Elisabeta „Eli“ Moldovan verbrachte 25 Jahre in Einrichtungen, nachdem sie im Alter von sechs Wochen ausgesetzt worden war. Heute lebt sie selbstbestimmt, arbeitet, bezahlt ihre Miete und setzt sich für die Rechte von Menschen mit Behinderungen ein. Sie unterstützte andere beim Auszug aus Einrichtungen, sprach bei den Vereinten Nationen und wurde zur Stimme vieler Menschen, denen lange kein Gehör geschenkt wurde. Anfang August 2026 wurde sie als erste Person mit geistiger Behinderung zur Ehrenbürgerin von Temeswar/Timișoara ernannt.
Für Eli ist die Auszeichnung Anerkennung und Verantwortung zugleich. Der Vorschlag kam von der Stiftung „Funda]ia de Abilitare Speranța“, unter deren Schirmherrschaft das Programm „UnLoc“ entwickelt wurde. Es unterstützt Erwachsene mit Behinderungen auf dem Weg zu einem selbstbestimmten Leben. „Ehrlich gesagt, definiert mich nicht die Urkunde, sondern der Wunsch nach dem, was ich wirklich tun möchte“, sagt Eli.
Eli wuchs nach ihrer Aussetzung mehr als 20 Jahre in Einrichtungen auf. Dort wurden persönliche Entscheidungen und Freiheit weitgehend durch die Regeln eines Systems ersetzt, das für die Bewohner entschied. Besonders wichtig für ihre Entwicklung waren Roxana, Zoli und Mona, die mehr als zehn Jahre mit ihr arbeiteten. „Sie hatten Geduld, auch wenn es Ärger und Nervosität gab, aber diese Geduld hat eine Veränderung in meinem Leben bewirkt“, erzählt Eli.
Der Auszug aus der Einrichtung bedeutete für sie nicht einfach einen Wohnungswechsel. Sie musste lernen, Entscheidungen zu treffen, Verantwortung zu übernehmen, zu arbeiten, ihre Miete zu bezahlen und eigene Beziehungen aufzubauen. Seit 2005 lebt sie in der Gemeinschaft in betreuten Wohnungen, seit 2012 selbstständig in einer eigenen Wohnung, deren Miete sie selbst bezahlt und in der sie weiterhin Unterstützung erhält.
Für Eli liegt der entscheidende Unterschied darin, dass Menschen in Einrichtungen zwar geschützt sein können, aber nicht frei sind. Ein selbstbestimmtes Leben bringt dagegen Risiken, Entscheidungen, Fehler und Verantwortung mit sich. Deshalb müsse Menschen mit Behinderungen die Möglichkeit gegeben werden, ihre Fähigkeiten zu entdecken: „Man muss einfach an sich selbst und an die eigenen Fähigkeiten glauben, denn Menschen mit Behinderungen haben tatsächlich Fähigkeiten.“
„Die Gemeinschaft ist für alle da“
Hinter Elis Weg in ein unabhängiges Leben steht ein Netzwerk aus Menschen und Dienstleistungen. Eine der wichtigsten Personen ist Roxana Damaschin-Țecu, die Initiatorin des Sozialdienstes UnLoc und des Sozialunternehmens OilRight. Eli und Roxana kennen sich seit mehr als zwei Jahrzehnten. Ihre Lebenswege könnten unterschiedlicher kaum sein: Roxana wuchs in einer Familie auf, Eli wurde als Baby ausgesetzt und wuchs in Heimen auf. Für Roxana wurde ihre Geschichte zu einer Lektion über Chancengleichheit. „Ich glaube, durch unsere Geschichte haben wir tief verstanden, was der Begriff der Chancengleichheit bedeutet“, sagt sie.
Eli brauchte lange, um Roxana zu vertrauen. Heute nennt sie sie ihr „Vorbild“, wobei Roxana Eli als einen Menschen, der andere durch seine Herzensgüte, Aufrichtigkeit und sein Vertrauen in die Menschen berührt, beschreibt.
Aus dieser Beziehung entstand „UnLoc“, ein langfristiges Sozialprogramm für Erwachsene mit unterschiedlichen Behinderungen. Es unterstützt Menschen, die oft jahrzehntelang in Einrichtungen gelebt haben, beim Umzug in eigene Wohnungen und beim Aufbau eines Lebens in der Gemeinschaft. In der Anfangsphase können Sozialarbeiter, psychologische und soziale Beratung sowie Unterstützung bei der Arbeitssuche und im Alltag angeboten werden. Mit wachsender Selbstständigkeit wird die Unterstützung reduziert. Rund 20 Menschen, die zuvor in Einrichtungen lebten, wurden bereits beim Leben in der Gemeinschaft unterstützt; insgesamt werden mehr als 50 Menschen betreut.
Inspiriert von Eli gründete Roxana Damaschin-Țecu 2020 auch ein weiteres Sozialunternehmen – OilRight, das handgefertigte Duftkerzen aus recyceltem Speiseöl herstellt und ebenfalls für Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen gedacht ist, um ihnen einen Arbeitsplatz zu sichern.
