Hatzfeld, die Wiege des Vereinsfußballs in Rumänien

Sternstunden der Sportgeschichte – Teil 2

„Zsombolyai Sport Egylet“, 1922 – eines der ältesten erhaltenen Fotos einer Hatzfelder Fußballmannschaft. Foto: Bildarchiv HOG Hatzfeld

Fortsetzung von gestern

90 Minuten Fußball – danach wurde getanzt

Als die Hatzfelder Mannschaft am 3. August 1901 in Grabatz eintraf, erwartete sie dort weit mehr als nur ein Freundschaftsspiel. Die Nachricht von der Begegnung hatte sich in der ganzen Umgebung herumgesprochen. Zahlreiche Besucher wollten das neue englische Ballspiel mit eigenen Augen sehen. Selbst Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ließen sich das Ereignis nicht entgehen. Der Korrespondent der Zsombolyai Közlöny nennt unter den Gästen den Reichstagsabgeordneten Béni Belicska sowie die ehrenamtlichen Bezirksrichter Dr. Ignác Csávossy und Ede Gombócz-Bayer. Schon ihre Anwesenheit zeigt, welche Aufmerksamkeit das Spiel auf sich zog. 

Gespielt wurde auf einem Platz am kleinen Grabatzer Wald. Große Trikoloren markierten das Spielfeld, die Zuschauer verfolgten das Geschehen vom Waldrand aus. Der Reporter beschreibt eine spannende Begegnung, auch wenn das Spiel mitunter noch ungeordnet wirkte – kein Wunder in einer Zeit, in der sich Taktik und Zusammenspiel erst allmählich entwickelten.

Grabatz erwischte den besseren Start und erzielte schon kurz nach dem Anpfiff den einzigen Treffer des Tages. Danach entwickelte sich ein offenes Spiel, in dem die Gastgeber über weite Strecken Vorteile hatten. Am Ergebnis änderte sich jedoch nichts mehr: Es blieb beim 1:0. 

Bemerkenswert ist, worauf der Korrespondent seinen Blick richtet. Über Spielsysteme oder technische Feinheiten schreibt er kaum. Ihn interessieren vor allem die Menschen am Spielfeldrand, die Atmosphäre und das freundschaftliche Miteinander der zwei Nachbarorte. Fußball war damals noch kein Spektakel professioneller Vereine. Er war vor allem ein gesellschaftliches Ereignis.

Das wird auch in der Ansprache des Hatzfelder Lehrers György Petrasch deutlich. Nach dem Schlusspfiff warb er dafür, die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Grabatz und Hatzfeld weiter zu vertiefen. Der Fußball sollte verbinden. In einer multiethnischen Region wie dem Banat, in der Menschen verschiedener Sprachen und Kulturen zusammenlebten, erhielt dieser Gedanke besonderes Gewicht.

Mit dem Ende des Spiels begann der zweite Teil des Tages. Um acht Uhr abends eröffnete der Tanz. Gastgeber und Gäste feierten gemeinsam bis tief in die Nacht. Aus heutiger Sicht mag diese Verbindung von Fußballspiel und Tanzfest ungewöhnlich erscheinen; um 1900 gehörte sie vielerorts selbstverständlich zum Vereinsleben. Ein Fußballspiel war eben weit mehr als ein Wettkampf. Es bot Gelegenheit, Bekannte zu treffen, neue Kontakte zu knüpfen und gemeinsam zu feiern.

Gerade diese Details machen den Bericht der Zsombolyai Közlöny so außergewöhnlich. Er dokumentiert nicht nur ein historisch bedeutsames Fußballspiel. Er zeigt auch, wie der Fußball im Banat seine ersten Wurzeln schlug – nicht in den großen Städten, sondern zwischen zwei benachbarten Landgemeinden, deren Namen mehr als ein Jahrhundert später wieder in den Mittelpunkt der Fußballgeschichte gerückt sind.

Der Vereinsfußball fasst Fuß

Das Spiel vom 3. August 1901 war mehr als eine lokale Besonderheit. Die zeitgenössischen Berichte machen deutlich, dass sich der Fußball im Banat damals gerade auszubreiten begann. Die Begegnung zwischen Grabatz und Hatzfeld markiert keinen Einzelfall, sondern den Auftakt einer Entwicklung, die in erstaunlich kurzer Zeit an Fahrt gewann.

