Schon wieder eine RO-Alert-Meldung in Bukarest. Die Nachricht besagt, dass es etwas stärker regnen wird. Na und? Regen? Was soll denn passieren? Na ja, in Bukarest so einiges. Kommt etwas Regen und Wind, fallen die Bäume reihenweise um und auf den Straßen bilden sich gigantische Pfützen, durch die man schwimmen könnte. Am nächsten Tag hat es dann wieder 40 Grad: Die Wohnblocks kochen, der Asphalt glüht, die Straßenbahnschienen verbiegen sich und nachts kühlt es auch nicht herunter. Es bleibt teilweise bei 30 Grad und viele Menschen ohne Klimaanlage müssen um ihr Überleben kämpfen. Sowohl Hitze, als auch extreme Wetterlagen wie Stürme werden durch den menschengemachten Klimawandel immer häufiger. Und Bukarest ist dem Klimawandel nicht gewachsen, aus eigenem Verschulden! Grauenvolle Planung, beziehungsweise kopflose Planlosigkeit, hat Bukarest zu einer schwer bewohnbaren Stadt gemacht. Was ist nur schief gelaufen?
Ein zentrales Problem ist natürlich die Hitze. Bukarest ist eine sehr heiße Stadt, schon immer, jedoch wird das Problem durch den immer spürbarer werdenden Klimawandel verstärkt. Jedoch ist Bukarest bei Weitem nicht die wärmste Hauptstadt Europas. Dies belegt die Studie „Bukarest unter der Hitze“ der Klimatologen Sorin Cheval und Alexandru Dumitrescu sowie der Soziologin Irina Zamfirescu, welche die „Deutsche Welle“ in einem ausführlichem Text aufschlüsselt und über die die ADZ vergangenes Jahr berichtet hat. Die rumänische Hauptstadt belegt den neunten Platz nach Athen, Madrid, Rom, Tirana, Skopje, Lissabon, Belgrad und Istanbul. In vielen dieser Städte fordern Hitzewellen mehr Todesopfer als in Bukarest. Betrachtet man jedoch die Gesamtsterblichkeit im Zusammenhang mit hohen Temperaturen – nicht nur während extremer Hitzewellen, sondern über die gesamte warme Periode hinweg –, verzeichnete Bukarest die höchste Rate aller untersuchten Städte, so die „Deutsche Welle“. Woran liegt das?
Das erste Problem, das die Autoren der Studie zeigen, ist, dass es in Bukarest immer heißer wird. Die Durchschnittstemperaturen steigen stetig an, und die Stadt wird jeden Sommer immer mehr heiße Tage und tropische Nächte erleben, in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad Celsius sinkt. Laut den Autoren wird sich dieser Trend selbst unter den optimistischsten Klimasze-narien fortsetzen.
Eine Stadt, die nicht abkühlt
Außerdem kühlt Bukarest weniger schnell ab, als andere Städte. Der Asphalt und der Beton speichern tagsüber Wärme und geben diese noch Stunden nach Sonnenuntergang wieder ab. „Der menschliche Körper hat dadurch immer weniger Zeit, sich abzukühlen und zu erholen, bevor ein neuer heißer Tag anbricht“, so die „Deutsche Welle“.
Dies liegt an der Bebauung der Stadt. An den endlosen Reihen an Blocks, an den asphaltierten Plätzen, an den fehlenden Grünflächen und so weiter. „In vielen Stadtvierteln wurden Grünflächen zugunsten von Wohnanlagen und Parkplätzen reduziert. Der starke Autoverkehr verstärkt wiederum die Erwärmung der Stadt“, so die „Deutsche Welle“ weiter. Dadurch entstehen sogenannte städtische Wärmeinseln – Gebiete, in denen die Temperatur bis zu fünf bis sechs Grad Celsius höher sein kann, als in benachbarten Vierteln mit mehr Grün, oder gar mit einem der größeren Parks.
Eine Situation mit drastischen Folgen
Cătălin Doscaș, Chefredakteur der Bukarester Nachrichtenseite „Buletin de Bucure{ti“, kritisiert die Situation mit einer eindringlichen Versinnbildlichung: „Was passiert während einer Hitzewelle mit einem alleinstehenden, älteren Mann, der im neunten Stock eines Wohnblocks lebt, der in den vergangenen Jahren komplett mit Asphalt/Beton umrandet wurde – entweder für Parkplätze oder für einen anderen Wohnblock? Seine Rente reicht nicht einmal für die günstigste Klimaanlage, die inklusive Installation fast so viel kostet wie der Mindestlohn in der heutigen Zeit. Und selbst wenn er es durch ein Wunder oder dank der Bemühungen seiner Familie schafft, diese rund 500 Euro aufzutreiben, holt ihn die Realität des Kapitalismus hart ein: Man bestellt jetzt, doch die Montagearbeiter finden erst im Oktober einen freien Platz, ohne Eilzuschlag. Bis dahin ist dieser Mann verloren“, so beschreibt der Journalist die Situation, in der sicherlich einige Bukarester stecken.
