„Literatur kann etwas bewirken“

Die Autorin Karin Gündisch im Gespräch

Karin Gündisch in ihrem Haus in Michelsberg Foto: Aurelia Brecht

Wie fühlt es sich an, in einem neuen Land anzukommen? Karin Gündisch eroberte mit ihren Büchern „Geschichten über Astrid“, „Im Land der Schokolade und Bananen“, „Das Paradies liegt in Amerika“ und vielen mehr, Kinderherzen in der ganzen Welt. Über 1500 Lesungen hat sie im Laufe ihrer Karriere bestritten. Die meiste Zeit des Jahres lebt sie heute in Hamburg, die Sommermonate verbringen sie und ihr Mann im siebenbürgischen Michelsberg/Cisnădioara. Über ihre Auswanderung aus Rumänien, ihre Ankunft in Deutschland und ihren Blick auf beide Länder hat sie mit ADZ-Redakteurin Aurelia Brecht gesprochen.

Bis Sie 36 Jahre alt waren, haben Sie in Rumänien gelebt – danach in Deutschland. Heute leben Sie zwischen beiden Ländern. Wie empfinden Sie Ihr Leben im Dazwischen?

Ich hatte erst einmal gar nicht so das Gefühl, im Dazwischen zu leben, weil ich ja ein großes Dazwischen hatte zwischen der Herkunft aus Heltau und dem Weg, der folgte: Ich habe zunächst zwei Jahre in Klausenburg gelebt, dann habe ich drei Jahre in Bukarest studiert und insgesamt 14 Jahre dort unterrichtet. Bukarest war schon die große Zäsur im Vergleich zu meinem Herkunftsort, den ich als Heimat empfunden habe. Heimat ist ja an Kindheit gebunden – bei mir jedenfalls. In Bukarest haben mein Mann und ich sehr gern gelebt – aber die Zeiten waren schlimm. Deshalb sind wir auch ausgewandert. Wir haben dieser Auswanderung sehr lange widerstanden, aber irgendwann waren wir erschöpft und haben gemacht, was alle gemacht haben, und sind gegangen. Dann gab es wieder ein Dazwischen: Neun Monate in einem Übergangswohnheim in Freiburg. Dann folgte der Umzug nach Bad Krozingen, wo wir mehr als drei Jahrzehnte gewohnt haben. Seit neun Jahren wohnen wir in Hamburg, weil unsere Tochter dort lebt und ich ihr immer zugesagt habe: wenn du einmal Kinder hast, dann helfen wir dir.

Was macht es mit Menschen, die ein Land unfreiwillig verlassen müssen?

Ich glaube, das ist sehr unterschiedlich. Ich kann nur sagen, wie es für uns war: Wir sind schweren Herzens weggezogen. Wir haben uns eigentlich, solange die Umstände noch irgendwie erträglich waren, in Rumänien sehr gut gefühlt. Deshalb sind wir ja auch jetzt wieder hier.

Welche Entbehrungen waren damit verbunden?

Ich wusste, dass ich mit der Auswanderung wahrscheinlich den Lehrerberuf verlieren werde. Wir sind ins Ungewisse ausgewandert. Wir wussten nicht, an welchen Ort wir ziehen und auch nicht, was wir in Zukunft arbeiten werden. Aber wir hofften, dass es uns gut ergehen wird, weil wir fleißig waren und eine gute Ausbildung aus Rumänien mitgebracht haben. Das hat sich dann allmählich alles gefügt. Über einen Umweg, meine Lesungen, habe ich dann ja auch wieder den Weg in die Schule gefunden.

Wie war Ihre Anfangszeit in Deutschland?

Es war schwierig, das Auswandern. Neun Monate in einem Übergangswohnheim in einem Zimmer zu viert, mit Etagenbetten – das ist ein ziemlicher Albtraum für mich gewesen. Der Verlust des Landes, der Verlust der Gewohnheiten, auch der Intimsphäre, das war für mich extrem schwierig. Ich brauche Momente zum Alleinsein. Vor allen Dingen, wenn ich etwas schreiben soll, brauche ich Distanz zu meinem Umfeld als Mutter, Hausfrau, Ehefrau. Ich brauche mich dann. Ich muss dann allein sein, und das war nicht möglich.

