Angela Merkel zu Besuch in Bukarest

Die ehemalige deutsche Kanzlerin stellte ihr neues Buch im Gespräch mit Emil Hurezeanu vor und sprach über Besuche in Rumänien, Politik und die Gesellschaft

Fotos: Valentin Brendler

Vor Kurzem war die ehemalige deutsche Kanzlerin, Angela Merkel, im voll besetzten Athenäum zu Gast. Denn der Litera Verlag hatte sie zu einem Gesprächsabend eingeladen. Dabei stellte sie ihr Buch „Freiheit: Erinnerungen 1954 – 2021“, das in rumänischer Übersetzung beim besagtem Verlag („Libertate. Amintiri 1954 – 2021“) erschienen ist, vor. Darüber hinaus sprach sie eineinhalb Stunden mit dem Journalisten und ehemaligen rumänischen Außenminister, Emil Hurezeanu. Merkel sprach auf Deutsch, Hurezeanu auf Rumänisch, während für das Publikum simultan übersetzt wurde, sodass die meisten Zuschauer  kleine, schwarze Kopfhörer trugen. Die beiden Politiker redeten über Merkels Entscheidungen, insbesondere in Bezug auf Russland und die Ukraine, sowie auch über die persönliche Vergangenheit der ehemaligen Kanzlerin. Merkel berichtete unter anderem, dass sie nicht nur als Politikerin, sondern bereits in ihrer Jugend mehrmals nach Rumänien gereist ist. 

Schließlich ist Angela Merkel in der DDR aufgewachsen. Geboren wurde sie zwar in Hamburg, jedoch wanderten ihre Eltern in ihrem Geburtsjahr 1954, als sie noch ein Baby war, in die DDR aus. Ihr Vater nahm im Dorf Quitzow (heute ein Ortsteil von Perleberg) eine Pfarrstelle an. Das war eine große Umgewöhnung, insbesondere für Merkels Mutter, eine „Städterin“, wie sie erzählte. Ihre Mutter hatte laut der ehemaligen Kanzlerin nämlich einen weißen Teppich ins Haus mitgebracht. Wenn Gäste kamen, wollte ihre Mutter gastfreundlich sein und sagte anfangs jedem Gast, dass er die Schuhe anlassen dürfe. Dadurch wurde der Teppich jedoch immer dunkler, bis die Mutter einen Schlussstrich zog und sagte: „Ziehen Sie die Schuhe aus.“

Angela Merkel war dann natürlich auch in der DDR. „Ich hatte da keine freie Entscheidungsmacht“, sagte sie scherzhaft, schließlich war sie noch ein Baby. Doch von nun an wuchs sie in der kommunistischen Diktatur auf. In ihrem Buch und im Gespräch reflektiert sie die Zeit: „Ich war in gewisser Weise  angepasst. Ich habe versucht, nicht im Gefängnis zu landen, wie Millionen andere DDR-Bürger“. 

„Eine Heimat auf der anderen Seite der Grenze“

Doch gab es in ihrem Hinterkopf stets einen Rettungsanker: Westdeutschland, die Bundesrepublik Deutschland, wo alle DDR-Bürger automatisch einen Pass bekamen. Also hatte sie oft den Hintergedanken: Wenn es wirklich schlimm wird, muss ich einfach versuchen zu fliehen. „Und dann habe ich eine Heimat auf der anderen Seite der Grenze“. 

So schlimm kam es jedoch nicht und sie lebte weiter im Osten. „Meine Eltern haben uns so erzogen, dass wir keinen Menschen an die Stasi verraten, dass wir niemanden in Nachteil versetzen“, so Merkel. Sie erzählte, dass sie im Westen wohl Lehrerin geworden wäre, aber in der DDR keine Kinder indoktrinieren wollte. Stattdessen studierte sie Physik, denn „die Schwerkraft war in der DDR immer noch die Schwerkraft“. 

Ungefähr in dieser Zeit reiste sie als Rucksacktouristin mit ein paar Freunden auch öfters ins sozialistische Rumänien. „Wir hatten immer eine Reiseroute über Berlin nach Prag, nach Bratislava, Budapest, dann Bukarest und Sofia“, so die ehemalige Kanzlerin. „Wenn ich in Bukarest haltgemacht habe, ging es immer ins Făgăraș-Gebirge“. 

