Es ist ein gewöhnlicher Vormittag im Stadtteil Dacia in Temeswar/Timișoara. Zwischen den Wohnblocks stehen die farbigen Mülltonnen von RETIM, daneben ein paar Kartons, die offenbar nicht mehr in den Behälter gepasst haben. Die gelbe Tonne ist randvoll. Ein kurzer Blick in ihr Inneres genügt, um festzustellen, dass hier vieles landet, was dort nicht hingehört: Essensreste in Plastiktüten, Glasscherben, verschmutzte Verpackungen, Styroporplatten und sogar kleinere Stücke Bauschutt. Dazwischen liegen zwar auch PET-Flaschen, Konservendosen und Kartons – also genau jene Materialien, für die die gelbe Tonne gedacht ist –, doch die Fehlwürfe sind unübersehbar.
Die Szene wirft eine Frage auf: Warum fällt Mülltrennung in Rumänien noch immer so schwer? Schließ-lich gehören farbige Sammelbehälter längst zum Stadtbild, das Pfandsystem für Getränkeverpackungen gilt seit mehr als zwei Jahren, und Informationskampagnen werden regelmäßig durchgeführt. Dennoch herrscht bei vielen Bürgern weiterhin Unsicherheit darüber, welcher Abfall in welchen Behälter gehört.
Zwischen guten Absichten und alten Gewohnheiten
Wer sich mit Nachbarn oder Bekannten unterhält, hört oft ähnliche Aussagen: „Ich dachte, das gehört auch dazu“, „Es ist doch alles Verpackung“ oder – die typisch rumänische Aussage: „Am Ende wird sowieso alles zusammengeschüttet.“ Solche Sätze zeigen, dass nicht nur mangelndes Wissen, sondern auch Vorurteile und Misstrauen gegenüber dem Recyclingsystem eine Rolle spielen.
Dabei ist die Trennung von Verpackungsabfällen keineswegs kompliziert. Die gelbe Tonne, die RETIM in Temeswar und zahlreichen Gemeinden des Kreises Temesch/Timiș leert, ist ausschließlich für recycelbare Verpackungen bestimmt. Dazu gehören Verpackungen aus Kunststoff, Metall sowie Papier und Karton.
Konkret dürfen dort PET-Flaschen von Wasser, Säften oder Bier, Kunststoffverpackungen, Plastiktüten, Folien, Shampoo- und Waschmittelflaschen, Aluminiumdosen, Konservendosen, Getränkekartons (Tetra Pak), Zeitungen, Zeitschriften, Hefte sowie Kartons und Papierverpackungen entsorgt werden.
Voraussetzung ist, dass die Verpackungen leer und sauber sind. Im Klartext heißt das, dass die Bürger schmutzige Behälter waschen müssen, um sie in die gelbe Tonne werfen zu können. Konkret machen das nur die wenigstens. Außerdem gilt: Große Kartons sollten zusammengefaltet, PET-Flaschen zusammengedrückt werden, damit das Volumen reduziert wird.
Was nicht in die gelbe Tonne gehört
Gerade bei den verbotenen Abfällen gibt es häufig Missverständnisse. Glasflaschen und Einmachgläser gehören nicht in die gelbe Tonne, sondern in die grünen Glascontainer. Restmüll wie Windeln, verschmutzte Taschentücher oder Essensreste muss in die schwarze Restmülltonne. Batterien, Akkus und Elektrogeräte benötigen eigene Sammelstellen (Kurze Info nebenbei: „Hornbach“ schenkt eine neue Batterie gegen zwölf gebrauchte), ebenso Farben, Lacke oder andere gefährliche Stoffe. Bauschutt und Renovierungsabfälle dürfen ebenfalls nicht über die gelbe Tonne entsorgt werden. Öl wird ebenfalls separat eingesammelt, sei es in extra dafür in der Stadt angebrachten Containern, oder im Supermarkt – „Auchan“ schenkt beispielsweise eine Pur-Spülmittelflasche gegen drei Liter gebrauchtes Speiseöl.
Das Temeswarer Müllentsorgungsunternehmen RETIM kontrolliert die Müllcontainer stichprobenartig.
Werden erhebliche Fehlwürfe festgestellt, versehen die Mitarbeiter die Tonnen mit Warnaufklebern. In schweren Fällen kann die Leerung sogar verweigert werden, bis der Inhalt korrekt getrennt wurde.