Trotzdem haben Sie dann relativ schnell ein erstes Buch in Deutschland veröffentlicht.

Ja, „Im Land der Schokolade und Bananen“ habe ich in Freiburg im Übergangswohnheim geschrieben. Da habe ich die Atmosphäre, die ich damals um mich hatte, ziemlich gut eingefangen – glaube ich. Das Buch hat mich ja dann auch gerettet. Ich hatte plötzlich wieder einen Beruf!

Wie kam es dazu?

Mein erstes Buch, das in Deutschland erschienen ist, insgesamt mein drittes, waren die „Geschichten über Astrid“. Das hatte ich bereits in Rumänien geschrieben – die Geschichten spielen auch dort. Dieses Buch hat mir in Deutschland Türen geöffnet. Die Idee, dass ich über meine erste Zeit in Deutschland ein Buch schreibe, hatte ich, weil ich immer etwas aufgeschrieben habe: eben auch das, was wir damals erlebten. Dann kam der Verleger eines renommierten Verlags zu Besuch, Hans-Joachim Gelberg von Beltz&Gelberg. Er fragte: „Wie erleben Sie diese Zeit nach Ihrer Einwanderung nach Deutschland? Wie erleben es Ihre Kinder?“ Dann habe ich ihm ein bisschen erzählt – ich hatte die Geschichten bereits aufgeschrieben. Aber das habe ich nicht gleich gesagt, denn ich wusste ja nicht, ob etwas daraus wird. Schließlich hat er gesagt: Das ist ihr nächstes Buch und ich möchte es verlegen. Ich hatte einen Auftrag! Ich wusste damals nicht, was das für ein Wahnsinns-Glück war.

Gab es Situationen, in denen Sie sich anfangs in Deutschland fremd gefühlt haben?

Ja, schon. Man war im Alltag völlig neuen Situationen ausgesetzt und es gab viele solcher Situationen: Ich brauchte einen Mülleimer. Keine Ahnung, wie man zu einem Mülleimer kommt. Ich habe nachgefragt und sie haben mir gesagt, gehen Sie zu „Spar“, dort gibt es die billigsten Mülleimer. Unsere Tochter erkrankte kurz nach unserer Ankunft an Gelbsucht. Wir waren völlig ratlos, was wir tun sollten. Ich habe den Hausarzt angerufen, mit denen Menschen aus dem Heim schon gute Erfahrungen gemacht hatten und erlebte einen regelrechten Schock: Es meldete sich ein Apparat! Der sagte mir, ich solle anderswo anrufen – und verkündete mir die Vertretung und die Nummer des Notdienstes. Ich war so erschrocken, dass da kein Mensch war! Oder die Straßenbahnen, die an der Haltestelle einfach weiterfuhren – bis wir merkten, dass man einen Knopf drücken musste. Dann die Entscheidungen: Welche Butter? Oder welchen Käse? Um Gottes Willen! Fünfzig Arten Käse! Einmal war ich bei einer Stiftung am Bodensee eingeladen. Dort wurde ich von der Hausfrau gefragt, die für mich einkaufen wollte: „Was bringen wir Ihnen an Lebensmitteln aus der Stadt mit?“ Und sie fragte: „Käse? Ja, was für Käse?“ Und ich: „Naja, normalen Käse.“ Sie hat mich mit großen Augen angesehen: „Ja, ist denn nicht jeder Käse normal?“ Und ich antwortete: „Nun ja – ein Käse, der Ihnen schmeckt.“ Denn ich wusste ja nicht, was mir schmeckt. Und wenn ich jetzt gesagt hätte, ein gewöhnlicher Käse, was ist dann ein gewöhnlicher Käse? Ich hatte keine Ahnung. Das waren alles fremde Momente. Da merkst du, dass du nicht Bescheid weißt, und das verunsichert sehr.

Gab es auch Momente, in denen Sie sich diskriminiert gefühlt haben?