Sie führt weiter aus: „Rumänien war für uns immer etwas Besonderes. Manches war aus DDR-Perspektive ganz streng und manches war überraschend freier als bei uns. Was mich besonders beeindruckt hat: An den Grenzen musste man immer sehr lange stehen, weil Rumäniens Eisenbahn sehr gut und elektrifiziert war.“ Deswegen wurden an der Grenze die Züge gewechselt, was lange gedauert hat.  Das Komplizierteste war ihr zufolge jedoch, dass sie nie viel Geld hatten. Sie durfte am Tag nur 30 DDR-Mark umtauschen und damit musste sich Merkel mit ihren Freunden durchschlagen. Das konnte, wie sie erzählte, auch mal schwer werden. Dann musste auf Hotels, oder ein Abendessen, verzichtet werden. 

Im Jahr 1990 begann die politische Laufbahn

Dies erzählte Angela Merkel über ihr privates Leben, bis sie in die Politik einstieg und sich für  sie alles änderte. Denn ihr privates Leben rückte ab dann an vielen Stellen in den Hintergrund. 

Ihre politische Laufbahn startete so richtig im Jahr 1990, als sie sich im vereinten Deutschland für den Bundestag aufstellen ließ. Anschließend wurde sie von Helmut Kohl zur Bundesministerin für Frauen und Jugend ernannt (laut Merkel wollte Kohl eine Frau im Amt haben, die nicht zu feministisch und aufmüpfig war; dazu war Merkel Ostdeutsche) und ihre Laufbahn begann, die darin gipfelte, dass sie von 2005 bis 2021 die Kanzlerin von Deutschland war.
In dieser Zeit hatte sie einige politische Herausforderungen: „Die ersten zwei Jahre konnte ich mich an das Regieren gewöhnen, dann kam die Finanzkrise, die Euro-Krise, die Annektion der Krim, die Flüchtlingskrise und Corona“, so die ehemalige Kanzlerin.

Geschockt von der Marktwirtschaft

Ihr erster Schock war die Finanzkrise im Jahr 2007/2008. „Ich kam aus dem Sozialismus. Ich habe die Marktwirtschaft gewollt. Ich habe an Unternehmen und Unternehmergeist geglaubt.“ Und dann haben ihr zufolge einige amerikanische und britische Banken das System an den Rand des Abgrunds geführt. „Und auf einmal rufen alle nach dem Staat.“ Der dann durchaus in die Marktwirtschaft eingegriffen und Banken unterstützt hat, damit diese nicht komplett bankrott gehen und die normalen Bürger noch mehr Geld verlieren. Das hat laut ihr jedoch viel Vertrauen der Bürger gekostet: In den Staat und die Marktwirtschaft. Denn zuvor habe der Staat immer gesagt, er habe nicht unendlich viel Geld, und auf einmal unterstützte er große Banken, die sich selbst verkalkuliert haben. „Für mich war das eine große persönliche Enttäuschung. Ich bin auch sehr unruhig, wenn ich heute die Entwicklungen sehe im Bezug auf Rieseninvestitionen in Rechenzentren und KI. Hat die Welt wirklich daraus gelernt?“, fragt Angela Merkel sich.

Aus der Finanzkrise entstand laut der ehemaligen Kanzlerin auch die anschließende Euro-Krise, wo die Frage aufkam: Bleibt Griechenland im Euro? Merkel weiß, dass sie sich unbeliebt in Griechenland gemacht hat, da sie viele Reformen gefordert hat. Sie verteidigte im Gespräch jedoch ihr Vorgehen: Ihr Ziel sei es gewesen, die EU zusammenzuhalten und den Euro zu retten. Dazu sieht sie in Griechenland (und Portugal) trotz bestehender Probleme große Fortschritte. Auch Rumänien habe sich ihren Worten nach in der EU erfolgreich weiterentwickelt, auch wenn es natürlich immer noch Probleme gibt.

Nach der Euro-Krise gab es dann die nächste Katastrophe: Die Annektion der Krim durch Russland. Dazu gibt es jedoch eine zentrale Vorgeschichte, die in Bukarest, unter anderem im Athenäum, im Jahr 2008 stattfand.

Bukarest, 2008, im Fokus

Dort beriet die NATO darüber, ob die Ukraine und Georgien in den „Membership-Action-Plan“ der NATO aufgenommen werden sollen. Ob sozusagen ein Beitrittsverfahren gestartet werden soll, das laut Merkel dann nochmal drei bis fünf Jahr gedauert hätte. Merkel und der ehemalige französische Präsident, Nicolas Sarkozy, waren dagegen. 

