„Rumänien ist ein unterschätztes Land“ schreibt Politikwissenschaftler Stefan Hofmann im zweiten Heft der Serie „OST-WEST Europäische Perspektiven“, herausgegeben von Renovabis, Solidaritätsaktion der deutschen Katholiken mit den Menschen in Mittel- und Osteuropa, Titel: „Im Fokus: Die Vielfalt Rumäniens“. Den einleitenden Satz kann man spontan unterstreichen - doch möchte man auch hinzufügen „… und ein nicht ganz leicht zu verstehendes“. Das vorliegende Heft im Taschenbuchformat hilft dabei überraschend effizient durch seine Themenvielfalt und Herangehensweise. Komplexe Entwicklungen über Jahre hinweg werden knapp und allgemeinverständlich zusammengefasst, die Essenz extrahiert, ganz ohne „westeuropäisch verzerrten Tunnelblick“. Wer sich nie mit Rumänien befasst hat, bekommt schnell ein Gespür. Wer Rumänien seit Jahren kennt, findet zwar viel Bekanntes, doch immer noch genug Aha-Einblicke.
Der Bogen wird geschlagen von den aktuellen politischen Herausforderungen über die Nachwirkungen mangelnder Geschichtsaufarbeitung in der Gesellschaft, die Lage der Minderheiten in Zeiten des erstarkenden Nationalismus, die Probleme der rumänischen Roma in der Diaspora Deutschland, die Beziehungen zum Nachbarland Moldau, das bis zur EU-Beitrittkandidatur ständig zwischen Russland und Rumänien/dem Westen oszillierte, das Gasprojekt Neptun Deep – Hoffnungsträger für energetische Unabhängigkeit, aber auch Bremser in der Energiewende, hinzu kommen Umwelt, Klima- und Sicherheitsbedenken, bis hin zum Kirchenboom und seinen Konflikten – megalomane Gotteshäuser, aber werden die Gläubigen auch inhaltlich „mitgenommen“, oder bleibt die orthodoxe Kirche eine Art Handlanger des Staats? Eher lösgelöst vom soziopolitischen Gesamtthemenkomplex, aber nicht minder interessant: der ehrgeizige Versuch, durch private Waldkäufe ein Naturschutzgebiet zu gründen, im Kampf gegen den Kahlschlag; ein Vergleich der Lebensqualität in den größten Städten Bukarest, Klausenburg/Cluj und Temeswar sowie die Bedeutung und Geschichte des drittgrößten europäischen Theaterfestivals FITS in Hermannstadt/Sibiu.
Politik: Korruption und Nationalismus
Stefan Hofmann beschreibt im ersten Beitrag das Ringen Rumäniens um Stabilität im Angesicht von politischem Misstrauen und allerlei Gegensätzen. Während das Land strategisch an Bedeutung gewinnt, spalten Korruption, Ungleichheit und ein erstarkender Nationalismus die Gesellschaft. Der Autor spürt den Ursachen der aktuellen Probleme im Laufe der Geschichte nach, die sich zuspitzen in Ereignissen wie die Enthüllungen der Plattform Recorder über das Gefälligkeitssystem im Obersten Justizrat, in dessen Folge Posten nicht mehr nach Leistung vergeben und Korruptionsverfahren gegen Politiker bis zur Verjährung verzögert werden. Im erstarkenden Nationalismus sieht er auch eine Rolle der Diaspora. „Je besser sich diese Menschen in Deutschland behandelt fühlen, desto weniger benötigen sie den gefühlten Schutzraum einer nationalistischen (Gegen-) Identität, meint Hofmann.
Es folgt ein Beitrag mit dem vielsagenden Titel „Johannis – Der Enttäuscher“. „Nach zehn Jahren im Amt hinterlässt uns der Präsident das Ungetüm des Populismus – das schwierigste Vermächtnis überhaupt“, meint Journalist Thomas Roser. Der einstige Vorzeigebürgermeister von Hermannstadt habe im Laufe seiner beiden Mandate als Staatsoberhaupt einen fragwürdigen Kurswechsel eingeleitet. Kritiker kreiden ihm an, dass russophile Kräfte in Rumänien seinetwegen erstarkt sind.
Gesellschaft: historische Traumata und Roma
Mangelnde Geschichtsaufarbeitung über die Diktatur Ion Antonescus und den Kommunismus, obwohl diese bis heute nachhaltige Spuren in der Gesellschaft und deren Erinnerungskultur hinterlassen haben, sowie revisionistische Tendenzen in den 1990er Jahren, zeigt Historiker Hans-Christian Maner kritisch auf.
Während historische Traumata und aktuelle politische Entwicklungen neue Spannungen erzeugen, ringen nationale Minderheiten zwischen dem wachsenden Einfluss nationalistischer Strömungen und den Herausforderungen einer pluralistischen Gesellschaft erneut um Anerkennung und Teilhabe, warnt der Sozialanthropologe Dr. László Fosztó.
Über Erfahrungen aus der Beratung von Roma aus Rumänien als Arbeitsmigranten in Deutschland berichtet der rumänische Rechtsanwalt Dan Derscanu. Darin geht es vor allem um die Verzahnung von prekären Lebensbedingungen, Arbeitsausbeutung und die Schwierigkeit, den Opfern rasch aus der Notlage heraus oder überhaupt zu ihrem Recht zu verhelfen. Aber auch um die Frage, ob man bei den Roma-Gruppen in deutschen Parks und Bahnhöfen tatsächlich von einer „Bettelmafia“ und „organisiertem Frauenhandel“ sprechen könne. Derscanu meint, es handele sich eher um gemeinsam eingereiste, unorganisierte Familienclans.
