Bauen am Waldrand: Umkämpfter Grenzverlauf

Immer mehr neue Häuser nah am Waldrand belasten Experten zufolge Ökosysteme, die für das Stadtklima wichtig sind

Direkt gegenüber dem Wald und ein Stück die Straße hinunter die Privatschule: Bestlage in Greenfield

Greenfield-Bewohner auf ihrem exklusiven Weg eineinhalb Kilometer durch den Wald

Das Waldstück soll als Auflockerung im Quartier stehen bleiben, für die Wiese sehen die Pläne 11-Stöcker vor. | Fotos: der Verfasser

Jemand baut mitten im Wald Häuser mit fragwürdigem Rechtsstatus – das sei früher in Rumänien immer wieder vorgekommen, sagt Geograf Christian Ioja. Was ihm heute aber mehr Sorgen bereitet: Siedlungen würden stattdessen immer weiter an den Waldrand heranrücken. Gemeint sind Fälle wie das Quartier „Greenfield“ bei Bukarest. Ein Ortsbesuch auf einer Insel der Ruhe, die laut ihren Kritikern einen hohen Preis hat. Wo ist die Grenze erreicht?

Es herrscht entspannte Feierabendstimmung vor den Toren Bukarests. Direkt nördlich des Băneasa-Waldes steht die warme Abendsonne noch nicht allzu tief über der Siedlung. Zwischen den weißen Einheitsblöcken tollen Kinder ausgelassen kreischend auf dem Spielplatz herum. Nebenan im örtlichen Supermarkt kaufen ihre Eltern ein paar Kleinigkeiten ein. Auf den Alleen drehen Anwohner eine Runde mit ihren Hunden. Hier scheint das Leben geruhsam zu verlaufen, die Welt noch in Ordnung zu sein.

Diese Oase trägt den Namen „Greenfield“, also „grünes Feld“. Das Viertel ganz am nördlichen Rand von Sektor 1 in Bukarest ist über zwei Jahrzehnte gewachsen, 2007 war nach Angaben des Investors Baustart für die ersten Häuser. Die Siedlung bohrt sich wie ein Zacken von Norden in den Wald hinein. Heute wohnen in Greenfield mehr als 7000 Menschen in mehr als 3400 Wohnungen.

Vieles, was sie zum Leben brauchen, finden sie vor ihrer Haustür: eine Privatschule, Ärzte, Sportangebote sowie die sogenannte „Greenfield-Plaza“. Das Einkaufszentrum beherbergt Supermarkt, Apotheke, Kiosk, Café, Restaurant, Wellness-Club, Fitnessstudio und Tierfutterhandlung. Gerade herrscht wenig Betrieb. Der Parkplatz ist halb voll. Dort stehen viele SUVs. Range Rover, Jeep, Volvo, VW, Mercedes Benz, aber auch Kleinwagen von Renault oder Toyota. Selten ein Dacia.

Frischluft als Kaufargument

Direkt neben dem Parkplatz liegt ein Betonklotz mit moderner Glasfassade. Hinter dessen Scheiben sitzt der Entwickler von Greenfield, die Impact Developer & Contractor S.A. Unten im Besucherbereich können sich Interessierte beraten lassen, welches Appartement in Greenfield für sie das richtige wäre. Aushänge mit konkreten Wohnungen lassen sich von außen nicht erkennen. Doch die Webseite gibt Aufschluss: Ein Einraum-Studio mit mindestens 62 Quadratmetern gibt es ab 99.000 Euro, 3-Zimmer-Wohnungen ab 98 Quadratmetern beginnen bei 163.000 Euro. Umsatzsteuer nicht inbegriffen. Die Wohnungen seien äußerst energieeffizient gemäß der EU-Vorgabe, die Blöcke nachhaltig gebaut und betrieben, steht dort. Und vor allem wirbt die Webseite mit der Nähe zum Wald – saubere Luft und viel Grün.

Da ist was dran. Von der Stadt etwa eineinhalb Kilometer entfernt, kommt hier hinter dem Wald der Lärm Bukarests nicht an. Die Ringstraße ist nur leise zu hören, lauter das Zwitschern der Vögel. Während sich in der Stadt die Autos Stoßstange an Stoßstange durch den Berufsverkehr quälen, sind auf den Betonplatten-Straßen Greenfields nur wenige Autos der Einwohner unterwegs, und das in gemächlichem Tempo. Während im Innern Bukarests die Sommerluft steht, weht hier eine sanfte Brise.

