Leben wir in einer Zeit der Bücherzerstörung?

Russland zerbombt Millionen Bücher in der Ukraine und durch soziale Medien geistern Berichte über Bücherzerstörungen von KI-Firmen. Was steckt dahinter?

Ein Mann sitzt vor einem brennenden Gebäude in Kiew nach einem großangelegten russischen Raketen- und Drohnenangriff. Foto: Patryk Jaracz/SOPA Images via ZUMA Press Wire/dpa

Die öffentliche Verbrennung undeutscher Schriften und Bücher auf dem Opernplatz „Unter den Linden“ in Berlin durch Studenten der Berliner Universitäten. Foto: Bundesarchiv, Bild 102-14597/Georg Pahl/CC-BY-SA 3.0

Ein Antiquariat. Werden die Second-Hand-Buchhandlungen von KI-Unternehmen geplündert? Foto: Wikimedia Commons/CC BY-SA 4.0

Bei einem russischen Angriff auf ein Warenlager im Osten der Ukraine sind vor kurzem ukrainischen Angaben zufolge Millionen Bücher verbrannt. „Mehr als acht Millionen Bücher wurden in dem Feuer zerstört, darunter Lehrbücher für Kinder“, teilte der Verlag „Ranok“ am Montag in Onlinenetzwerken mit, wie „Der Spiegel“ berichtet. Es handele sich um „den größten Verlust in der ukrainischen Buchinfrastruktur“ seit Beginn des russischen Angriffskriegs. Abseits davon geistert in den sozialen Medien die Meldung, dass vor allem in den USA KI-Firmen alte und seltene Bücher aufkaufen, diese einscannen und daraufhin massenweise zerschreddern und wegwerfen. Das stimmt jedoch so nicht ganz, wie die „Süddeutsche Zeitung“ aufschlüsselt. Aber was stimmt? Und leben wir in einer Zeit der Bücherzerstörung? 

Dies erweckt natürlich Erinnerungen an das Jahr 1933 in Deutschland. Am 10. Mai 1933 hatten nationalsozialistische Studentenbünde auf dem Berliner Bebelplatz und in 21 weiteren Universitätsstädten die Werke verfemter Autoren und Autorinnen sammeln und vernichten lassen, aber nicht nur dort. „Ähnliche Verbrennungsaktionen von angeblich ‚undeutschem Geist‘, wie die Nazipropaganda unliebsame Literatur verteufelte, gab es in mindestens 165 weiteren Städten und Gemeinden deutschlandweit“, so die Bundesagentur für politische Bildung auf ihrer Internetseite. Folgeaktionen gab es in den folgenden Monaten mehrere. 
Ziel der Verbrennungen waren unter anderem: Heinrich Heine, Erich Kästner, Karl Marx, Sigmund Freud, Anna Seghers, Arnold und Stefan Zweig, Walter Benjamin, Joseph Roth, Else Lasker-Schüler, Erich Maria Remarque, Lion Feuchtwanger, Rosa Luxemburg, Bertolt Brecht, Carl von Ossietzky und Kurt Tucholsky. Einige der Autoren waren jüdisch und wurden deswegen angefeindet. Darüber hinaus sollten aber auch andere Meinungen unterdrückt und gezielt vernichtet werden. 

Ein ähnliches Motiv vermutet der ukrainische Verlag „Ranok“ hinter den Angriffen aus Russland. „Der Feind versucht, unsere Bildung und Kultur zu verbrennen“, so der Verlag in der Mitteilung. Verlagsdirektor Viktor Kruglow sprach von einem „Angriff auf die ukrainische Bildung und Kultur“. Der Unterschied ist, dass in Deutschland Deutsche zumeist andere deutsche Schriftsteller verbrannt haben, während die Angriffe Russlands auf die Kultur ihres Nachbarlandes Ukraine abzielen. 

Russland hat während seines Angriffskriegs bereits mehrfach Museen, Galerien, Filmstudios und andere für die Kultur bedeutende Institutionen angegriffen. Ein ideologisches Motiv scheint auf der Hand zu liegen, insbesondere da die russische Staatsführung der Ukraine ihr Existenzrecht bereits mehrfach abgesprochen hat. 

Zerschreddern KI-Firmen massenweise Bücher?

Die Bücherzerstörung von KI-Firmen hingegen scheint nicht so gezielt vonstatten zu gehen. Es geht nicht darum, Meinungen und Geschichte zu unterdrücken, sondern rein wirtschaftliche Überlegungen bestimmen das Handeln der Firmen.

