Als ich am Freitag-abend, dem 10. Juli, im bayrischen Altötting ankomme, ist der große Strom der Pilger noch nicht da. Die Gassen wirken ruhig, fast entschleunigt. Die Hitze des Tages ist einer angenehmen Abendluft gewichen, und über dem Kapellplatz liegt eine Stille, die sich schwer beschreiben lässt. Es ist keine gewöhnliche Ruhe. Es ist eine Ruhe, die zu diesem Ort gehört, als würde sie seit Jahrhunderten zwischen den Mauern wohnen.
Ich stelle mein Gepäck im Hotel ab und gehe hinaus. Schon nach wenigen Schritten öffnet sich der Kapellplatz. Kirchen stehen dicht beieinander, als würden sie sich gegenseitig Schutz geben. Die Stiftskirche, die mächtige Basilika St. Anna, die Gnadenkapelle in ihrer Mitte – ein Ensemble, das sich nicht aufdrängt und gerade deshalb beeindruckt. Seit Jahrhunderten kommen Menschen hierher, mit ihren Sorgen, ihrer Dankbarkeit, ihren Hoffnungen. Kaiser und Könige waren hier, Bauern und Handwerker, Familien und Einsame, Pilger von nah und fern. Heute bin ich einer von ihnen.
Am Bruder-Konrad-Brunnen bleibe ich stehen. Das Wasser ist kühl und ich trinke einige Schlucke, zunächst ohne zu wissen, dass dem Wasser eine wundersame Wirkung zugesprochen wird. Danach betrete ich die Basilika St. Anna. Das Licht fällt gedämpft durch die Fenster, Stimmen verhallen in der Weite des Raumes. Menschen sitzen verstreut in den Bänken. Es ist Gottesdienst.
Die Gnadenkapelle ist an diesem Abend bereits geschlossen, doch im sogenannten „Pilgerumgang“ erzählen die Votivtafeln ihre ganz eigenen Geschichten. Tausende kleine Zeugnisse menschlicher Schicksale.
Gemalte Bilder, eingerahmte Danksagungen, Namen, Jahreszahlen. „Maria hat bei Leukämie geholfen“. „Kinder gesund geworden“. „Nach schwerem Unfall gerettet“. Jede Tafel steht für einen Menschen, der überzeugt ist, dass die Schwarze Madonna eingegriffen hat, dass sie Trost geschenkt oder ein Wunder bewirkt hat. Ob medizinisch erklärbar oder nicht – hier geht es um etwas anderes. Um den Glauben, dass niemand allein ist.
Die Schwarze Madonna von Altötting blickt seit Jahrhunderten auf die Menschen herab. Sie ist das Herz Bayerns, wie viele sagen. Altötting ist mit seinen fast 13.000 Einwohnern der bedeutendste Marienwallfahrtsort Deutschlands. In dem Wallfahrtsmuseum am Kapellplatz erfahren Besucher die jahrhundertealte Geschichte dieses Ortes. Die Gnadenstatue der Schwarzen Madonna stammt vermutlich aus der Zeit um 1330 und wurde aus Lindenholz geschnitzt. Wahrscheinlich gelangte sie im frühen 14. Jahrhundert aus dem Oberrheingebiet oder aus Burgund nach Altötting. Ihren Platz fand sie in der Gnadenkapelle, die bereits zuvor als bedeutender Sakralbau bestand. Im Laufe der Jahrhunderte verdunkelte sich das ursprünglich helle Holz durch den Rauch unzähliger Kerzen sowie durch Alterungsprozesse und erhielt so ihre charakteristische dunkle Färbung.
Den Aufstieg Altöttings zu einem der wichtigsten Wallfahrtsorte Europas begründeten zwei als wundersam geltende Heilungen im Jahr 1489. Papst Benedikt XVI. verlieh dem Marienwallfahrtsort Altötting im Jahr 2008 die sogenannte „Goldene Rose“, eine der höchsten Auszeichnungen, die ein Papst an ein Heiligtum vergeben kann. Dies war das erste Mal, dass ein deutsches Marienheiligtum diese päpstliche Ehrung erhielt.
Am darauffolgenden Tag, einem Samstagnachmittag, füllt sich Altötting zunehmend mit Leben. Aus Deutschland, Österreich, Rumänien, Ungarn, Kroatien und Serbien treffen die Donauschwaben ein. Alte Bekannte begrüßen sich herzlich. Man spricht Deutsch mit unterschiedlichen Klangfarben. Es wird gelacht, umarmt, erzählt. Die 65. Gelöbniswallfahrt der Donauschwaben beginnt.
