Der Tod von Ingeborg Acker, Leiterin des langjährigen Canzonetta Chors, hat eine Frage ausgelöst: Wer war Inge für mich? Welche Facetten von ihr, ein Brennpunkt des deutschen Kronstädter Kulturlebens, habe ich wahrgenommen?Auf den ersten Blick war meine Tangenz zu ihr eher streifend: Ich war nur einige kurze Jahre im Canzonetta-Chor. Über ihren Sohn Michael Acker, meinen Freund, habe ich sie aber hin und wieder über die Jahre gesehen. Zuletzt im April 2024, als einsamer „Kulturträger“, die Tradition des Spritzens am Ostermontag aufrecht erhaltend.Aber, in Erinnerungen forschend, ist erstaunlich Prägendes zusammengekommen. Chronologisch: Inge als Lehrerin. Flötenstunden und später Klavierunterricht im frühen Kindesalter. Geduldig oft, ich erinnere mich nicht, den Stunden jemals mit dunkler Vorahnung entgegengesehen zu haben (im Gegensatz zu anderen Stunden später in der Schule).Dann, wie gesagt, Inge als Mutter meines Freundes, mit dem besagter Musikunterricht gemeinsam bestritten wurde. Mahnend, aber immer bemüht, dass wir etwas lernen. Ab und zu haben sich die Wege auch bei Sommerausflügen gekreuzt, im Wolkendorfer Strandbad, wo wir beide stets versucht haben, der elterlichen Aufsicht zu entschlüpfen.Aber auch Inge als Organisatorin, bei verschiedenen Reisen in allerlei Landesteile mit dem Chor.
Erst jetzt, wo ich selbst beruflich ab und zu mit logistischen Aufgaben konfrontiert werde, realisiere ich, wie anspruchsvoll es gewesen sein muss, eine Horde Schüler kreuz und quer durchs Land zu transportieren: Nach Bistritz (bitterkalt, aber lustig), nach Sathmar (nicht dabei, aber nicht minder lustig, wie berichtet) und viele weitere Städte – insbeson-dere auch die Ferienlager in Plaiul Foii stechen heraus. Dort erinnere ich mich mehr an die nicht-musikalischen Aktivitäten als an die musikalischen, ein echter Höhepunkt in den Sommerlagern meiner Gymnasialzeit. Doch nicht nur Städte wurden besucht, auch Fahrten ins Ausland, nach Deutschland und Österreich wurden unternommen. Trotz der logistischen Herausforderungen hat immer alles geklappt, nicht nur in den Konzerten, sondern auch bei lokalen Auftritten, wie z.B. einer Weihnachtsfeier bei Selgros: Kein verpatzter Einsatz, kein Ausrutscher, der den Auftritt als Ganzes ins Wanken hätte bringen können. Es wurde sicher manchmal emotional – Inge hatte hohe Ansprüche, glaube ich – aber letztlich ging alles glatt.
Somit, abschließend, die herausragende Rolle von Inge als Chorleiterin. Untermauert wurden die Auftritte von dem regelmäßigen Unterricht im Chor, wo die eigentliche Arbeit und das Proben stattfanden. In meinem Fall hieß das: Schule am Nachmittag um 13.00 Uhr, aber um 12.00 Uhr vorher eine Stunde Chor im Kapitelzimmer. Aber hierzu lade ich langjährige Canzonetta-Mitglieder ein, Beiträge zu verfassen, die sicher mit mehr Geschichten und Anekdoten, Erinnerungen und Momenten Inges tägliches Werk würdigen können.Was lässt sich aus diesem Kaleidoskop an Rollen als Bleibendes herauslesen?Jenseits von den vielen schon erwähnten Beiträgen von Inge für die Musik, die im Preis bei der Honterusgala 2013, bei der Georg-Dehio-Preisverleihung 2019 oder in der Laudatio zum Apollonia-Hirscher-Preis 2021 gewürdigt wurden, ist – zumindest für mich – noch wichtiger und bedeutender das Netzwerk, das Inge geschaffen hat. Ein Netzwerk, das auch nach dem Aufhören des Chors und nach ihrem Tod weiter Bestand hat.
Canzonetta ist nämlich nicht „nur“ ein Chor gewesen. Es haben sich in den Tiefen von Canzonetta sogar Ehepaare gefunden – und Canzonetta hat sicher wesentlich zur Vernetzung der Honterusschüler beigetragen. Mir ist schließlich kein außerschulischer Verband oder Verein bekannt, egal ob Musik, Sport oder Kunst, dessen Mitglieder in ebenfalls großer Zahl der Honterusschule entstammen, und der ebenfalls so langlebig war wie Canzonetta. Ja, Canzonetta hat Einteilungen in Klassen und Jahrgänge gesprengt.Nun weit verästelt, sind die gewesenen Mitglieder rund um den Globus versprengt. Aber das Netzwerk, auch wenn man sich vielleicht nicht mehr als Canzonetta-Mitglied identifiziert (aber vielleicht sollte?), hat Bestand. Dank verschiedener Freundesgruppen, die teilweise aus dem Chor hervorgegangen sind, wird das Netzwerk, hoffentlich, noch lange währen.
Das Begräbnis war der Beweis: Obwohl Montag angesetzt, haben sich über hundert Leute eingefunden, die Kapelle in Rosenau komplett gefüllt, Menschen stehend im Mittelgang bis zur Tür hinaus.An einem späteren Tag, wenn viele Mitglieder des Canzonetta-Netzwerks zwischen Weihnachten und Neujahr kurz zurückkehren, wären es möglicherweise noch mehr gewesen.