Vor 125 Jahren, am 3. August 1901, trafen der „Grabáczi Sport Egylet“ (Grabatzer Sportverein) und der „Zsombolyai Football Club“ (Hatzfelder FC) in einem denkwürdigen Fußballspiel aufeinander. Wiederentdeckte Zeitungsberichte zeigen: Die Begegnung ist der früheste bislang nachweisbare Vergleich zweier Vereinsmannschaften aus dem Gebiet des heutigen Rumäniens.
Grabatz, Samstag, 3. August 1901
Schon am frühen Nachmittag herrscht in der Banater Gemeinde rund 50 Kilometer nordwestlich von Temeswar ungewöhnlicher Betrieb. Aus dem benachbarten Hatzfeld/Jimbolia ist eine Fußballmannschaft angereist, begleitet von zahlreichen Anhängern. Auch aus den umliegenden Orten kommen Neugierige herbei. Lehrer, Beamte, Richter und sogar ein Reichstagsabgeordneter wollen Zeugen eines außergewöhnlichen Ereignisses werden. Große Fahnen kennzeichnen den Spielort am Ortsrand, neben einem kleinen Wald. Die Zuschauer suchen sich Plätze am Waldrand und warten gespannt auf den Anpfiff.
Fußball ist hier noch eine Neuheit. Das aus England stammende Spiel hat erst vor kurzer Zeit seinen Weg ins Banat gefunden. Mit dem „Grabáczi Sport Egylet“ und dem „Zsombolyai Football Club“ stehen sich an diesem Sommertag zwei junge Vereinsmannschaften gegenüber, die beide erst wenige Wochen zuvor gegründet worden sind.
Die Gastgeber finden schneller ins Spiel. Schon kurz nach dem Anstoß fällt das einzige Tor des Nachmittags. Die Hatzfelder kämpfen bis zum Schlusspfiff um den Ausgleich, doch Grabatz verteidigt den knappen Vorsprung. Besonders aufseiten des „Zsombolyai Football Club“ fällt Lajos Báthory auf. Sein unermüdlicher Einsatz und seine Beweglichkeit hinterlassen Eindruck.
Mit dem Abpfiff ist der Tag keineswegs zu Ende. Nach einer Ansprache des Hatzfelder Lehrers György Petrasch feiern Gastgeber und Gäste gemeinsam bis tief in die Nacht. Sport und Geselligkeit gehören an diesem Sommertag ganz selbstverständlich zusammen. Niemand unter den Anwesenden ahnt, dass dieses Freundschaftsspiel einmal einen festen Platz in der Geschichte des Fußballs einnehmen wird.
125 Jahre später richtet sich der Blick erneut auf diesen Augusttag. Lange Zeit galt die Begegnung zwischen dem „Temesvári Football Club“ (dem späteren „Temesvári Athletikai Club“ – TAC) und dem „Lugosi Sport Egylet“ (Lugoscher Sportverein) vom 20. August 1902 als das erste Fußballspiel zwischen zwei Vereinsmannschaften aus Orten auf dem Gebiet des heutigen Rumäniens. Neue Recherchen in zeitgenössischen Zeitungen zeichnen jedoch ein anderes Bild. Drei voneinander unabhängige Presseberichte belegen übereinstimmend, dass bereits am 3. August 1901 in Grabatz zwei einheimische Vereinsmannschaften aufeinandertrafen. Damit beginnt dieses Kapitel der Fußballgeschichte ein Jahr früher als bislang angenommen.
Temeswar – Ausgangspunkt des Vereinsfußballs?
Dass die Geschichte des Vereinsfußballs auf dem Gebiet des heutigen Rumäniens ausgerechnet in zwei Banater Landgemeinden begonnen haben könnte, wäre lange Zeit kaum jemandem in den Sinn gekommen.
Über Jahrzehnte erzählten Fachliteratur und Presse dieselbe Geschichte. Als erstes Fußballspiel zwischen zwei Vereinsmannschaften galt die oben erwähnte Begegnung vom 20. August 1902. Diese Datierung fand Eingang in Bücher, Zeitungsartikel und Jubiläumsschriften. Mit der Zeit wurde sie kaum noch hinterfragt.
Die Anfänge des Fußballs sind allerdings komplizierter. Seit vielen Jahren beschäftigen sich Sportjournalisten und -historiker mit der Frage, wo auf dem Gebiet des heutigen Rumäniens über-haupt erstmals Fußball gespielt wurde. Temeswar verweist auf ein Schülerspiel vom Juni 1899, Arad auf eine Begegnung vom August desselben Jahres, die bereits nach den Regeln der englischen „Football Association“ ausgetragen wurde. Beide Städte reklamieren deshalb bis heute die Vorreiterrolle – doch darum geht es hier nicht.
