Das Theater ist längst nicht mehr nur ein Ort, an dem das Publikum einer Geschichte folgt und nach dem Fallen des Vorhangs wieder nach Hause geht. In den vergangenen Jahren haben immer mehr Kultureinrichtungen versucht, Aufführungen zum Ausgangspunkt für Gespräche über die Welt zu machen, in der wir leben. In Temeswar hat diese Idee die Form eines umfassenden Projekts für Schüler und Lehrkräfte angenommen.
„Theater im Dialog“, initiiert vom Deutschen Staatstheater Temeswar/Timișoara (DSTT) und kofinanziert vom Nationalen Kulturfonds Rumäniens (AFCN), möchte Jugendlichen das Theater nicht nur als Zuschauer näherbringen, sondern sie zu aktiven Teilnehmern eines Prozesses des Lernens, der Reflexion und der kreativen Auseinandersetzung machen.
Zur Halbzeit des Projekts, am Ende des Schuljahres, hat es die Erwartungen seines Teams bereits übertroffen. Seminare, Theateraufführungen, Diskussionsrunden, Workshops für dramatisches Schreiben, pädagogische Begleitbroschüren und sogar ein Escape Room, der vom Repertoire des Theaters inspiriert ist, haben Brücken zwischen Bühne und Schule sowie zwischen Künstlern und Jugendlichen geschlagen. Hinter all diesen Aktivitäten steht jedoch eine einfache Idee: der Dialog.
Alles begann im vergangenen Jahr mit dem Pilotprojekt „Impuls Theater“. Die Vertreter des Deutschen Theaters Temeswar haben dieses Projekt ins Leben gerufen, um das Theater in die Schulen zu bringen und Jugendliche für den Theaterbesuch zu begeistern. Da das Projekt sehr gut aufgenommen wurde, folgte in diesem Jahr ein neues Projekt: „Theater im Dialog“ – eine deutlich umfangreichere und ambitioniertere Fortsetzung. „Das Feedback aus den Schulen hat unsere Erwartungen sogar noch übertroffen“, sagt Diana Sârbu, Dramaturgin des Deutschen Staatstheaters Temeswar und Projektkoordinatorin.
Das Team des DSTT stellte innerhalb des Pilotprojekts fest, dass die Beziehung zwischen Schule und Theater zu schnell endete. Es fehlte eine echte Interaktion. „Es bestand der Wunsch, miteinander zu sprechen und die Gedanken, die das Theater bei den Jugendlichen auslöste, in Worte zu fassen“, erklärt auch die Dramaturgin und stellvertretende Projektkoordinatorin Sarah Malekshahian.
So entstanden Publikumsgespräche nach jeder Vorstellung. Während die Jugendlichen anfangs noch zurückhaltend waren, veränderte sich die Atmosphäre im Laufe des Projekts grundlegend. „Wir haben erlebt, wie aus anfänglicher Schüchternheit und der Hemmung, Fragen zu stellen, ein offener und ehrlicher Dialog wurde, auf den sich beide Seiten jedes Mal freuten“, berichtet Sarah Malekshahian.
Da ein Dialog immer mindestens zwei Seiten voraussetzt, beantworteten Schauspieler, Regieassistenten sowie weitere Mitglieder der künstlerischen Teams nicht nur die Fragen aus dem Publikum, sondern stellten den Jugendlichen ihrerseits Fragen. Dadurch wurden diese angeregt, ihre eigenen Meinungen zu formulieren und zu begründen.
Aufführungen, die zum Nachdenken anregen
Die acht Aufführungen, die in das Projekt aufgenommen wurden, sind gezielt aufgrund ihres Potenzials ausgewählt worden, Reflexion und Diskussion anzustoßen. Die Organisatoren unterteilten sie in drei Kategorien: klassische Dramen, Inszenierungen über die Lebenswelt von Jugendlichen sowie Produktionen, die aktuelle gesellschaftliche Themen aufgreifen.
Zur ersten Kategorie gehörten Inszenierungen wie „Leonce und Lena“, „Ein Sommernachtstraum“, „Lysistrata“ und „Der Kirschgarten“. Sie zeigen, dass klassische Texte auch heute noch von aktuellen Fragestellungen erzählen. Die zweite Kategorie umfasste Stücke wie „Tschick“ und „Der Sohn“, die sich mit den Beziehungen zwischen Jugendlichen und ihren Familien beschäftigen. Die dritte Kategorie stellte mit den Produktionen „Europa“ und „Katzelmacher“ Themen wie Migration, Diskriminierung und Identität in den Mittelpunkt.
Vor jeder Vorstellung nahmen die Schüler an Einführungsseminaren teil. Dort lernten sie grundlegende Begriffe der Theatersprache kennen, erfuhren mehr über den Unterschied zwischen dramatischem Text und Inszenierung sowie über die verschiedenen Aufgaben innerhalb eines künstlerischen Teams.
Nach den Vorstellungen fanden Diskussionen direkt in den Schulklassen statt. Die Schüler wurden in Gruppen eingeteilt und lernten, ihre Standpunkte in einem von Schauspielern des Theaters moderierten Dialog zu vertreten und zu begründen. „Wir haben entdeckt, wie groß ihr Wunsch ist, gehört zu werden und ihre Gedanken mit Argumenten und Gegenargumenten verständlich auszudrücken“, sagt die Projektkoordinatorin.
