Weinkultur und Traditionen aus der Moldau

Jahrzehntelang galt Moldau als bedeutender regionaler Lieferant von Weinen. Längst hat das Land den Weltmarkt erobert

In den Kellern von Cricova schlummern Tausende einzigartiger Flaschen aus den Sammlungen berühmter Persönlichkeiten aus aller Welt.

Während der Sowjetära nahm die Weinproduktion durch staatliche Lenkung völlig neue Ausmaße an.

Während der Sowjetära nahm die Weinproduktion durch staatliche Lenkung völlig neue Ausmaße an.

In der Abteilung für klassischen Schaumwein wird ein beinahe meditatives Ritual sichtbar: das Remuage.

Im Präsidialsaal wiederum wurde Geschichte bei hochrangigen Treffen geschrieben.

Cricova gilt als das größte Schaumweinunternehmen Moldaus.

Wein, der verbindet. Brot, das nährt. Ein harmonisches Erlebnis aus dem Herzen von Cricova.

Das traditionelle Große Haus ist zweifellos der gemütlichste Verkostungsort des Komplexes.


Das Licht der Kerzen tanzt auf den Gläsern, während das Lachen der Freunde den Raum erfüllt. Inmitten von dampfenden Tellern und herzlichen Gesprächen wird eine Flasche entkorkt – Fetească, tiefrot und geheimnisvoll. Beim ersten Schluck, als die samtige Beerenfrucht und die mineralische Kraft des Bodens die Sinne fluten, offenbart ein Blick auf die Flasche ihre Herkunft: Moldau. In diesem Moment nähert sich die Gastgeberin in einer traditionell bestickten Tracht, deren feine Muster die Geschichte ganzer Generationen erzählen. Mit einem Lächeln stellt sie frisch gebackenes, goldbraunes Brot auf den Tisch – ein Symbol für Wohlstand und Gastfreundschaft, das in diesem Land seit jeher heilig ist. 

Im Hintergrund mischen sich die sanften, melancholischen Klänge einer fernen Geige. Vom Glas auf dem Tisch führt der Weg nun tief hinein in eine Welt, in der sanfte Hügel Geschichten flüstern und mächtige unterirdische Galerien darauf warten, ihre jahrhundertealten Geheimnisse zu offenbaren. Es ist eine Einladung, den Spuren des moldauischen Weins zu folgen und zu entdecken, wie aus privilegierter Geografie und tiefer Hingabe flüssige Träume entstehen.

Wo Natur und Geschichte im Glas verschmelzen

Im Südosten Europas, zwischen Rumänien und der Ukraine gelegen, trägt Moldau den Wein nicht nur im Glas, sondern auch im Herzen. In der Ortschaft Mileștii Mici ruht – ganz offiziell vom Guinness-Buch gekrönt – die größte Weinsammlung der Welt. Ein unterirdisches Meer aus Flaschen, ein Ozean aus Jahrgängen, der still und würdevoll in kühlen Tiefen schlummert. Ergänzt wird diese Tradition durch das geschichtsträchtige Château Purcari, das als ehemaliger Hoflieferant europäischer Königshäuser für höchste aristokratische Weinkultur steht. Zudem ist die Stadt Cricova vor allem für ihre riesigen unterirdischen Weinkeller bekannt, die zu den größten der Welt zählen und Cricova zu einem der führenden Reiseziele des Landes gemacht haben.
Dass Moldau solche Schätze hervorbringt, verdankt das Land seiner privilegierten geografischen Lage auf dem gleichen Breitengrad wie Frankreichs berühmte Weinregion Burgund. Das gemäßigte Kontinentalklima mit seinen sonnenreichen Sommern und dem mildernden Einfluss des Schwarzen Meeres bietet ideale Bedingungen für eine aromatische Reifung der Trauben. Doch dieses natürliche Potenzial entfaltet sich nur durch die Hingabe der Menschen: Seit Generationen pflegen die moldauischen Winzer ihre Weinberge mit bewusster Sorgfalt und handwerklichem Geschick. Auf geeigneten kalkhaltigen Böden verbinden sie die Gaben der Natur mit konsequenter Arbeit, um den Weinen ihre charakteristische mineralische Tiefe und Konsistenz zu verleihen.

Cricova – verborgene Stadt unter der Erde 

Nur elf Kilometer von der Hauptstadt Chișinău entfernt öffnet sich in Cricova ein Reich, das eher einem Märchen als einem Keller gleicht. Einer der größten unterirdischen Weinkomplexe der Welt breitet sich wie eine verborgene Stadt unter der Erde aus – geheimnisvoll, majestätisch und erfüllt vom Duft reifender Trauben. Bis zu 100 Meter tief und sagenhafte 120 Kilometer lang ziehen sich die Galerien durch den Fels, bewacht von erfahrenen Winzern, die hier wie Hüter eines kostbaren Schatzes wirken.