Auf dem Gehsteig der letzten Straße des Quartiers, direkt am Waldrand, spaziert eine junge Frau mit dem Hund an der Leine. Neben ihr eine ältere Dame mit Kinderwagen. Sie sei vor drei Jahren „wegen der frischen Luft“ hierher gezogen, sagt die Jüngere. Greenfield sei einfach „der beste Ort, um eine Familie zu gründen.“ Dafür hat sie wirklich die Bestlage erwischt: Ganz in der Ecke am Wald gelegen, ist ihr Block in zwei von vier Himmelsrichtungen von Bäumen umgeben. Viel teurer als andere Wohnungen in der Mitte der Siedlung sei ihre nicht gewesen, erinnert sich die Mutter. Am anderen Ende ihrer Straße stehen ein paar Villen, der saubere Lack eines Oldtimer reflektiert das Sonnenlicht.

Sicher und ein bisschen abgeschottet

Ein paar Straßen, geschätzte 20 spazierende Familien und zwei einzelne Rentnerpaare weiter schiebt ein junger Vater sein Kind im Wagen. Er wohne seit vier Jahren in Greenfield, ebenfalls direkt am Wald. Die Wahl sei wegen der vielen anderen Familien hier gefallen. Außerdem fühle sich Greenfield wie ein sicherer Ort an. „Ich kann die Kinder vor die Tür lassen, ohne auf sie aufpassen zu müssen!“

Kaum hat er das ausgesprochen, rollt im Schritttempo eines der Autos mit einem patrouillierenden Sicherheitsmann vorbei. Was er und seine Kollegen gerade nicht im Blick haben, wird von einer der vielen kleinen Videokameras an den Laternenmasten beobachtet. Genauso omnipräsent sind Schranken über den Straßen. Sei es auf den Einfahrtstraßen in die Siedlung (wobei die sowieso bei jedem Auto hochgehen, wie ein Anwohner sagt), am Supermarkt-Parkplatz oder auf den Zufahrten zu den Parkflächen an den Wohnhäusern. Ein Weghindernis gibt es, das sich nie öffnet – es ist auch keine Kamera daran installiert, die ein Kennzeichen lesen könnte. Ganz am südöstlichsten Rand des Wohngebiets vereitelt eine rot-weiß gestreifte Absperrung die Einfahrt in den Wald. „Drum Forestier“, also Forststraße, steht in roten Lettern auf dem Schild daneben. Noch näher dürfen die Greenfieldianer ihrem Wald also nicht auf die Pelle rücken. Oder?

Der Wald wird zerschnitten

Auf die andere Seite des Băneasa-Waldes, neben den Zoo. Auf einen Eiskaffee mit Ciprian Gălușcă. Der groß gewachsene Mann mit Vollbart und ernster Miene ist Aktivist bei der Initiative Parcul Natural Bucure{ti (Naturpark Bukarest). Wo jetzt das Café liegt, sich daneben die Terrassen der Restaurants im Schatten der Bäume aneinanderreihen, sei früher noch Wald gewesen, sagt Gălușcă. Ein Stück hinter der nächsten Straßenecke, umringt vom Wald, liegt ein Schießplatz. Dort findet wiederkehrend das „Nostalgia“-Musikfestival statt. Satte Bässe in fünf thematischen Bereichen, wie es bei TVR Info heißt.

Und dann noch die Greenfield-Siedlung – Ciprian Gălușcă bereitet all das Sorgen. Allein die vielen Autos, die am Rand und teils im Wald fahren. „Das verursacht eine Menge akustischer und optischer Verschmutzung. Die Lichter am Abend und in der Nacht, die Hupen der Autos, der Motorenlärm.“ Wenn es so weitergeht, glaubt er, wird das „Vögel und andere Arten immer weiter in kleine Bereiche in der Mitte des Waldes verdrängen.“ Das Ökosystem könnte aus dem Gleichgewicht geraten.Als Beispiel nennt der Aktivist die Raupen, die im Frühjahr schlüpfen und sich später zu Schmetterlingen verwandeln. In der Zwischenzeit ernähren sie sich von den Blättern der Bäume – und könnten das ohne Vögel als Fressfeinde nahezu ungestört tun. „Das setzt die Bäume stark unter Druck, die ja durch Dürren, immer heftigere Stürme und diverse Krankheiten sowieso schon unter Druck stehen.“ So würden einige Jahre lang keine neuen Bäume nachwachsen. Zusammen mit anderen Belastungsfaktoren könne so ein Wald-Ökosystem kollabieren, warnt Ciprian Gălușcă.

