In Bukarest gibt es eine große Industrieruine mitten in der Stadt. Neben der Chaussee [tefan cel Mare und dem Obor Markt stehen die Überreste der Assan-Mühle. Ein mittlerweile verfallener, leer geklauter und zusammenfallender Gebäudekomplex mit langer Geschichte. Einst war es eine der ersten, großen Fabriken der Industrialisierung in Rumänien. Die Firma wuchs und wuchs. Bis die Kommunisten es übernahmen und den damaligen Besitzer folterten, bis er aus dem Fenster flog.
Doch nochmal von Anfang an: Los ging es mit den beiden Geschäftsmännern George Assan und Ioan Martinovici. Gemeinsam betrieben sie in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein Lebensmittelgeschäft in der Lipscani-Straße. „Die beiden beschlossen jedoch, ihren Horizont zu erweitern und in anderen Bereichen Erfolg zu haben“, berichtet die Bukarester Nachrichtenseite „B365“. Assan besaß nämlich ein Grundstück an der Straße zum Târgul Mo{i, dem heutigen Obor-Platz. Dort wollte er eine zum damaligen Zeitpunkt supermoderne Mühle aufbauen.
Damals wurden in Bukarest und der Region nämlich alle Mühlen entweder mit Pferden oder mit Wasser aus der Dâmbovi]a betrieben. Der Geschäftsmann, der der Mühle später seinen Namen geben sollte, suchte also nach einer moderneren und leistungsstarken Maschine und wurde fündig im Herzen des Habsburgerreichs, in Wien.
„Dort produzierte die Firma Siegel eine für die damalige Zeit beeindruckend leistungsstarke Dampfmaschine“, so „B365“ weiter. Assan kaufte eine Maschine und ließ sie erst mit dem Schiff nach Giurgiu und von dort mit der Lokomotive nach Bukarest bringen. Die Maschine war jedoch sieben Tonnen schwer und so groß, dass die Reise zwei Wochen auf dem Schiff und vier Wochen mit dem Zug dauerte. Dazu mussten fast alle Brücken auf der kurzen Strecke von Giurgiu nach Bukarest neu gebaut, beziehungsweise verstärkt werden, damit sie den schweren Zug überhaupt tragen konnten. Jedoch wurde, als die Maschine da war, im Jahr 1853 die Mühle offiziell gegründet.
Als die Dâmbovi]a zufror, startete die Mühle
In Betrieb ging sie jedoch erst im Jahr 1857, als der Winter so streng war, dass die Dâmbovi]a vollständig zufror, so „B365“. „Erst dann kamen die Bäcker, die sich vor der Mühle fürchteten, um ihr Getreide bei ihm mahlen zu lassen“, so die Zeitung. Doch warum fürchteten sie sich? Laut George Assans Sohn Bazil fürchteten die Bukarester Bäcker einen Brand der Mühle, da aus dem Schornstein Rauch kaum. Dieser kam jedoch von der Dampfmaschine und gefährdete das brennbare Getreide nicht.
Doch nicht nur die Bauern, auch das Rathaus der Hauptstadt hatte Bedenken. Die Stadt war mit der geplanten Höhe der Schornsteine unzufrieden. Der Hauptturm sollte 24 Meter in die Höhe ragen – für damalige Verhältnisse eine imposante Höhe – und die Stadtverwaltung sah darin im Falle eines Erdbebens oder anderer Unglücksfälle eine Gefahr. Daher wurde der Bau nach nur zehn Metern gestoppt. „Nach Zahlung einer Entschädigung an das Rathaus wurde der Turm jedoch auf seine ursprüngliche Höhe erhöht“, so „B365“ weiter.
Nach und nach wurde die Mühle also ein geradezu selbstverständlicher Teil von Bukarest. Das Bauwerk selbst beeindruckte die gesamte Bukarester Bevölkerung. So sehr, dass sie ihm sogar Spitznamen gab, wie etwa „Walzenmühle“, „Feuermühle“ oder „Assans Dampfmaschine“, so die Bukares-ter Nachrichtenseite.
Familienunternehmen, bis die Kommunisten kamen
1865 wurde George Assan nach Meinungsverschiedenheiten und der Trennung von seinem Partner Ioan Martinovici alleiniger Besitzer der Mühle. Ein Jahr später, 1866, starb George Assan auf einer Reise nach München. Die Leitung des Betriebs übernahm seine Frau Alexandrina, unterstützt von ihrem Bruder Petrache Cristu, genannt „Geamantan“.
Um ihr Produktsortiment zu erweitern, eröffnete Alexandrina eine Leinölproduktionsabteilung. 1884 ging die Mühle in die Obhut der beiden Söhne des Gründers, Bazil und Gheorghe, über, die im Ausland studiert hatten. Zehn Jahre später gründeten die beiden neben der Mühle eine Lack- und Farbenfabrik und der Komplex wuchs immer weiter.
