„Am ersten Tag in der Schule glaubte ich, dass es auch der letzte sein würde“

Künstler Cezar Stanciu bereut es dennoch nicht, ins Lehramt eingestiegen zu sein

Cezar Stanciu ist Pflanzenfreund Foto: Klaus Philippi

Breit ist die Auswahl am Arbeitsmarkt für niemanden, der an einer Universität etwas künstlerisch Bildendes studiert hat und sich auch nicht aus der Branche hinaus bewegen möchte. Ein bisschen Glück braucht schon, wer diesen Weg einschlägt, und Cezar Stanciu hatte es von Anfang an: trotzdem er bis Mitte der 11. Klasse gerade nicht auf ein Kunstgymnasium ging, sondern als Lyzeaner die Philologie-Klasse am Pädagogischen Gymnasium in Hermannstadt/Sibiu mit Deutsch als Unterrichtssprache besuchte. Schüler der Klassen 5 bis 8 war er am Samuel-von-Brukenthal-Gymnasium gewesen. „Mein Deutsch habe ich ganz vergessen”, gibt Cezar Stanciu frei heraus zu, Jahrgang 1996 und seit 2023 selber auch Lehrer mit Profi-Blick für begabte Kinder.

Ob am „Päda” sein Wunschberufsfach mehr als am „Bruk” zählte? Nein. Doch „ab der 11. Klasse nahm ich Privatunterricht bei einem Lehrer vom Kunstgymnasium”. Es klappte auf Anhieb mit Grund- und Masterstudium für Bildhauerei in Klausenburg/Cluj-Napoca, gefolgt vom Karrierestart in Bukarest und schließlich vor drei Jahren von der Heimkehr nach Hermannstadt. Gartenlos ist die Wohnung seiner Eltern in der Altstadt, aus deren Küche und Pflanzenbeet im Hof Cezar Stanciu mit wenig Mitteln dennoch ein Idyll geschaffen hat. Im gleichen Haus hat er sein eigenes Ein-Zimmer-Appartement in der Mache. Statt arbeiten zu lassen, werkt er selbst, sooft möglich. Nachbar Klaus Philippi hat ihn gesprochen.

Deine Leidenschaft zum Zeichnen, Cezar Stanciu, ist sofort allen klar, die auch nur ein großes Bild aus deinem Atelier sehen. Wie weit eigentlich reicht sie schon zurück?

Im zweiten Jahr des Masterstudiengangs an der Universität für Künste und Design in Klausenburg fiel dem uns zugeteilten Professor mein Hang zum Zeichnerischen auf, und er empfahl mir, das auszubauen. Gefallen hatte es mir immer schon, und sowieso ist das Zeichnen die Grundlage für all die eigenen Disziplinen, ob Malerei, Grafik, Bildhauerei oder anderes. An der Basis muss man den Aufbau, die Proportionen und ihre zeichnerische Darstellung beherrschen, erst danach folgt die Einweisung in die spezifischen Techniken des Arbeitens mit Wasser-, Acryl- und Ölfarben. Auch eine Skulptur lässt sich erst bauen, wenn zunächst die Zeichnung des beabsichtigten Kopfs oder Gegenstands aus unterschiedlichen Perspektiven stimmt.

Im Frühjahr 2023 behaupteten fortgeschrittene Schülerinnen am Kunstgymnasium Hermannstadt, dass wirklich gute Pinsel und Farben in keinem Laden vor Ort aufzutreiben wären. Wo deckst du dich mit dem Nötigen ein?

Es ist einfach, man findet alles im Internet. Außerdem steht dem Kunstgymnasium auch ein Budget für Materialien zur Verfügung, zumindest seit meinem eigenen Start ins Lehramt vor drei Jahren; um Leinwände und Farben muss niemand sich selber kümmern. Dass Jugendliche hin und wieder trotzdem für Ausgefallenes in ihre persönliche Tasche greifen, liegt sicher auch am Anteil von 80 Prozent Mädchen unter den Teenagern an der Schule. Auf jeden Fall werden ihnen die Leinwände sogar für die Prüfung im letzten Schuljahr zur Bescheinigung der künstlerischen Eignung – dem so genannten „atestat” – vom Gymnasium gestellt.

2015 hast du das Abitur gemacht und 2023 selber zu unterrichten begonnen. Acht Jahre also nicht nur fürs Studium, sondern auch den Schritt vom Schüler zum Lehrer.

