Über Leichen vom Plattenbau zur Luxusvilla

David Szalay schildert in dem Roman „Was nicht gesagt werden kann“ in lakonisch-kühlem Ton ein zwischen Lust und Tod erlittenes Leben

David Szalay, „Was nicht gesagt werden kann“ (Roman). Aus dem Englischen von Henning Ahrens, claassen Verlag, Berlin 2025, 381 S., geb., ISBN 978-3-546-10150-9

Der 15-jährige István lebt in den 1980er Jahren als Jugendlicher in einem Plattenbauviertel am Rande einer ungarischen Stadt. Beim Wettstreit mit männlichen Mitschülern über sexuelle Erfahrungen im üblichen Hormonchaos der Pubertät kann er nicht recht renommieren. Langeweile bestimmt seinen Alltag, dem er in der Tristesse des Spätkommunismus keinen eigenen Lebensentwurf abringen kann.  

Das ändert sich schlagartig, als er von seiner deutlich älteren Nachbarin verführt wird. Die 41-jährige bringt dem Jugendlichen die körperliche Liebe bei und überführt seine sinnlichen Appetenzen in ausgelebte Lust. Das schildert, ja seziert, David Szalay zu Beginn seines Romans „Was nicht gesagt werden kann“ explizit, aber zugleich delikat und nie vulgär. 

Der neue Roman von David Szalay lebt auch von solchen erotischen Sequenzen, die aber zu keinem Zeitpunkt platt Voyeurismus bedienen. Lust und Libido ereignen sich hier einfach, sie sind nicht das Ergebnis von Werben und Flirten oder gar Liebe. István genießt, aber er bleibt in all dem fast schon passiv und erlebt dies mehr, als dass er es aktiv forciert. Es geschieht einfach, wie vieles im Leben dieses Romanhelden, der sich eher als Antiheld erweisen wird. 

István nimmt die Annäherungen der Frau gerne an und blüht dabei erstmals in seinem Leben auf. Gefährlich wird es erst, als er sich allmählich in die Frau verliebt. Die reife Nachbarin macht István zwar gerne zum Mann, wehrt aber dessen Liebesansinnen ab. Diese Affäre endet in einer Katastrophe: István wird für einen tödlichen Treppensturz des Ehemanns verantwortlich gemacht und verbringt einige Jahre im Jugendgefängnis.

Nach seiner Haftentlassung erlebt er einen traumatischen Einsatz bei der ungarischen Armee im Irak. Und doch hält das weitere Leben für István immer wieder durchaus mehr als ein Butterbrot bereit. Der Weg vom ungarischen Plattenbau in die Luxusvilla in London führt jedoch buchstäblich über Leichen. Der Roman begleitet das Leben von István und schildert ihn als wortkargen und emotional passiven Mann, so beim Warten auf den Flieger, der ihn aus dem Kriegs- und Krisengebiet des Irak nach Hause bringt. 

Für István erweist sich allerdings das ganze Leben als Krisengebiet und seine Rolle darin als wenig sinnvoll. Sein bitteres Fazit nach der Rückkehr aus dem Irak nach Ungarn: „Er begreift, dass alles, was ihn so  stark beschäftigt – alles, was er im Irak gesehen und erlebt hat, was ihn hat glauben lassen, nichts wäre mehr wie zuvor –, hier absolut unwichtig ist. In dieser Realität spielt es keine Rolle.“ (S. 92) Das gilt etwa für seine Tapferkeitsmedaille. Die einzig bleibende Konstante ist seine Mutter, zu der er auch zuletzt zurückkehrt und die ihn stets bekocht. Die Liebe zur Mutter geht bei István primär durch den Magen. 

Sie besorgt ihm zunächst einen Job auf einem Weingut, den er nicht allzu lange wahrnimmt. Dann verschlägt es ihn nach London. Dort schlägt er sich als Türsteher durch, bis er schließlich als Chauffeur und Personenschützer für ein schwerreiches Ehepaar arbeitet, nachdem er dem Ehemann im Dschungel der Großstadt das Leben gerettet hat. Doch beim Dienst im Haus bleibt es nicht. István beginnt eine Affäre mit Helen, der Frau seines Auftraggebers, und steigt kurzzeitig in die britische High Society auf, argwöhnisch beäugt von Thomas, dem Sohn der Familie. Der wendet sich wegen István zunehmend von der Mutter ab. Ironischerweise wird ausgerechnet István ihm später das Leben retten. 

Eindruck, dass sie für ihren Mann nichts Tieferes empfindet, dass sie ihn schon lange nicht mehr liebt. (…) Am nächsten Tag fliegt sie abermals nach Deutschland, und die Verabschiedung am Flughafen ist so distanziert und steif, dass er sich auf der Rückfahrt fragt, ob das ganze letzte Jahr nur Zeitverschwendung war.“ (S. 183 f.) István ist wahrlich kein Gefühlsexperte. 

Als Helens Ehemann stirbt, übernimmt István wie selbstverständlich dessen Rolle, beide heiraten. Dem Schoß der jetzt legitimierten Liebe entspringt Sohn Jacob. István selbst wird Geschäftsmann – und scheitert. Höhen und Tiefen kennzeichnen die Beziehung. Und das Ende ist – wieder einmal – tragisch. Bei einer Autofahrt haben Helen und Jacob einen schweren Unfall. Der Sohn stirbt, Helen überlebt schwer verletzt, muss in künstliches Koma versetzt werden und wird an den Folgen des Unfalls sterben.   

Einmal mehr zeichnet Szalay die Gefühlswallungen Istváns – hier beim Anblick Helens – nüchtern, fast salopp. „Wie bei seinem letzten Besuch überkommt ihn das Gefühl einer abgrundtiefen Einsamkeit, als er sie in ihrem Zustand erblickt. Sie wäre der einzige Mensch, geht es ihm durch den Kopf, der seinen Schmerz nachvollziehen könnte. Verstehen würde, wie sehr er leidet, denn sie würde genauso empfinden.“ (S. 341) Mehr Gefühl ist nicht drin. István verliert seinen Status, verlässt London und kehrt letztlich in seine alte Heimat Ungarn zurück. Er lebt dort völlig isoliert, arbeitet etliche Jahre im Sicherheitsdienst eines Media-Markts, bis seine Mutter stirbt und er seine weiteren Tage alleine verbringt.

Der 1974 geborene Schriftsteller David Szalay erweist sich in diesem Roman einmal mehr als begnadeter Erzähler, der diesen Lebenslauf durch einige Jahrzehnte in einer unterkühlten, messerscharfen Sprache aufbereitet, die alle Sprünge, Brüche und Abgründe dieses Daseins  schildert, ohne je erkennbar zu werten. Szalay bedient sich großer auktorialer Erzählkunst, die zunächst klassischer wirkt, als sie wirklich konzipiert ist. 

Das letztlich glücklose Leben eines Einzelnen wird hier eingebettet in Zufälle und Unplanbares, teils große historische Rahmenereignisse vom Irak-Krieg bis hin zur Corona-Pandemie und jene untrüglich-grundsätzliche Verstrickung des Individuums in seine Herkunft, die eigenen Lebensumstände und Entscheidungen, in Begehren und Schuld auf der zuletzt erfolglosen Suche nach Liebe und Sinn. Der ganze Roman wird zur Metapher für das heutige gehetzte wie ausgelieferte Dasein des Menschen, der meist nur irgendwo hinkommt, aber niemals wirklich ankommt. Ein bemerkenswerter und höchst empfehlenswerter Roman.