Ein Stück Banater Identität

Die Wambachs bauen seit zwei Jahrzehnten „Gottlober Melonen“ an

In den Ferien verwandelt sich die Deutschlehrerin in eine Melonenbauerin: Anneliese Wambach.

Aurel Wambach bedient die Kunden – zwei Jungs, die auf der Suche nach einer süßen Wassermelone sind.

Jonas Wambach ist der Spezialist hinter dem Familiengeschäft. Der junge Agraringenieur hat alles von seinem Vater gelernt, bringt aber auch neues Knowhow mit. | Fotos: Zoltán Pázmány

Vor dem Tor des Hauses der Familie Wambach in der Rosenstraße 114 in Gottlob steht ein Melonenstand. Autos halten ab und zu an, Menschen steigen aus, klopfen mit den Fingern gegen die grün-gestreiften Schalen der Wassermelonen und lassen sich von Aurel Wambach beraten. „Die hier ist besonders süß“, sagt er und hebt eine stattliche Frucht auf die Waage. Drei Lei kostet das Kilogramm – ein Preis, für den viele eigens nach Gottlob fahren. Über dem kleinen Verkaufsstand hängt ein originelles Kissen in Form einer Wassermelone. Es ist mehr als bloße Dekoration: Es ist ein augenzwinkerndes Symbol dafür, dass sich hier fast alles um die süße Sommerfrucht dreht.

Wir unterhalten uns draußen, im Hof, wo Anneliese Wambach Essen auf den Tisch stellt. Sie ist gerade aus der Kirche gekommen, wo sie beim Saubermachen Hand angelegt hat. Hinter diesem Tor beginnt das Zuhause einer Familie, die den Melonenanbau zu ihrer Lebensaufgabe gemacht hat. Anneliese und Aurel Wambach gehören zu den Pionieren des professionellen Melonenanbaus in Gottlob. Bereits 2004 begannen sie, Wassermelonen intensiv anzubauen – mit Folienkultur, die damals in der Region noch kaum verbreitet war. „Wir waren unter den Ersten, die daraus ein richtiges Geschäft gemacht haben“, erzählt Aurel nicht ohne Stolz.

Angefangen hat alles auf gerade einmal eineinhalb Hektar. Jahr für Jahr wuchs der Betrieb, bis schließlich neun bis zehn Hektar mit Wassermelonen bepflanzt wurden. Inzwischen haben sich die Bedingungen jedoch grundlegend verändert. Heute werden nur noch rund zwei Hektar mit Wassermelonen bewirtschaftet. „Früher bauten die Nachbardörfer kaum Melonen an. Heute kultiviert sie fast jeder und viele verkaufen ihre Ernte als Gottlober Melonen“, sagt Jonas Wambach, der Sohn der beiden. Der zunehmende Wettbewerb habe den Markt stark verändert. Die Gottlober Melone genießt längst einen hervorragenden Ruf weit über die Grenzen des Banats hinaus. Sie gilt als regionale Spezialität und ist als Marke geschützt – ein Qualitätsversprechen, das den Namen des kleinen Ortes untrennbar mit aromatischen Wassermelonen verbindet. Kein Wunder, dass sich manchmal Händler falsche Plakate mit „lubeni]² de Gottlob“ vor ihre Stände setzen. „Manchmal sogar im Februar“, sagt Jonas und lächelt. Doch hinter dem Schmunzeln verbirgt sich auch Ärger. „Das ist unfair gegenüber den Produzenten, die monatelang hart arbeiten und tatsächlich Melonen aus Gottlob anbauen“, sagt der junge Mann. Wer mitten im Winter „Gottlo-ber Melonen“ anbiete, täusche die Kunden und schade zugleich dem Ruf der geschützten Marke. 

Heute blickt die Familie Wambach auf mehr als zwei Jahrzehnte Erfahrung zurück. Wetterkapriolen, Trockenheit, Starkregen und immer neue Herausforderungen gehören längst zum Alltag. Trotzdem können sich die Wambachs keinen Sommer ohne Melonen vorstellen.

Die Familie spiegelt zugleich die kulturelle Vielfalt des Banats wider. Anneliese Wambach stammt aus einer banatschwäbischen Familie, ihr Mann Aurel ist Rumäne. Unterschiedliche Traditionen ergänzen sich hier ganz selbstverständlich – auf dem Feld ebenso wie am Esstisch.

Während draußen die Sonne erbarmungslos vom Himmel brennt, sitzen wir auf der Dachterrasse und trinken ein Glas Wasser. Eigentlich ist Anneliese Deutschlehrerin an der Schule in Lowrin und promovierte Ger-manistin, auch steht sie an der Spitze des Gottlober Deutschen Forums. Doch sobald die Melonensaison beginnt, wird jede freie Minute dem Familienbetrieb gewidmet. Schule, Landwirtschaft und Familie unter einen Hut zu bringen, verlangt Organisation und Leidenschaft zugleich.

„Schon in meiner Kindheit kamen Nachbarn aus dem Kreis Bihor nach Gottlob und pflanzten hier Melonen in ihren Gärten“, erinnert sich Anneliese. Heute betreibt die Familie nicht nur den Verkaufsstand vor dem eigenen Haus, sondern verkauft ihre Früchte auch an einem zweiten Stand vor der Kirche in Alexanderhausen/ [andra. „Wir haben sogar Stammkunden, die uns jedes Jahr aufsuchen, wenn sie aus Deutschland ins Banat kommen. Sie sagen, dass der Sommer für sie erst beginnt, wenn sie unsere Melonen gegessen haben“, sagt Anneliese Wambach.

