Gerwald Maximilian Braisch ist seit vergangenem Sommer Pfarrer der evangelischen Gemeinden Bartholomae und Honigberg im Kreis Kronstadt/Bra{ov. Der 34-Jährige ist in Berlin geboren und als Grundschüler mit seinen Eltern und Schwestern nach Hermannstadt/Sibiu gezogen, wo er das Brukenthallyzeum absolvierte. Nach einem achtjährigen Musikstudium in Rumänien und Deutschland verwirklichte er seinen langjährigen Wunsch: Er studierte Theologie und wurde Pfarrer. Über seinen Lebensweg, seine Arbeit und Familie sprach der Geistliche mit ADZ-Redakteurin Laura Căpățână Juller.
Herr Braisch, Sie sind in Deutschland geboren. Wie kamen Sie nach Siebenbürgen?
Meine Eltern sind beide in Hermannstadt aufgewachsen und mein Vater ist Ende der 1970er Jahre nach Deutschland ausgewandert; meine Mutter folgte ihm Mitte der 1980er Jahre. Sie haben sich nach West-Berlin zurückgezogen, wo es wenig Sachsen gab. Ich bin dort aufgewachsen und als ich in die vierte Klasse kam, haben sich meine Eltern den Wunsch verwirklicht, nach Hermannstadt zu ziehen.
Hatten Sie davor Bezug zu Siebenbürgen?
Wir waren alle zwei Jahre zu Besuch bei meinen Großeltern in Sächsisch-Regen, wo mein Großvater evangelischer Stadtpfarrer war. Und wir haben zu Hause Sächsisch gesprochen – auch in Berlin.
Wie empfanden Sie als Neunjähriger das neue Leben in Hermannstadt?
Als wir 2001 hergezogen sind, war das ein großer Wechsel, auch von der Sprache her – ich habe dann Rumänisch gelernt. Interessanterweise hat es mir von Anfang an gut gefallen. Ich erinnere mich, dass es mir vom Gefühl her besser ging als in Berlin. Ich habe mich in Hermannstadt wohlgefühlt, trotz mancher Schwierigkeiten mit Klassenkollegen, die sich lustig machten, dass ich kein Rumänisch konnte. Aber ich habe mich innerhalb von ein, zwei Jahren eingelebt und wollte eigentlich nicht mehr weg.
Nach dem Bakkalaureat sind Sie nach Klausenburg gezogen, um Musik zu studieren, Fagott.
Wir haben zu Hause immer viel musiziert. Mein Vater kennt sich mit ziemlich allen Instrumenten aus, außer mit den Holzblasinstrumenten. Daher hat er seine Kinder diese lernen lassen. Meine Schwestern haben Oboe und Klarinette gelernt, ich Fagott. Ich wusste von klein auf, als ich noch kaum ein Fagott halten konnte, dass das mein Instrument sein wird.
In Hermannstadt hatte ich am Anfang in der siebten Klasse einen sehr guten Lehrer – das ist ungefähr das Alter, in dem man anfängt, Fagott zu spielen. Der Lehrer ist allerdings nach nur wenigen Monaten ausgewandert, und die anderen Lehrer hatten keine Ambitionen. Da habe ich mich bis zur zwölften Klasse ziemlich gequält. Dennoch habe ich Musik studiert. Das war nicht einfach. In Klausenburg bin ich gerade so zurechtgekommen, aber mein dortiger Professor hat mich aufgepäppelt.
Nach drei Jahren Studium habe ich den großen Schritt gewagt, in Deutschland Musik zu studieren – in Freiburg, Stuttgart und Trossingen.
Dort haben Sie Ihre Frau kennengelernt?
Meine Frau Theresa ist aus Deutschland und hat in Frankfurt am Main Musik studiert. Ich habe sie während meines Musikstudiums in Deutschland bei einem Orchesterprojekt kennengelernt, wir haben über die Musik zueinandergefunden.