Entscheidend ist eine andere Frage: Wann standen sich erstmals zwei einheimische Vereinsmannschaften gegenüber? Spiele gegen Mannschaften aus Budapest oder anderen Städten der damaligen Doppelmonarchie belegen zwar, wie rasch sich der Fußball verbreitete. Sie sagen jedoch wenig darüber aus, wann sich im Banat ein eigenständiger Vereinsfußball entwickelte.
Diese Unterscheidung ist mehr als eine akademische Feinheit. Anfang des 20. Jahrhunderts existierten außerhalb der größeren Städte nur wenige Fußballvereine. Mannschaften aus Arad oder Lugosch mussten häufig gegen Gäste aus Budapest antreten, weil in ihrer Umgebung schlicht die Gegner fehlten. Erst als auch kleinere Orte eigene Vereine gründeten, entstand ein regionaler Spielbetrieb. Genau darin liegt der Beginn einer eigenständigen Fußballkultur.
Lange schien dieser Zeitpunkt festzustehen: der 20. August 1902 in Temeswar. Die erneute Durchsicht ungarischer Zeitungsarchive führte jedoch zu einem anderen Ergebnis. Drei voneinander unabhängige Berichte aus dem Sommer 1901 – erschienen in Budapest und Hatzfeld – schildern übereinstimmend ein Fußballspiel, das bereits ein Jahr früher stattfand: zwischen zwei Vereinen aus Grabatz und Hatzfeld.
Drei Zeitungen erzählen dieselbe Geschichte
Historische Entdeckungen beginnen selten spektakulär. Meist ist es nur ein unscheinbarer Hinweis – eine kurze Zeitungsnotiz, ein vergilbter Zeitungsausschnitt oder ein Name, der immer wieder auftaucht. So war es auch hier.
Den ersten Hinweis lieferte die Budapester Zeitung „Pesti Hírlap“ vom 9. August 1901. Zwischen den Sportnachrichten findet sich eine kurze Meldung über ein Fußballspiel in Grabatz. Bereits einen Tag später berichtete auch die ebenfalls in Budapest erscheinende „Pesti Napló“ über diese Begegnung. Beide Zeitungen nennen denselben Spielort und dieselben Mannschaften: den „Grabáczi Sport Egylet“ und den „Zsombolyai Football Club“ aus Hatzfeld.
Schon diese beiden Meldungen sind von erheblichem Wert. Sie belegen, dass das Spiel tatsächlich stattgefunden hat. Über seinen Verlauf oder seine Bedeutung für die Zeitgenossen erfährt man daraus allerdings nur wenig.
Den entscheidenden Nachweis liefert schließlich ein ein dritter Zeitungsbericht. Am 11. August 1901 veröffentlichte die Hatzfelder Wochenzeitung „Zsombolyai Közlöny“ eine ausführliche Schilderung der Begegnung. Darin heißt es: „Die Fußballer aus Grabatz luden die Spieler aus Hatzfeld für den 3. dieses Monats zu einem Freundschaftsspiel ein. (...) Das Spiel fand auf dem Platz neben dem kleinen Grabatzer Wald statt. (...) So endete das Spiel mit dem knappen Ergebnis von 1:0.“ Während sich die Budapester Blätter auf wenige Zeilen beschränkten, beschreibt der Hatzfelder Korrespondent die Atmosphäre des Spieltags, das Publikum, den Spielverlauf und sogar den Tanzabend nach dem Schlusspfiff. 125 Jahre später eröffnet dieser Bericht einen unmittelbaren Einblick in die Anfänge des organisierten Fußballs im Banat.
Vor allem aber ergänzen sich die drei Berichte auf bemerkenswerte Weise. Sie entstanden unabhängig voneinander und stimmen dennoch in den entscheidenden Punkten überein: Datum, Spielort und die beteiligten Vereine werden übereinstimmend genannt. Für die historische Einordnung besitzt eine solche Übereinstimmung besonderes Gewicht.
Hinzu kommt die zeitliche Nähe zum Ereignis. Der Bericht der „Zsombolyai Közlöny“ entstand nur wenige Tage nach dem Spiel. Er ist keine spätere Erinnerung, sondern eine zeitgenössische Schilderung aus unmittelbarer Nähe zum Geschehen. Gerade das macht ihn zu einer außergewöhnlich wertvollen Quelle.
Erst das Zusammenspiel aller drei Zeitungsberichte erlaubt eine Neubewertung der frühen Fußballgeschichte Rumäniens. Nach dem heutigen Quellenstand fand das früheste nachweisbare Spiel zweier Vereinsmannschaften aus Orten auf dem Gebiet des heutigen Rumäniens bereits am 3. August 1901 statt – zwischen dem „Grabáczi Sport Egylet“ und dem „Zsombolyai Football Club“.
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