Hermannstädter Philologe gewinnt prestigeträchtige Forschungsförderung

Ștefan Baghiu Quelle: Facebookseite von Ștefan Baghiu

Hermannstadt -  Ștefan Baghiu, Professor an der Lucian-Blaga-Universität Hermannstadt/Sibiu (LBUS) am Katheder für Romanistik, konnte sich mit seinem Projekt MEELNA – Eine Bestandsaufnahme osteuropäischer Literaturnationen: Quantitative Geschichtsforschung, Produktionsgeografien und Prestigenetzwerke ein ERC Starting Grant in Höhe von 1,5 Millionen sichern.

Ein ERC Starting Grant ist eine der prestigeträchtigsten Förderlinien Europas für exzellente Nachwuchswissenschaftlerinnen und -Wissenschaftler, die ihre erste unabhängige Forschungsgruppe aufbauen wollen. Er bietet bis zu 1,5 Millionen Euro für fünf Jahre und ist thematisch völlig frei. Ein Starting Grant des European Research Council (ERC) fördert Einzelpersonen, nicht Konsortien. Der Fokus liegt auf bahnbrechender Grundlagenforschung, die wissenschaftliche Grenzen verschiebt. Die Forscher erhalten maximale Freiheit, ein eigenes Team aufzubauen und ein visionäres Projekt umzusetzen. In den Bereichen Literaturwissenschaft, Vergleichende Literaturwissenschaft und Digital Humanities sind solche Förderungen eine Seltenheit. Ein ERC-Zuschuss hat zudem institutionelle Auswirkungen, die über die Finanzierung des eigentlichen Projekts hinausgehen. Die Fördermittel ermöglichen den Aufbau internationaler Forschungsteams, die Einstellung von Doktoranden und Postdoktoranden sowie die Entwicklung von Infrastrukturen und langfristigen Forschungsrichtungen.

Das MEELNA-Projekt knüpft an einen Forschungsansatz an, den [tefan Baghiu in den letzten zehn Jahren an der Schnittstelle zwischen Literaturgeschichte, Vergleichender Literaturwissenschaft und quantitativen Methoden entwickelt hat. Baghiu war bereits an dem von Andrei Terian geleiteten ERC-Projekt beteiligt, das sich mit einer transnationalen Geschichte der rumänischen Literatur befasst, und seine nachfolgenden Forschungen haben diese Perspektive auf die Geistesgeschichte und den Vergleich osteuropäischer Kulturen ausgeweitet. MEELNA stellt den Übergang von diesen Forschungen und methodologischen Experimenten hin zum Aufbau eines umfassenderen vergleichenden Programms dar. Das Projekt wird langfristig vier osteuropäische Literaturkulturen analysieren und dabei Literaturgeschichte mit quantitativer Analyse, der Kartierung des literarischen Schaffens und der Untersuchung von Prestigenetzwerken verbinden. Ziel ist es, nicht nur zu erklären, welche Werke und Autoren kanonisch geworden sind, sondern auch die Infrastrukturen, geografische Gegebenheiten und institutionellen Mechanismen zu beleuchten, durch die sich die nationalen Literaturen Osteu-ropas im Laufe der Zeit herausgebildet und neu organisiert haben. MEELNA besteht aus einem Team von 16 Forscherinnen und Forschern, die sich zum Ziel gesetzt haben, die erste quantitative Literaturgeschichte der mittel- und osteuropäischen Literaturen zu entwickeln.

„Als ich 2016 nach Hermannstadt kam, hat mich hier vor allem die Art und Weise angezogen, wie die Forschung an der Fakultät für Literatur und Künste der LBUS bereits mit den neuesten und wichtigsten Entwicklungen in der internationalen Literaturwissenschaft in Verbindung stand. Ich kam hierher, um mein Doktoratsstudium aufzunehmen, weil ich ein damals umstrittenes Projekt verfolgte – ich untersuchte quantitativ die in Rumänien während des Kommunismus übersetzte Literatur, und zwar in einer Zeit, in der quantitative Studien mit Skepsis betrachtet wurden. Nun, da es mir gelungen ist, diesen Forschungszuschuss zu erhalten, wird mir immer deutlicher bewusst, dass es sich zwar um einen individuellen Zuschuss handelt, der von einem Projektleiter eingeworben wird, der anschließend ein Arbeitsteam zusammenstellt, dieser jedoch das Ergebnis einer langfristigen gemeinsamen Anstrengung ist. Ich möchte an dieser Stelle all jenen danken, die mich in den letzten Jahren ermutigt, unterstützt und begleitet haben. Ich schätze mich wirklich glücklich, an der Fakultät und an der Universität mit Menschen zusammenarbeiten zu dürfen, für die wissenschaftliche Erkenntnisse eine grundlegende Priorität darstellen – insbesondere vor dem Hintergrund der Unterfinanzierung der Forschung in Rumänien,“ erklärte Ștefan Baghiu.