„Grausame Verbrechen, mysteriöses Verschwinden und schreckliche Krankheiten – all das ist mit diesem Kloster verbunden, (...) an dem das Paranormale die Vernunft ersetzt“, schreibt die Onlinezeitung „Adevarul.ro“ reißerisch über das Kloster Chiajna in Giulești Sârbi am Stadtrand von Bukarest. Nun, die Nachrichtenseite hat damit recht, dass das Kloster wirklich eine tragische Vergangenheit hat und es viele Mythen gibt. Abseits davon ist das alte Gebäude, das mittlerweile von einem neuen Kloster umgeben ist, ein schöner, ruhiger Ort zum Beten und Entspannen.
Zuerst ein kleiner Geschichtsexkurs: Das Kloster Chiajna geht auf den Russisch-Türkischen Krieg von 1768 bis 1774 zurück, so berichtet die Erzdiözese Bukarest auf ihrer Website. Am 17. und 18. September 1769 erlitt die osmanische Armee eine schwere Niederlage, und die Moldau wurde von den Russen besetzt. Von dort aus marschierten die Russen auf Geheiß von Fürst Grigore Ghika in die Walachei ein und begannen damit die russische Besatzung und Militärverwaltung während der Russisch-Türkischen Kriege. Der Bau der Kirche innerhalb des Klosters Chiajna – einer groß angelegten Anlage – begann im ersten Teil der Regierungszeit von Alexandru Vodă Ipsilanti in der Walachei, genauer gesagt im Zeitraum von sieben Jahren, drei Monaten und 21 Tagen, vom 2. Januar 1775 bis zum 23. April 1782.
Gebaut vom Deutschen Johannes Rathner
Das Gebäude soll, so die Erzdiözese, im Übrigen von einem Deutschen, einem Sachsen gebaut worden sein! Johannes Rathner, der Leiter des Maurerteams, war für die Arbeiten mitverantwortlich. Die gebauten Mauern stehen noch heute, auch wenn die Kirche verfällt.
Doch weiter mit der Geschichtsstunde: Am 19. August 1792, während die Klosterkirche schon in Betrieb war, starb dort der Metropolit Cosma Popescu an der Pest.
Der langsame Untergang des Gotteshauses begann dann am 26. Oktober 1802, als sich ein schweres Erdbeben mit Epizentrum in Vrancea ereignete. „Dieses Beben beschädigte fast alle Kirchen und Klöster in der Walachei und darüber hinaus schwer. Man geht davon aus, dass auch die Kirche und das Kloster Giulești beschädigt wurden, doch gibt es dafür keine eindeutigen Belege“, so die rumänische Erzdiözese.
Ein paar Jahre später begann auch der nächste Russisch-Türkische Krieg von 1806 bis 1812. Am Ende dieser Periode ereignete sich ein Vorfall, der laut der Bukarester Kirchenorganisation mündlich überliefert ist: Ein türkisches Soldatenkommando bombardierte, verwüstete und brannte die Klosterkirche Giulești nieder. Die Soldaten vermuteten laut der Erzählung dort eine befestigte Anlage und versuchten daher, sie zu zerstören. Möglicherweise wurde das Kloster in der zweiten Hälfte des Jahres 1821, während die lokale Bevölkerung sich gegen die osmanischen Besatzer auflehnte, von türkischen Truppen endgültig zerstört. Jedenfalls ungefähr im frühen 19. Jahrhundert wurde das Kloster schwer beschädigt und wurde seit dem, bis heute, nicht mehr genutzt.
Ein langsamer Verfall, aber das Klosterleben kam indirekt zurück
Von da an zerfiel das Gebäude nach und nach. Insbesondere die schweren Erdbeben über die Jahre sorgten für weitere Zerstörung. So sind unter anderem 1977 die Überreste des Kirchturmes eingestürzt. Nach der Wende wurde das Gebäude wieder an die Erzdiözese Bukarest übergeben, die seit 2008 plant, dem Kloster neues Leben einzuhauchen. So wurde unter anderem von 2012 bis 2014 eine hölzerne Kirche im Maramureș-Stil nebenan errichtet. Insgesamt ist die Ruine mittlerweile durch einen kleinen, öffentlich zugänglichen Klosterkomplex umrundet. Am Gebäude an sich – das weiterhin unter dem sehr nahen Zugverkehr und den Flugzeugen direkt über der Ruine leidet – wurde bisher jedoch noch nicht gearbeitet.
