Mehr als ein Name auf einem Straßenschild

Nationalnarrative und die Geschichte im öffentlichen Raum

Für viele Menschen sind die filmischen Bilder von Regisseur Sergiu Nicolaescu die primäre Quelle historischer Vorstellungskraft, was die kritische Auseinandersetzung mit komplexen historischen Figuren erschwert. Foto: Cristianradunema, CC BY-SA 3.0, Wikimedia

Nur ein Name auf einem Straßenschild oder eine Geschichtsdeutung? Foto: Roger Pârvu

Während Antonescus Amtszeit fielen rund 300.000 Juden dem Holocaust zum Opfer und rund 25.000 Roma wurden deportiert. Das kommunistische Regime hat dies systematisch aus dem öffentlichen Gedächtnis verdrängt. Foto: Wikimedia Commons

Die Geschichte eines Ortes lässt sich oft an seinen Straßennamen und an den Gestalten, die im öffentlichen Raum erinnert werden, ablesen. Doch in einem Land, das ein gespaltenes Verhältnis zu seiner jüngsten Vergangenheit hat, wird diese scheinbar einfache Lesbarkeit kompliziert.

Straßenschilder, Namen öffentlicher Einrichtungen und Statuen verweisen manchmal auf historische Figuren, deren Wirken kritisch hinterfragt werden müsste. Wo Erinnerung selektiv ist und historische Verantwortung umstritten bleibt, werden diese Zeichen des Alltags zu Indikatoren dafür, wie schwer sich eine Gesellschaft mit der Aufarbeitung ihrer eigenen Geschichte tut. 

Die jüngste Debatte um die Umbenennung der Vasile-Milea-Straße in Hermannstadt/Sibiu kann als ein Brennglas für die ungelösten Konflikte der rumänischen Erinnerungskultur betrachtet werden. Was als kommunaler Verwaltungsakt begann, wurde rasch zu einer Auseinandersetzung – die hauptsächlich im Online-Raum ausgetragen wurde – darüber, wie Rumänien mit seiner Vergangenheit umgeht und welche Rolle öffentliche Räume in diesem Prozess spielen. 

Am 27. August 2026 lehnte der Stadtrat die Initiative ab, die Straße nach Königin Maria zu benennen.

Die Abstimmung fiel mit drei Stimmen dafür, vier dagegen und sechzehn Enthaltungen – die durch mangelnde technisch-administrative Vorbereitung der Initiative begründet wurden – aus. Die Initiatorin, Stadträtin Diana Mureșan, argumentierte, es sei unangemessen, eine zentrale Verkehrsader nach einem General zu benennen, dessen Rolle in den letzten Tagen des Ceaușescu-Regimes von Historikern kritisch bewertet wird. General Vasile Milea war Verteidigungsminister des kommunistischen Staates und wird in mehreren historischen Analysen mit der militärischen Repression in Temeswar und Bukarest in Verbindung gebracht. Zugleich bleibt die Bewertung seiner persönlichen Verantwortung komplex, da Milea am 22. Dezember starb und die genauen Umstände seines Todes bis heute Gegenstand unterschiedlicher Interpretationen sind. 

Milea – Pahonțu – Nicolaescu 

Die Debatte um Milea fiel in eine Phase, in der die rumänische Öffentlichkeit erneut über die Rolle ehemaliger Angehöriger der Securitate diskutierte. Auslöser war eine Reihe investigativer Berichte über Lucian Pahonțu, den langjährigen Leiter des Schutz- und Sicherheitsdienstes SPP. Mehrere journalistische Quellen dokumentieren, dass Pahon]u zwischen 1987 und 1990 Offizier der Truppen der Securitate war, einer militärischen Struktur, die dem Departement der Staatssicherheit unterstand. In diesen Berichten wird ihm eine Beteiligung an Einsätzen während der Revolution zugeschrieben, darunter an der Intercontinental-Barrikade in Bukarest, wo zahlreiche Menschen getötet oder verletzt wurden. Ebenso wird seine Präsenz während der Mineriade im Juni 1990 erwähnt, als Demonstranten in der Pia]a Universității angegriffen wurden. Pahonțu selbst bestreitet diese Vorwürfe und bezeichnet seine damalige Tätigkeit als „logistisch“ und nicht repressiv. Die Diskussion zeigt exemplarisch, wie schwierig es für die rumänische Gesellschaft bleibt, personelle Kontinuitäten zwischen kommunistischer Repression und postkommunistischer Staatlichkeit offen zu thematisieren. 