Das Pfandsystem funktioniert
Dass Rumänen durchaus bereit sind, Abfälle getrennt zu sammeln, zeigt jedoch das landesweite Pfandsystem SGR (Sistemul Garanție-Returnare). Seit dem 30. November 2023 wird beim Kauf fast aller Getränke in Einwegverpackungen aus Kunststoff, Metall oder Glas ein Pfand von 50 Bani erhoben.
Dieses Geld erhalten die Verbraucher zurück, wenn sie die leeren Verpackungen an den Rücknahmeautomaten im Handel zurückgeben.
Was anfangs skeptisch betrachtet wurde, entwickelte sich innerhalb weniger Monate zu einer Erfolgsgeschichte. Heute gehören Rückgabeautomaten in Supermärkten zum Alltag. Viele Menschen sammeln PET-Flaschen und Dosen gewissenhaft, um das Pfand zurückzubekommen. Wer früher Getränkeflaschen achtlos in den Hausmüll warf, bringt sie heute oft gezielt zum Automaten. Und das, obwohl viele Rumänen dazu tendieren, das Kleingeld, das ihnen Verkäufer als Restgeld im Laden anbieten, auf der Theke zu lassen…
Auch ein neues gesellschaftliches Phänomen ist entstanden: In vielen Ortschaften durchsuchen Menschen mit geringem Einkommen oder Obdachlose öffentliche Mülleimer nach pfandpflichtigen Flaschen und Dosen. Für manche stellen die 50-Bani-Beträge inzwischen eine kleine Einnahmequelle dar. Gleichzeitig bleiben öffentliche Papierkörbe häufig nahezu frei von PET-Flaschen, weil diese zuvor entnommen werden.
Nach Angaben der Betreiber des Systems werden inzwischen Milliarden Verpackungen jährlich in den Recyclingkreislauf zurückgeführt. Das bedeutet weniger Abfall in Parks, auf Straßen oder in Flüssen und eine deutlich höhere Recyclingquote als noch vor Einführung des Systems.
Doch warum funktioniert das Pfand – und die Mülltrennung nicht? Die Antwort scheint einfach: Das Pfandsystem belohnt richtiges Verhalten unmittelbar. Wer eine Flasche zurückbringt, erhält sein Geld zurück. Bei der Mülltrennung dagegen gibt es keine direkte finanzielle Belohnung. Der Nutzen bleibt abstrakt und zeigt sich erst langfristig in Form einer besseren Umwelt oder geringerer Rohstoffverschwendung.
Hinzu kommt, dass Verpackungen heute aus unterschiedlichsten Materialien bestehen. Eine Kaffeeverpackung enthält oft Kunststoff und Aluminium, ein Getränkekarton besteht aus Papier, Kunststoff und einer dünnen Aluminiumschicht. Viele Verbraucher sind deshalb unsicher, ob diese Verpackungen überhaupt recycelbar sind.
Information bleibt entscheidend
RETIM und der Temescher Abfallwirtschaftsverband ADID versuchen seit Jahren, mit Informationskampagnen wie „Colectează separat, neapărat!“ („Getrennt sammeln - unbedingt!“) mehr Klarheit zu schaffen. Plakate, Flyer, Social-Media-Beiträge und Informationsveranstaltungen sollen erklären, welche Materialien wohin gehören und warum richtige Mülltrennung wichtig ist.
Trotzdem zeigt der Blick in zahlreiche Sammelbehälter, dass Aufklärung weiterhin nötig ist, denn jede falsch entsorgte Verpackung erschwert das Recycling. Werden Wertstoffe mit Restmüll oder Lebensmittelresten verunreinigt, können ganze Chargen unbrauchbar werden.
Der Spaziergang durch das Temeswarer Stadtviertel Dacia endet dort, wo er begonnen hat – an der gelben Tonne. Zwischen all den Fehlwürfen liegen sauber zusammengedrückte PET-Flaschen, ordentlich gefaltete Kartons und leere Getränkedosen. Sie zeigen, dass viele Bürger durchaus wissen, wie Mülltrennung funktioniert. Andere hingegen werfen weiterhin alles in denselben Behälter.
Rumänien hat in den vergangenen Jahren beim Recycling sichtbare Fortschritte gemacht. Das vor wenigen Jahren eingeführte Pfandsystem beweist, dass Veränderungen möglich sind, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Die eigentliche Mülltrennung im Haushalt bleibt jedoch eine Aufgabe, bei der Information, Gewohnheit und Eigenverantwortung noch stärker zusammenspielen müssen. Der Weg in eine funktionierende Kreislaufwirtschaft beginnt nämlich nicht in der Recyclinganlage – sondern mit der Entscheidung jedes Einzelnen vor der eigenen Mülltonne.