Ein langer Weg zu einem berührenden Ort
Möchte man das geschichtsträchtige Gebäude heutzutage besuchen, kann man dies von Montag bis Freitag, von 8 bis 20 Uhr (im Winter bis 19 Uhr). Denn das sind die offiziellen Öffnungszeiten des kleinen Komplexes. Die Anreise mit dem Auto ist sicherlich am einfachsten, ansonsten kann man den Bus 162 (am besten von der U-Bahn Station Crângași aus) zur Station „Sculptorilor“ nehmen. Direkt neben dieser ist ein sehr vergilbtes Schild, das zu einer verlassen wirkenden, alten Straße führt, die direkt neben der Zugstrecke Bukarest-Craiova liegt. Folgt man dieser ungefähr zehn Minuten, ist man schon da.
Die historische Kirche ist eingezäunt, neben ihr liegt ein gepflegter Garten mit Obstbäumen, und geht man ein paar Meter weiter, kommt man zur Holzkirche, mit Sitzmöglichkeiten und kleinen Häusern, die zum Kloster gehören. Wenn kein Zug über die Gleise rattert, ist es leise, schön und besinnlich. Während die Straße und die Umgebung geradezu verlassen und wegen der etwas dreckigen Zugstrecke fast verrucht wirkt, ist der kleine Klosterkomplex das absolute Gegenteil. Früher gab es auch eine Müllhalde direkt nebenan, diese ist jedoch mittler-weile geschlossen und neben dem Kloster wurde aufgeräumt. Doch warum gibt es so viele Mythen über diesen besinnlichen Ort?
Die alten und neuen Mythen
Die meisten Geschichten drehen sich um die Glocke der Kirche. Wann die Geschichte sich genau ereignet haben soll, ist unklar. Jedenfalls geht es um den Moment, als die Osmanen mit Kanonen auf die Kirche geschossen haben sollen. Das Reisemagazin „Călător prin România“ erzählt, dass sich zu diesem Zeitpunkt auch lokale Anwohner in der Kirche versteckt haben sollen. Aus Angst, dass etwas passiert, nahmen sie die Glocke ab und warfen sie in die Dâmbovi]a (einige Meter weiter südlich), oder vergruben sie, oder jemand stahl sie und wurde dadurch reich (die Geschichten unterscheiden sich). Jedenfalls wurde die Glocke entnommen, weswegen das Gebäude verflucht worden sein soll.
Die Zeitung „Adevarul.ro“ berichtet von einem Gespräch im Jahr 2010 mit der damals 74-jährigen Petra Rădoi, die ihr ganzes Leben in der Gegend verbracht hat: „Ich weiß von meinen Vorfahren, dass das ganze Dorf in der Klosterkirche Zuflucht suchte, als die Osmanen feuerten. Und aus Angst nahmen die Menschen die Glocke herunter und warfen sie in die Dâmbovița. Das war damals eine große Schande!“ Manchen Einheimischen zufolge soll man die Glocke bei Vollmondnächten läuten hören.
Der schlechte Ruf dieses Ortes beruhte jedoch nicht allein auf den Erzählungen der Ältesten und einigen verzerrten Geschichten. Im Frühjahr 1967 wurde die Leiche eines 16-jährigen Schülers nur wenige Meter von den Klostermauern entfernt gefunden, berichtet auch „Gandul.ro“ weiter.
Einen Besuch mehr als wert
Dieser Einzelfall sagt jedoch nicht viel über den Ort an sich aus. Doch, wie für Bukarest üblich, gibt es eben viele Mythen und Geschichten – und über das Kloster gibt es noch viele weitere. Selbst Geisterjäger wollten das Kloster aufsuchen, wurden aber abgewiesen, so berichtet „b365.ro“. Sicherlich liegt es auch daran, weil die Kirche so imposant ist und den Jahrhunderten trotzt, obwohl sie nicht instand gehalten wird. In der Vergangenheit war die direkte Umgebung wohl auch deutlich verlassener, verschmutzter und verruchter.
Doch heutzutage ist es anders, und schaut man sie sich die Kirche heute an, wird einem klar, dass das Gebäude nicht für ewig so stehen bleiben wird. Außer es würde abgestützt oder gar wiederaufgebaut werden. Im Mauerwerk sind teilweise enorme Risse. Womöglich wird das Gebäude eines Tages einfach einstürzen. Dies befürchten auch Experten, wie „b365.ro“ weiter berichtet. Dann ist die Kirche für immer weg. Sie könnte nur rekonstruiert werden. Um die widerspenstige Konstruktion noch einmal zu sehen, lohnt sich ein kurzer Halbtagestrip zum Kloster Chiajna allemal.