Die Schwierigkeiten der historischen Aufarbeitung sind jedoch nicht nur politischer Natur, sondern kulturell tief verankert. Ein Name steht dafür wie kaum ein anderer: Sergiu Nicolaescu. Der Regisseur prägte mit seinen Filmen über Jahrzehnte das nationale Selbstbild. Die Forschung ordnet diese Werke klar in den Kontext der nationalkommunistischen Geschichtspolitik ein. Sie zeigen heroische Schlachten, überhöhte historische Figuren und eine Vergangenheit, die hauptsächlich auf ideologischer Zielsetzung beruht. Nicolaescus Filme verstärkten protochronistische Narrative, die Rumänien als Ursprung europäischer Kultur und seine Geschichte als einzigartig heroisch darstellen. Diese kulturelle Prägung wirkt bis heute nach: Für viele Menschen sind die filmischen Bilder Nicolaescus die primäre Quelle historischer Vorstellungskraft, was die kritische Auseinandersetzung mit komplexen historischen Figuren erschwert. Die kommunistische Propaganda Rumäniens war umfassend und systematisch. Sie formte über Jahrzehnte ein Geschichtsbild, das Loyalität gegenüber dem Staat, heroische Vergangenheit und nationale Überlegenheit betonte. Daher ist auch zu verstehen, dass auch nach der Wende Figuren wie Milea in offiziellen Darstellungen als pflichtbewusste Militärs präsentiert wurden und nicht als Teil eines repressiven Systems. Diese jahrzehntelange Indoktrination hat Spuren hinterlassen und erklärt, warum viele Bürger die Umbenennung einer Straße als Angriff auf „die nationale Geschichte“ empfinden, selbst wenn die historische Forschung längst ein differenzierteres Bild zeichnet. 

Forschung versus öffentlicher Wahrnehmung

Die gescheiterte Umbenennung des Milea-Bulevards, jenseits der damit verbundenen administrativen Problematik, kann als ein Symptom eines tieferen Problems verstanden werden: Die rumänische Erinnerungskultur ist stark von nationalistischen Narrativen geprägt, die historische Ambivalenzen nicht tolerieren. Straßennamen, Denkmäler und Gedenkorte werden zu symbolischen Schlachtfeldern, auf denen Identität verhandelt wird. Die Debatte um Milea zeigt, dass die Vergangenheit nicht als Forschungsgegenstand betrachtet wird, sondern als identitäres Territorium, dessen Veränderung als Bedrohung empfunden wird. Nationalistische Narrative wirken stärker als archivgestützte historische Erkenntnisse. 

Die Forschung zur rumänischen Vergangenheit hat sich seit den 1990er-Jahren erheblich differenziert, doch ein zentrales Problem bleibt die Kluft zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und öffentlicher Wahrnehmung. Studien zeigen, dass die Ergebnisse der historischen Forschung nur in begrenztem Maße in die breite Bevölkerung gelangen. Die Gründe dafür sind vielfältig und strukturell tief verankert.