Ja, das hatte meist mit meiner Sprache zu tun. Ich stand einmal an der Straßenbahnhaltestelle, wollte jemanden besuchen und kannte mich dort nicht aus. Ich kam gerade von einer Lesung und hatte einen großen Blumenstrauß in der Hand. Am Anfang dachte ich immer, ich muss ganz besonders elegant aufkreuzen bei der Lesung, was ein völliger Irrtum war. Aber ich war gut angezogen und stand also mit dem Blumenstrauß herum. Noch eine Frau stand an der Haltestelle. Ich fragte sie: „Können Sie mir bitte sagen, wie ich nach Albersbösch komme?“ Sie sieht mich an – inzwischen waren noch andere Leute in der Haltestelle – und sagt: „Verstehen Sie Deutsch?“ Ich war so schockiert. Da hat sich jemand eingemischt in die Diskussion und hat zu der Frau gesagt: „Wie können Sie sich unterstehen, die Dame das zu fragen?“ – „Bei denne weiß man do nie, ob se schreibe und lese könne.“ Da war ich sprachlos. Ein andermal passierte es beim Gemüseeinkauf auf dem Markt. Ich wollte nicht den Blumenkohl, sondern einen anderen und habe vermutlich die Hand auf den Blumenkohl getan, den ich kaufen wollte. Auf jeden Fall hat mich die Verkäuferin angefahren und gesagt: „Ja! Sie kommen jeden Samstag und dann wollen sie das nicht und das nicht!“ – ich war wohlgemerkt zum ersten Mal an diesem Gemüsestand. Ich hab mich nicht gewehrt und bin völlig perplex weggegangen. Das habe ich meiner Freundin erzählt, die in Deutschland geboren war. Sie ist zu dem Stand gegangen, an dem auch sie sonst eingekauft hat, und hat der Verkäuferin gesagt: „Da haben Sie sich aber daneben benommen. Meine Freundin war zum ersten Mal bei Ihnen am Stand.“ Und die Verkäuferin entgegnete: „Ja, die sprechen alle so anders!“ Oder auf der Frankfurter Buchmesse. Da war ich mit meinem Verleger und jemand bemühte sich, sehr klar zu sprechen. Bevor ich dazu etwas bemerken konnte, sagte der Mann: „Sie sprechen so ein bisschen gebrochen Deutsch. Von wo kommt das?“ Daraufhin sagte mein Verleger: Also – sie spricht ein absolut korrektes, wunderbares Hochdeutsch. Sogar ein literarisches. Das waren für mich Momente, da habe ich mich fremd gefühlt. Wenn meine Sprache Irritationen schaffte oder angezweifelt wurde. Diese Erfahrungen haben mich aus dem Grund getroffen, weil ja die Sprache das ist, was mir so wichtig ist und was auch meinen Beruf so innig zusammenhält.

Die Rolle von Sprache erleben Sie vermutlich immer wieder in verschiedenen Kontexten.

Sprache ist etwas Essenzielles – für mich natürlich speziell – das hätte auch ein Handicap sein können bei der Auswanderung mit meiner Aussprache, die ja doch diesen siebenbürgisch-sächsischen Einschlag hatte. Aber den hatte ich teilweise auch im Rumänischen, während ich in Klausenburg studiert habe. Als ich nach Bukarest ging, waren manche leicht amüsiert über meinen rumänischen Sprachgebrauch. Aber nach 14 Jahren Bukarest und unzähligen rumänischen Büchern, die ich während des Studiums gelesen habe, hat sich das verloren. Jetzt habe ich den siebenbürgischen Akzent übrigens wieder im Rumänischen.

Sie passen sich an, je nach dem, wo Sie sind.

Es färbt ab – die Umwelt färbt ein bisschen ab.

Wie sehen Sie das Miteinander der Ethnien in Rumänien heute?

