen Teil als Besucher zum Festival gekommen. Schnell gefiel ihm aber auch das Bühnenprogramm, obwohl er sonst keine Volksmusik hört. „Auf der Bühne hat es eine andere Kraft“, erklärt er.

Die schwungvollen Tänzer aus Schäßburg

Dieses Bühnenprogramm ist schließlich auch das Zentrum des Festivals. Von Mittwoch bis Sonntag traten dort die unterschiedlichen Minderheiten auf und präsentierten zahlreiche Tänze und Lieder. Mit dabei: Die deutsche Minderheit. Die Jugendblaskapelle Kronstadt und die Tanzgruppe „Edelweiss“ vom FDG Banat traten auf, so wie auch die Jugendtanzgruppe Schäßburg, die sogar gleich zweimal auf der Bühne war.

Die Schäßburger sind Stammgäste und überzeugten mit ihren schwungvollen Einlagen. Nach ihrem Auftritt am Donnerstag gingen sie für das letzte Lied sogar ins Publikum. Denn nun stand ein Walzer an und wer mit den Profis tanzen wollte, wurde dazu herzlich eingeladen. Gefilmt von zahlreichen Zuschauern, sowie dem Fernsehen und anderen Medien.

Die Tänzer Kevin Wagner und Melisa Lazar wurden nach dem Auftritt von Medienvertretern regelrecht belagert. Erst wollte das Fernsehen und dann das Radio ein Interview. Doch auch die ADZ ließ sich nicht lumpen und sprach mit den beiden, die die ganze Zeit über beide Ohren strahlten. 

„Es ist einfach eine Ehre, auf der Bühne zu tanzen, auch wenn wir es schon öfter getan haben“, erklärt Lazar dazu. Wagner, der auch Jugendreferent beim Demokratischem Forum der Deutschen in Schäßburg ist, fügt an: „Wir freuen uns auch auf die Touristen, da sie ein bisschen mehr über unsere Kultur lernen können“. Schließlich ist er selbst halber Sachse und ist jedes Mal stolz, wenn er seine Tracht anzieht. Lazar sagt dazu: „Ich habe zwar kein sächsisches Blut, aber ich befasse mich viel mit der deutschen Kultur“. Auch für sie ist es etwas Besonderes, beim Festival teilzunehmen. 

Nach ihren Auftritten geht die Jugendtanzgruppe in ihren Alltag in ihrer Heimatstadt über. Dennoch planten sie, die anderen Minderheiten, bei denen sie durchaus einige Freunde haben, zu unterstützen und anzufeuern. 

Die leiseren, aber nicht minder interessanten Töne

Wegen der Tanz- und Musikgruppen gab es auf dem zentralen Platz in der Burg stets eine ausgelassene Stimmung. Beim Kulturprogramm in den Nebengebäuden wurde es jedoch manchmal etwas stiller. So am Donnerstag im Deutsch-Rumänischen Kulturhaus „Casa cu Cerb“ direkt neben dem Platz. Die Veranstalter mussten sogar die Fenster schließen, dennoch hörte man die Volksmusik relativ laut. Das hinderte  Mariana Gorczyca jedoch nicht daran, ihr Buch „Meciul lui Michael Zwischen“ (Ungefähr: Das Spiel von Michael Zwischen) sehr interessant vorzustellen. In ihrem kurzen Text geht es um Michael Zwischen, der zwischen den Welten steht: Rumänien, Deutschland und mit der Donau im Zentrum. 
Bei der Vorstellung unterstützten die Journalistin, Autorin und Ärztin Doina Giurgiu und Beatrice Ungar die Autorin. Ungar, Chefredakteurin der Hermannstädter Zeitung, hat das Buch von Gorczyca mit interessanten Zeichnungen bebildert. Ungar arbeitete am Buch mit, da es sie persönlich „sehr beeindruckt“ habe. Sie las an diesem Tag zudem den Anfang des Buches in deutscher Übersetzung vor, die von Tudor Mahl, der Praktikant bei den Hermannstädtern war, angefertigt wurde. 