Selbstbestimmung bedeutet nicht, alles allein zu machen
Für Menschen, die nie in einer Einrichtung gelebt haben, sind Einkaufen, Straßenbahnfahren, Fahrkartenkauf, Geldabheben oder das Bezahlen von Rechnungen selbstverständlich. Für Menschen, die den größten Teil ihres Lebens in Einrichtungen verbracht haben, können solche Tätigkeiten jedoch neu sein.
Dort wurden Lebensmittel oft fertig zubereitet serviert. Wie Gemüse im Rohzustand aussieht, wie man es kombiniert und zubereitet, mussten manche erst als Erwachsene lernen. „Es bedarf der Unterstützung, damit diese Menschen im Erwachsenenalter das lernen können, was wir als Kinder in einem normalen Umfeld durch Nachahmung gelernt haben“, erklärt Roxana.
Unterstützung kann psychologische Beratung, Sozialhilfe, Begleitung zu Ärzten, Hilfe bei Dokumenten und Behörden, Zugang zu kommunalen Dienstleistungen oder Unterstützung bei der Arbeitssuche umfassen. Das Ziel ist nicht Abhängigkeit, sondern möglichst viel Kontrolle über das eigene Leben. Eli wollte diese Unterstützung nicht nur für sich behalten. Als sie erlebte, dass Menschen ihr trotz ihrer Vergangenheit vertrauten, entstand in ihr der Wunsch, auch anderen beim Verlassen von Einrichtungen zu helfen.
Von Temeswar bis zu den Vereinten Nationen
Elis Geschichte wurde über die Stadt hinaus bekannt. Durch den Verein „Ceva de Spus“, eine von Menschen mit Behinderungen gegründete Selbstvertretungsorganisation, wurde sie zu einer Stimme der Bewegung für deren Rechte. Das zentrale Prinzip lautet: „Nichts über uns ohne uns“.
Der Verein setzt sich unter anderem für Barrierefreiheit, den Abbau von Vorurteilen, selbstbestimmtes Leben sowie Selbst- und Interessenvertretung ein. Eli nahm an nationalen und internationalen Veranstaltungen teil, vertrat Rumänien beim Internationalen Behindertenkongress in Dubai und sprach bei den Vereinten Nationen in New York über die Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen.
Für Eli ist die UN-Konvention „wie eine Bibel“. Sie setzt sich unter anderem dafür ein, dass das Dokument in einer für Menschen mit geistiger Behinderung leicht verständlichen Form zugänglich ist. Denn wer seine Rechte kennen soll, muss die Informationen auch verstehen können.
Ein größeres Problem in Rumänien
Elis persönliche Geschichte steht für ein viel größeres Problem. In Rumänien leben weiterhin mehr als 15.000 Erwachsene in Einrichtungen. Zwar befindet sich das Land in einem Prozess der Deinstitutionalisierung, doch die Umsetzung ist noch nicht abgeschlossen.
Nach Roxanas Ansicht reicht es nicht, Menschen aus Einrichtungen herauszuholen. Es braucht auch eine Gemeinschaft, die sie aufnehmen kann: Sozialdienste, Wohnraum, Zugang zu Arbeit, Unterstützung im Gesundheitswesen, Barrierefreiheit und Menschen, die bereit sind, Hilfe zu leisten. Andernfalls werden Menschen zwar zum Verlassen der Einrichtungen ermutigt, finden außerhalb aber nicht die notwendige Unterstützung.
Ein weiterer wichtiger Perspektivwechsel betrifft den Begriff „Schutz“. Unabhängig zu leben bedeutet nicht, vor jedem Risiko bewahrt zu werden. Es bedeutet, selbst entscheiden zu dürfen, welche Risiken man eingehen möchte.
Die Stadt, die zu ihrer Heimat wurde
Eli wollte ursprünglich gar nicht nach Temeswar. Als Kind nahm sie dort während ihrer Zeit in einer Einrichtung an einem Ferienlager teil und machte eine negative Erfahrung. Jahre später wurde die Stadt dennoch ihre Heimat.
Heute möchte sie nicht mehr weg. Sie hat Freunde gefunden und erlebt, dass die Gemeinschaft sie zunehmend akzeptiert – auch als Angehörige der Roma-Minderheit und als Mensch mit geistiger Behinderung. „Ich habe Freunde gefunden, ich sehe, dass die Gemeinschaft mich nach und nach akzeptiert“, sagt sie.
Dass gerade diese Stadt sie nun zur Ehrenbürgerin ernannt hat, verleiht ihrer Geschichte eine besondere Symbolik. Ihre Entwicklung zeigt: Es ist nie zu spät, ein neues Leben zu beginnen. Es gibt kein Alter, in dem Freiheit sinnlos wird, kein Alter, in dem ein Mensch nicht mehr lernen kann, und kein Alter, in dem die Gemeinschaft nicht auch ihm gehört.
Eli betrachtet den Titel nicht als persönliches Denkmal. Für sie bedeutet er vor allem eine Verpflichtung, ihren Kampf für Menschen fortzusetzen, die noch in Einrichtungen leben. Sie wünscht sich eine barrierefreiere Stadt und eine Gesellschaft, in der Menschen mit Behinderungen selbstverständlich akzeptiert werden.