Sie war auch ziemlich bald bereit, diesen Schritt nach Siebenbürgen zu machen, der für mich ohnehin immer am Horizont war.
Warum sind Sie nach Siebenbürgen zurück?
Ich wollte eigentlich nie weg! Ich habe nur wegen des Niveaus des Musikstudiums in Deutschland studiert. Aber sonst hatte ich keinen Drang, dort zu leben. Ich hatte das Gefühl, dass ich Deutschland auch schon ziemlich gut kennengelernt habe und dass es mir hier irgendwie besser geht. Die Art der Beziehungen zu anderen Menschen, zu Kollegen, zu Freunden, war für mich hier immer enger, war auch wohltuender.
In Klausenburg bin ich als Fremdling hin. Als Student habe ich in einem Achtbett-Zimmer in einem alten Wohnheim gelebt mit Rumänen und Ungarn aus dem Norden des Landes. Ich war der einzige Sachse. Es war aber nicht schwierig für mich.
Ich habe gleich enge Kontakte geknüpft, die zum Teil noch bis heute halten. Es ist viel Menschlichkeit dahinter und es hat alles Sinn.
Nach acht Jahren Musikstudium haben Sie sich für Theologie entschieden? Hat das mit dem Großvater zu tun?
Den Wunsch zum Theologiestudium habe ich seit dem Jugendalter. Aber ich habe mich nicht getraut, ihn zu verwirklichen oder jemandem etwas davon zu sagen. Ich denke, es war sehr gut so, denn das Musikstudium hat mir sehr viel gebracht: viele Reisen, viele schöne Erlebnisse. So habe ich mit 27 Jahren das Theologiestudium ganz anders angepackt, als wenn ich mit 18 gleich Theologie angefangen hätte.
Meine Frau hat mich da sehr unterstützt und ich habe nach vier Jahren das Theologiestudium in Neuendettelsau in Franken und in Hermannstadt absolviert. Zuerst hatten wir die Musikerstelle in der Gemeinde in Heltau/Cisn²die und ich habe parallel studiert. Danach folgte das Vikariat in Mediasch. Seit letztem Jahr sind wir hier.
Wie wurden Sie in Kronstadt und Honigberg aufgenommen? Die Gemeinden hatten jahrelang keinen eigenen Geistlichen.
Die beiden Gemeinden haben sich einen Pfarrer gewünscht und haben uns sehr herzlich und ehrwürdig aufgenommen.
Wie haben Sie sich in Kronstadt eingelebt? Sie nehmen an zahlreichen Kulturveranstaltungen teil, bringen sich da auch musikalisch ein.
Wir sind bei den Veranstaltungen der deutschsprachigen Gemeinschaft gerne dabei. Ich bin so aufgewachsen; mein Vater hat mich schon als kleines Kind immer zu allen Veranstaltungen mitgenommen und ich bin hungrig und durstig nach Kultur. Und ich empfinde, dass hier ebenfalls ein großer Hunger und Durst nach Kultur herrscht, vor allem aber nach Personen, die sich einbringen. Es gibt sehr viele Ideen, Potenzial und Willen, aber es fehlt oft an Personen, die das umsetzen.
Wir sind jetzt ein paar Leute, die in diese Kronstädter Gemeinschaft dazugekommen sind, wollen mitmachen und alles leisten, was möglich ist. Denn dieses Leben haben wir nur einmal und wir wollen es voll auskosten.
Musik ist für Sie und ihre Frau sehr wichtig. Welche Rolle spielt Musik im Gottesdienst und dem Gemeindeleben? Sogar das „Vaterunser“ singen Sie.
Wir kommen mit einer ganz anderen Herangehensweise, als man es bisher gewohnt war. Und wir überfordern auch ein bisschen die Gemeinde, das darf man ruhig so sagen. Es ist aber kein Grund, deswegen kürzer zu treten. Wir müssen natürlich eine Balance finden, aber es wird viel gesungen in den Gottesdiensten, auch Lieder, die sonst nicht so bekannt sind, wir untermalen den Gottesdienst auch manchmal mit Instrumenten.