Der Ursprung dieser ganz besonderen Wallfahrt liegt in den dunkelsten Jahren der Geschichte der Donauschwaben. 1946 legte der Jesuitenpater Wendelin Gruber gemeinsam mit seinen hoffnungslosen donauschwäbischen Landsleuten in den Vernichtungslagern Gakowa und Rudolfsgnad im damaligen Jugoslawien ein Gelöbnis ab: Wenn sie überleben würden, wollten sie jedes Jahr aus Dankbarkeit zu einer Marienwallfahrt aufbrechen. Nachdem Pater Gruber nach seiner Kerkerhaft nach Deutschland entlassen worden war, erinnerte er seine Landsleute an dieses Versprechen. Seither wird das Gelöbnis Jahr für Jahr eingelöst – bei Wallfahrten in Europa sowie in Nord- und Südamerika. Übrigens: Der Jesuitenpater Wendelin Gruber war 1994-1998 auch im Temeswarer AMG-Haus als Seelsorger tätig.
Die Wallfahrt nach Altötting, die Pater Gruber 1959 begründete und die seither immer am zweiten Juliwochenende stattfindet, entwickelte sich zur größten donauschwäbischen Gelöbniswallfahrt. Heute leben nur noch wenige der Überlebenden jener Lager. Doch ihre Nachfahren tragen das Versprechen weiter und pilgern nach Altötting, um der Opfer zu gedenken, Gott für die Bewahrung ihrer Familien zu danken und zugleich ein Zeichen zu setzen: Das Vergangene darf nicht vergessen werden. Die Erinnerung soll Mahnung sein, dass sich solches Leid niemals wiederholt.
Ich halte an diesem Nachmittag in der Stiftskirche mein Referat über die Armen Schulschwestern von Unserer Lieben Frau. Darin geht es um Ordensfrauen, die über Generationen hinweg Bildung vermittelten, den Glauben weitergaben und oft unter schwierigsten Bedingungen wirkten. Es ist ein Thema, das gut zum Motto der diesjährigen Wallfahrt passt: „Eine Frau, auf ihrem Haupt ein Kranz von zwölf Sternen“. Maria. Es folgt ein Eröffnungsgottesdienst mit Stiftskanoniker Johann Palfi, mehreren Priestern, Gudrun Neumayer an der Orgel und dem Chor „Weidenthaler Mädels“.
Am Abend versammeln sich die Pilger zum Vorabendgottesdienst in der Basilika St. Anna. Langsam senkt sich die Dunkelheit über den Kapellplatz. Nach der von Pfarrer Karl Zirmer zelebrierten Messe werden draußen, vor der Basilika, Kerzen entzündet. Ein warmes Licht wandert von Hand zu Hand. Die Lichterprozession setzt sich in Bewegung, der Rosenkranz wird gebetet. Die Stimmen steigen gemeinsam auf und ein ruhiger, gleichmäßiger Rhythmus erfüllt den ganzen Platz. Anschließend stehen die „Weidenthaler Mädels“ vor der Kapelle und singen Marienlieder. Klar und warm tragen ihre Stimmen über den Platz. Es sind einfache Lieder, und gerade deshalb berühren sie.
Der Sonntag ist der Höhepunkt der Wallfahrt. Vor der Gnadenkapelle versammeln sich die Donauschwaben, um in Prozession zur Basilika St. Anna zu ziehen. Es spielt die Blaskapelle der HOG Sanktanna unter der Leitung von Josef Wunderlich. Das große Kreuz an der Spitze der Prozession trägt der aus Bakowa im Banat stammende Harald Schlapansky, stellvertretender Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Banater Schwaben. Bundesvorsitzender Peter-Dietmar Leber ist mit seiner Gattin Hiltrud auch dabei – wie jedes Jahr. Getragen wird auch das Gnadenbild der Mutter Gottes von Maria Radna, das den Banater Schwaben so wichtig ist. Die Bänke füllen sich rasch. Familien sitzen nebeneinander, Fahnenabordnungen ziehen ein, Trachten mischen sich mit festlicher Sonntagskleidung. Begrüßt werden die Wallfahrer von Josef Lutz, dem stellvertretenden Vorsitzenden des St. Gerhards-Werk in Stuttgart und Ehrenvorsitzenden der HOG Sanktanna/Sântana. Er steht als Hauptorganisator hinter der Gelöbniswallfahrt, die sich schließlich als eine sehr gelungene Veranstaltung erweist.
Vor dem Pontifikalamt spricht die aus Ungarn stammende Dr. Kathi Gajdos-Frank, stellvertretende Vorsitzende des St. Gerhards-Werks, zum Thema „Mitgefühl und Zusammenhalt – Europa unter dem Schutz Marias“.