Besonders deutlich zeigt sich das in Hatzfeld. Der „Zsombolyai Football Club“ war erst wenige Wochen zuvor gegründet worden. Bereits Mitte Juli 1901 berichtete die „Zsombolyai Közlöny“ über den neuen Verein und stellte seine Gründer vor: Géza Bleiner, Róbert Decker, József Keller, Miklós Klein, József Kohn, Ferencz Koch, György Krizsán, Endre Schira, János Schnur, Antal Schütz, Jenö Weil und János Zappe. Kurz darauf traten weitere Mitglieder bei, darunter Lajos Báthory, József Eberhard und Ádám Demel. Anfang August zählte der Club bereits 22 ordentliche Mitglieder. Dem Vorstand gehörten Jenö Jemelka, Lajos Popper, Iván Sierbán und Imre Weisz an. Für eine Gemeinde wie Hatzfeld war das eine bemerkenswerte Entwicklung und zugleich ein Hinweis darauf, wie rasch die neue Sportart junge Menschen begeisterte.

Dass die Begeisterung nicht auf Hatzfeld beschränkt blieb, zeigte sich schon wenig später. Am 17. August reisten Vereinsmitglieder nach Johannisfeld, um das neue Ballspiel dort vorzuführen. Der Korrespondent vermerkt ausdrücklich, Fußball sei in dem Ort bis dahin unbekannt gewesen und vom Publikum mit großer Begeisterung aufgenommen worden. Der „Zsombolyai Football Club“ war damit selbst zu einem Wegbereiter der neuen Sportart geworden.

Nur drei Tage später kam es in Hatzfeld bereits zum Rückspiel gegen den „Grabáczi Sport Egylet“. Wieder berichtete die „Zsombolyai Közlöny“ ausführlich darüber. Mehr als 400 Zuschauer verfolgten die Begegnung – für die damalige Zeit eine beachtliche Kulisse.

Geleitet wurde das Spiel von einem Schiedsrichter aus Budapest. Allein diese Tatsache zeigt, welchen Wert die Verantwortlichen auf eine regelgerechte Durchführung legten. Hatzfeld spielte in weißen, Grabatz in blauen Trikots – eine beiläufige Bemerkung des Reporters, die den Bericht erstaunlich anschaulich macht.

Auch sportlich verlief das Rückspiel abwechslungsreicher als die erste Begegnung. Grabatz ging früh in Führung, Hatzfeld glich wenig später aus. Zwei weitere Treffer der Gastgeber erkannte der Schiedsrichter jedoch nicht an – einen wegen Abseits, den anderen nach einem Regelverstoß bei einem indirekten Freistoß. Solche Einzelheiten zeigen, dass bereits nach den damals geltenden Fußballregeln gespielt wurde und deren Anwendung durchaus ernst genommen wurde. Für zwei Vereine, die erst wenige Wochen zuvor gegründet worden waren, ist das bemerkenswert.

Von besonderem Wert ist der Bericht noch aus einem anderen Grund. Er nennt erstmals auch mehrere Spieler des „Grabáczi Sport Egylet“ namentlich. Bartole II, Neurohr III, Rosenzweig, Vihely I, Unterreiner oder Bücher wären ohne diese Zeitungsmeldung heute vermutlich unbekannt. Gerade solche Namen erinnern daran, dass Fußballgeschichte nicht allein aus Vereinen, Tabellen und Ergebnissen besteht, sondern von den Menschen geprägt wird, die eine neue Sportart in ihrer Heimat bekannt machten.

Aufschlussreich ist schließlich auch das Urteil des damaligen Reporters. Er verschwieg nicht, dass beide Mannschaften spielerisch noch weit vom Niveau der großen Budapester Vereine entfernt waren. Zugleich schrieb er, die beiden Clubs hätten den „Keim dieses edlen und ritterlichen Spiels“ in der Region gelegt. Rückblickend wirkt diese Einschätzung fast prophetisch. Während der „Grabáczi Sport Egylet“ schon bald aus den Quellen verschwand, nahm in Hatzfeld eine Fußballtradition ihren Anfang, die sich bis in die Gegenwart fortsetzen sollte.

Hatzfeld führt die 1901 begründete Fußballtradition fort

Geschichte verläuft selten geradlinig. Sie wird nicht allein durch Ereignisse geprägt, sondern ebenso durch die Erinnerung an sie. Was nicht überliefert oder immer wieder erzählt wird, gerät leicht in Vergessenheit. So erging es auch dem Fußballspiel vom 3. August 1901.

An Aufmerksamkeit mangelte es zunächst keineswegs. Zeitungen in Budapest berichteten über die Begegnung, die „Zsombolyai Közlöny“ veröffentlichte sogar einen ausführlichen Augenzeugenbericht. Wenige Wochen später kam es bereits zum Rückspiel vor mehreren hundert Zuschauern. Alles sprach dafür, dass sich zwischen beiden Vereinen eine regelmäßige sportliche Konkurrenz entwickeln könnte. Doch dazu kam es nicht.

