Bukarest – Am vergangenen Mittwoch wurde im Bukares-ter Goethe-Institut die Ausstellung „Roma-Geschichte gehört hier-her“ (die ADZ hatte zur Eröffnung berichtet) mit einem Vortrag beendet. Zu Gast war der Wissenschaftler und Doktorand der Kunstgeschichte an der Philipps-Universität Marburg, André Raatzsch aus Deutschland. Er ist selber Roma und appellierte in seinem Vortrag dafür, historische Fotos von Roma mit der korrekten Geschichte auszustatten. Ähnlich hat er selbst beim „RomArchive“ gearbeitet. Ein Archiv in Deutschland, dass historische Bilder und Material mit Roma-Bezug aufarbeitet.
Doch was meint er genau mit der korrekten, neuen Geschichte? Bei seinem Vortrag zeigte er einige historische Fotos von Roma und Romni. Diese hatten aber zumeist keine Beschreibung. Es war nicht klar, wer genau, wann und wo zu sehen war. Stattdessen waren die Bilder damals meistens nur mit „Roma“ betitelt (meistens natürlich mit unterschiedlichsten Fremdbezeichnungen) oder auch „Eine Gruppe Bauern“. Dadurch werden die Menschen, so erklärt er, einzig auf ihre Ethnie begrenzt. Sie sind nicht zum Beispiel Väter, Arbeiter, Künstler oder Kinder, sondern nur „Roma“, also Repräsentanten einer Gruppe. Da die historischen Fotos auch oft von Nicht-Roma gemacht wurden, zeigen sie auch oft einen stereotypischen Blick.
Raatzsch appelliert deswegen an Museum, Archive und das Fachpublikum im Goethe-Institut, den Bildern einen neuen Kontext, eine neue Geschichte zu geben. Deswegen sollte man zuerst wissenschaftlich aufarbeiten, wer und warum diese Fotos gemacht hat. Also den richtigen historischen Kontext aufarbeiten. Anschließend sollte man, mithilfe von Roma-Fachleuten, die Geschichte der abgebildeten Personen recherchieren, um dann zu entscheiden, ob man diese Fotos, mit ihrer neuen, wahren Geschichte veröffentlichen sollte, oder nicht.
Ihm ist es auch wichtig, dass „die Abgebildeten nicht verletzt werden“. Dennoch weiß er auch, dass die historischen Fotos, auch wenn sie oft von Nicht-Roma gemacht wurden, auch für die Roma einen hohen historischen Wert haben können. „Wenn die Fotografie eine neue Biografie und Geschichte bekommt, können die Roma auch eine neue, eigene Identität kreieren. Man sagt nicht mehr: ‘dieses Foto zeigt einen Roma’ sondern: ‘dieses Foto zeigt meine Geschichte, meine Vorfahren’“, so der Wissenschaftler.
Abschließend äußerte er einen weiteren Wunsch: „Ich hoffe, dass man in der Zukunft sieht, dass diese Fotos von Roma auch die Geschichte der jeweiligen Länder zeigen. Von Deutschland, Ungarn oder Rumänien, wo die Roma eben leben. Denn wir sind Teil der jeweiligen nationalen Geschichte.“
Nach seinem Vortrag gab es eine lange Diskussion von ihm mit Iris [erban (Anthropologin, Kuratorin und Kulturmanagerin), Luiza Medeleanu (Doktorandin der Kulturwissenschaften) und Delia Popa (bildende Künstlerin und Kunstvermittlerin). Moderiert wurde der Abend vom ehemaligen Leiter des Goethe-Instituts, Joachim Umlauf, der dieses Projekt begleitet.
Der aktuelle Leiter, Markus Huber, sprach zu Beginn auch einige Begrüßungsworte und lobte die lange Arbeit am Projekt, das bereits drei Jahre läuft, und hob hervor, wie wichtig es ist, zu sehen: „Wer spricht über wessen Geschichte“. Für das Goethe-Institut sei es laut ihm wichtig, genau das zu beachten, so dass Gruppen, wie auch Roma, ihre eigene Geschichten erzählen können, ohne dass ihnen eine von außen auferlegt wird.