Das ist besser geworden: Früher hat es diese geschlossenen sächsischen Gemeinschaften gegeben, auch die ungarischen Gemeinschaften. Wir hatten eine Nachbarin in meinem Elternhaus, die war noch in Österreich-Ungarn geboren – und sie konnte nur Schwäbisch. Sie konnte kein Rumänisch, kein Ungarisch. Es gab vieler solcher Leute, die Sächsisch konnten, in die deutsche Schule gingen, aber nachher kaum noch privat Kontakte zu Rumänen hatten und ein bisschen eingeigelt in diesen Gesellschaften lebten. Das gab es in den Städten wahrscheinlich weniger. Im Umfeld meiner Familie hatten wir sehr viele rumänische Freunde. Ich habe das nie als etwas Besonderes empfunden, das war die Normalität. Die Minderheit, die deutsche zumindest, ist heute aufgeschlossener. Man ist ja auch angewiesen auf die Nachbarn – die anderssprachigen oder die, die eine andere Religion haben oder sonst etwas, was sich trennend auswirken könnte. Man hat jetzt viel mehr Gemeinsames, glaube ich. Ich empfinde die Entwicklung im Land als positiv.

Wie blicken Sie im Jetzt auf die Einwanderung in Deutschland und Rumänien?

Ich habe ja die Erfahrung als Angehörige einer Minderheit hier in Rumänien. Dann habe ich in Deutschland eine Doppelrolle: auf eine Art ein bisschen als Minderheit, aber andererseits auch wieder zur Mehrheit gehörig. In einer Gesellschaft, in der es immer mehr Einwanderung gibt, weil sie in der Regel notwendig ist. In Rumänien vollziehen sich ähnliche Wandlungen. Was habe ich gestaunt, als ich gesehen habe, dass ein Mann aus Nepal vor meinem Haus mäht! Oder die Müllabfuhr von Männern gemacht wird, die offensichtlich nicht hier geboren sind. In den verschiedensten Berufen gibt es inzwischen Leute, die anderswo herkommen. Kriegsbedingt und durch die politische Situation, die jetzt in der Welt ist. Es gibt vermehrt Migrationsbewegungen, Menschen, die sich retten wollen. Ich habe sehr viel Verständnis für Migranten, weil ich ja letztendlich selbst eine bin. Auch wenn ich zu einem „Mehrheitsvolk“ ausgewandert bin, dessen Kultur mir schon in Rumänien sehr vertraut war und die zu meiner Identität gehört.

Gibt es in Deutschland die Vorstellung einer „homogenen“ Gesellschaft?

Bei manchen ja, natürlich. Bei den AfDlern oder den Nazis. Die leben noch immer vor fünfzig Jahren, in der Kriegs- oder Nachkriegszeit. Aber inzwischen hat sich Deutschland sehr gewandelt. Mittlerweile kommt ein Großteil des Personals in den Krankenhäusern aus aller Herren Länder. Es gibt eigentlich keinen Menschen, der in seinem langen Leben keine Erfahrung mit Zugewanderten hat. In allen Dienstleistungsberufen ist es mittlerweile so. Auch in der Landwirtschaft: Wer erntet zum größten Teil den deutschen Spargel, die deutschen Bohnen, die deutschen Erdbeeren? Zuwanderer. Zunächst aus Rumänien und Bulgarien, aber das hat sich jetzt auch geändert. Und jetzt hat Rumänien Einwanderer in der Landwirtschaft und in ganz vielen anderen Berufen. Das ist ein Phänomen, das durch diese Wanderbewegungen, die es jetzt in der Welt gibt, verstärkt wird. Im Grunde genommen sind wir auf-einander angewiesen.

Wie sehen Sie vor diesem Hintergrund das Erstarken der AfD?

Als eine absolute Katastrophe. Ich verzweifle manchmal und denke: Lernt man nichts aus der Geschichte? Lag Deutschland nicht in Schutt und Asche, wegen radikaler, volksverhetzender Ideen? Ich habe jetzt gerade das Buch „Anonyma – eine Frau in Berlin“ gelesen: Wie die Bevölkerung unter dem Druck des Hungers anfängt, sich zu überlegen, dass da sehr vieles schief gelaufen ist mit diesen Ideen. Plötzlich wollte keiner mehr ein Hitler-Anhänger gewesen sein. Jetzt werden wieder Köpfe hochgereckt und Leute wählen diese Menschen. Ich verstehe das nicht. Es sind ja auch Menschen darunter, die das Eine sagen und selbst ganz anders leben. Sieht man den Widerspruch nicht? Wie kann ich aus Protest so einen Menschen wählen? Man muss sich dagegen wehren. Wehret den Anfängen – aber die Anfänge sind längst schon da. Das ist das Erschreckende. Die Rechtsextremen gibt es aber nicht nur in Deutschland, sondern auch hier in Rumänien.
 
