Gemeinschaft und Zusammenhalt

ADZ-Gespräch mit Brunhilde Klein, die seit drei Monaten das Deutsche Forum in Billed leitet

Brunhilde Klein (68) leitet das Deutsche Ortsforum Billed. Foto: Zoltán Pázmány


Mit Brunhilde Klein hat das Demokratische Forum der Deutschen in Billed nach dem Tod des langjährigen Vorsitzenden Adam Csonti eine neue Vorsitzende. Die 1958 geborene Billederin ist nicht nur als engagierte Vertreterin der deutschen Gemeinschaft, sondern auch für ihre Kuchen und Torten bekannt. Nach einem Mechanik-Studium arbeitete sie zunächst in der Industrie, bevor sie nach der Wende 1989 eine eigene Konditorei gründete, die sie mehr als drei Jahrzehnte lang führte. Heute ist die Rentnerin bestrebt, das Deutsche Ortsforum im Sinne ihres Vorgängers weiterzuführen und den Gemeinschaftssinn der deutschen Minderheit in Billed zu stärken. Mit ihr sprach ADZ-Redakteurin Raluca Nelepcu.

Können Sie unseren Lesern zunächst etwas über Ihren beruflichen und persönlichen Werdegang erzählen?

Ich habe die deutsche Schule in Billed besucht und anschließend das Nikolaus-Lenau-Lyzeum in Temeswar absolviert. Danach habe ich Mechanik studiert. Zunächst bekam ich eine Stelle in Drobeta Turnu Severin, doch anschließend war ich im Industrielyzeum in Großsanktnikolaus und danach in einem Betrieb in Alexanderhausen tätig. In der kommunistischen Zeit mussten wir ab und zu Fortbildungskurse machen – von der Arbeit aus geschickt. Das ist ja nach der Revolution abgekommen. Aber weil das schon geplant war, besuchte ich im Januar 1990 so einen Kurs. Der Kursleiter hatte Verwandte und Freunde in Ungarn und hatte uns von dessen Erfahrungen erzählt. Er meinte, dass diejenigen, die sich möglichst früh privat etwas aufbauen, künftig bessere Chancen haben würden. Das hat mich sehr beeindruckt.

Zur gleichen Zeit stellte das Demokratische Forum der Deutschen Projekte für Existenzgründungen vor. Da ich schon immer gerne gebacken habe, reichte ich ein Projekt für eine Konditorei ein. Es wurde genehmigt und ich erhielt über die Banatia-Stiftung günstige Finanzierungsmöglichkeiten sowie Maschinen. So entstand meine eigene Firma.

Anfangs dachte ich an ein Café, doch ich merkte schnell, dass das in einem Dorf nicht funktionieren würde. Deshalb eröffnete ich vorne ein Geschäft und betrieb daneben eine Backstube für Bestellungen. Ich backte Torten und Kuchen für Hochzeiten, Taufen, Geburtstage sowie für Ostern und Weihnachten. 2018 ging ich in Rente, arbeitete aber noch einige Jahre weiter. Die Backstube haben wir inzwischen aufgelöst, aber der Laden funktioniert noch. Wir haben ihn an Nachbarn vermietet.

Ich habe eine Tochter, Ingrid, die in Deutschland lebt. Sie hat ebenfalls das Nikolaus-Lenau-Lyzeum besucht und anschließend in Karlsruhe Informatik studiert. Dort ist sie geblieben. Sie kommt aber regelmäßig mit ihrer Familie nach Billed. Es freut mich besonders, dass sie den Bezug zu ihrer Heimat nicht verloren hat. Im vergangenen Jahr hat sie sogar wieder bei der Kirchweih in Tracht mitgetanzt, ebenso ihr deutscher Ehemann.

Sie haben die Nachfolge von Adam Csonti angetreten, der das Ortsforum über viele Jahre geprägt hat. Was hat sein Wirken für Sie bedeutet?

Ich bin froh, dass sich das Forum in Billed unter seiner Leitung so gut entwickelt hat und weit über die Ortsgrenzen hinaus bekannt geworden ist. Natürlich bedaure ich seinen Tod sehr. Es kam alles ganz plötzlich, und ich habe zunächst gezögert, den Vorsitz zu übernehmen. Ich dachte, vielleicht sollte jemand Jüngeres diese Aufgabe übernehmen. Letztlich habe ich mich aber bereit erklärt, für zwei Jahre Verantwortung zu übernehmen. Danach werden wir sehen, wie es weitergeht.

Ich hoffe, dass ich das, was Adam Csonti aufgebaut hat, weiterführen kann. Besonders wichtig sind für mich Gemeinschaft und Zusammenhalt. Nur wenn wir zusammenhalten, hat unsere Gemeinschaft eine Zukunft.
Ich bewundere unsere Tanzgruppen sehr. Sie treten nicht nur bei den eigenen Veranstaltungen auf, sondern pflegen auch den Austausch mit anderen Ortschaften. Besonders berührt hat mich bei den Heimattagen, als Hunderte Tänzer aus dem In- und Ausland gemeinsam auf dem Opernplatz denselben Tanz aufführten. Das zeigt, dass unsere Traditionen und unsere Gemeinschaft noch leben.