Musik hat den großen Vorteil, eine wahnsinnig breite Palette an Möglichkeiten zu bieten – von Partymusik über Unterhaltungsmusik bis hin zur ernsten Musik, ohne scharfe Grenzen. Ich möchte, dass der Gottesdienst nicht nur in den Mauern bleibt, sondern mit dem zu tun hat, was draußen passiert. Dafür ist Musik ein exzellentes Mittel. Bei Musik merkt man oft nicht, ob es noch Ernst oder schon Unterhaltung ist. So können auch unsere Gedanken im Gottesdienst fließen, ohne strikte Trennung zwischen Kirche und Alltag. Musik hat genau diese Kraft, zu trans-zendieren.
Was ist Ihnen als Pfarrer wichtig?
Mir ist wichtig, dass die Gemeindeglieder sich an dem Ort, wo sie Heimat und Geborgenheit fühlen, wo sie sich wohlfühlen, auch die Kraft bekommen, anders zu denken als bisher. Denn zum christlichen Glauben gehört es immer, bereit zu sein, umzudenken.
Wir haben in unseren siebenbürgischen Traditionen eine sehr wichtige und gute Standhaftigkeit, sind aber damit nicht vollständig. Wir brauchen auch die Bereitschaft, trotzdem mal aus der Perspektive der anderen zu denken.
Ich denke, es ist wichtig, standhaft und flexibel zu sein, damit die Kirche wirklich Einheit dieser sehr unterschiedlichen Herausforderungen ist und sich zugleich auf neue Wege einlässt.
Sie betreuen zwei Gemeinden. Gibt es gemeinsame Schwerpunkte?
Die Gemeinsamkeit ist der gemeinsame Pfarrer. Die Gemeinden sind sehr unterschiedlich, auch sehr lebendig und sie ergänzen sich komplementär durch verschiedene Charaktereigenschaften. Genau deshalb haben sie sich zu einem Verband zusammengeschlossen, und ich nehme das als etwas sehr Gutes und als großes Potenzial wahr.
Welches sind die Pläne für die beiden Gemeinden?
Der Wunsch ist, einen Ort zu schaffen, an dem man sich gleichzeitig geborgen und auch offen für Neues fühlen kann.
Wie wollen Sie das konkret umsetzen?
Durch das, was wir bereits begonnen haben – wie die vielen Andachten und Konzerte – und gerne auch durch mehr Gespräche im Pfarrhaus. Wir haben einen Gesprächskreis ins Leben gerufen, der einmal im Monat stattfindet und Themen bespricht, die die Menschen beschäftigen. Zudem führen wir den Männerabend weiter, ebenso die beiden Frauentreffen (getrennt für ältere und berufstätige Frauen), den offenen Gesprächskreis und die Singgruppe.
Wie bringen Sie Beruf und Familie unter einen Hut – Sie haben fünf kleine Kinder, eines davon ist ein Baby?
Mit Gottes Hilfe! Wir machen, was gerade ansteht. Ich schaffe es oft nicht, bin oft auch am Boden mit meinen Kräften. Aber es geht dann immer weiter, weil ich weiß, es ist nicht meine Kraft. Ich stelle mich zur Verfügung, wann immer ich kann. Und wenn es nicht mehr geht, muss eine Pause eintreten.
Theresa macht voll mit. Sie hat ohnehin Verantwortlichkeiten, aber es kommen immer neue dazu. Bei regulären Aufgaben haben wir uns einiges vorgenommen, aber es kommt noch sehr viel Spontanes hinzu. Ich habe es mir hier ein bisschen gemütlicher vorgestellt, aber wir packen das gemeinsam an.






