Es ist unglaublich, aber wahr: in einer kleinen, abgelegenen Ortschaft im Kokeltaler Weinbaugebiet findet alle zwei Jahre ein internationales Kulturereignis statt, das jeder Großstadt Ehre einbringen würde. Es handelt sich um das „Transylvanian Book Festival“, veranstaltet in ihrem geliebten siebenbürgischen Feriendomizil Reichesdorf/Richiș, von der Engländerin Lucy Abel Smith. Sie gehörte zu einem englischen Verein rund um den damaligen Thronfolger Prinz Charles, der Siebenbürgen schon vor der Wende entdeckt und sich zum Ziel gesetzt hatte, die siebenbürgischen Dörfer und sächsischen Kirchenburgen zu retten.
Lucy Abel Smith kaufte sich ein verlassenes sächsisches Bauernhaus und renovierte es fachgerecht. Dann verfasste sie einen Reiseführer und begann, Reisegruppen nach Siebenbürgen zu bringen. Sie wusste genau, was auf sie zukam, denn Südosteuropa war für die Engländer ein unbekannter Winkel. Zwar hatte Bram Stokers „Dracula“ ein Fenster geöffnet und Charles Boners „Siebenbürgen“ Interesse geweckt, aber war das genug? Konnte man durch ein Buchfestival ein Land anpreisen? Sie startete einen Versuch und hatte Glück. Genau damals erschienen in englischer Sprache die Siebenbürgen-Trilogie des ungarischen Schriftstellers Miklós Bánffy und die eindrucksvolle Abenteuerreise des Engländers Patrick Leigh Fermor, von London nach Istanbul. Beide Bücher wurden Bestseller. Ihr origineller Einfall war dann, diese Bücher von Familienangehörigen oder Freunden direkt am Ort der Handlung, also in Siebenbürgen, vorzustellen. Es war eine Heidenarbeit, diese Nachkommen ausfindig zu machen und zu überzeugen, in eine fremde Welt zu reisen. Damals entstand ein Konzept, das sich bis heute bestens bewährt hat und immer mehr Anklang findet. In Laufe von zwei Jahren müssen neue Autoren entdeckt werden, doch inzwischen melden sich viele von selbst und wollen mitmachen.
Die Vorstellung und Verbreitung englischer Bücher zum Thema Siebenbürgen ist eigentlich nur der Ausgangspunkt. Land und Leute, Natur und Kultur, Brauchtum und einheimische Küche gehören dazu, um Siebenbürgen nicht nur zu entdecken, sondern auch zu genießen. Diesmal kamen die Gäste nicht nur aus Europa, sondern auch aus den USA und Israel, mehrere waren schon dabei gewesen. Die Leitung lag in den Händen einer Rumänienkennerin namens Bronwen Riley, die es geschafft hatte, ein buntgemischtes multiethnisches Programm in englischer Sprache zusammenzustellen. Es gab Vorlesungen, gefolgt von Gesprächen und Diskussionen mit prominenten Fachleuten, thematische Ausstellungen und Filmvorführungen ergänzten das Angebot. Zwischendurch Fahrten und Wanderungen in die Nebendörfer, wo Kirchenburgen besichtigt und einheimische Küche genossen wurden. Unvergesslich auch der Klang der Orgelmusik, von einheimischen Künstlern dargeboten. Es waren einmalige Tage!
Dieses fünfte Festival in Reichesdorf stand unter einem guten Stern, denn es begann mit einer großen Überraschung. Schon im Programmheft hatte Lucy A.S. angekündigt: auf der Nordwand des Chors der evangelischen Kirche hatte man erst kurz vorher Spuren einer übertünchten Wandmalerei entdeckt. Durch eine Spende des Mihai Eminescu Trustes UK und der Stiftung Pro Richiș hatten der bekannte Restaurator Lorand Kiss und seine Truppe mit der Freilegung eines Freskos begonnen, die das Jüngste Gericht darstellt. Deshalb fand der erste Vortrag des Klausenburger Kunstexperten Ciprian Firea direkt in der Kirche statt. Es ging um die Renaissance in Siebenbürgen am Beispiel Reichesdorfs und anschließend Birthälms, wohin die erste Erkundungsfahrt führte. Danach folgten die Vorträge im Saal des Kulturheims. Marina Cantacuzino behandelte das Thema „Vergebung, eine Forschung“ und hatte auch die Übersetzung ihres Buches ins Rumänische mitgebracht.