Anfangs hatte ich eine halbe Lehrstelle, zehn Wochenstunden. Es gab Lehrer in meiner Schulzeit, die bald in Rente gehen sollten und mich Absolventen der Grundausbildung an der Hochschule gleich zu ihrer Nachfolge zu ermutigen versuchten. Sie meinten es ernst und sprachen mich jedes Jahr von Neuem telefonisch darauf an. Bei mir wiederum ging es nach dem Masterstudiengang fürs Erste nach Bukarest, in ein Atelier für Bühnenbilder. Ich arbeitete gemeinsam mit zwei Künstlern, die Theater bedienten und auf Bestellung auch Zubehör und Möbel für Privatwohnungen entwarfen. Der Kontakt zu einem von meinen beiden Kollegen dort hält bis heute an, er ist Bildhauer, stellte auf seinen Expos auch Arbeiten von mir aus und half beim Zugang in Kreise der Bukarester Szene, wo ich nach wie vor Mitglied eines Vereins mit guten Aussichten bin.

Wie schade oder nicht war der Umzug von Bukarest zurück nach Hermannstadt?

Ich bin dankbar dafür. Weil ich in Bukarest keinen Platz für mich fand, der mir langfristig geeignet schien. Auch die Beziehung zu meiner damaligen Partnerin ging zu Ende, und so lag es einfach nahe, heim nach Hermannstadt zu kommen. Eine willkommene und schöne Erfahrung waren die zweieinhalb Jahre in Bukarest dennoch. Ende 2022 war ich wieder zuhause.

Wie erlebst du das Lernen in der Schule als der Unterrichtende?

Überzeugt war ich davon nicht, doch mein Ex-Lehrer für Bildhauerei und auch meine Ex-Klassenlehrerin bestanden darauf, dass ich es anpacke. Zwar klang der Gedanke gut, aber was er bedeutet, und was es heißt, mit Kindern zu interagieren, konnte ich mir nicht so richtig vorstellen; denn auch in den Lyzealklassen sind es immer noch Kinder. Irgendwie habe ich dann zugesagt, eine halbe Norm zu unterrichten. Am ersten Tag in der Schule glaubte ich, dass es auch der letzte sein würde, bei dem Stress und hohen Verbrauch von Energie, als die Kinder mich mit Fragen überrannten und ich noch nicht wusste, wie darauf zu reagieren. Ich gab mir Zeit dafür und fand nach und nach hinein, bis ich auf den Geschmack kam, versteckte Begabungen zu entdecken. Das ist das Schöne daran.

Unterrichtest du nur Zeichnen, oder auch etwas anderes?

Zeichnen und Modellbau. Letzteres ist mein Hauptfach, aber weil es für mich keine Möglichkeiten gibt, 20 Wochenstunden allein das zu unterrichten, und ich im Lehramt auch noch nicht fest angestellt bin, kein „titular” also, fülle ich meine Norm mit Zeichenunterricht auf. Insgesamt komme ich auf 25 Wochenstunden, wovon fünf nur mit Stundenlohn entschädigt werden. Genau die Stunden, die kein anderer wollte.

Ex-Bildungsminister Daniel David hat die Vollzeitbeschäftigung im Lehramt auf 20 Wochenstunden festgelegt.

Und was sie überschreitet, wird nur noch zu 20 bis 30 Lei je Stunde bezahlt. Ein lächerlich kleiner Satz, wofür nicht mehr als ein Kaffee herausschaut.
Woran ich mich schließlich gewöhnt habe, ist das Kommunizieren und das Gestalten der Beziehungen zu Schülern: wie sie reagieren, wie man ihnen gegenübertritt. In der Benotung kommt es auf ein Verhältnis zwischen Nachsicht einerseits und Kritik andererseits an, damit sie sich angespornt fühlen, Fortschritte zu machen. Da habe ich als Lehrer im dritten Jahr noch längst nicht alles gelernt, tue es aber gern.

Was wären nach dem Hochschulstudium Alternativen für dich auf dem Arbeitsmarkt gewesen, vom allgemein schöpferischen Leben als Künstler mal abgesehen?