In einem Ihrer Buchtitel haben Sie es angedeutet: Viele, die ihr Land verlassen, stellen sich den Ankunftsort als eine Art Paradies vor. Was bleibt von dem Paradies, das man sich vorgestellt hat, wenn man schließlich angekommen ist?

Zuerst einmal eine harte Wegstrecke. Die wenigsten kommen in ein gemachtes Nest. Es gibt keinen Gewinn ohne Verlust. Man kann nicht ein gewohntes Umfeld aufgeben, und irgendwo ankommen, ohne dass man das Gefühl der Fremdheit hat. Die wunderbare Brücke von einem Land zum anderen, das ist die Sprache. Wenn jemand die Sprache des Landes kennt, in das er einwandert, dann hat er einen Riesenvorteil! Das habe ich in allen Schulen gesagt, in denen ich gelesen habe. Ich habe den Kindern gesagt, Ihr müsst gut Deutsch lernen. Das ist der Weg in diese Gesellschaft – hier in die Mehrheitsgesellschaft. Ihr müsst nichts aufgeben. Ich sage auch immer, es ist wichtig, dass Ihr eure Muttersprache sprecht – egal, welche das ist. Es ist wichtig, dass ihr die Landessprache gut beherrscht, eure Muttersprache, eure Vatersprache und überhaupt Sprachen lernt. Und Ihr müsst die Chancen nutzen, die Ihr über die Schule bekommt. Die Schule ist ein ganz wichtiger Integrationsfaktor.

Wie gelingt Integration?

Es gibt viele Möglichkeiten der Integration. Aber man muss selbst was tun. Man kann nicht zu Hause sitzen und warten, dass die Integration einen besucht. Es gibt auch das! Aber man muss sich selbst bewegen. Man darf nicht fragen: Was haben die anderen mir gegeben, was tun die für mich? Sondern: Was tue ich für die Gemeinschaft und wie bringe ich mich ein? Darauf kommt es letztendlich an.

Im Vorwort zu einem Ihrer Bücher schreiben Sie „Ich habe das Land verlassen, aber das Land verlässt mich nicht. Es ist zur literarischen Heimat geworden für die Menschen, die in meinen Büchern leben.“ Leben auch Sie durch Ihre Figuren in Rumänien?

Ja. Ich kann nur über das schreiben, was ich wirklich kenne. Ich wollte damit etwas bewahren. Jedes Buch hatte einen speziellen Anlass – ich habe mir die Anlässe nicht ausgewählt: In „Das Paradies liegt in Amerika“ habe ich zum Beispiel über die Auswanderung aus Österreich-Ungarn im Jahr 1902 nach Youngstown in Ohio geschrieben. Der Anlass dazu war ein Brief, den eine Mutter geschrieben hat, die aus meiner Heimatstadt Heltau mit kleinen Kindern ausgewandert ist. In dem Brief schildert sie, wie ihr kleinstes Kind, ein Säugling, auf der Überfahrt stirbt. Es ist ja immer dieselbe Grunderfahrung beim Auswandern: Es gibt eine treibende Kraft, das ist die Not irgendeiner Art – ob das ein Krieg ist, eine religiöse Verfolgung, wirtschaftliche Not, ein Unglück, Flucht vor einer langen Militärzeit, es gibt unzählige Gründe, weshalb Menschen ein Land verlassen. Diese Gründe sind aber immer ähnlich. Eine Not steckt dahinter. Ich bin in dem Buch drin, weil ich die Migrationserfahrung habe. Deshalb konnte ich das Buch schreiben. Auch der fremde Blick in „Im Land der Schokolade und Bananen“ war dadurch bedingt, dass mir der erwachsene Blick auf die Gesellschaft nur aus der Perspektive des Einwanderers vertraut war.

Wie empfinden Sie den Diskurs über Menschen, die heute nach Deutschland kommen?
 