Zum einen weist die Historiografie selbst auf jahrzehntelange Verzerrungen und Auslassungen hin, die das kommunistische Regime hinterlassen hat. Ganze Themenfelder – wie etwa der Holocaust in Rumänien – wurden über Generationen systematisch aus dem öffentlichen Gedächtnis verdrängt. Diese selektive Erinnerung wirkt bis heute nach und erschwert die Aufnahme neuer Forschungsergebnisse, die bestehende Narrative infrage stellen. Historiker betonen, dass es in Rumänien nach 1989 an umfassenden, allgemein zugänglichen Synthesen der eigenen historiographischen Entwicklung mangelte. Zwar existieren bedeutende Einzelstudien, doch eine breite, leicht rezipierbare Gesamtdarstellung fehlt, was dazu führt, dass Forschungsergebnisse oft im akademischen Raum verbleiben und nicht in das kollektive Bewusstsein einsickern. Studien zur kommunistischen Bildungs- und Propagandapolitik zeigen, dass die Bevölkerung über Jahrzehnte hinweg systematisch ideologisch geprägt wurde. Die kommunistische Schule vermittelte ein vereinfachtes, ideologisch gefiltertes Geschichtsbild, das alternative Perspektiven ausschloss und kritische historische Reflexion erschwerte. Diese langfristige Wirkung erklärt, warum wissenschaftliche Erkenntnisse, die komplexe oder ambivalente historische Zusammenhänge darstellen, häufig auf Skepsis oder Ablehnung stoßen. Zu-gleich zeigt die Forschung zur Erinnerungskultur, dass Rumänien bis heute mit selektiver Erinnerung ringt. Die Auseinandersetzung mit den beiden Diktaturen des 20. Jahrhunderts – der faschistischen und der kommunistischen – ist von Ambivalenzen, Verzögerungen und politischen Konflikten geprägt. Die wissenschaftliche Literatur zeigt, dass die geringe Verbreitung historischer Forschungsergebnisse in der rumänischen Gesellschaft nicht auf mangelnde Forschung zurückzuführen ist, sondern auf strukturelle, kulturelle und historische Faktoren, die den Transfer von akademischem Wissen in die öffentliche Erinnerungskultur erschweren. Die Kluft zwischen Forschung und Öffentlichkeit ist damit selbst ein historisches Produkt – entstanden aus selektiver Erinnerung, ideologischer Prägung und fehlenden Vermittlungsstrukturen.

Welche Vergangenheit?

Zugleich zeigt die Diskussion, wie stark die rumänische Gesellschaft noch immer mit der Frage ringt, welche Vergangenheit sie als legitim betrachtet. Während einige Akteure eine europäisch orientierte Erinnerungskultur fordern, die auf kritischer Analyse und historischer Verantwortung beruht, halten andere an einem Geschichtsbild fest, das durch Jahrzehnte kommunistischer Propaganda und populäre Kultur geprägt wurde. Dadurch wird die Frage, wie eine Gesellschaft ihre öffentlichen Räume gestaltet, zur Frage nach ihrer demokratischen Reife. Die rumänische Gesellschaft ringt weiterhin mit der Aufarbeitung der jüngeren Vergangenheit, wobei historische Verantwortung mit emotionalen Loyalitäten konkurriert und öffentliche Räume bleiben Orte, an denen sich die Konflikte der Erinnerungspolitik verdichten. 

Die Debatte um Milea – diesmal auf lokaler Ebene ausgetragen –,  die Kontroversen um Pahonțu und die kulturelle Prägung durch Gestalten wie Nicolaescu sind keine isolierten Phänomene, sondern Ausdruck eines Landes, das zwischen Vergangenheit und Zukunft steht und dessen öffentlicher Raum zum Spiegel seiner ungelösten Geschichte geworden ist. Solange öffentliche Räume als Orte verstanden werden, an denen nationale Identität verteidigt werden muss, bleibt die kritische Neubewertung historischer Figuren schwierig. Doch gerade diese Neubewertung wäre notwendig, um eine Erinnerungskultur zu entwickeln, die nicht auf Mythen, sondern auf historischer Verantwortung beruht.