Wenn das eigene Leben zwischen zwei Ländern stattfindet

Grazer Forumtheater „Geteiltes Leben“ kommt nach Temeswar

Temeswar (ADZ) – Sie verbringen Wochen in einem fremden Haushalt, kümmern sich Tag und Nacht um einen älteren oder pflegebedürftigen Menschen und kehren danach für kurze Zeit zu ihrer eigenen Familie zurück. Danach beginnt der Rhythmus von vorne. Die Lebenswirklichkeit von Menschen, die als sogenannte 24-Stunden-Betreuer in Österreich arbeiten, steht im Mittelpunkt des Forumtheaters „Geteiltes Leben“, das von der Grazer Theaterinitiative InterACT gemeinsam mit der Interessenvertretung IG24 entwickelt wurde und nun auch in Temeswar gezeigt werden soll.

Gerade für Rumänien ist das Thema von besonderer Bedeutung. Ein großer Teil der in Österreich tätigen Personenbetreuerinnen kommt aus Mittel- und Ost-europa, darunter viele Frauen aus Rumänien. Der österreichische Rundfunk Ö1 sprach 2025 von rund 55.000 überwiegend osteuropäischen Betreuungskräften. Die Produktion „Geteiltes Leben“ konzentriert sich insbesondere auf die Erfahrungen zweier Betreuerinnen aus Rumänien. Die Aufführung „Geteiltes Leben“ findet am Donnerstag, dem 24. September, um 19.30 Uhr im Lira-Saal des Kulturhauses der Stadt Temeswar statt und wird vorwiegend in deutscher Sprache gespielt. Der Eintritt ist frei. Wer möchte, kann die Veranstaltung mit einer freiwilligen Spende unterstützen. Eine weitere Vorstellung ist am 26. September in Großkarol/Carei im Multifunktionszentrum/Centrul Multifuncțional um 19.30 Uhr vorgesehen.

Das Stück entstand nicht allein aus Recherchen der Theatermacher. InterACT arbeitete gemeinsam mit IG24 und weiteren Partnern direkt mit Betreuungskräften. Bei Workshops in Österreich und Rumänien brachten mehr als 50 Personen ihre Erfahrungen, Konflikte und Beobachtungen ein. Daraus entwickelten sich Szenen über ein Arbeitsleben, das sich weitgehend hinter den Türen privater Haushalte abspielt.

Dabei geht es nicht ausschließlich um Ausbeutung oder Konflikte. „Geteiltes Leben“ zeigt auch Nähe, Zuneigung und Verbundenheit, die zwischen Betreuungskräften und den von ihnen betreuten Menschen entstehen können. Gleichzeitig thematisiert die Produktion Erschöpfung und Einsamkeit, Spannungen mit Angehörigen, Abhängigkeiten und die schwierige Trennung zwischen Arbeitszeit und Freizeit, wenn Arbeitsplatz und Wohnort identisch sind. InterACT beschreibt den Ausgangspunkt des Stücks mit dem Satz „Notlage trifft auf Notlage“: Auf der einen Seite stehen ältere Menschen und ihre Familien, die Betreuung benötigen, auf der anderen jene Menschen, die ihr eigenes Zuhause verlassen müssen, um diese Arbeit übernehmen zu können.

„Geteiltes Leben“ unterscheidet sich dabei grundlegend von einer klassischen Theateraufführung. Es handelt sich um Forumtheater. Zunächst spielt das Ensemble die aus tatsächlichen Erfahrungen entwickelten Konfliktsituationen. Danach ist die Vorstellung jedoch nicht beendet. Das Publikum wird aufgefordert, Vorschläge zu machen, auf die Bühne zu kommen und selbst auszuprobieren, ob sich eine Situation verändern lässt. Aus Zuschauern werden damit zeitweise Mitspieler. Auf diese Weise sollen nicht nur Probleme beschrieben, sondern gemeinsam mögliche Handlungsmöglichkeiten erprobt werden. 

Das Projekt ist langfristig angelegt. InterACT bezeichnet „Geteiltes Leben“ als politisch-partizipatives Theaterprojekt für die Jahre 2025 bis 2027. Ziel ist es, die häufig prekären Arbeitsbedingungen in der 24-Stunden-Betreuung sichtbar und öffentlich diskutierbar zu machen. Die Premiere fand im November 2025 im Theater am Lend in Graz statt; Regie und Moderation übernahm Michael Wrentschur. 

Partner des Projekts ist IG24, die Interessenvertretung der 24-Stunden-Betreuerinnen und -Betreuer in Österreich. Die Organisation setzt sich insbesondere für migrantische Betreuungskräfte ein und bringt deren Erfahrungen auch in die politische Diskussion über das österreichische Betreuungsmodell ein.