Marc David Baer hatte für seine Gesprächsrunde über die „Osmanen in Europa“ sogar den britischen Botschafter aus Bukarest, Giles Portman, zu Gast, der schon bei der Eröffnung des Festivals zugegen war. Zum Dinner waren alle von der italienischen Unternehmerin Giovanna Bassetti nach Großkopisch/Copșa Mare eingeladen worden. Am nächsten Tag ging es weiter.
Über den künstlerischen und literarischen Einsatz der rumänischen Königinnen Elisabeth und Maria sprach Dr. Shona Kallestrup. Alexandra Mihailciuc referierte über Kultur und Kulturen, wonach Ilinca Cantacuzino an ihren Großvater, den berühmten Architekten G. M. Cantacuzino, erinnerte. Danach folgte die Besichtigung der Meschner Kirchenburg, um anschließend auf der Farm von Lavinia Schuster kulinarisch verwöhnt zu werden. Zwischendurch gab es Workshops für Kinder. Am Nachmittag stellte William Blacker die Tätigkeit der „Ambulance for Monuments“ vor, wo Jugendliche freiwillig im Einsatz sind und wo er selbst mitgemacht und alles gefilmt hat. Dann kam der rumänische Journalist Iulian Ignat zu Wort über seine 20-jährige Tätigkeit, Roma-Bands zu begleiteten, zu dokumentieren und zu fotografieren. Seine Ausstellung und ein Bildband waren zu bewundern. Die anschließende Musikaufführung in der evangelischen Kirche bewies, dass in Mediasch Musik groß geschrieben wird. „Spiegel der Liebe“ ist eine musikalische Improvisation nach dem Buch Elif Shafaks, konzipiert von Radu Rădescu, gesprochen von Margareta Nistor und musikalisch begleitet von Attila Szabo, Raphael und Edith Toth und Radu Rădescu. Es war ein beeindruckender Abend. Als letztes folgte ein Ausflug nach Almen/Alma Vii.
Der nächste Tag brachte weitere Überraschungen. Nachdem Dr. Alex Drace-Francis die rumänische Nationalspeise „mămăliga“ vorgestellt und die Organistin Liv Müller die Kaffeepause musikalisch untermalt hatte, kam die Erinnerungskultur an die Reihe. Freddy Bruckstein las die letzten Kurzgeschichten seines Vaters Ludo vor, Nicolae Rațiu stellte das letzte Buch seines Vaters Ion Rațiu vor, Richard Bassett erinnerte an seine Zeit als britischer Journalist in Bukarest. Den musikalischen Teil bestritt diesmal das Mediascher Duo Marmor des Ehepaars Maximilian und Theresa Braisch mit Erfolg. Nach einem Abendschmaus in Tony Timmermans Gästehaus in Reichesdorf folgte zum Abschluss John Florescus letzter Dokumentarfilm über die Ceaușescu-Zeit, während über Reichesdorf ein sternübersäter Himmel eine ruhige Nacht und einen neuen sonnigen Tag ankündigten.
Am schönsten wäre es jetzt gewesen, die schriftlichen Eindrücke wiederzugeben, die alle Teilnehmer am letzten Tag mit viel Spaß und Talent vorgetragen hatten. Es ging ausschließend um positive Eindrücke über Bücher, Menschen, Musik, Natur, Landschaft und Kirchenburgen und vor allem um die Freundschaft. Denn viele der Teilnehmer hatten neue Freunde gefunden. Darüber war Lucy Abel Smith als Hauptstifterin besonders glücklich, denn sie hatte von Anfang von viel mehr als nur einem einfachen Buchfestival geträumt!