Einer der Schüler steht auf einem Hocker und schreit populistische Parolen, die anderen Schüler und Schülerinnen jubeln ihm lautstark zu und klatschen. Eine solche Szene gab es vor Kurzem in der Bibliothek des Goethe-Instituts in Bukarest. Dabei war es jedoch genau das: eine Szene aus einem Theaterstück. Denn es fand das Jugendtheaterfestival statt, bei dem elf Jugendliche, die vorher auch an einem Buchclub teilgenommen haben, in vier Tagen ein Mini-Stück eingeübt haben. Dieses brachten sie dann auch mit viel Spaß und Motivation auf die kleine Bühne im Goethe-Institut. Die Organisatoren sind sich einig: Das Projekt war ein voller Erfolg!
Die Idee für den Buchclub/Theaterclub stammte von der Leiterin des Bereiches Information und Bibliothek im Goethe-Institut, Francesca Szöke. „Ich habe viele Mails von verschiedenen Schülern und Schülerinnen bekommen, die Volontariate in der Bibliothek machen wollen“, erklärte sie im ADZ-Gespräch. Die Begründung war stets gleich: „Sie suchen eine deutsche Umgebung, um die Kultur besser kennenzulernen und um ihre Sprachkenntnisse zu vertiefen.“
Da sie leider nicht allen diesen Wunsch erfüllen kann, hat sie vergangenes Jahr einen Buchclub ins Leben gerufen. Das Ziel war klar: Der Club soll eine deutsche Umgebung bieten, bei der sich die Jugendlichen auch persönlich weiterentwickeln können. Denn in den Texten werden durchaus schwere und komplexe Thematiken angesprochen.
Unterstützung fand sie außerdem bei der Deutschlehrerin Valentina Morman (vom Colegiul Național de Informatică Tudor Vianu) und beim deutschsprechenden Bukarester Schauspieler Axel Moustache.
Beide kümmerten sich jedoch um ganz unterschiedliche Schwerpunkte. Morman war beim Projekt für die Buchbesprechungen zuständig. Mehrere Monate lasen die Teilnehmer (am Anfang waren es grob 24) vier Bücher und besprachen sie in den regelmäßigen Sitzungen im Goethe-Institut, bei denen sich Morman auch oft abwechslungsreiche, praktische Übungen ausdachte. Dies dauert einige Monate, bis zum Juli, als Axel Moustache übernahm.
Er organisierte anschließend eine Theaterwoche, bei der die Schüler und Schülerinnen (mittlerweile waren wegen terminlicher Probleme nur noch elf dabei) mit ihm ein kleines Bühnenstück erstellten, dass auf den gelesenen Büchern basierte. Dazu probten sie täglich ungefähr vier Stunden. Moustache zeigte ihnen die Tricks des Schauspielberufes, versuchte den Jugendlichen Mut zu machen und gemeinsam arbeiteten sie am Text.
Da das gesamte Projekt im vergangenem Jahr so gut ankam, wurde es dieses Jahr wiederholt. Vor Kurzem wurde das Abschlussstück den anwesenden Eltern und Freunden präsentiert, die anschließend wohlwollend jubelten und applaudierten.
Der Buchclub soll jedes Jahr besser werden
„Wir lernen jedes Jahr, wie wir den Club besser organisieren können“, erklärt Szöke weiter. „Vergangenes Jahr hatten wir viel über die Dynamik der Gruppe diskutiert und nun hatten wir bereits viel mehr Erfahrung“. Deswegen war es leichter, die Jugendlichen zu motivieren und sie öffneten sich schneller.
Denn es war laut Morman sowieso eine „sehr, sehr tolle Gruppe“, die laut ihr offen über jegliche Thematiken gesprochen hat und die viel „Spaß an der Sprache hat“.
Eine der Thematiken war unter anderem Politik. Diese kam in den vier Büchern „Der Junge, der auf ein Haus stieg” von Salah Naoura, „Rolltreppe abwärts” von Hans-Georg Noack, „Der Schuss” von Christian Linker und „Pi mal Daumen” von Alina Bronsky auch öfters vor. Das Ziel von Morman war es, die Jugendlichen gegen Einflussnahme und Manipulation zu sensibilisieren und ihnen zu helfen, ihre eigene Meinung zu bilden.