Die NGO, bei der er sich engagiert, hat bei zwei Biologen ein Gutachten in Auftrag gegeben, das unter anderem den ökologischen Zustand des Băneasa-Waldes abbildet. Darin weisen auch sie auf die Gefahren des Autoverkehrs hin. Der Wald werde dadurch in Kleinteile zerschnitten, Tiere und Pflanzen könnten sich schlechter zwischen den verschiedenen Bereichen hin- und her bewegen. Je weniger Auswahl bei der Fortpflanzung, desto geringer die genetische Vielfalt. Während gleichzeitig Menschen unbewusst Arten in den Wald einschleppten, an die das Ökosystem nicht gewöhnt ist.

Die Autoren haben bei ihren Untersuchungen Abfälle sowohl am Waldrand als auch an den Hauptzugangswegen gefunden. Das beeinträchtige „einen erheblichen Teil der Lebensräume des Gebiets“. Das täten auch Hunde, sofern sie nicht angeleint sind und die Waldwege verlassen. Explizit als Druckfaktor benennen die Biologen außerdem neue Wohnprojekte entlang des gesamten westlichen und südlichen Waldrandes, „die die Kontinuität des Waldgebietes beeinträchtigen könnten“ – ebenso wie die am Nordrand. Dort, wo das Greenfield-Quartier an den Wald grenzt.

Ein Forstweg, der spaltet

Jüngster Höhepunkt der Auseinandersetzung zwischen Naturschützern und Immobilienentwicklern ist der Streit um einen Forstweg weiter in westlicher Richtung des Băneasa-Waldes. Dazu muss man wissen: Greenfield ist zwischen Wald und Ringstraße quasi eingekesselt. Um mit dem Auto dorthin oder wieder weg zu kommen, gibt nur eine einzige öffentliche Straße: Die Aleea Teișani, die das Wohngebiet mit der Autobahn 1 weiter westlich verbindet. Wer nach Bukarest rein fahren möchte, muss einen weiten Bogen um den Wald fahren.

Einen Ausweg aus dem Dilemma hat die Einwohner-Vereinigung „Greenfield Federation“ gesucht, indem sie im vergangenen Jahr einen Vertrag mit der staatlichen Forstverwaltung Romsilva  schloss. Er berechtigt Mitglieder, einen eineinhalb Kilometer langen Weg mitten durch den Wald zu befahren. Im April dieses Jahres kündigte Romsilva den Nutzungsvertrag wieder – wegen des Drucks aus dem Umweltministerium und der Zivilgesellschaft, wie es in dem entsprechenden Dokument sinngemäß heißt, das die Plattform romaniacurata.ro veröffentlichte. Ob die Kündigung rechtens ist, soll nun ein Gericht entscheiden, so ein Bericht des Buletin de București.

Beim Ortsbesuch Mitte Juni war die Schotterstraße nach wie vor befahrbar – zumindest Montag bis Freitag zwischen 7 und 10 Uhr morgens sowie 15 und 18 Uhr nachmittags. Darauf weist ein Schild hin, dass am Nordzugang nahe Greenfield am Wegesrand steht. Daneben eine Schranke und die obligatorische Kamera, die über Befugt oder Unbefugt entscheidet. Rechts davon ein Schild, das Hupen im Wald untersagt. Ein Anwohner erzählte der ADZ zu dem Zeitpunkt, den Forstweg tagtäglich zu nutzen. Ein weiterer, dass er zumindest die Erlaubnis dafür hat.

Bukarest braucht Wald

Der Wald, von dem die Umweltaktivisten die Autos fernhalten wollen, ist durchaus schützenswert. Das ist die These des von ihnen in Auftrag gegebenen Gutachtens. Es identifiziert neun verschiedene Biotop-Typen im Băneasa-Forst. Bei Untersuchungen vor Ort habe man unter anderem 42 Baum-, 38 Kraut- und 115 verschiedene Arten wirbelloser Tiere, 49 Vogel- und 28 Säugetierespezies gezählt. Insgesamt lebten mindes-tens 49 geschützte Arten in dem Wald.