Sie erinnert daran, dass der Glaube ihre Großeltern selbst in den dunkelsten Stunden getragen habe, und appelliert an die Verantwortung der heutigen Generation: „Wir dürfen nicht den Schmerz, sondern den Glauben, nicht die Angst, sondern die Hoffnung, nicht die Bitterkeit, sondern die Liebe weitergeben.“ Zum Schluss richtet sie den Blick auf Europa: „Ich wünsche mir ein Europa unter dem Schutz Marias. Ein Europa, das seine christlichen Wurzeln nicht vergisst.“
Der römisch-katholische Bischof von Großwardein/Oradea und zugleich Vorsitzender der Katholischen Bischofskonferenz in Rumänien, László Böcskei, zieht mit den Konzelebranten zum Altar. Feierlich beginnt das Pontifikalamt. Weihrauch steigt auf, die Orgel, gespielt von Beatrix Erndt, erfüllt den mächtigen Kirchenraum. Es riecht nach Gottesdienst, nach gelebtem Glauben, nach Heimat. Für die musikalische Gestaltung sorgt eindrucksvoll die Donauschwäbische Singgruppe Landshut unter der Leitung von Reinhard Scherer.
In seiner Predigt spannt Bischof Böcskei einen weiten Bogen – von den Massengräbern in Rudolfsgnad bis zur Hoffnung, die die Wallfahrt nach Altötting seit 65 Jahren trägt. Er erinnert an die Tausenden Donauschwaben, die in den Lagern des ehemaligen Jugoslawiens starben, und an das Gelübde, das dort seinen Ursprung nahm. Eindringlich mahnt er: „Daher ist es wichtig, ja lebensnotwendig, dass das Evangelium Christi unsere ganze Lebensexistenz durchdringe. Ein Evangelium, eine Frohbotschaft, die Heilung für die Wunden bedeutet, Kraft in den Prüfungen verleiht und unserem irdischen Lebensweg die Richtung vorgibt.“
Immer wieder richtet der aus dem Banat stammende Bischof den Blick auf Maria. Er erinnert daran, warum Menschen seit Jahrhunderten nach Altötting pilgern, gerade in Zeiten der Not. „Jede Not ruft nach der Mutter“, sagt er schlicht. Es ist ein kurzer Satz, doch hier, in der Basilika, scheint er besonders tief anzukommen. Viele der Anwesenden denken dabei wohl an ihre Eltern und Großeltern, die Vertreibung, Lager und Heimatverlust erlebt haben und ihren Trost im Glauben fanden.
Der Bischof schlägt den Bogen in die Gegenwart und erinnert daran, dass der Glaube immer auch Auftrag ist. Er verweist auf Glaubenszeugen wie Pater Wendelin Gruber und die Märtyrerbischöfe Wilhelm Apor und Konstantin Ignatz Bogdánffy und ruft den Pilgern zu, „am Bau einer schöneren und liebenswerteren Welt mitarbeiten“ zu wollen – aus der Kraft des Glaubens und aus dem Erbe der Vorfahren.
Während ich mich in der voll besetzten Basilika umschaue, wird genau das sichtbar. Hier sitzen Menschen, deren Eltern oder Großeltern aus dem Banat, aus Sathmar, aus der Batschka, aus der Schwäbischen Türkei oder aus Slawonien stammen. Viele haben Flucht erlebt, Vertreibung, Enteignung, Deportation. Manche erinnern sich selbst noch daran, andere kennen die Geschichten nur aus Erzählungen. Vergessen wurden sie jedoch nicht.
In diesem Moment wird deutlich, warum diese Wallfahrt seit 65 Jahren Bestand hat. Sie ist weit mehr als ein Treffen der Donauschwaben. Sie ist gelebte Identität. Sie verbindet Glauben und Geschichte, Vergangenheit und Zukunft. Sie erinnert an das Leid, ohne darin steckenzubleiben. Genau darin erfüllt sich bis heute das Gelöbnis von 1946. Was einst aus existenzieller Not in den Lagern von Gakowa und Rudolfsgnad entstand, ist längst zu einem Auftrag für die nachfolgenden Generationen geworden. Nicht nur die Erinnerung an die Toten wird bewahrt, sondern auch der Glaube, der den Überlebenden Hoffnung gab.
Die Wallfahrt ist deshalb zugleich Dank, Gedenken und Verpflichtung – gegenüber der eigenen Geschichte und gegenüber einer Zukunft, in der Vertreibung, Hass und Unrecht keinen Platz mehr haben.
Als sich die Wallfahrt ihrem Ende nähert, klingen noch einmal die Worte nach, die Bischof László Böcskei am Vorabend bei einem gemeinsamen Abendessen – ausgerechnet an seinem Geburtstag – in Erinnerung rief. Es sind die Worte des früheren Temeswarer Bischofs Sebastian Kräuter, die wie ein Vermächtnis wirken und den Geist dieser Wallfahrt treffend zusammenfassen: „Dankbar rückwärts – gläubig vorwärts.“