Die Jugendlichen sind begeistert
Und dieses Konzept kommt an! Das bestätigt die 18-jährige Maria, die an derselben Schule ist wie Morman, im ADZ-Gespräch. Schon seit sie ungefähr neun Jahre alt ist, lernt sie Deutsch. Damals haben das ihre Eltern ausgewählt. Dennoch ist sie sehr glücklich über die Entscheidung. „Ich mag Deutschland! Ich habe es zwei oder drei Mal besucht und ich mag die Kultur, die Menschen und auch die Sprache!“ Als dann ihre Deutschlehrerin Morman vom Buchclub/Theaterclub erzählte, nahm sie teil. „Es ist sehr lustig und macht viel Spaß! Nächstes Jahr möchte ich wieder teilnehmen“, so Maria, die bereits zum zweiten Mal beim Club dabei ist.
Auch ihre 17-jährige Mitschülerin Denisa ist absolut überzeugt vom Club. „Ich war auch bei der ersten Ausgabe dabei. Das war sehr lustig! Unser Theaterstück war perfekt, eigentlich war alles perfekt!“, schwärmt sie. Besonders begeistert sie sich für das Theaterspielen, aber auch für die deutsche Sprache. Außerdem freut beide auch, dass sie neue Kontakte knüpfen können.
Einer dieser neuen Bekanntschaften ist unter anderem der 17-jährige Armin. Er besucht nämlich eine andere Schule, das Colegiul Național Ion Luca Caragiale. Er war eines Tages im Goethe-Institut und wollte ein paar Bücher ausleihen, als die Mitarbeiterin Paula Dunker ihm vom Buchclub/Theaterclub erzählte. Dies weckte sein Interesse, da er insbesondere gerne fotografiert und filmt, was für ihn mit dem Theaterspielen durchaus verwandt ist. „Ich mag das Projekt im Ganzen. Sehr cool!“, sagt er im ADZ-Gespräch kurz und knapp, aber offenbar doch überzeugt.
„Die junge, neue Generation hat der Welt was zu schenken!“
Das Projekt gefällt jedoch nicht nur den Jugendlichen, auch für den Schauspieler Axel Moustache ist die Arbeit eine Herzensangelegenheit. Er hat auf dem Goethe-Kolleg Deutsch gelernt und spielt auch in deutschen Filmen, während er in Bukarest lebt. Die Sprache begleitet ihn also schon lange. Deswegen hat er sich gefreut, als Szöke mit der Idee auf ihn zukam.
Im ADZ-Gespräch berichtet er außerdem begeistert über die diesjährige Gruppe von Jugendlichen: „Ich kenne einige schon vom vergangenem Jahr. Alle waren voll dabei und haben einen sehr guten Eindruck hinterlassen. Die junge, neue Generation hat der Welt was zu schenken!“, so der Schauspieler.
Trotzdem möchte er den Jüngeren eines mitgeben: gemeinsame, echte Kommunikation. „In diesem Jahrhundert, wo sehr viel virtuell und auf Social Media ist, versuchen wir hier, die wirkliche, echte Kommunikation zwischen Menschen zu fördern. Es sollen Emotionen gelebt, gespielt und auf der Bühne präsentiert werden“.
Große Emotionen und glückliche Teilnehmer
Dieses Ziel ist ihm durchaus geglückt. Natürlich war das Stück nicht wirklich ausgereift, was nach der Kürze der Proben überhaupt nicht möglich gewesen wäre, dennoch gaben die jungen Schauspieler alles und scheuten zumeist nicht davor zurück, Emotionen zu zeigen.
Vielleicht ist es gerade das, was die Jugendlichen so überzeugt. Denn alle Beteiligten schienen das Projekt wirklich zu mögen. Dazu kommt, dass sie Deutsch lernen konnten, was für viele wichtig ist, dass sie Bücher gelesen haben, was Spaß macht und bereichernd sein kann, und dass sie gemeinsam in der Gruppe geredet und gescherzt haben.
Vielleicht sind solche Clubs, solche Begegnungsorte, gerade das, was vielen Jugendlichen, aber auch Erwachsenen, in der heutigen Zeit fehlt. Und jeder Jugendliche, der Interesse an deutscher Literatur und/oder Theater hat, sollte im nächsten Jahr beim Goethe-Institut vorbeischauen, denn die Organisatoren wollen das Projekt auch ein drittes Mal wieder anbieten.






