„Eurokids“, denen es „leid tut“ – und was werfen Ältere sich vor?

Am Finaltag des Hermannstädter Internationalen Theaterfestivals spielten Profis, die viel zu verarbeiten haben

Es kann einem lebenslang nachhängen, als Schulkind übertrieben und vor allem sinnlos unter Druck gesetzt worden zu sein.

In aller Regel verschlafen Kinder den Weihnachtsmann. Nur in der Vorstellung „Eurokids” ist ihm Aufmerksamkeit vorprogrammiert. | Fotos: Isaia Balteș

Ganz jugendfrei ist der Text von „Eurokids” nicht, aber ein Muss für Fans von klassischem Theater ohne Absurdität auf der Bühne.

Ärgerlich, das ewige Abgefragt-Werden, oder? Obwohl es ab und zu Sinn macht, weil manches elementare Wissen nun einmal doch voraussetzt, dass Allgemeinbildung Auswendig-Lernen erfordert. Pauken muss gelegentlich sein, nichts zu machen. Was aber, falls ein Gedicht quälender Länge obligatorisch zählt, und aller Inhalt beim Herunterrasseln aus dem Gedächtnis wegen der Gefahr von schlechter bis vernichtender Benotung weder Schüler noch Lehrer tatsächlich interessiert? Es gab mal eine Gewohnheit in Rumänien, als an Gymnasien mit Deutsch als Unterrichtssprache früher oder später Friedrich Schillers „Lied von der Glocke” als Hausaufgabe oder gar zur Strafe ungekürzt auswendig gelernt werden musste. Wenn eine saure Dame oder ein gestrenger Herr im Klassenraum kein Pardon kannte.

Und im ebenso gefürchteten Fach Rumänisch? Da waren es sehr oft die 23 Strophen des Klassikers „Iarna pe uliță” von George Coșbuc. Um genau ihn geht es in der Startszene der Vorstellung „Eurokids” mit drei Studentinnen und fünf Studenten der Theater-Ausbildung an der Lucian-Blaga-Universität Hermannstadt/Sibiu. Dass auf der Bühne niemand von ihnen glücklich dreinschaut, liegt natürlich am Zwang zum Auswendig-Lernen. Mit dem sie als junge Erwachsene Anfang und Mitte 20 alle aufgewachsen sind: der einzig schwierige Punkt, woran sie als „Eurokids” ihre Kritik an älteren Generationen festmachen? Nein. Zum Einstieg in das Thema jedoch geeignet und verlockend.

„Als Minister werde ich dieses Gedicht in Schulen verbieten!”, sagt der Schauspieler in der Rolle eines Pechvogels aus Kindheitstagen, der mit der Aufgabe in die Winterferien geschickt worden war, alle 23 Strophen „selbst im Schlaf” auswendig zu beherrschen. „Als ich klein war, hatte ich viele Freunde und einen einzigen Feind: ´Iarna pe uliță´ von George Coșbuc.” Was es nach drei Wochen Ferien zur Belohnung für das korrekt Gebüffelte gab? Nur ein „Gut”. „Danke dem Bildungssystem dafür, dass ich ein Gedicht vergeblich gelernt habe!”

Manchmal ist alte Versteifung echt nur noch sinnlos

„Eurokids” nimmt den arg aus der Zeit gefallenen Schulalltag aufs Korn, und sein Drumherum gleich mit. Regisseurin Delia Neculau, Absolventin des Masterstudiengangs an der Universität für Künste in Neumarkt/Târgu Mureș, hat den Text zusammen mit ihren acht noch im Studium stehenden Kolleginnen und Kollegen von der Uni Hermannstadt geschrieben. Kein Theater folglich, bei dem gemacht wird, was die Regisseurin vorgibt, sondern ein Stück für die Bühne, das von den Leuten mitgestaltet wurde, die es auch spielen. Keinen nennenswerten Altersunterschied zwischen Delia Neculau und den  Profis von der Talentschmiede an der Lucian-Blaga-Universität gibt es. Dafür aber jede Menge Humor mit Tiefgang und Lach-Garantie. „Die Schwarzweiß-Fernseher haben wir nicht erlebt.”, doch waren die farbigen Bildschirme ungleich besser als ihre kommunistischen Vorgänger?

Eine pausenlos laufende Flimmerkiste fördert in Menschen jeden Alters nichts als Medienkonsumenten, die alles nachplappern. Da es so schön einfach ist, auf die Fernbedienung zu drücken, und an Gheorghe Hagi, Nadia Com²neci, an die Donau, an das Schwarze Meer und an Sarmale erinnert zu werden. „Eurokids” nämlich ist als Theaterstück eine Rückschau auf das Rumänien zu Beginn des 21. Jahrhunderts, des dritten Jahrtausends. Von jungen Leuten, die das Rumänien von früher kaum kennen können – und sich deshalb auch von keiner nostalgischen Sichtweise auf Vergangenes blenden lassen möchten. Warum auch, wo es im Rumänien der schwierigen Jahre vor dem EU-Beitritt drunter und drüber ging, und den Profis von „Eurokids” eine Puppentheater-Einlage glückt, die Zuschauern Lachkrämpfe bereitet? Ion Iliescu, Gigi Becali, Traian B²sescu, Elena Udrea und Emil Boc in der Nachahmung durch das Ensemble unter Regie von Delia Neculau lohnen ein Ticket: „Guten Tag, Kinder, ich bin Crina und habe eine Frage für euch: wisst ihr, was eine Krise im  Wirtschaftlichen ist?” Theater für Augen und Ohren ab 16, das es in sich hat.