Nachbarland: Großer Bruder, kleiner Bruder?
Einen Crashkurs über die wechselhaften rumänisch-moldauischen Beziehungen, bis sich die Länder seit 2009 im europäischen Kontaxt wieder stärker annäherten, liefert Politikwissenschaftlerin Daniela-Maria Mariș. Nachdem 2009 ein Tiefpunkt in den Beziehungen erreicht war – Rumänien wurde damals fälschlicherweise für die Unruhen in der Republik Moldau verantwortlich gemacht –, entstanden unter der EU-Nachbarschaftspolitik „Östliche Partnerschaft“ neue Möglichkeiten, schreibt Mari{. Hinzu kam ein Interesse seitens der EU, die Republik Moldau näher an Brüssel heranzuführen. 2010 wurden verschiedene Abkommen und Projekte zwischen der Moldau und Rumänien vereinbart. Rumänien gewährt dem Nachbarland eine substanzielle, nicht rückzuzahlende Finanzhilfe: 100 Millionen Euro.
2014 erfolgt trotzdem ein herber Rückschlag: aus moldauischen Banken verschwindet eine Milliarde US-Dollar, das Misstrauen der Bevölkerung in die Politik verhilft dem prorussischen Kandidaten Igor Dodon zum Wahlsieg. Eine Schlüsselrolle in der erneuten Annäherung an Rumänien spielt Maia Sandu, so die Autorin, die in beiden Ländern hohe Vertrauenswerte erzielt. Maßgeblich beigetragen zur Verbesserung der Beziehungen hat aber auch der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine. Weitere Themen sind Doppelstaatsbürgerschaft, Sprache und Identität, Vereinigungsbestrebungen. Zu kurz kommt leider der Transnistrienkonflikt.
Die nicht nur rosige Seite von Neptun Deep...
In seinem Beitrag zum Off-shore-Gasförderprojekt Neptun Deep, das Rumänien zum größten Produzenten der EU machen und deren Unabhängigkeit von russischem Gas sichern soll, wägt Journalist Frank Stier Pro- und Kontra-Argumente sorgfältig ab: Bis zum Herbst 2027 will die EU den vollständigen Ausstieg aus russischen Flüssiggasimporten vollziehen.
Kritiker aber verweisen darauf, dass Rumänien vor allem mit diesem Projekt zu stark auf fossile Brennstoffe setze, die Industrie zur weiteren Gasnutzung dränge und die geplante Reduzierung fossiler Brennstoffe verzögere. Gegenargumente sind die auch im Projekt nicht berücksichtigten Treibhausgasemissionen des Förderprojekts sowie die ökologischen Risiken durch giftige Abwässer der Bohrinsel. Greenpeace hat deswegen 2025 geklagt, um die Baugenehmigung annullieren zu lassen, doch vor dem zuständigen Gericht in Bukarest verloren und muss nun 66.700 Euro Anwaltskosten tragen – weswegen Romgaz die Auflösung von Greenpeace Romania wegen Insolvenz forderte, laut Greenpeace eine SLAPP-Anklage (missbräuchliches Gerichtsverfahren mächtiger Akteure mit dem Ziel der Einschüchterung)...
Kritisch aber auch die Nähe zum Kriegsgebiet: „Kürzlich hat auch der Generalstabschef des rumänischen Heeres davor gewarnt, dass die Plattform und die angrenzende Infrastruktur im außerordentlichen Wirtschaftsgebiet nicht durch die NATO geschützt sind“, verweist Stier.
Ehrgeizige Projekte in Umwelt und Kultur
Einen „Yellowstone-Park“ für Europa zu gründen, und zwar durch Ankauf von privaten Wäldern, die in einem gigantischen Naturschutzgebiet zusammengefasst werden sollen, haben sich die Wildtierexperten Barbara und Christoph Promberger mit der Stiftung „Foundation Conservation Carpathia“ zum Ziel gesetzt, im Hintergrund ein potenter Förderer aus den USA, Hansjörg Wyss. Weil 2004 bis 2006 im Rahmen der Rückerstattung von im Kommunismus beschlagnahmten Wäldern viele private Eigentümer diese schnell zu Geld machen wollten und an Einschlagfirmen verkauften, begann ein massiver Raubbau. Tausende Hektar Wald verschwanden in kürzester Zeit. Doch wenn man „Wald für die Abholzung kaufen kann, kann man ihn auch kaufen, um ihn zu schützen“, erklärt Barbara Promberger im Interview. Gleichzeitig sollen umliegende Gemeinden durch den Aufbau von Ökotourismus, Umweltbildungs- und Sozialprojekten vom Nutzen eines Nationalparks überzeugt werden. Ein schwieriges Unterfangen, denn das Misstrauen ist groß, die Gerüchteküche brodelt und die Holzmafia steht dem Projekt als mächtiger Gegner gegenüber...
Im letzten Beitrag beschreibt ADZ-Redakteurin Aurelia Brecht in „Wie ein Theaterfestival die Sterne vom Himmel holt“, wie es dazu kam, dass das FITS jeden Juni ganz Hermannstadt in eine Bühne verwandelt, mit vielen kostenlosen Veranstaltungen allen Menschen offensteht und mit jedem Jahr internationaler wird. Dabei geht es nicht „nur“ um Theater, sondern um kulturelle Vielfalt, Dialog, Bildung, Innovation und nicht zuletzt um einen Anschub für Gastronomie, Tourismus und Wirtschaft.