Nach 1901 verliert sich die Spur des „Grabáczi Sport Egylet“. In den bislang bekannten Zeitungen erscheint der Verein nicht mehr. Ob er sich schon bald wieder auflöste oder lediglich aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwand, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Erst gegen Ende der 1920er-Jahre begegnet uns erneut ein Grabatzer Sportverein gleichen Namens, der jedoch nicht mit dem Club von 1901 gleichgesetzt werden kann.

In Hatzfeld nahm die Entwicklung dagegen einen anderen Verlauf. Dort fasste der Fußball dauerhaft Fuß und entwickelte sich über Generationen weiter. Auf den „Zsombolyai Football Club“ folgte zunächst der 1909 gegründete „Zsombolyai Sport Egylet“ (ZsSE). In den folgenden Jahren entstand eine lebendige Vereinslandschaft. Zu ihren prägendsten Vertretern zählten der ZsSE, der von 1924 bis 1930 in der höchsten Spielklasse Rumäniens spielte, sowie der 1919 gegründete „Zsombolyai Torna Klub“ (seit 1926 Hertha). Aus der Fusion von ZsSE (A.S. Jimboliana) und Hertha ging 1946 der „FC Unirea Jimbolia“ hervor, der die Hatzfelder Fußballtradition nach dem Zweiten Weltkrieg fortführte. Später übernahm die Werkself der Ziegelfabrik „A.S. Ceramica“ – 1931 als „Bohn SC“ gegründet – die führende Stellung im Hatzfelder Fußball.

Während Hatzfeld seine Fußballtradition fortschrieb, rückte Temeswar zunehmend ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Dort entstanden Vereine, deren Erfolge weit über das Banat hinausstrahlten. Vor allem der „Temesvári Athletikai Club“ (TAC) gehörte schon vor dem Ersten Weltkrieg zu den stärksten Mannschaften Südungarns. In der Zwischenkriegszeit machten anschließend „Kinizsi“ (Chinezul) und „Ripensia“ Temeswar zu einer der bedeutendsten Fußballstädte Rumäniens. Chinezul gewann sechs, Ripensia vier rumänische Meisterschaften. Es überrascht daher kaum, dass die Frühgeschichte des Fußballs später fast ausschließlich mit Temeswar verbunden wurde.

Ein weiterer Grund kommt hinzu. Die Berichte über das Spiel vom 3. August 1901 waren nie verschwunden. Sie befanden sich in ungarischsprachigen Zeitungen, die von der späteren Forschung kaum ausgewertet wurden. Wer sich auf die bekannte Fachliteratur stützte, hatte kaum Anlass, gerade dort nach den Anfängen des Vereinsfußballs zu suchen. So setzte sich die Datierung auf das Jahr 1902 über Jahrzehnte fort – nicht weil ältere Quellen widerlegt worden wären, sondern weil sie unbekannt geblieben waren.

Solche Korrekturen gehören zum Wesen historischer Forschung. Neue Quellen verändern immer wieder den Blick auf die Vergangenheit. Im Fall von Gra-batz und Hatzfeld ermöglichen drei unabhängig voneinander entstandene Zeitungsberichte eine Neubewertung der frühen Fußballgeschichte.

125 Jahre nach jenem Sommertag stehen deshalb nicht mehr allein die großen Fußballzentren am Anfang dieser Geschichte. Auch zwei Banater Nachbarorte – Grabatz und Hatzfeld – haben ihren Platz in der Frühgeschichte des Fußballs auf dem Gebiet des heutigen Rumäniens zurückgewonnen.

Der Sportjournalist und -historiker Iosif Dudáș prägte 1971 mit seinem Buch „Timișoara, leag²nul fotbalului românesc“ (Temeswar, die Wiege des rumänischen Fußballs) den bis heute gültigen Begriff von Temeswar als Wiege des rumänischen Fußballs. Die hier vorgestellten Quellen erweitern dieses Bild: Sie zeigen, dass der Ursprung des Vereinsfußballs nicht in Temeswar, sondern in der Begegnung zwischen Grabatz und Hatzfeld vom 3. August 1901 liegt. In Analogie zu Dudáș’ Bezeichnung Temeswars als „Wiege des rumänischen Fußballs“ kann daher Hatzfeld mit guten Gründen als Wiege des Vereinsfußballs in Rumänien gelten, weil sich die 1901 begründete Fußballtradition dort – anders als in Grabatz – dauerhaft fortsetzte und mit dem ZsSE (A.S. Jimboliana) zwischen 1924 und 1930 sogar einen Vertreter der höchsten Spielklasse Rumäniens stellte.

Eine ausführliche wissenschaftliche Darstellung mit vollständigem Quellen- und Literaturverzeichnis ist auf Zenodo veröffentlicht: Yves-Pierre Detemple, 3. August 1901: Das erste Fußballspiel zwischen zwei Vereinsmannschaften aus dem Gebiet des heutigen Rumäniens, doi.org/10.5281/zenodo.21672943, 29.7.2026.