Auch im Alltag wünsche ich mir mehr Begegnungen. Unsere Männer treffen sich regelmäßig zum Kartenspiel. Ich könnte mir vorstellen, dass sich auch die Frauen öfter zusammensetzen - nicht nur zu Sitzungen, sondern auch einfach zum Austausch, vielleicht bei Kaffee und Kuchen. Wegen der heiligen Messe, die am Nachmittag um 17 Uhr stattfindet und da mehrere unserer Forumsmitglieder im Kirchenchor singen, ist es organisatorisch noch schwierig, aber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

Wie viele Mitglieder zählt die deutsche Gemeinschaft in Billed?

Zurzeit zählen wir rund 60 Mitglieder. Dazu gehören nicht nur Deutsche, sondern auch Angehörige aus Mischehen sowie Kinder. Die meisten stammen aus Billed, nur wenige kommen aus anderen Orten. Entscheidend ist für uns, dass sie sich mit unserer Gemeinschaft verbunden fühlen.

Welche Projekte stehen in diesem Jahr im Mittelpunkt?

Im Mittelpunkt stehen das Billeder Gemeindefest mit der Kirchweih Ende August sowie das Erntedankfest im September. Im kommenden Jahr wird unsere Kirche ihr 250-jähriges Weihejubiläum feiern. Das wird sicherlich ein wesentlich größeres Fest werden.

Außerdem empfangen wir immer wieder Besuchergruppen und Delegationen, denen wir unsere Heimatstube zeigen. Diese Aufgabe habe ich nun ebenfalls übernommen. Im Moment befindet sich vieles noch in einer Übergangsphase. Nach dem Tod von Adam Csonti müssen sich die Abläufe erst wieder einspielen.

Wie wird die Jugend in die Tätigkeit des Ortsforums eingebunden?

Die wichtigste Rolle spielt derzeit die Tanzgruppe. Die älteren Jugendlichen werden von Edith Barta betreut, die jüngeren von Ileana Blajovan Matache. Die Tanzproben leitet inzwischen Bogdan Pârvu, der regelmäßig aus Warjasch nach Billed kommt.

Besonders schön finde ich, dass neben dem Tanzen auch alte Bräuche gepflegt werden. Ileana Blajovan Matache hat gemeinsam mit den Kindern Ostertraditionen wiederbelebt. Früher gingen die Jungen in der Karwoche mit einer Ratsche durch das Dorf und sagten Sprüche auf. Heute lernen die Kinder diese Sprüche wieder - obwohl viele von ihnen im Alltag überwiegend Rumänisch sprechen. Zu Ostern besuchen sie Familien und tragen die traditionellen Verse auf Deutsch vor. Auch zum Martinstag ziehen die Kinder mit ihren Laternen durch das Dorf. So lernen sie unsere Bräuche schon von klein auf kennen. 

Wo finden die Vorbereitungen statt?

Die Proben werden im Kulturhaus oder im Sportsaal der Schule abgehalten. Dort ist es vor allem im Winter wärmer.

Edith Barta und Ileana Blajovan Matache engagieren sich also besonders für die Jugendarbeit. Edith Barta ist schon seit vielen Jahren mit Herzblut dabei. Sie kennt unsere Trachten bis ins kleinste Detail und fertigt sogar die traditionellen Billeder Hüte an. Sie hat sich vieles selbst beigebracht - vom Legen der Falten bis zum Knüpfen der Fransen. Gemeinsam mit anderen hat sie dafür gesorgt, dass das Forum heute über einen eigenen Bestand an Trachten verfügt. Wenn ältere Tänzer ausscheiden, werden die Trachten an die jüngeren weitergegeben.

Auch Ileana Blajovan Matache engagiert sich mit großer Begeisterung. Sie arbeitet sehr gerne mit Kindern und vermittelt ihnen Sprache, Bräuche und Traditionen. Obwohl sie Rumänin ist, hat sie von der ersten Klasse an die deutsche Schule besucht und spricht hervorragend Deutsch. 

Die Zahl der Deutschen in Billed ist in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zurückgegangen. Gibt es dennoch Menschen, die zurückkehren?

Ja, das freut mich besonders. Es gibt einige, die nach ihrer Pensionierung wieder nach Billed zurückgekommen sind. Eine Familie hat sich im vergangenen Jahr hier wieder ein Haus gekauft und engagiert sich inzwischen auch im Forum. Ein anderer ehemaliger Billeder, der viele Jahre in Nürnberg gelebt hat, ist nach seiner Pensionierung ebenfalls zurückgekehrt.

Das zeigt, dass die Verbundenheit mit der Heimat bestehen bleibt. Manche verbringen den Sommer hier und den Winter in Deutschland. Wer weiß – vielleicht entscheiden sich künftig noch weitere Menschen zur Rückkehr. 

Wie erleben Sie Billed heute im Vergleich zu früher?

Ich bin hier geboren und habe mein ganzes Leben in Billed verbracht. Ich möchte auch nicht wegziehen. Ich fühle mich hier wohl, kenne die Menschen und meine Nachbarn.

