Im Land des viersprachigen Ortsschildes

Kanaltal: Entspannung im mehrsprachigen Grenzgebiet – Zukunftsweisende Schulprojekte

Wer von Villach kommend ins einst österreichische Kanaltal fährt, merkt sofort, dass er sich nun in Italien befindet: Alle Wegweiser und Ortsschilder sind einsprachig italienisch. Alle?

Nein! 20 Kilometer weiter steht unversehens ein Schild, auf dem der Name des Ortes in gleich vier Sprachen aufgeführt ist: in italienischer (Malborghetto), deutscher (Malborgeth), slowenischer (Naborjet) und friulanischer (Malborghet), darüber ein Willkommensgruß in der jeweiligen Sprache. Was hat es mit diesem Schild auf sich?

Tolomeis Namens-Erfindungen

„Es ist von der Staatsstraßenverwaltung ANAS genehmigt“, sagt Alfredo Sandrini, der Obmann des Kanaltaler Kulturvereins. Die Organisation wurde 1979 gegründet und will die Aufwertung der Kultur und der traditionellen Werte des Kanaltals fördern. Dazu zählt auch die Mehrsprachigkeit, die unbestreitbare Realität ist, sich aber im öffentlichen Raum kaum niederschlägt. Der Grund: Wie in Südtirol hatte der faschistische Senator Ettore Tolomei (1865 – 1952) auch im Kanaltal mit großteils erfundenen italienischen Bezeichnungen für Orte und Fluren die historisch gewachsenen Namen zu verdrängen versucht. Diese Erfindungen sind bis heute die einzigen rechtlich gültigen. In Südtirol werden daneben die deutschen Ortsnamen offiziell akzeptiert, für das Kanaltal aber wurde nie eine solche Regelung getroffen. Deshalb heißt bis heute Sandrinis Heimatort Nesseltal, ein kleiner Ortsteil von Tarvis (slowenisch Trbiž, italienisch Tarvisio), offiziell Ortigara. 

Sandrini schrieb einen Brief an die drei Gemeinden des Kanaltals, sie sollten doch mehrsprachige Ortsschilder einführen, um die besondere Situation im Kanaltal aufzuzeigen. Malborgheth-Wolfsbach tat das, Pontebba und Tarvis nicht. 

Den Brief verfasste Sandrini zusammen mit slowenischen Organisationen. Diese Zusammenarbeit ist ihm wichtig: „Die nächste Generation soll ein anderes Leben haben, sie soll verstehen, wie wichtig Geschichte und Wurzeln sind, und sie soll Respekt vor anderen haben.“ Die Jugend solle richtige Europäer werden, „auch in der Sprache“, sagt Sandrini. „Auf die Frage, was ich sei, Österreicher oder Italiener, antworte ich immer Europäer, Kanaltaler. Und ich bin stolz darauf“, schildert er. 

Eine Italienerin im Vereinsvorstand

Sandrini hat keine Berührungsängste gegenüber Italienern. Im Vorstand des Kulturvereins arbeitet eine junge Frau mit, die zwar die Sprachkurse des Vereins besucht, aber noch nicht viel Deutsch kann. „Das ist egal“, sagt Sandrini, „wir sind offen für jeden, der unsere Anliegen unterstützt. Wir sind keine Nostalgiker und keine Fanatiker. Wenn Italiener mittun wollen, sollen sie das tun, auch wenn sie nicht Deutsch können. Sie müssen aber unsere Ziele teilen.“

Die teilt der Bürgermeister von Malborgeth-Wolfsbach mit Sicherheit. Boris Preschern ist Slowene, spricht aber sehr gut Deutsch und gebraucht dabei den deutschen Ortsnamen Malborgeth. „Wir arbeiten seit langem bei der Bewahrung der Sprache und Kultur der verschiedenen Volksgruppen zusammen“, sagt Preschern und verweist auf ein Pilotprojekt zur Mehrsprachigkeit in den Tarviser Schulen. „Der Unterricht im Deutschen und Slowenischen muss verbessert werden, aber es fehlen Deutschlehrer“, schildert Preschern. 

Deutsch wurde im Kanaltal bis in die 1980er Jahre als Freifach am Nachmittag unterrichtet. So kann keine Sprache erhalten werden. Später wurde der Deutschunterricht aufgewertet. Seit drei Jahren wird in dem nach der Kärntner Schriftstellerin Ingeborg Bachmann benannten Schulzentrum in Tarvis neben Italienisch und Englisch auch Deutsch, Slowenisch und Friulanisch unterrichtet. Dabei sind die Fachlehrerin und der Lehrer der jeweiligen Sprache gleichzeitig in der Klasse: es wird also die Sprache wie auch in der Sprache gelehrt. 