Es handelt sich meistens um Leute, die Deutschland braucht. Junge Leute, die etwas aus ihrem Leben machen wollen. Ja, es sind auch ein paar Schlawiner darunter, aber die gibt es auch unter den Einheimischen. Ich denke, wer sich auf die Reise macht und Leben und Tod riskiert, der macht es nicht leichtfertig. Diese Leute, die sich mit ihren Kinderchen auf den Weg machen – ich fühle mit ihnen. Ich habe eine Sympathiewelle für die Flüchtlinge in Hamburg erlebt. Die Einheimischen waren so tolerant, haben sich so bemüht, den Leuten zu helfen. Es gibt so viele Menschen, die großzügig sind, die wollen, dass es auch anderen gut geht. Wir sind auf diese Leute auch angewiesen. In Bad Krozingen hatte der Spargelbauer 500 Angestellte – der erste, der an Covid gestorben ist, war ein rumänischer Mann. Das geht mir heute noch unter die Haut.

In einer Kurzgeschichte, die Sie im ADZ-Jahrbuch veröffentlicht haben, schreiben Sie über eine Begebenheit im Zug in Deutschland: drei rumänische Arbeiter werden aus dem Zug gewiesen. Ist es Ihnen öfter mal passiert, dass Sie sich durch Ihre eigene Geschichte in einer Mittlerposition wiedergefunden haben?

Ja! In dieser Begebenheit, die ich dort beschreibe, war mein Alter das Problem. Ich habe einfach Angst gehabt, mich einzumischen. Diese selbstgerechten Schaffner... das waren einfache Arbeiter, die nicht verstanden haben, was sie falsch gemacht haben: dass eine Zigarette rauchen so ein großes Delikt war. In einem anderen Fall war diese Position aber auch konkret: Ich habe in Deutschland jahrelang administrativ eine rumänische junge Frau betreut, die nach einem Fahrradunfall hirngeschädigt ist und zuerst im Wachkoma lag. Die Familie konnte kein Deutsch: Ich habe den Schriftverkehr erledigt und viele Prozesse begleitet.

Zuletzt: Was kann Literatur konkret bewirken?

Einen großen Erfolg habe ich gehabt: Meine Tochter war auf dem Weg in der Bahn nach Bad Krozingen, um uns zu besuchen. Ihr gegenüber saß ein junger Mann, der schwarz war. Er schaut sie an und meine Tochter denkt sich: Der sieht mich etwas beharrlich an – komisch. Plötzlich spricht er sie an und sagt: „Fährst du nach Bad Krozingen?“ – „Ja.“ – „Heißt du Ingrid?“ – „Ja.“ – „Ist deine Mutter die Karin Gündisch?“ – „Ja.“ – „Ich bin Aved.“ Es war ihr Schulkollege. Und er sagte: „Du siehst ja jetzt deine Mutter, wenn du nach Krozingen fährst. Sag ihr bitte, dass ich damals dabei war, als sie bei uns aus ihrem Buch ‘Im Land der Schokolade und Bananen’ gelesen hat. Damals habe ich mir vorgenommen, ich werde es wie der kleine Uwe aus dem Buch schaffen in Deutschland! Und sag deiner Mutter: Ich habe es geschafft. Ich habe eine Ausbildung gemacht und arbeite heute bei einem großen Unternehmen.“ Dieser junge Mann kam damals mit seiner Mutter und zwei weiteren kleinen Geschwistern aus Eritrea. Der Vater war im Krieg verschollen. Aved hat sehr schnell Deutsch gelernt, war dann sozusagen das Familienoberhaupt und ging mit der Mutter zu allen Ämtern, um zu dolmetschen. Er wurde von allen als etwas ganz Besonderes wahrgenommen, weil er einen besonderen Charme hatte und so schnell Deutsch konnte: jeder kannte ihn. Ich habe mich wahnsinnig gefreut über diese Geschichte, die meine Tochter mir nach Hause gebracht hat. Die Aussage dieses jungen Mannes war mein größter Erfolg. Literatur kann nicht so viel bewirken und trotzdem kann sie etwas bewirken: sie kann Menschen verändern.