Ihr Lebensraum war einst Teil der Urwälder im Süden der Walachei, die unter dem Namen Codrii Vă²siei bekannt sind. Băneasa war ein Teil eines ganzen Waldgürtels, der sich um den Norden Bukarests legte. Heute hat er zu den anderen übrig gebliebenen Waldinseln keine durchgehende Verbindung mehr, heißt es in dem Gutachten. Das bedeutet: Ein dort heimisches Lebewesen, das nicht gerade Flügel am Körper hat, kann seine paar heimischen Quadratkilometer schwerlich verlassen, ohne Stadt und Agrarland zu durchqueren.

Ciprian Gălușcă will verhindern, dass dieses Überbleibsel weiter beschnitten wird. Der Wald liefere sauberes Wasser, frische Luft, sei ein Naherholungsgebiet. „Er ist auch eine natürliche Lösung für die Klimaanpassung. Er gibt den Menschen eine Möglichkeit, eine Stadt zu verlassen, die sich in eine massive Hitzeinsel verwandelt. Er gibt ihnen die Möglichkeit, zu atmen!“ Den Bewohnern einer Stadt in einem Land, dessen Durchschnittstemperaturen im Sommer sich innerhalb weniger Jahrzehnte um 1,5 bis 3,5 Grad gegenüber dem Zeitraum 1995 bis 2014 erhöhen dürften, so die Daten der Weltbank.

„Es ist also nicht nur wichtig, um den Wald zu schützen, sondern es ist auch eigennützig. Deswegen kämpfen wir für Biodiversität“, erklärt Aktivist Gălușcă. Nur, wenn der Wald selbst resilienter gegen Klimaveränderungen werde, habe er die Kraft, das Stadtklima zu mildern. Und dafür brauche er Artenvielfalt. Eine These, die unter Geografen wie Biologen Konsens ist. Greenfield ist kein Einzelfall. Siedlungen nah am Wald seien vielerorts in Rumänien ein Phänomen, sagt Geographie-Professor Cristian Ioja von der Universität Bukarest. Er forscht seit Jahren zur Siedlungsentwicklung im Land. Was sich tatsächlich verändert habe: Während vor allem zwischen 1990 und den späten 2000ern Schwarzbauten mitten im Wald errichtet worden seien, handele es sich dabei heute um eine absolute Ausnahme. Seit dem EU-Beitritt sei es sehr schwierig, solche Projekte umzusetzen. Man müsste sprichwörtlich „der König des Dschungels“ sein, damit alle zuständigen Behörden und Landbesitzer solche Pläne decken. 

Gegenwärtig sei eher die Expansion am Waldrand ein Problem und bedrohlich für Wildtiere. Dabei sieht Ioja Gefahren wie Dreckwasser, das im oder am Wald entsorgt werde oder Waldbrände, die Anwohner auslösen könnten. Konkrete Fälle nennt er dabei nicht.

Entwickler um Nachhaltigkeit bemüht

Hinter dem Greenfield-Projekt steckt die Impact Developer & Contractor S.A. mit Hauptsitz im Quartier selbst. Das Unternehmen war laut der Firmenwebseite der erste rumänische Immobilienentwickler nach der kommunistischen Zeit, gegründet 1991. Impact rühmt sich als Entwickler „nachhaltiger Gemeinschaften in den großen Städten des Landes“. Neben mehreren Projekten in Bukarest listet Impact auch welche in Konstanza und Jassy/Iași auf – freilich längst nicht alle am Waldrand.

Die ADZ hat versucht, mit Vertretern des Unternehmens über die Bedenken der Umweltschützer zu sprechen. Sie wollte erfahren, wie es selbst die Umwelteinflüsse von Greenfield beurteilt, wie die weiteren Ausbaupläne aussehen und ob und wie dabei Umweltschutzmaßnahmen getroffen werden sollen. Nach Kontaktversuchen per Telefon sowie per E-Mail waren jedoch innerhalb von zwei Wochen kein Gesprächsangebot geschweige denn inhaltliche Antworten zu bekommen.