„Papi, was heißt ´pula´?”, hätte Crina als Fünf- bis Sechsjährige von ihrem Vater gerne gewusst. „Er brachte mir Wrestling bei, wie man die Schaumkrone vom Bier trinkt, und alle Zeilen der B.U.G. Mafia. Und es ging auch um Sachen wie ´Ficken´, ´Blasen´ und eine ganze Reihe Wörter, die ich jetzt nicht nennen darf.” Hardcore-Vokabeln oder unbeholfen ausgelassene Sexualerziehung durch Erwachsene, als was ist diese Szene von „Eurokids” zu verstehen? Auch das im Nu Folgende trägt auf der Bühne nicht trennscharf zu Aufklärung bei: „Jungs, ich habe Porno-Bilder mitgebracht!”, platzt es aus dem Schauspieler heraus, der sie von seinen Kumpels „morgen sauber fleckenlos wieder zurück” haben möchte. Kein Wunder, dass auch PC-Sex-Spiele an die Reihe kommen, und einer aus dem Ensemble den ohne Anklopfen hereinschneienden Vater verkörpert, der nur so tut, als ob ihm aller heimlich derbe Spaß von Sohn und Freund Sorgen macht.

Kaum haben sich die zwei auf frischer Tat Ertappten still zur Türe hinaus geschlichen, greift er sich das eilig unter den Tisch gepackte Gerät, haut selber gierig in die Tasten, und glotzt. Und glotzt, und glotzt...bis ein Virus den Computer lahmlegt. Ein Fragen nach der Schuld daran mag zwar noch einfach sein, nicht aber die Antwort in den ersten 2000er-Jahren, als Rumäniens „Eurokids” sich selbst überlassen waren und man Sicherheit im Netz noch nicht so ernst wie heute nahm. Nehmen musste. Weil es kaum Geldkarten noch Online-Banking gab, also auch weniger stark verschärfte digitale Datenklau-Gefahr.

Überforderung auch und gerade bei Eltern?

Kinder gewesen, zur Schule gegangen und erwachsen geworden sind viele der heute 20 bis 30 Jahre jungen Menschen Rumäniens unter chronischer Gefahr von Vernachlässigung. „Mutter, warum sind Eicheln im Westen mehr wert als bei uns?”, liegt die kleinste Schauspielerin von „Eurokids” ihrer Mama im Ohr. Am Festnetz-Telefon, klar, und als Zuschauer braucht man vielleicht ein paar Augenblicke, um zu merken, was wirklich mit der Eichhörnchen-Familie gemeint ist: Arbeitsmigration aus Not, die auf Kosten der Erziehung vom eigenen Spross und Teenager geht. Und die es mit sich brachte, dass nicht wenige Eltern nur zu Weihnachten und zu Ostern daheim waren.

Ob „Eurokids” bei so viel schwerem Stoff noch als Komödie taugt? Ja, weil der Text und seine neun Autoren an nicht wenigen Stellen das Lachen ihrer Zuschauer spektakulär herausfordern. Schließlich aber überwiegt Nachdenklichkeit. Denn aus der Wirklichkeit, dass auch die Welt, in die hinein man geboren wurde, von Fehlern nicht frei ist, führt „Eurokids” nicht raus, im Gegenteil. „Für eine kurze Zeit hatte die Vorstellung die Überschrift ´Es tut uns leid´. Meiner Meinung nach kennzeichnet auch dieser Titel die Vorstellung sehr gut. Kurzum, es tut uns leid, dass wir nicht mehr Kinder sind, dass unser Leben seine Farbe verloren hat, es tut uns – liebe Eltern und Großeltern – leid für alle Dummheiten, die wir damals verbrochen haben, aber es tut uns auch leid, dass diese Kindheit die war, die wir leben mussten.”

Regisseurin Delia Neculau weiß, weshalb sie auf fetter Markierung besteht: gemeint ist die Kindheit, in der „Iarna pe uliță” auswendig gelernt werden musste; die Kindheit, in der man sinnlos vor einem Bildschirm abhing, in der die Eltern vor lauter Arbeitsdruck kaum noch Zeit für einen hatten, und man obendrein noch ziemlich leicht in schlechte Spuren geraten konnte. Aus denen man oft erst wieder herausfindet, wenn man erwachsen wird und sein Leben endlich in die eigene  Hand nimmt. „Eurokids” im Cavas-Theaterstudio der Lucian-Blaga-Universität Hermannstadt unterstützt die Suche nach Orientierung. Bestimmt.