Im institutionellen Leben kommt es selten vor, dass Jubiläen nicht nur zeitlich zusammenfallen, sondern auch gemeinsam begangen werden. Wenn jedoch ein Ort – oder eine Persönlichkeit – als verbindendes Element wirkt, kann aus Zufall ein Fest der Gemeinschaft werden. So geschah es am 17. Juli 2026 im Hof des „Friedrich Teutsch“ Begegnungs- und Kulturzentrums in Hermannstadt/Sibiu, wo unter dem Motto „Gemeinsam werden wir 50 Jahre alt!“ gleich drei Einrichtungen ihre runden Geburtstage feierten: das Erasmus-Büchercafé und das Diakoniewerk Rumänien jeweils 20 Jahre, die Charlotte-Dietrich-Schule ein Jahrzehnt seit ihrer Eröffnung.
Die Jubilare
Wer in den vergangenen zwei Jahrzehnten auch nur kurz in Hermannstadt verweilte, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit im Teutsch-Haus auf das Erasmus-Büchercafé gestoßen. 2005 ließ sich der Bonner Verkehrsingenieur Jens Kielhorn mit seiner aus Nordsiebenbürgen stammenden Frau und den Kindern in Hermannstadt nieder. Kurz darauf eröffnete er im frisch sanierten Gebäude, das zugleich Archiv und Museum der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien beherbergt, eine Buchhandlung. 2007 folgte – gemeinsam mit Anselm Roth – die Gründung des Schiller-Verlags, spezialisiert auf deutschsprachige Publikationen aus Rumänien. Kielhorn formulierte damals in „Focus“ seinen Grundimpuls: „...wenn man hier mit offenen Augen herumgeht und sich nicht ganz dumm anstellt, kann man tausend Dinge machen.“
Wer ihn kennt, weiß, dass er diese „tausend Dinge“ über die Jahre tatsächlich angepackt hat: in der Stadtverwaltung, in der evangelischen Kirchengemeinde, in Kulturprojekten und vielem mehr.
Zu den Initiativen, die auf Kielhorn zurückgehen, zählt auch die Charlotte-Dietrich-Schule – die erste private deutschsprachige Schule, die nach 1989 in Hermannstadt gegründet wurde. Ihr Leitbild beschreibt sie als Begegnungsschule, „in der deutschsprachige Kinder der evangelischen Gemeinde, Kinder aus dem deutschsprachigen Raum, die sich (auch vorübergehend) mit ihren Familien in Hermannstadt niederlassen, sowie rumänische Kinder und Kinder anderer Nationalitäten, die die deutsche Sprache beherrschen, auf ihrem individuellen Lernweg begleitet werden.“
Die 2016 eröffnete Schule arbeitet nach dem Lehrplan Baden-Württembergs und setzt auf individuelle Förderung, Selbstständigkeit, Toleranz, Kritikfähigkeit und Umweltbewusstsein – ein pädagogisches Profil, das sich von der lokalen Bildungslandschaft deutlich abhebt.
Wer sich am frühen Nachmittag im Hof des Teutsch-Hauses bei Kaffee, Saft oder Eis aufhält, begegnet häufig den Leuten vom Diakoniewerk Rumänien, die hier ihren Arbeitstag ausklingen lassen. Seit 20 Jahren setzt sich die Einrichtung für die Inklusion von Menschen mit Behinderung ein. Ihr Arbeitsziel ist klar formuliert: „Unser Ziel ist es, ein Umfeld zu schaffen, in dem Vielfalt als Bereicherung geschätzt wird und in dem jeder Mensch, unabhängig von seinen Einschränkungen, die Möglichkeit hat, sein Potenzial zu entfalten. Inklusion ist daher nicht nur eine gesellschaftliche Verpflichtung, sondern auch eine Chance, eine lebendige, innovative und gerechte Gesellschaft zu schaffen, in der jeder seinen Platz finden kann und gleiche Rechte genießt.“
Das Fest
Das Jubiläumsfest erstreckte sich über den gesamten Tag. Ab 10 Uhr standen Workshops offen – Kerzenziehen, Filzen, Collagen –, während das Büchercafé mit einem zwanzigprozentigen Rabatt auf alle Titel lockte. Für das leibliche Wohl sorgten frisch gebackene Waffeln und Hotdogs. Am Stand des Diakoniewerks konnten Besucher Objekte und Gemälde aus der hauseigenen Werkstatt erwerben.
Ein besonderer Höhepunkt war die Begegnung mit Hans Hamrich, dessen Buch „Zeiträume unter dem Atem Gottes“ im vergangenen Jahr im Schiller-Verlag erschienen ist. Die Lesung – das Büchercafé erwies sich dafür als zu klein – wurde von seiner Frau Birgit Hamrich und seinem ehemaligen Studienkollegen Steffen Tuschling begleitet. Im Gespräch, immer wieder durch Buchauszüge unterbrochen, spannte Hamrich einen Bogen von der Kindheit seiner Romangestalt in Siebenbürgen bis in die Gegenwart in Deutschland.
Der Roman selbst umfasst mehr als ein Jahrhundert: vom Jahr 1906 bis 2024. Michael, das Alter Ego des Autors, erlaubt ihm, die Spuren seiner Familie bis ins 19. Jahrhundert zurückzuverfolgen – nicht anhand von Chroniken, sondern durch die Freiheit der eigenen Imagination. „So konnte ich mich frei bewegen und konnte fabulieren ohne jemanden vor den Kopf zu stoßen,“ erklärte Hamrich. Er bezeichnet das Werk als „autobiografischen Roman“, geschrieben zunächst für sich selbst – „jeder, der gerne liest, träumt davon, selber mal ein Buch zu schreiben“ –, dann für seine Frau und die gemeinsame Tochter, bevor er ermutigt wurde, es zu veröffentlichen.
Im Anschluss an die Lesung trat die Musikband der Charlotte-Dietrich-Schule unter der Leitung von Costi Mihai auf. Die jungen Musiker präsentierten bekannte Stücke aus verschiedenen Epochen und wurden mit verdientem Applaus bedacht. Den Ausklang bildete eine Tanzparty, die sich bis in die Abendstunden hinein erstreckte.
Am Ende waren sich alle einig, dass den Organisatoren ihr Vorhaben gelungen war: „Ein Fest der Nachbarschaft und Freundschaft, mit dem wir drei Geschichten aus dem Herzen von Hermannstadt feiern.“