Auf der Webseite des Greenfield-Projekts ist zu lesen, die 60 Hektar Bauland seien vorher landwirtschaftlich genutzt worden. Die ältesten verfügbaren Dokumente, etwa 100 Jahre alt, belegten, dass zu diesem Zeitpunkt kein Waldgebiet auf der Fläche lag. Der Entwickler betont vor allem seine Bemühungen, Häuser mit möglichst niedrigem Energie- und Wasserbedarf zu bauen. Außerdem werde der Müll in unterirdischen Behältern getrennt. Das Unternehmen verweist auf die Bushaltestelle im Viertel und „umfangreiche Fahrradinfrastruktur“.

Auch das Problem mit der Straßenanbindung ist die Impact Developer & Contractor S.A. nach eigenen Angaben angegangen. 18 Jahre nach Baustart der ersten Häuser in der Siedlung teilte das Unternehmen im vergangenen Oktober mit, Planungs- und Bauverträge für drei zusätzliche Straßenzugänge abgeschlossen zu haben. Wobei es sich in zwei Fällen genau genommen um den Ausbau bereits bestehender Verbindungen handelt. Das dritte Projekt umfasst eine Brücke über eine Bahnstrecke, die Greenfield auf kürzerem Weg mit der nah gelegenen Ringstraße verbinden soll. Die Arbeiten würden unmittelbar nach Erhalt der Baugenehmigungen beginnen. Die Genehmigung für das dritte Projekt hat Sektor 1 jüngst erteilt. Das Kernproblem lässt sich damit freilich nicht lösen: Greenfield ist durch den Băneasa-Wald von der Stadt getrennt. Umwege bleiben.

Den Eingriffen Grenzen setzen

Aktivist Ciprian Gălușcă durchstreift den Wald bevorzugt zu Fuß. Die Äste knacken unter seinen Turnschuhen, er sammelt eine alte Plastikflasche auf, tritt an einer anderen Stelle seinen Zigarettenstummel aus. Er und seine Mitstreiter scheinen von den Argumenten des Greenfield-Entwicklers wenig überzeugt zu sein. Sie haben die Sache selbst in die Hand genommen. Die NGO, die sich damit brüstet, maßgeblich zum Status des alten Kommunisten-Seebeckens Văcărești als Naturpark beigetragen zu haben, wünscht sich das gleiche für den Băneasa-Wald.

Damit will sie den menschlichen Einflüssen Grenzen setzen, erklärt Gălușcă. Praktisch bedeute dies, „dass die Grenzen des Waldes anerkannt werden würden und dass wir bestimmte Nicht-Interventions-Zonen hätten und bestimmte Zonen, in denen einige Arten von Eingriffen erlaubt wären. Und damit meine ich Waldschutzmaßnahmen, kein Bau von Wohnvierteln.“ Ihm schweben Bildungsangebote für Kinder, Schüler und Studierende vor, so was wie ein Grünes Klassenzimmer. „Das heißt keinen strengen Schutz überall, aber man hätte keine überraschend auftauchenden neuen Straßen oder Gebäude, bevor es genehmigt wird vom Aufsichtsgremium“. Auch die Nutzung der umstrittenen Forststraße wäre damit automatisch vom Tisch, hofft der Aktivist.

Fast 30.000 Unterschriften hätten er und seine Mitstreiter gesammelt. Außerdem reichten sie im März das Umweltgutachten bei der Rumänischen Akademie ein. Das sei der erste Schritt auf dem Weg zu einem Naturpark. Die sich damals noch regulär im Amt befindliche Umweltministerin Diana Buzoianu sagte ihre Unterstützung zu, genauso wie die zuständigen Kommunalpolitiker. So offen auch ist, wer demnächst den Posten der Umweltministerin bekleiden wird – Ciprian Gălușcă rechnet damit, dass dem Wald dieser Status in rund zwei Jahren verliehen werden könnte. Schon jetzt sei ein Fortschritt erreicht, weil seine Initiative in Kontakt mit Greenfield-Bewohnern gewesen sei. Die Aktivisten hätten ihre Bedenken erklärt, das habe „gut funktioniert“.