70 kältere Räume, während die Stadt brennt
Die Stadt hat einen anderen Lösungsansatz: Sie möchte ein Netzwerk von 70 Klimaschutzunterkünften (z.B. in Bibliotheken oder öffentlichen Einrichtungen) aufbauen. Diese sind Räume, die für die Bevölkerung stets zugänglich sein sollen, klimatisiert sind und Wasser haben. Auch Freilufträume sollen bereitgestellt werden. Diese sollen Schatten bieten, sowie Sitzmöglichkeiten und am besten auch noch Wasser.
Diese Räume können natürlich helfen, sie bekämpfen aber nur die Folgen der Hitze und lindern die Hitze in der Stadt nicht an sich. Das wäre jedoch durchaus möglich! Es gibt eine ganz einfache Lösung: mehr Grünflächen. Denn Grünflächen spenden Schatten, der bei Hitzewellen dringend benötigt wird und kühlen die Luft herunter. Laut der Studie sind Gebiete in der Nähe von Parks und Seen oder solche mit ein- bis zweistöckigen Häusern und Gärten, weniger stark von der Hitzebelastung betroffen, berichtet auch die Nachrichtenseite „B365.ro“.
Eines der Hauptprobleme
Doch dieser Gedankengang führt direkt zum nächsten Problem, einem der größten von Bukarest: Es gibt kein aktuelles Grünflächenregister. Genau dies wäre notwendig, um zu überprüfen, wo mehr Bäume für Schatten und die Hitze am dringendsten benötigt werden. Außerdem könnte es noch bei einem ganz anderen Problem helfen: Den zahlreichen umstürzenden Bäumen bei etwas stärkerem Regen oder Schneestürmen.
Nach diesen liegen oft große Bäume in den Parks auf den Wegen, in den Straßen auf den Autos und in schrecklichen Einzelfällen fallen die Bäume auch auf Menschen. Dabei wäre das leicht zu vermeiden, wie Diana Culescu, Landschaftsgärtnerin und Vizepräsidentin des Bukarester Zweigs des Rumänischen Landschaftsgärtnerverbands, in einem Interview mit „HotNews.ro“ erklärt.
Bei diesem führt sie aus, dass es zwar bei der Verwaltung der Hauptstadt ein grünes Register gibt, dieses aber nicht aktuell ist. Normaler-weise werden diese Register genutzt, um den Zustand der Bäume zu notieren, zu aktualisieren und zu überprüfen. Falls Bäume alt oder gebrechlich werden, wird das dort verzeichnet und es werden unmittelbare Maßnahmen ergriffen. Dies wird ihr zufolge aber nicht getan.
Ein weiteres Problem ist, dass Platanen gepflanzt werden, die sehr anfällig für Schädlinge sind und in anderen Städten eigentlich nicht mehr benutzt werden.
Das Hauptproblem: Unfähigkeit
Als abschließendes Problem nennt sie schlicht städtische Unfähigkeit: „Die Hauptursache ist das Durchtrennen der Baumwurzeln. Es gibt zahlreiche Maßnahmen zur Wiederherstellung von Leitungen – Wasser- und Abwasserversorgung, Internet, Beleuchtung und Wärmeversorgung. Diese Maßnahmen werden jedoch weder von der Umweltabteilung noch von einer anderen von der Stadtverwaltung beauftragten Stelle überwacht, sodass nicht berücksichtigt wird, wo die Leitungen verlaufen und wo Wurzeln durchtrennt wurden.“ Genau dabei könnte ein umfangreiches grünes Register helfen.
Diese planerische Unfähigkeit ist sinnbildlich für Bukarest: Es werden neue Wohnsiedlungen gebaut, die noch stärker versiegelt sind als viele kommunistischen Viertel, es werden bei Renovierungsarbeiten die Baumwurzeln abgeschnitten und es werden Klimaschutzunterkünfte aufgebaut, aber nur selten neue Grünflächen errichtet. Dazu werden Leitungen renoviert, es gibt aber trotzdem weiter drastische Probleme mit der Strom- und Wärmeversorgung und die städtischen Abflüsse werden bei jedem noch so leichtem Regen überflutet.
Dazu gibt es Ratten- und Kakerlakenplagen, die mit Chemikalien bekämpft werden, aber natürlich immer wieder kommen. Die Ursache (wahrscheinlich eine ineffiziente und unhygienische Müllentsorgung) wird nicht beseitigt. Das ist das eigentliche Hauptproblem der Stadt. Die Symptome werden angegangen, nicht aber ihr Ursprung. So werden die Symptome immer wieder kommen und eine Besserung ist nicht in Sicht.