Broschüren, die zum Fragen auffordern
Ein wichtiger Bestandteil des Projekts sind die acht pädagogischen Begleitbroschüren zu den einzelnen Aufführungen. Sie enthalten Informationen über die Autoren sowie deren historischen Kontext, kreative Übungen, kleine Glossare und Anregungen für Fragen, die im Gespräch mit den Künstlern gestellt werden können. Für die Broschüren war vor allem Sarah Malekshahian verantwortlich: „Bereits im Pilotprojekt haben wir festgestellt, dass die Schüler viele Fragen hatten, aber oft nicht wussten, wie sie diese formulieren sollten. Die Broschüren schlagen mögliche Fragen an das künstlerische Team vor – und anschließend entwickelt sich der Dialog ganz von selbst.“
Die Aufführung, nach der Schüler ihre Eltern umarmen
Unter allen Inszenierungen des Projekts hinterließ eine bei den Jugendlichen einen besonders nachhaltigen Eindruck: „Der Sohn“ nach dem gleichnamigen Stück des Dramatikers Florian Zeller. Das Werk thematisiert den Mangel an Kommunikation zwischen Eltern und Kindern sowie die dramatischen Folgen von Isolation und löste einige der bewegendsten Gespräche im gesamten Projekt aus. Für Diana Sârbu bleibt die Reaktion eines Schülers der prägendste Moment des Programms: „Nach der Vorstellung fragten wir die Jugendlichen, was sie aus dem Gesehenen mitnehmen. Einer antwortete: ‚Ich möchte nach Hause gehen und meine Eltern umarmen.‘ Ich finde, dass er den Kern des Stücks verstanden hat. Besonders gefreut hat mich, dass die Jugendlichen versucht haben, die Ursachen der Tragödie zu verstehen und sich nicht nur auf das tragische Ereignis selbst konzentrierten“, erzählt die Projektkoordinatorin.
Wenn Jugendliche zu Dramatikern werden
Eine der ehrgeizigsten Komponenten des Projekts war das Labor für kreatives Schreiben. In den zehn Partnerschulen – aus denen schließlich elf Arbeitsgruppen entstanden – arbeiteten eingeladene Dramatikerinnen und Dramatiker jeweils eine Woche lang mit den Schülern zusammen und begleiteten sie beim Schreiben eigener Theatertexte. Das Ergebnis überraschte selbst die Organisatoren. „Wir hätten nie gedacht, dass Jugendliche ohne jede Erfahrung im dramatischen Schreiben ein vollständiges Theaterstück verfassen könnten. Aber genau das haben sie geschafft“, sagt Diana Sârbu.
Die Themen, die die Jugendlichen wählten, spiegeln ihre eigene Lebenswelt wider: Mobbing, fehlende Kommunikation, die Abhängigkeit von Smartphones und digitalen Medien, Vielfalt, Beziehungen zwischen den Generationen sowie der Wunsch, verstanden zu werden. Die elf entstandenen Texte werden in einer zweisprachigen Anthologie auf Rumänisch und Deutsch veröffentlicht. Am 13. September werden sie auf der Bühne des Deutschen Staatstheaters Temeswar vollständig von Schauspielerinnen und Schauspielern des Hauses gelesen.
Zwei dieser Texte werden darüber hinaus zu Klassenzimmer-Inszenierungen weiterentwickelt und anschließend an den Schulen aufgeführt, an denen sie entstanden sind.
Ein vom Theater inspirierter Escape Room
Zu den Aktivitäten, die die größte Begeisterung auslösten, gehörte auch ein für eine öffentliche Theaterinstitution in Rumänien außergewöhnliches Projekt: ein Escape Room, der auf der Inszenierung „Der Drache“ basiert. Die Teilnehmenden mussten dabei Hinweise entschlüsseln, im Team zusammenarbeiten und die verborgenen Bedeutungen der Geschichte entdecken. Begleitet wurden sie dabei von Schauspielerinnen und Schauspielern des Theaters. Darüber hinaus erhielten die Jugendlichen einen Einblick hinter die Kulissen des Theaters. Sie wurden durch die normalerweise nicht zugänglichen Bereiche des Kulturpalastes in Temeswar bis zu dem eigens für diese Aktivität eingerichteten Raum geführt. Für viele von ihnen war dies die erste Begegnung mit der Welt hinter der Bühne.
Wenn Jugendliche selbst ins Theater zurückwollen
Der vielleicht wichtigste Erfolgsindikator des Projekts ist die Tatsache, dass viele Jugendliche inzwischen auch außerhalb der von den Schulen organisierten Besuche wieder ins Theater kommen. Ein weiteres wichtiges Ergebnis besteht darin, dass die meisten beteiligten Schulen keinen Unterricht in deutscher Sprache anbieten. Dennoch erwiesen sich die Übertitel der Aufführungen als ausreichend, um sprachliche Barrieren zu überwinden. „Wir haben bewusst Schulen ausgewählt, in denen kein Deutsch unterrichtet wird, um zu zeigen, dass Sprache im Theater kein Hindernis sein muss. Und gerade von diesen Schülerinnen und Schülern kam das Feedback, dass sie wiederkommen möchten“, erklärt Diana Sârbu.
Der Dialog geht weiter
Im Herbst beginnt die nächste Phase des Projekts. Neben der öffentlichen Lesung der elf Theatertexte bereitet das Team des DSTT eine Theaterkarawane vor, die die auf den Texten der Jugendlichen basierenden Inszenierungen an alle Partnerschulen bringen wird. Außerdem sind Workshops für Kulturjournalismus geplant, in denen die Jugendlichen lernen, Theaterkritiken und Rezensionen zu schreiben. Darüber hinaus wird ein Wettbewerb zur Theaterkultur zwischen den am Projekt beteiligten Gymnasien veranstaltet.
Für die Organisatoren endet das Projekt nicht mit dem Auslaufen der Förderung. Aufgrund der großen Nachfrage der Jugendlichen sollen Formate wie das Schreiblabor, Besuche der Schauspieler in den Schulen und der Escape Room künftig als fester Bestandteil der Theaterarbeit fortgeführt werden, wenn auch in kleinerem Umfang.