Im Jahr 1903 wurde auf dem weitläufigen Gelände der Mühle ein neues Getreidesilo errichtet. Dieses war mit 41 Metern zeitweise das höchste Gebäude Bukarests und konnte 700 Waggons Getreide lagern. In den folgenden Jahren wurde die Mühle außerdem an das Stromnetz angeschlossen und ein eigenes Kraftwerk wurde errichtet. Nach dem Ersten Weltkrieg wuchs das Werk weiter und wurde zu einer Aktiengesellschaft.
Alles änderte sich jedoch nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Kommunisten die Macht übernahmen. Da das Unternehmen zu diesem Zeitpunkt 400 Beschäftigte hatten, sahen die Kommunisten den Industriellen Bazil Assan (der zu diesem Zeitpunkt Alleinaktionär des Unternehmens war) als Feind an. 1948 wurde das Unternehmen verstaatlicht und Bazil Assan wurde verhaftet, gefoltert und verhört. Anschließend ist er aus dem Fenster des Polizeipräsidiums von Bukarest gestürzt. Was genau passiert ist, ist bis heute unklar.
Der langsame Verfall
Aus der Aktiengesellschaft wurde nun die kommunistische Brotfabrik „Grâul“ und die Ölfa-brik „13 Decembrie“. Außerdem wurden historische Maschinen in verschiedene Museen in Bukarest gebracht, darunter das Dimitrie-Leonida-Technikmuseum im Carol-Park, wo unter anderem ein Zylinder der 1853 aus Wien importierten Dampfmaschine ausgestellt ist.
Mit dem Übergang zur Demokratie im Jahr 1990 begannen Investoren und Geschäftsleute, sich für das fast fünf Hektar große Gelände der ehemaligen Fabrik Assan zu interessieren. Das Grundstück und die Gebäude gingen in den Besitz der Firmen „Grâul“ SA und „Solaris“ SA über.
Im Jahr 2005 wurden mehrere Gebäude auf dem Gelände der ehemaligen Fabrik Assan abgerissen, obwohl einige davon zum historischen Erbe gehörten und unter Denkmalschutz standen. „Dazu wurden wertvolle, antike und maßgefertigte Möbel illegal von Dieben verkauft, ebenso wie zahlreiche Maschinen und Ziergegenstände, die trotz ihres hohen historischen Wertes für einen Spottpreis auf dem Schrottplatz landeten“, so berichtet „B365“.
Doch der Verfall ging weiter: 2008 brannte eines der Gebäude nieder. Wenige Jahre später, Anfang 2012, brannte es erneut (die ADZ berichtete damals) und es stürzten das Dach und eine über 200 Quadratmeter große Mauer ein, gefolgt vom Einsturz einer weiteren Mauer im Jahr 2013, da immer mehr Eisen aus der tragenden Konstruktion gestohlen wurde.
Warum Bukarest heute diese Brachlandschaft hat
Nun bleibt eigentlich nur noch die Frage, warum Bukarest diese Ruine noch hat und warum nichts mit ihr passiert. Grundsätzlich ist das Grundstück wertvoll: Es ist relativ zentral in der Stadt und Investoren, die dort zum Beispiel Wohnungen bauen könnten, könnten viel Geld verdienen. Das Problem ist, dass die Gebäude denkmalgeschützt sind und nicht einfach abgerissen werden dürfen. Manche Medien vermuteten, dass es deswegen auch die Brände gab: Um die historischen Gebäude zu zerstören und das Bauland benutzbar zu machen.
Jedoch ist es natürlich wichtig, dass die Gebäude erhalten werden. Es ist wahrscheinlich das größte Industriedenkmal der Stadt. Eigentlich sollten die Gebäude renoviert und ein Museum eröffnet werden. In den restlichen historischen Gebäuden könnte man Eventrestaurants, Konzerthallen und andere Geschäfte unterbringen. Ganz ähnlich wie viele ehemalige Industriestädte im Ruhrgebiet mit ihrem Erbe umgehen. Dafür bräuchte man jedoch politischen Willen, viel Geld und eine Kooperation mit den Grundstückseigentümern. In naher Zukunft eigentlich unvorstellbar.
So sieht die Ruine heute aus
Besucht man heute die Assan-Mühle, steht man vor den immer weiter verfallenden Gebäuden. Man kann sogar relativ nah herangehen. Kommt man über die Helmeu-Straße, kann man auf einen meist offenen Parkplatz gehen, der zu einem Feld westlich der Gebäude führt. Auf dem Parkplatz stehen geparkte, verlassene und auch kaputte Autos. Auf dem Feld liegt viel Müll: alte Kleidung, Plastikflaschen und Verpackungen. Die Gebäude sind separat abgesperrt und Schilder warnen berechtigterweise vor dem Betreten. Denn viele scheinen kurz vor dem Zusammenbruch. Ein kleines Erdbeben könnte den Konstruktionen jederzeit den Todesstoß geben.
Trotzdem ist die Mühle beeindruckend. Die alten Gebäude, die umringt von Wohnblocks sind, scheinen aus der Zeit gefallen und sind teilweise überwachsen und von der Natur zurückerobert. Die moderneren (heutzutage auch alt erscheinenden) Wohnblocks starren geradezu auf die historischen Überreste.







