Die ganze deutsche Minderheit im Altreich und dem Buchenland kennt sie wahrscheinlich: Carmen Cobliș. Denn sie ist die Geschäftsführerin des Regionalforums „Altreich & Buchenland“. Dieses ist vor Kurzem aus den beiden Regionalforen „Altreich“ und „Buchenland“ entstanden, beide wurden aber schon davor von Cobliș und ihrem Team verwaltet. Das ist viel Arbeit: Cobli{ ist die Ansprechpartnerin für alle Lokalforen, sie organisiert viele Veranstaltungen und die großen Fahrten und ist für die Mitglieder des Forums stets erreichbar. Wenn das Forum in der Region etwas macht, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Carmen Cobliș ihre Hände mit im Spiel hat. Darüber hat sie mit dem ADZ-Journalisten Valentin Brendler gesprochen, sowie über ihre eigene Geschichte und Motivation.
Frau Cobliș, sind Sie Teil der deutschen Minderheit?
Eigentlich gehöre ich dem Umfeld an. Zwar klingt mein Name deutsch – und er füllt auf Deutsch geschrieben im deutschen Telefonbuch drei Seiten –, aber Papiere habe ich keine, die eine deutsche Abstammung beweisen. Jedoch habe ich bei der letzten Volkszählung mich als Deutsche erklärt! Denn so fühle ich mich.
Ich spreche Deutsch seit meinem dritten Lebensjahr, weil mein Vater das gewollt hat. Zuerst habe ich mit einer Österreicherin gelernt und später auch in der Schule und dann im Gymnasium. Anschließend habe ich den zweijährigen, von den Universitäten Bukarest und Bochum organisierten interdisziplinären Magisterkurs für Philologie, Philosophie und Geschichte absolviert.
Als ich Studentin war, ging ich oft in das Schillerhaus zur Bibliothek. Denn nur dort und im Goethe-Institut gab es neben der Universität deutsche Bücher, die wir benutzen konnten. Und im Schillerhaus habe ich mich immer so wohl gefühlt, dass ich der deutschen Minderheit schnell nahe gekommen bin! Ich habe die Verbindung zum Schillerhaus natürlich immer beibehalten. Jetzt sowieso, wo das Forum Bukarest dort seinen Sitz hat.
Jedoch sind wir momentan sehr traurig, da es ein Problem mit dem Haus gibt... Obwohl es als das Haus der deutschen Minderheit bekannt ist!
Oh, welches Problem denn?
Es wurde vor Kurzem an irgendwelche Nachfolger der ehemaligen Eigentümer zurückerstattet. Es gab bereits im Jahr 2000 einen Prozess, doch der wurde von den sogenannten Nachfahren verloren. Inzwischen sind andere erschienen und die haben gewonnen, sogar beim obersten Gerichtshof. Das Gericht hat dem Schillerhaus fünf Jahre gegeben, dann muss es weichen... Das betrifft natürlich auch die Räume vom Regionalforum Bukarest im Haus... Ein Jahr ist bereits vergangen!
Dabei geht es nicht nur um das Schillerhaus, alle Parteien im Komplex müssen gehen. Auch im Hof, wo Einwohner leben. Jetzt müssen wir uns nach etwas neuem umschauen.
Dabei tut uns das sehr weh, insbesondere weil das Forum Bukarest von Anfang an, seit den 90ern, dort ist. Alle unsere Mitglieder kennen das Haus. Fast alle unserer Veranstaltungen finden dort statt, gerade auch weil es im Zentrum ist und mit Bus und U-Bahn gut erreicht werden kann.
Viele ältere Mitglieder zahlen auch ihre Beiträge noch mit Bargeld vor Ort. Wird das weiter so gut möglich sein, wenn die neuen Räume des Forums womöglich weiter außerhalb sein werden? Wir suchen aktuell nach einer Lösung.
Wir und sicherlich alle unsere Leser wünschen dem Forum dabei nur das Allerbeste. Doch weiter zu Ihrer Geschichte. Wie sind Sie beim Forum gelandet?
Ich habe natürlich an mehreren Orten gearbeitet, bevor ich zum Forum gekommen bin. Ich war unter anderem im Schillerhaus als Kulturreferentin. Danach, im Jahr 2000, bin ich zum Forum gewechselt. Zuerst habe ich auf Zeit die ehemalige Referentin ersetzt, bis ich 2002 fest angestellt wurde als Referentin. Zu dieser Zeit war Leopold Minkiewicz Geschäftsführer und ich bin ihm auch noch heute sehr dankbar. Er war ein wundervoller Mensch, der mich immer unterstützt und mir viel geholfen hat. 2006 ist er leider verstorben und ich wurde dann Geschäftsführerin beim Regionalforum und Leiterin der Stiftung „Transcarpatica“.