Der Tisch wird schnell gedeckt. Statt eines aufwendigen Menüs gibt es das, was an heißen Sommertagen am besten schmeckt: frisches Fettbrot, dazu saftige Wassermelone. Die Kombination wirkt zunächst ungewöhnlich, gehört in vielen Banater Familien aber seit Generationen zum Sommer dazu. „Für mich gibt es Melone nur mit Brot“, sagt Anneliese lächelnd. Sohn Jonas bevorzugt sie mit Speck, „clisă“, sagt er, während Aurel sie am liebsten pur genießt.

Daneben liegen gebratene Würste, inzwischen kalt geworden – nicht etwa aus Nachlässigkeit, sondern weil bei Temperaturen jenseits der 35 Grad kaum jemand Lust auf heißes Essen verspürt. Die Melone wird aufgeschnitten. Das satte Rot des Fruchtfleisches und die knackige Frische machen verständlich, warum die Besucher extra den Verkaufsstand der Wambachs aufsuchen.

Zwischen den Gesprächen huschen mehrere Katzen zwischen unseren Beinen, neugierig und zutraulich zugleich. Auch der Familienhund lässt sich kurz blicken, bevor er sich wieder einen schattigen Platz sucht. Die Tiere gehören ebenso selbstverständlich zum Hof wie die Melonenfelder.

Hinter dem Wohnhaus steht ein Solarium. Dort wachsen gewöhnlich keine Wassermelonen, sondern verschiedenste Gemüsesorten. Tomaten, Paprika und andere Kulturen ergänzen den Betrieb und sorgen dafür, dass die Familie nicht ausschließlich von einer einzigen Ernte abhängig ist. Landwirtschaft bedeutet für die Wambachs Vielfalt und ständige Anpassung. So bauten sie in diesem Jahr auch Frühkohl an, der vollständig an die Supermarktketten Lidl und Kaufland geliefert wurde. Auf einem halben Hektar gedeihen Zuckermelonen.

Besonders stolz sind die Eltern auf ihren Sohn Jonas. Der 24-Jährige schloss 2024 sein Studium an der Landwirtschaftsuni in Temeswar/Timișoara ab und ist nun Landwirtschaftsingenieur. Für ihn war früh klar, dass seine Zukunft auf dem Feld liegt. „Ich arbeite mit meinem Vater zusammen und werde den Betrieb weiterführen“, sagt er. Sein Studium vermittelt moderne Kenntnisse über Pflanzenschutz, Bewässerung und Bodenbewirtschaftung – Wissen, das heute wichtiger ist denn je.

„Wir kaufen mittlerweile direkt veredelte Pflanzen aus Italien. Das ist sicherer und spart Zeit“, erklärt Jonas. Auf den Anbau der traditionellen Wassermelonen mit schwarzer Schale verzichtet die Familie inzwischen. „Sie sind einfach zu anspruchsvoll und zu empfindlich.“

Rund 90 Prozent der Ernte verkauft die Familie an Großhändler. Nur ein kleiner Teil wird direkt an Privatkunden vermarktet. „Der schwierigste Teil unserer Arbeit ist heute nicht mehr der Anbau, sondern der Verkauf“, gesteht Jonas. „Wenn wir die Melonen nicht innerhalb einer Woche verkaufen, verlieren wir sie. Die Sonne verbrennt sie. In den letzten vier bis fünf Jahren beobachten wir eine deutlich stärkere UV-Strahlung.“

Trotz moderner Technik bleibt der Melonenanbau harte körperliche Arbeit. „Es ist ein enormer körperlicher Aufwand. Die meiste Arbeit erledigen wir als Familie“, erzählt Jonas. Gleichzeitig sei die Landwirtschaft heute längst keine sichere Existenzgrundlage mehr. „Früher wusste man eher, womit man rechnen konnte. Heute gibt es keine Garantien mehr.“

Dennoch blickt der junge  Agraringenieur optimistisch nach vorn. Über das europäische Förderprogramm „Junger Landwirt“ erhielt er 70.000 Euro Fördermittel. Das Projekt befindet sich derzeit in der Umsetzungsphase und soll den Familienbetrieb modernisieren.

Die Generationen ergänzen sich dabei ideal. Während Aurel auf seine jahrzehntelange Praxis vertraut und jede Wetterveränderung am Himmel abzulesen scheint, bringt Jonas wissenschaftliche Erkenntnisse und neue Ideen in den Betrieb ein. Anneliese wiederum sorgt dafür, dass Organisation, Verkauf und Kundenkontakt ebenso reibungslos funktionieren wie der Alltag zwischen Schule und Landwirtschaft.

Als ich mich verabschiede, hält bereits das nächste Auto vor dem Tor. Wieder werden mehrere Melonen eingeladen. Für die Käufer ist es vielleicht nur ein kurzer Einkauf auf dem Heimweg. Für die Familie Wambach ist jede einzelne Frucht das Ergebnis monatelanger Arbeit – vom ersten Setzling bis zur Ernte unter glühender Sommersonne.

Der kleine Melonenstand vor dem Haus ist deshalb weit mehr als eine Verkaufsstelle. Er erzählt die Geschichte einer Familie, die vor über zwanzig Jahren den Mut hatte, neue Wege zu gehen. Aus anderthalb Hektar wurde zunächst ein erfolgreicher Betrieb mit zehn Hektar Anbaufläche. Heute sind die Felder kleiner geworden, doch die Leidenschaft ist dieselbe geblieben. Im rund 1200 Einwohner zählenden Gottlob steht der Name Wambach weiterhin für Qualität, Erfahrung und die Überzeugung, dass die berühmte Gottlober Melone weit mehr ist als nur eine Sommerfrucht. Sie ist ein Stück Banater Identität.