„Den Wald respektieren“

Zurück also auf die Nordseite des Waldes. Die von der ADZ angesprochenen Bewohner zeigen sich offen, über die Umwelteinflüsse ihrer Wohnsiedlung zu sprechen, trotz der teils hitzigen Debatte in der Öffentlichkeit. Die meisten haben allerdings wenig dazu zu sagen. Der Vater mit dem Sicherheitsgefühl glaubt nicht, dass seine Familie und die Nachbarn die Tiere stören. Schließlich sei es recht ruhig bei ihnen. Die Mutter am Waldrand kann ebenfalls keine Belastung erkennen, sie fahre nicht mit dem Auto durch den Wald. Ein weiterer Vater macht das zwar nach eigener Aussage schon, aber ja nur innerhalb der dreistündigen Intervalle morgens und abends. Grillen würde er auch nicht, keine Feuergefahr. Er störe also die Natur nicht, sagt er, und da drängelt auch schon die Tochter, endlich zur Eisbude weiterzugehen.

Und dann taucht noch ein Vater auf, dessen Tochter mit ihrem Kinderfahrrad ein bisschen Geduld aufbringen muss. Ihr Papa zeigt sich redselig. Seit Tag 1 wohne er in Greenfield, gekommen, „um in der Nähe des Waldes zu wohnen, ihn zu respektieren“. Seine Familie unternehme jeden Tag einen Spaziergang durch den Wald, genieße „den Geruch, den Frieden, die Tiere des Waldes. Wir sind nicht hergekommen, um den Wald als Straße zu benutzen.“  

Er erinnert sich, wie vor Jahren noch der andere, inzwischen gesperrte Forstweg für Greenfield-Einwohner geöffnet war. „Ich habe den Schaden gesehen, der dort entstanden ist. Der Staub, das Chaos, der ganze Verkehr. Das war nicht gut für den Wald“. Das Gebaren um die Forststraßen habe ihn nachdenklich gemacht. Da seien viele Inte-ressen im Spiel, vermutet der Mann, der lieber anonym bleiben möchte. Sein Eindruck: „Alles ist fragwürdig, alles wird mit Geld geregelt.“

Weiter auf Expansionskurs

Als die Sonne an diesem Abend  schon tiefer steht, ist die erste junge Frau seit Langem zu sehen, die kein Kind bei sich hat. Auch sie erzählt, wegen der Nähe zum Wald hierhergezogen zu sein.  Ziemlich genau sechs Jahre sei das jetzt her. Sie lobt, wie gut sich die Betreiber um die Siedlung kümmerten und sie sauber hielten. Trotzdem sieht die Frau ihre Idylle bedroht: Wurden im älteren Teil der Siedlung teils noch zweistöckige Mehrfamilienhäuser gebaut, waren es in späteren Bauabschnitten sechsstöckige. Auch das mache ihr nichts aus. Aber die zehn- oder elfstöckigen der neuesten Generationen, das sei „das Schlimmste“. Sie störe nicht nur die Optik, die vielen Bewohner würden auch zunehmend das Viertel und vor allem die Straße in die Stadt überfüllen. Ein Stück die Straße hinunter, hinter einem neu errichteten Minimarkt, sehen mehrere elfstöckige Gebäude fast bezugsfertig aus. Daneben stehen die Rohbauten von zwei weiteren Gebäuden. 

Die ADZ hat die Impact Developer & Contractor S.A. schriftlich gefragt, wie der Vorverkauf läuft, aber auch darauf keine Antwort erhalten. Laut der Webseite will das Unternehmen die Zahl der Wohnungen und Einwohner gegenüber dem jetzigen Stand bis 2034 ungefähr verdoppeln. Mehr als 15.000 Menschen sollen dann in Greenfield wohnen. Von den 60 Hektar Fläche des Viertels sollen 36 mit Wohnhäusern versiegelt werden. Der Gesamtwert des Projekts liege bei mehr als 800 Millionen Euro.

Ein virtuell erzeugtes Luftbild auf einem Plakat an einem Zaun gibt eine Vorstellung davon, wie es hier mal aussehen soll: riesige weiße Blöcke in Reih und Glied bis an den Waldrand, im Innern der Siedlung aufgelockert von einem Waldstück und einer Wiese. Das sieht gar nicht mehr so viel anders aus als an gewöhnlicheren Orten in Bukarest. Sägt da jemand an dem Ast, auf dem er sitzt?