Und wie sieht Ihr üblicher Arbeitsalltag aus?
Ich muss unter anderem alle Filialen aus dem Altreich und dem Buchenland koordinieren. Das heißt: Ich bin immer für alle da, rund um die Uhr, und kümmere mich auch um ihre Ausgaben und die kleinen Einnahmen.
Ein kleiner Exkurs dazu: Das Forum lebt zu 99 Prozent aus Staatsmitteln. Die wenigen Eigenmittel, die wir haben, bestehen aus den Mitgliedsbeiträgen und den wenigen Spenden für die Kulturveranstaltungen. Also, wenn die Zuwendung des rumänischen und des deutschen Staates nicht da wären, würden wir wahrscheinlich nicht mehr als Forum existieren.
Was machen wir mit dem Geld? Wir veranstalten Kulturveranstaltungen, geben Bücher und Publikationen heraus, außerdem sind wir im sozialen Bereich tätig. Dank des deutschen Staates können wir Sozialhilfen verteilen. Für ältere und ärmere Leute, sowie für ehemalige Russlanddeportierte. In der ganzen Region gibt es jedoch nur noch ein ältere Dame in Suceava, welche die Deportationen erlebt und überlebt hat.
Doch wir sind sehr glücklich, dass wir den Bedürftigen unter die Arme greifen können und danken dafür der Bundesrepublik Deutschland. Ab diesem Jahr ist die Summe schon erhöht worden und wir sind auch sehr glücklich darüber.
Ich kümmere mich jedoch um noch mehr: Ich mache auch Abrechnungen und organisiere das alle zwei Jahre stattfindende Altreich- und Buchenlandtreffen. Nächstes Jahr geht es ins Buchenland!
Na ja, ich kümmere mich eigentlich um alles, was gemacht werden muss, damit das Forum gut funktioniert und die Stiftung natürlich auch! Und natürlich auch, wenn Mitglieder anrufen. Ich bin immer bereit, mit ihnen zu sprechen oder ihnen auf die Mails zu antworten!
Wie groß ist Ihr Team?
Wir sind vier Personen! Die Buchhalterin Maricica [tef²nescu, die Referentin Geanina Vâlsan und Eduard Iancu und ich. Dazu gibt es noch den Vorsitzenden, der ist natürlich nicht angestellt. Der Vorsitzende ist seit Kurzem Christian Töpfer, der von Dr. Klaus Fabritius übernommen hat. Herr Fabritius, dem ich sehr dankbar für seine Unterstützung über die Jahre bin, ist natürlich weiterhin im Vorstand und beteiligt sich. Insgesamt sind wir sehr zufrieden mit allen unseren Mitarbeitern, überall, von Vatra Dornei bis nach Craiova! Wir haben gute Menschen überall!
Und was steht als nächstes Großes an?
Aktuell planen wir das große Buchenlandtreffen 2027. Es wird eine große Freude, denn dort kommen neben unseren Kulturgruppen auch die Freunde aus allen anderen Regionen zusammen. Dieses Jahr in Saturn, wo das Altreich-Treffen anstand, hatten wir 313 Teilenehmer – die größte Zahl jemals!
Abseits davon haben wir im Altreich auch ein Jugendforum. Dieses wird aktuell mit dem Jugendforum des Buchenlandes vergrößert. Damit wir alle einbinden!
Was ist Ihnen bei Ihrer Arbeit am wichtigsten?
Die Verbindung zu den Mitgliedern und die Arbeit mit den Menschen. Ich möchte, dass wir keine Mitglieder verlieren und dass wir natürlich neue gewinnen. Dabei geht es nicht nur um diejenigen, die Vollmitglieder sind, sondern auch um die Sympathisanten. Wir haben zum Beispiel Schüler und Studenten, die Deutsch lernen und die sich der deutschen Kultur nahe fühlen. Sie sind stets eingeladen, beim Forum teilzuhaben!
Damit wir diese Leute ansprechen können, zählen wir auch auf unseren Filialen vor Ort. Sie helfen uns stets und ich danke allen für die sehr gute Zusammenarbeit und die Freundschaft. Wir sind eine große Familie!
Was macht Ihnen an der Arbeit am meisten Spaß?
Die Organisation und die Entfaltung der Veranstaltungen! Wenn sie dann tatsächlich stattfinden, wie wir sie geplant haben, ist es am schönsten. Zum Beispiel bei den großen Treffen! Es ist schwer, sie zu planen und die Arbeit beginnt ein ganzes Jahr vorher, aber es lohnt sich total. Wenn ich dann sehe, dass die Leute sich gut fühlen und wie schön sich unsere Kulturgruppen entwickelt haben, dann ist das einfach toll!