Natürlich hat sich das Dorf verändert. Es sind viele neue Bewohner hinzugekommen, die ich nicht alle kenne. Trotzdem fühle ich mich hier zuhause.

Ich denke allerdings, dass man im Ort noch mehr machen könnte. Vor Kurzem war ich in Gottlob und war positiv überrascht, wie gepflegt und lebendig der Ort wirkt. Dort sieht man, dass viel Einsatz dahintersteckt. Ich wünsche mir, dass sich auch Billed in diese Richtung weiterentwickelt. 

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit der Gemeindeverwaltung?

Wir arbeiten sehr gut mit dem Bürgermeisteramt zusammen. Der Bürgermeister unterstützt unsere Veranstaltungen und steht uns jederzeit für Gespräche zur Verfügung. Auch nach dem Tod von Adam Csonti hat uns die Gemeindeverwaltung, etwa bei der Organisation der Beisetzung, tatkräftig unterstützt.

Ebenso kümmert sie sich inzwischen um die beiden Friedhöfe. Diese Aufgabe hatte Adam Csonti zuvor über viele Jahre wahrgenommen, bevor sie an die Gemeinde überging. Ich freue mich, dass die Friedhöfe weiterhin sehr gut gepflegt werden. 

Angesichts der sinkenden Zahl der Deutschen fragen sich manche, ob ein deutsches Ortsforum unter diesen Umständen über-haupt noch eine Zukunft hat. Was würden Sie diesen Menschen entgegnen?

Ich bin zuversichtlich, dass unser Ortsforum auch weiterhin bestehen wird – zumindest solange es Menschen gibt, die sich engagieren und Verantwortung übernehmen. Gemeinschaft und Zusammenhalt sind dabei entscheidend.

Ich sehe mit Freude, dass sich heute viele rumänische Kinder in unseren Tanzgruppen engagieren. Auch ihre Eltern unterstützen das sehr und bringen ihre Kinder gerne zu den Proben. Würden nur noch deutsche Kinder mittanzen, wie das früher der Fall war, gäbe es die Gruppen wahrscheinlich längst nicht mehr. Durch die gemeinsamen Auftritte, Ausflüge und Begegnungen mit Tanzgruppen aus anderen Ortschaften entstehen Freundschaften und Motivation. So können unsere Traditionen weiterleben.

Sie führen Besucher auch durch die Heimatstube. Was erwartet die Gäste dort?

Die Heimatstube erzählt die Geschichte Billeds von der Ansiedlung bis in die Gegenwart. Sie zeigt anhand zahlreicher Bilder und Exponate die Entwicklung des Dorfes seit seiner Gründung in der theresianischen Zeit.
Zu sehen sind Darstellungen der ersten Siedler, der Landwirtschaft und der Trockenlegung der einstigen Sumpfgebiete sowie traditionelle Wohnhäuser und bäuerliche Geräte. Auch schwierige Kapitel der Geschichte - etwa die Russlanddeportation oder die Verschleppung in den B²r²gan - werden dokumentiert. Darüber hinaus finden Besucher Erinnerungen an das Vereinsleben, die Blaskapelle, den Sport (Handball), die Kirchweih und viele andere Aspekte des früheren Alltags. Im Obergeschoss sind originale Möbel und Gebrauchsgegenstände aus vergangenen Zeiten ausgestellt, darunter ein Spinnrad, ein altes Bett oder Geräte zum Brotbacken.

Zum Forum gehört auch die Sozialstation mit der Küche auf Rädern. Welche Bedeutung hat diese Einrichtung?

Die Sozialstation geht auf eine Initiative der Adam-Müller-Guttenbrunn-Stiftung zurück. Zu-nächst war die Küche in einem kleinen Raum des Forumshauses untergebracht und versorgte nur wenige Menschen. Später entstand durch das Vermächtnis einer alleinstehenden Frau aus Billed und mit Unterstützung der Heimatortsgemeinschaft ein neues Gebäude. Im Erdgeschoss befindet sich heute eine modern ausgestattete Küche, im Obergeschoss stehen Gästezimmer für Besucher zur Verfügung.

Die Sozialstation ist für viele ältere Menschen eine große Hilfe. Außerdem wird sie bei größeren Veranstaltungen genutzt. Spenden, die beispielsweise anlässlich von Jubiläumsfeiern eingehen, fließen immer wieder in die Ausstattung der Küche und kommen damit der gesamten Gemeinschaft zugute.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der deutschen Gemeinschaft in Billed?

Ich wünsche mir, dass unsere Gemeinschaft noch lange bestehen bleibt und wir uns weiterhin treffen, miteinander Deutsch sprechen und unsere Traditionen pflegen.

Oft staunen Besucher aus Deutschland darüber, dass wir uns untereinander selbstverständlich auf Deutsch unterhalten. Manche fragen sogar, ob wir das auch tun würden, wenn keine Gäste dabei wären. Natürlich tun wir das. Ich hoffe sehr, dass das auch in Zukunft so bleibt.