Und weil dieser Ort so gewaltig ist, hat man ihm Straßen gegeben – und Namen, die klingen wie Poesie: Cabernet, Riesling, Fetească, Aligoté, Sauvignon. Man spaziert nicht einfach durch Gänge – man wandelt durch Boulevards des Geschmacks. 

Der Weinbau ist für Moldau nicht nur Wirtschaftszweig, sondern Lebenselixier. Jahr für Jahr tragen moldauische Weine Hunderte internationaler Medaillen heim – funkelnde Beweise für Leidenschaft und Können. Doch der wahre Glanz liegt im Moment, wenn sich ein Glas hebt, das Licht sich im Rubinrot bricht und Moldau leise sagt: „Willkommen!“

Der Name „Cricova“ wird auf das slawische Wort „krik“ – „Schrei“ – zurückgeführt. Der Legende nach – so erzählt es die Reiseführerin von Cricova, Galina Pfanenschtili, – suchte einst ein Mönch in den Felsen von Cricova Zuflucht. In einer schmalen, in den Stein gehauenen Zelle verbarg er geweihten Wein. Er tat es aus Sorge, die osmanischen Eroberer könnten erneut ins Land einfallen und den Menschen den Weinbau untersagen. Als die Osmanen von seinem Handeln erfuhren, wurde der Mönch bestraft. Sein Name ist nicht überliefert, doch seine Tat blieb im Gedächtnis. In den stillen Gängen von Cricova, so heißt es, seien mitunter Echos zu vernehmen – fern und kaum greifbar, wie ein Ruf aus der Tiefe der Zeit. Vielleicht ist es jener Schrei, der im Fels bewahrt wurde und nicht verhallt ist. 

Das größte Schaumweinunternehmen Moldaus

Cricova gilt als das größte Schaumweinunternehmen Moldaus – doch seine Bedeutung erschöpft sich nicht in Zahlen. Im Herzen des Landes werden hier Weinbautraditionen bewahrt, die Generationen überdauert haben und tief im kulturellen Gedächtnis verwurzelt sind.

Die Geschichte der Keller nahm 1947 ihren Anfang, als der Patriarch Petru Ungureanu die weitverzweigten unterirdischen Galerien untersuchte. In der Stille des Felsens begann er, Schaumwein nach der französischen Méthode Champenoise herzustellen – jener Methode, die mit dem Namen Dom Pérignon verbunden ist. 

In den Jahren der Sowjetunion wuchsen die Anbauflächen für Weiß- und Rotweinsorten erheblich und die Produktion erhielt neue, staatlich geprägte Dimensionen. Gefördert hat die Vergrößerung der Rebflächen die Entwicklung von Weinkombinaten (Chișinău, Tiraspol, Bălți) und spezialisierten staatlichen landwirtschaftlichen Großbetrieben mit angestellten Lohnarbeitern, oder „Sowchosen” (Cialâc, Trifești, Ciumai, Grătiești, Purcari, Seseni, Romanești). 1952 wurde das Weinkombinat Cricova gegründet und seit 1957 entsteht hier klassischer Schaumwein in industriellen Mengen – gereift in der Tiefe des Gesteins. Schon ab 1980 wurden Cricova-Weine international exportiert.

Galina führt die Besucher mit lebendigen Worten durch die geheimnisvollen Wege der Weinbereitung. In der Reifeabteilung ruhen mächtige Fässer aus weißer Eiche – gereist aus Italien, Frankreich, Rumänien, Ungarn und den USA –, als würden sie die Geschichten ihrer Herkunftsländer in sich tragen. Hier lernt der Wein Geduld: Die Reifezeit beträgt mindestens neun Monate, während die edelsten Schaumweine bis zu fünf Jahre zur vollen Entfaltung ihrer Tiefe und Eleganz heranwachsen.

In der Abteilung für klassischen Schaumwein wird ein beinahe meditatives Ritual sichtbar: das Remuage. Die Flaschen stehen kopfüber in ihren Rüttelpulten, still und geduldig, und werden über 8-10 Wochen hinweg alle zwei Tage behutsam um 45 Grad gedreht – eine langsame, präzise Bewegung, wie ein Tanz mit der Zeit, damit der Wein schließlich zu voller Klarheit und Finesse findet. Schon im Jahr 1954 reiste die erste Mitarbeiterin von Cricova nach Bordeaux, um die Kunst des Flaschendrehens zu erlernen. Mit dem Wissen in ihren Händen kehrte sie zurück und ließ es weiterfließen zu den anderen Frauen. Seitdem wird diese Tradition wie ein stilles Vermächtnis von Generation zu Generation weitergetragen.

Neben der klassischen Methode findet auch die italienische Charmat-Methode ihren Platz, aus der „Crisecco“ hervorgeht – ein Schaumwein von zarter, heller Farbe mit grünlichen Lichtreflexen, dessen Geschmack frisch und lebendig auf der Zunge tanzt, erklärt die Reiseführerin.