Im September startet ein zweisprachiges Schulprojekt

Mit Beginn des neuen Schuljahres im Herbst startet im Kanaltal ein Schulprojekt, das auf acht Jahre angelegt ist. Es sieht ein flexibles System des Deutschunterrichts vor, das von der spielerischen Annäherung im Kindergarten bis zur Anwendung der CLIL-Methode (Fachunterricht zum Teil in deutscher Sprache) in der ersten Sekundarstufe reichen soll. 

So offen gegenüber der deutschen Sprache war man in der Vergangenheit nicht. Deshalb sind bis heute Deutschkurse die wohl wichtigste Tätigkeit des Kulturvereins. „30 Kinder sind derzeit auf zwei Niveaus eingeschrieben, dazu 40 Erwachsene“, erläutert Alfredo Sandrini. 

„Gegenüber der alten Zeit hat sich vieles verbessert“, sagt Sandrini, „die frühere antideutsche Stimmung und die Vergleiche mit Nazis sind viel weniger geworden.“ Das betreffe auch die Sprache. „Es profitiert schließlich jeder von der Nähe zu Österreich. Wir sind heute akzeptiert und anerkannt“, sagt Sandrini. Viele Eltern sehen heute einen Vorteil für die Zukunft ihrer Kinder, wenn sie Deutsch lernen. Einige schicken ihre Kinder sogar in Schulen jenseits der Grenze. „Diese müssen dank ihrer Deutschkenntnisse später nicht wegziehen, um gute Jobs zu bekommen“, erläutert Sandrini. Das ist überlebenswichtig für das Kanaltal, dessen Bevölkerungszahl seit langem stetig abnimmt, vor allem auch für die Minderheiten. 

Pontebba, Ponteibe und Pontafel

Sie müssen trotz zunehmender Akzeptanz um ihre Gleichberechtigung kämpfen. So ist es doch erstaunlich, dass in der südlichsten Kanaltaler Gemeinde zwar kein deutscher oder slowenischer Name auf dem Ortsschild steht, sehr wohl aber der friulanische. Bis heute stehen an der Brücke über den Wildbach Pontebbana zwei österreichische Grenzsteine, denn der Bach bildet nicht nur die südliche Grenze des Kanaltals, hier war einst auch eine Staatsgrenze: Diesseits das einstige Kärntner Pontafel, jenseits das venezianische bzw. italienische Pontebba. Auf dem Ortsschild steht neben Pontebba auch Ponteibe. 

Hatto Schmidt ist in Baden-Württemberg geboren und aufgewachsen. Er studierte Geschichte und politische Wissenschaften in Freiburg und Tübingen und arbeitete danach 33 Jahre als Journalist für die Südtiroler Tageszeitung Dolomiten. In diesem Rahmen hat er sich jahrelang mit Fragen und Problemen nationaler Minderheiten befasst. 


Das Kanaltal 

Das Kanaltal wurde nach dem Ersten Weltkrieg, wie auch Südtirol, Italien zugeschlagen. Seit 1759 hatte es als Teil Kärntens zum Habsburgerreich gehört, zuvor über 750 Jahre lang zum Hochstift Bamberg. 1910 sprachen 79 Prozent der damals gut 8000 Bewohner Deutsch, 21 Prozent Slowenisch, Italiener gab es genau zwei Handvoll (Friulanisch wurde nicht erfasst). Das Kanaltal teilt im mancherlei Hinsicht das Schicksal Südtirols: Es war ebenfalls von der sogenannten Option betroffen, bei der die Bewohner sich 1939 entscheiden mussten, ins Deutsche Reich abzuwandern oder sich als Italiener assimilieren zu lassen. 98 Prozent der Deutschsprachigen optierten für das Deutsche Reich, ebenso 91 Prozent der Slowenen. 70 Prozent der deutschsprachigen Kanaltaler wanderten ab und kamen nicht mehr zurück, während immerhin ein Drittel der 75.000 abgewanderten Südtiroler nach dem Krieg wieder heimkehren konnte. Nur wenige Slowenen verließen tatsächlich ihre Heimat. Die sprachliche Landschaft des Kanaltals veränderte ihr Gesicht durch massive Zuwanderung aus Friaul, Süditalien und aus den Isonzotälern stark: Heute verweisen vielleicht noch 20 bis 25 Prozent der Bewohner auf deutsche Wurzeln und 5 Prozent sehen sich als Slowenen. 



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