Was würden Sie am liebsten noch erreichen?
Ich würde gerne noch mehr die Jugend ansprechen und in Projekte einbeziehen. Ich möchte, dass die Jugend der beiden Regionen Altreich und Buchenland mehr Präsenz zeigt bei der ADJ (Anmerkung der Redaktion: Arbeitsgemeinschaft Deutscher Jugendorganisationen in Rumänien), nicht nur bei Tanzgruppen-Treffen, sondern auch bei möglichen Sprachferienlagern oder anderen Tätigkeiten.
Sind Sie stolz darauf, was Sie schon alles auf die Beine gestellt haben?
Ja, das kann ich sagen, ohne dass ich überheblich erscheine.
Das tun Sie nicht!
Denn alles, was wir jetzt haben, ist das Ergebnis vieler Jahre Arbeit, die ich hinterlegt habe. Aber natürlich habe ich das nicht alleine gemacht: Alle unseren Filialen, aber auch der Regionalvorsitzende, der Regionalvorstand und meine Kollegen haben mir immer geholfen, mich immer unterstützt.
Das Landesforum auch! Die Kollegen vom Landesforum – ich betrachte sie als Freunde – sind eine große Hilfe und Unterstützung für mich. Natürlich auch der Abgeordnete des Forums, Ovidiu Gan]. Ich habe immer ein offenes Ohr bei ihm, egal was wir für Probleme haben.
Auch die deutsche Botschaft hier in Bukarest hat immer ein offenes Ohr, egal, was wir brauchen. Es ist eine sehr gute Zusammenarbeit, wir sind glücklich!
Sie kennen die deutsche Minderheit in der Region wohl am besten – was macht sie aus?
Die ganze deutsche Gemeinschaft in der Region Altreich kommt aus den verschiedensten Regionen aus Deutschland und aus Österreich, die als Handwerker, Lehrer, oder aus anderen Gründen hierhin ausgewandert sind. Es gibt auch viele Mitglieder der deutschen Minderheit, die zum Beispiel aus dem Banat und Siebenbürgen aus beruflichen Gründen ins Altreich gezogen sind. Dennoch war das Altreich nie ein Ballungsgebiet, wo eine kompakte Gemeinde entstand, so wie unter anderem die Sachsen in Siebenbürgen, die Banater Schwaben oder die Bukowina Deutschen. Deswegen sind wir sozusagen ein Diaspora Forum.
Es gibt nur eine kompakte Gruppe in der Dobrudscha, die Dobrudscha Deutschen. Sie kamen im 19. Jahrhundert aus Bessarabien, aber leider gibt es nur noch sehr wenige Vertreter dieser Gruppe, denn im Jahr 1940 sind sie fast alle nach Deutschland gefahren, so wie viele Buchenlanddeutschen bei der Aktion „Heim ins Reich“ von Nazideutschland. Dennoch haben wir in Konstanza und Tulcea weiterhin zwei Lokalforen!
Abschließend, falls es nicht alle wissen: Was macht eigentlich die Stiftung?
Die Stiftung ist eine der fünf wirtschaftlichen Stiftungen des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien. Eine für jede Region. Sie wurden aufgrund des Freundschafts- und Partnerschaftsvertrags zwischen Rumänien und Deutschland gegründet und sie existieren weiterhin aufgrund der jährlichen Protokolle der gemischten deutsch-rumänischen Regierungskommission. Die Stiftungen vergeben Investitionskredite nur für Rechtspersonen, die sich im Besitz der deutschen Minderheit befinden oder des Umfeldes, also der sympathisierenden Mitglieder des Deutschen Forums. Der Zweck war die Stabilisierung der deutschen Minderheit in Rumänien, das Stoppen der Auswanderung und natürlich die Entwicklung und die Erhöhung des Wirtschaftsniveaus des Landes durch diese Finanzierungen. Das Umfeld, also die sympathisierenden Mitglieder, werden auch unterstützt, damit man keine Diskriminierung erzielt und damit die deutsche Gemeinschaft nicht irgendwie schlecht gesehen wird. Die Kredite sind rückzahlbar in fünf Jahren und sind komplett ohne Zinsen. Wir alle sind sehr stolz darauf, dass wir sehr vielen Firmen geholfen haben, sich zu stabilisieren, sich zu entfalten, oder erfolgreich gegründet zu werden! Bei der Wirtschaftskrise 2008/2009 und während Corona ist keine Firma, die von unserer Stiftung unterstützt wurde, pleite gegangen!