In den stillen Galerien herrscht ein beinahe zeitloses Gleichgewicht: Die Temperatur bewegt sich sanft zwischen +10 und +12 °C, während eine Luftfeuchtigkeit von rund 98 % die Reife umhüllt. Diese natürlichen Bedingungen sind dem besonderen Gestein, in das die Keller einst hineingebohrt wurden, verdankt.

Weinsammlung und Verkostungssäle

In den Kellern von Cricova schlummern Tausende einzigartiger Flaschen – kleine flüssige Geschichten aus den Sammlungen berühmter Persönlichkeiten aus aller Welt. Jede von ihnen ruht in einer eigenen Kassette, sorgfältig nummeriert, fast wie ein edles Geheimfach mit Identität. Die Flaschen liegen entspannt in horizontaler Position, damit der Wein den Korken sanft küsst und kein Hauch von Luft die stille Reife stört. Wer möchte, kann solch ein Wein-Zuhause mieten – für 500 Euro im Jahr wird man gewisser-maßen Hüter eines flüssigen Schatzes. 

Der Verkostungskom-plex gleicht einer Bühne mit fünf ganz unterschiedlichen Charakteren: dem Europäischen Saal, dem Maritimen Saal, dem Kleinen Saal, dem Präsidialsaal und dem Großen Haus. Der Europäische Saal trug einst den Namen Juri Gagarins, der als erster ins All flog und 1966 hier landete, um zwei Tage lang nicht Sterne, sondern Aromen zu erkunden.

Der Maritime Saal führt die Gäste weit zurück in die Zeit, als hier vor rund 12 Millionen Jahren das Sarmatische Meer rauschte. Versteinerte Muschelschalen im Gestein und die natürliche, unberührte Decke erzählen noch heute leise von dieser uralten Wasserwelt. Im Präsidialsaal wiederum wurde Geschichte bei hochrangigen Treffen geschrieben. Vierzehn Basreliefs zieren den Raum und zeigen Szenen aus Weinbau und Vinifikation – wie ein steinernes Bilderbuch der Weinkultur.

Das Große Haus ist zweifellos der gemütlichste Ort des Komplexes – eine liebevolle Hommage an das Gästezimmer traditioneller moldauischer Häuser. Zwischen rustikalen Holzbalken, handgewebten Teppichen und geschnitzten Möbeln entsteht eine Atmosphäre voller Ruhe und Authentizität.

Hier wird das Servieren zum Ritual: Während der Wein die Herzen öffnet und Menschen verbindet, steht das goldbraune Brot aus dem Ofen als zeitloses Symbol für Wohlstand. In Cricova verschmelzen diese beiden Elemente zu einem harmonischen Erlebnis aus edlem Genuss und schlichter Gastfreundschaft.

Der moldauische Wein ist eine gelungene Verbindung aus uralter Tradition und moderner Technologie. Er hat geografische Grenzen spielend überwunden und ein kleines osteuropäisches Land als festen, glänzenden Punkt auf der Weltkarte des Weins verankert.

Irina Radu arbeitet als Journalistin mit Schwerpunkt Ost-europa und Zentralasien. Veröffentlicht wurden ihre Texte in Medien wie: Deutsche Allgemeine Zeitung aus Kasachstan, Der Standard und Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien. Darüber hinaus war sie für internationale Organisationen in den Bereichen Medienbeobachtung, Berichterstattung und Entwicklung von Kommunikationskampagnen zu nachhaltiger Entwicklung und Menschenrechten in Europa und Zentralasien tätig.


Schon gewusst?

* Anfang der 1980er-Jahre belegte Moldau (damals die Moldauische SSR) weltweit Platz 6 – nach Spanien, Italien, Frankreich, Portugal und Rumänien – hinsichtlich Rebflächen, Traubenproduktion und Weinmenge.

* Am 16. Mai 1985 erließ die Sowjetunion ein Dekret zur Bekämpfung von Alkoholmissbrauch. Infolge der Kampagne wurden zwischen 1985 und 1987 rund 30 Prozent der Weinberge zerstört – mehr als im Zweiten Weltkrieg. Besonders betroffen waren Georgien, Südrussland und Moldau. Der Staat verlor dadurch erhebliche Einnahmen. 

* Nach 1991, mit dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems, erfolgte der Übergang von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft. Anschließend wurden in Moldau moderne eigene Weinplantagen aufgebaut.

* 1992 trat Moldau als erstes postsowjetisches Land der Internationalen Organisation für Rebe und Wein (OIV) bei. 1994 verabschiedete das Parlament das erste Weinbaugesetz im Raum der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten, mit besonderem Fokus auf Herkunftsbezeichnungen.

* 2013-2014 wurde das Nationale Amt für Rebe und Wein gegründet und die Landesmarke „Wine of Moldova. A Legend Alive“ eingeführt, um moldauische Qualitätsweine international zu fördern.

* Im Juni 2014 unterzeichnete Moldau das Assoziierungsabkommen mit der EU (vertiefte und umfassende Freihandelszone – DCFTA), das moldauischen Weinen zollfreien Zugang zum EU-Markt ermöglicht.