Doch was ist überhaupt passiert? In den sozialen Medien grassierte die Meldung, dass „KI-Firmen bei Secondhand-Buchhändlern die Sortimente leer kaufen, mit dem Ziel, sie einzuscannen und für das Training von KI-Modellen zu verwenden“, so fasst es die „Süddeutsche Zeitung“ (SZ) zusammen“. Dies und viele Meldungen vermittelten das Bild, dass die Antiquariate geradezu geplündert wurden, literarische Schätze gekauft und anschließend zerstört wurden. Das stimmt nur halb. Die KI-Firmen interessierten sich vor allem, wie der SRF aufschlüsselte, für „Non-Fiction-Titel ab 1970 mit ISBN-Nummern“. Also alte nicht-fiktionale Texte, die laut SZ meist nur grob 50 Euro Cent oder zweieinhalb Lei kosten. 

„Die Bücher, die von den KI-Firmen erworben wurden, sind eigentlich so gut wie unverkäuflich. Und zwar schlicht deshalb, weil sich zum Beispiel niemand für einen Reiseführer für Denver aus den späten Achtzigerjahren interessiert“, so die SZ weiter. Es geht also nicht per se um allgemein anerkannte und wichtige Literatur, sondern um jegliche Literatur. Wichtig für die KI-Firmen ist nur, so berichtet die SZ, dass die Texte aus der Zeit vor 2022 stammen, also nicht von KI geschrieben wurden. 

Gerichtsentscheidung bestimmt Vorgehen

Dieses Vorgehen wird bestimmt durch eine Gerichtsentscheidung im Juni des Jahres 2025. Dort wurde das KI-Unternehmen „Anthropic“ zu einer 1,5 Milliarden Dollar hohen Strafzahlung verurteilt, weil sie Bücher illegal heruntergeladen und benutzt haben. „Aber das Gericht urteilte eben auch, dass das Training der KI-Modelle mit gedruckten Büchern nicht als Copyrightverletzung gilt, wenn die Firmen die Bücher erstens legal angeschafft haben und zweitens danach vernichten“, so die SZ weiter. Deswegen gibt es mittlerweile auch die Firma „ISBNdb“, die Bücher anonym für KI-Firmen kauft, damit diese keine schlechte Presse bekommen. 

Nur ein Tropfen auf dem heißen Stein

Doch eigentlich ist das KI-Vorgehen nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Weltweit werden nämlich jedes Jahr Millionen unverkaufter Bücher vernichtet. „Die genaue Anzahl lässt sich schwer ermitteln, da die Verlagsbranche mit großem Aufwand versucht,  das Ausmaß der Verschwendung zu verschleiern“, so berichtet das Journal „Maastricht Diplomat“. Allein in den USA werden laut diesem 65 bis 95 Prozent  der zurückgegebenen Bücher vernichtet. Sie werden zu Zellstoff verarbeitet, oder einfach auf der Mülldeponie entsorgt. Zum Beispiel in Frankreich werden laut dem Journal  jährlich  rund 140 Millionen Bücher zu Zellstoff verarbeitet. Genaue Zahlen zu Rumänien oder Deutschland sind nicht auffindbar.

Im Kapitalismus, der so gut wie auf der ganzen Welt verbreitet ist, sind Bücher oft nur Konsumgut und kein Kulturgut. Wenn diese konsumiert wurden (oder nicht verkauft werden), werden diese zumeist als Müll betrachtet. So landen auch verkaufte Bücher oft auf dem Müll. „Allein in Frankreich fallen jährlich über 25.000 Tonnen Buchmüll an“, so der „Maastricht Diplomat“ weiter. In anderen Ländern werden die Zahlen vergleichbar hoch sein. 

Letzte Rettung Bücherschrank

Zwar gibt es viele Internetseiten und Antiquariate, die alte Bücher verkaufen, doch das ist für den einzelnen oft mit viel Arbeit verbunden. Wenn man seine alten Bücher online verkaufen will, muss man alle Fotografieren, zu passenden (meist niedrigen) Preisen online stellen, mit Interessierten korrespondieren und diese dann verschicken. Oft muss man einen prozentualen Anteil des Geldes auch an die Internetseite abgeben. 
Auch bei Antiquariaten kann es schwer sein. Ein Beispiel: Ich wollte einige alte Bücher, die ich für mein Studium gebraucht habe und die in fast neuem Zustand waren, an mein lokales Antiquariat, damals noch in Deutschland, verkaufen. Der Verkäufer war sehr nett, schaute sich die Bücher an, hatte aber kein Interesse. Da ich sie einfach loswerden wollte und den Laden sehr schätzte, bot ich dem Verkäufer die Bücher kostenfrei an. Trotzdem nahm der Antiquar nur ein Buch und ließ mir die anderen. Er hätte sie einfach nicht verkauft bekommen.

Die übrigen Bücher brachte ich anschließend in einen Bücherschrank. In vielen deutschen Städten gibt es Bücherschränke, wo Bücher kostenfrei hineingelegt und von Interessierten mitgenommen werden können. In diesen findet man auch oft wahre literarische Schätze. Denn alte Bücher haben zumeist keinen monetären Wert und werden deswegen oft wie Altpapier behandelt.