In Bukarest, im Jahr 2026, verteidigt die ehemalige Kanzlerin ihre Entscheidung. „Ich war zutiefst davon überzeugt, dass es nicht der richtige Zeitpunkt war“, so Angela Merkel. Aus verschiedenen Gründen: Zum einen wollte sie, wie sie sagte, die NATO nicht spalten, da sie Jahre zuvor beim Irakkrieg schon zerstritten war. Das andere Problem war Russland. „Nicht weil Russland ein guter Freund wäre, sondern aus der objektiven Betrachtung der Situation. Die Ukraine war damals ein Land, in dem die Mehrheit der Bevölkerung gegen den Beitritt zur NATO war. Auf jeden Fall war es ein zutiefst gespaltenes Land“, so Merkel. Dazu hatten die Ukraine und Russland im Jahr 1997 einen Vertrag geschlossen, der Russland die Nutzung der Häfen in der Krim für die russische Schwarzmeerflotte bis ins Jahr 2017 erlaubte. Merkel konnte sich nicht vorstellen, dass Putin den NATO-Beitritt der Ukraine zulassen würde. 

Eine Angst, die so oder so wahr wurde

Sie hatte also Angst, dass Russland die Ukraine angreifen würde. Wenn nämlich der „Membership-Action-Plan“ gestartet worden wäre, wäre die Ukraine nicht direkt geschützt gewesen. Sondern erst als Vollmitglied durch Artikel 5 nach drei bis fünf Jahren. Sie befürchtete, dass die Ukraine und Georgien geradezu auf dem Präsentierteller gestanden hätten. 

Nun, kurz nach der Absage griff Russland so oder so Georgien an. Einige Jahre später annektierte Russland auch die Krim und die erste Phase des Ukrainekriegs startete, der bis heute andauert. 

Auch noch heute verteidigt Angela Merkel jedoch ihre damalige Entscheidung in Bukarest 2008, obwohl die Befürchtungen so oder so wahr wurden. Wäre eine andere Entscheidung doch besser gewesen? Merkel weiß es nicht und nennt dies „total spekulativ!“. Sie fügt hinzu: „Wir neigen dazu, die Dinge von heute zu betrachten. Und es ist manchmal gar nicht so einfach, sich noch einmal zurückzuversetzen: Wie war die Lage damals? Und ja. Hinterher sind wir alle klüger. Das Schwierige an der Politik ist aber, dass im Moment entscheiden werden muss.“

Der Ukraine-Krieg und wie Deutschland damit umgeht

Danach verteidigte sie auch, dass Deutschland Nord-Stream 1  und später 2 gebaut hat, denn viele Länder in der EU hätten weiterhin Gas aus Russland bekommen. Sie beschreibt Russland als schwierigen Nachbarn, mit komplizierter Geschichte mit Deutschland, mit dem sie irgendwie versucht hat, klarzukommen, trotz eklatanter Meinungsverschiedenheiten. Sie erinnerte daran, dass Putin den Zerfall des Ostblocks als größte Katastrophe im zwanzigsten Jahrhundert beschrieb. Für sie war dieses Ereignis jedoch einer der schönsten Momente, immerhin in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. „Der schlimmste war sowieso der Zweite Weltkrieg.“
Mit Blick auf den aktuellen Krieg erklärte sie, dass sie den Mut Selenskyjs schätze, der trotz Asylangebot der USA in der Ukraine blieb, um sein eigenständiges Land zu verteidigen. Außerdem unterstützt sie die Aufrüstung in Europa und Deutschland.

Was sich Merkel mit Blick auf die aktuelle Zeit wünschen würde

Nur eines wünscht sie sich: Mehr Diplomatie. Es müsse neben Aufrüsten/Militär auch mehr eigenständige EU-Diplomatie geben, diese sollte nicht nur den USA überlassen werden.

Diesen diplomatischen Gedanken wünscht sie sich auch für die Gesellschaft. Der Kompromiss als zentrale Idee in einer Demokratie müsse wieder wertgeschätzt werden. Die populistischen Partien – Merkel nennt die AfD – schreien immer laut nach einfachen Lösungen, müssten aber nie erklären, wie sie diese umsetzen würden, so die ehemalige Kanzlerin. Angeheizt wird die Situation durch soziale Medien. Laut ihr brauche es eine starke Mitte, die auf Kompromiss und Zusammenarbeit setzt und diese Kompromisse auch trägt und sie nicht direkt, nachdem sie beschlossen wurden, selbst diskreditiert. 

Angesprochen von Hurezeanu auf die aktuelle politische Krise in Rumänien, wünscht sie dem Land ebenfalls gute Politiker, die Kompromisse schätzen und eingehen können. Sie glaubt auch durchaus, dass es diese in Rumänien gibt. „Ich wünsche Ihnen dabei wirklich alles Gute“, sagte sie abschließend wohlwollend an das rumänische Publikum gerichtet, welches zum Applaus geschlossen aufstand.