Möbelstücke in einmaliger Ausführung, von denen jedes einzelne seine Funktion und ein spannendes Design gleichermaßen erfüllt, habe ich schon im Studium gebaut, für Verwandte und Bekannte als die ersten Empfänger. Auch Zeichungen und Ölbilder habe ich verkauft. Meine allererste Küchenzeile überhaupt ist diese hier, wo wir uns gerade unterhalten. Sie hat so ihre Probleme, und manches Detail würde ich heute anders gestalten. Was ich aber grundsätzlich gerne mache, sind Stehlampen oder ähnliche Wohnausstattung, die ich an der Schnittstelle zwischen funktionalem Objekt und Skulptur kreiere. Bietet es sich an, entsorgte Gegenstände ungewohnt neu zu verwenden, ist es sogar besonders gut. Einen Lüster beispielsweise, dessen Leuchtkörper nach unten hingen, habe ich kopfüber auf das eine Ende der ebenso gefundenen Säule aus Eichenholz gesetzt und die Installation auf ein Kreuz mit vier Laufrollen gestellt. Ich habe viel vom Professor im Masterstudiengang in Klausenburg gelernt, und etliches auch autodidaktisch durch handwerkliche Anleitung in Youtube-Videos.


Wann erreichen deine Gegenstände und Kunstwerke ihre Reife, über die hinaus keine weiteren Schritte mehr nötig sind?

Ich mag es, in meinen fertigen Bildern auch Bereiche zu haben, die zwar unbearbeitet aussehen, sich jedoch während der Arbeit spontan ergeben. Die belasse ich absichtlich so, wenn mich nebst dem, was ich an der Oberfläche vermitteln möchte, auch das Ästhetische befriedigt.

Wie knapp fällt die Zeit aus, die dir nach dem Schulbetrieb für dein Atelier und die Baustelle der Einzimmerwohnung bleibt?

Es treibt mich ein wenig in die Enge, dass ich öfters gar nicht weiß, wie ich das alles auf die Reihe bekommen kann. Aufträge anderer Leute, die nicht warten dürfen, und dann wiederum Arbeiten für mich selber.

Wo finden dich Sammler oder Neugierige, die etwas bei dir bestellen wollen?

Im Netz, ich habe einen Instagram-Account: „cezzarstanciu”, mit zwei „z”.

Was hältst du von der Vermutung, dass künstliche Intelligenz dem Menschen und seiner Arbeit im Künstlerischen nicht den Schneid abkaufen können wird?
Genau abschätzen kann ich das nicht. Manche Nischen wird wohl auch die KI besetzen, nur die tatsächliche Arbeit von Hand sicher nicht. Beeinträchtigung durch die KI hingegen macht sich in dem breit, was digital geschaffen und gestaltet wird. So geschieht die Verkürzung der Arbeit von Künstlern, die Streichung von ihrem Broterwerb sozusagen. Wenn Firmen und Geschäftsvereine eher kleine Ansprüche in Sachen Qualität haben und ihre Logos nicht mehr von Profis, sondern von digitalen Programmen entwerfen lassen, die in der Mittelmäßigkeit steckenbleiben, auch wenn sie das eigentlich gut hinbekommen. Es ist ziemlich komisch mit der KI, von deren Fortschreiten ausgehend man gar nicht weiß, was und wie sie schädigen wird.

Schade, dass unlängst im Frühjahr im Eingangsraum der Galerie der Bildenden-Künstler-Kammer Rumäniens (Uniunea Artiștilor Plastici, UAP) am Großen Ring/Piața Mare in Hermannstadt ein Laden der Schmuckwaren-Kette „Magazinul de Pietre” eröffnet hat, oder?

Ja, das war ein Kompromiss, der eingegangen wurde, um von den Bedingungen zu profitieren, die der Laden geschaffen hat. Wo die Galerie bis unlängst nur an Werktagen von 14 bis 17 Uhr geöffnet war, macht sie jetzt um 10 Uhr auf, und am Wochenende schließt sie erst um 20 Uhr. Der Laden bezahlt alle Rechnungen, und die UAP ihrerseits muss sich nicht mehr auf kurze Publikumszeiten wie vorher beschränken, weil der Laden auch auf Ausstellungen achtgibt. Klar, die Sache ist schon diskutabel, und es sollen auch schon mehrere Leute gefragt haben, ob es die Kunstgalerie dort überhaupt noch gibt.

Auch ich bin bis an die Schaufenster der Galerie heran getreten, um mich davon zu überzeugen. Die Situation ist symptomatisch für das chronisch sehr stiefmütterliche Umspringen mit Bildung und Kultur in Rumäniens Politik. Einen Kompromiss wie den in Hermannstadt gäbe es nicht, würde die bildende Kunst wirklich ernst genommen.

Dann hätte man einen Galeristen oder Kurator bezahlen können, der volle Arbeitszeit leistet. Doch die Wertschätzung für Bildung fällt im Allgemeinen gering aus, und das Kulturelle kommt noch schlechter weg.