Viel zu sehen im kleinen Schäßburg

Abseits davon gab es beim Kulturprogramm noch viel mehr zu sehen: Die griechische Minderheit stellte ein Buch über die Odyssee vor (Titel: „Întoarcerea lui Odiseu. Poem scenic în 3 acte flancate de prolog {i epilog“), die armenische Minderheit präsentierte den Film „Memory of the community – Gheorgheni {i Frumoasa“ und die Roma organisierten eine kleine Ausstellung, einen Stand und einen langen Diskussionstag zum Thema „Sklaverei der Roma“ und wie man mit der Geschichte umgehen soll. Mit dabei waren Mihai Neac{u, Direktor des Nationalen Zentrums für Roma-Kultur – Romano Kher, Adrian-Nicolae Furtun², Berater am Zentrum, die Professorin Dr. Delia Grigore und der Präsident der nationalen Agentur für Roma, Iulian Paraschiv. Vor allem kritisierten sie, dass in nationalen Museen in Rumänien Roma weiterhin nur am Rande erscheinen und die tatsächliche Geschichte mehr Aufmerksamkeit verdiene.

Eine Schlacht, die Europa nachhaltig verändert hat

Mehr Aufmerksamkeit sollte bei ProEtnica auch der Schlacht bei Mohács zukommen. Diese fand am 29. August 1526 statt und veränderte Europa nachhaltig. Um dies zu verdeutlichen, hat das „Deutsche Kulturforum östliches Europa“ gemeinsam mit dem DRI die Ausstellung „Zeitenwende 1526. Zäsur und Chance“ auf die Beine gestellt. Diese wurde während ProEtnica in der evangelischen Klosterkirche von Schäßburg gezeigt. Am Mittwoch, dem 26. August, ein paar Tage bevor die Schlacht exakt 500 Jahre alt wurde, präsentierte Unterstaatssekretär Thomas [indilariu die Ausstellung für die Öffentlichkeit.

Im ADZ-Gespräch erklärte er, warum gerade diese Schlacht, bei der die ungarische Krone gegen die Osmanen verlor, ein solch wichtiges Ereignis war: „Der Titel ‘Zeitenwende’ ist kein zufälliges Zitat vom ehemaligem Bundeskanzler Olaf Scholz. Bei der Schlacht ist eine historisch wichtige Regionalmacht weggebrochen.“ Dazu wird bei der Ausstellung gezeigt, was es bedeutet, wenn ein Bündnis nur auf Papier besteht: Denn Österreich und Böhmen konnten nicht helfen, da die Kommunikationswege zu lange dauerten. 

Dadurch ist nach einiger Zeit Österreich-Ungarn entstanden, da die ungarische Königsdynastie in der Schlacht ausstarb und Österreich die Krone übernahm. „Es hätte aber auch andersherum kommen können“, so [indilariu. Wäre die österreichische Dynastie gestorben, hätte Ungarn diese übernommen, aufgrund der Wiener Doppelhochzeit aus dem Jahr 1515. „Es ist aber anders gekommen. Dadurch ist binnen 150 Jahre die Donaumonarchie entstanden, wo viele unserer Vorfahren in ein und demselben Kulturraum schon mal zusammengelebt haben.“

Ihm zufolge regt die Ausstellung dazu an, sich zu fragen: „Wer bin ich und wie ist das alles zustande gekommen?“. Warum gibt es unter anderem Banater Schwaben und Slowaken in Rumänien, sowie die konfessionelle religiöse Vielfalt in Siebenbürgen? Die Vielfalt, die gerade bei ProEtnica zu sehen ist. Ohne die Schlacht könnte die europäische Welt und Landkarte ganz anders aussehen.

Recherchiert und zusammengestellt wurde die Ausstellung vor allem von Dr. Harald Roth vom Kulturforum, wie [indilariu anerkennend berichtet. Die Ausstellung, in deutscher und englicher Sprache, wird in Zukunft weiterreisen und noch an anderen Orten zu sehen sein.